A-Männer / B-Männer

Action-Teaching in der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg, 1966.

Als Film dokumentiert für NDR-Fernsehen, Redaktion Kulturspiegel.

Alle Teilnehmer des Action-Teaching wurden durch ein lebensgroßes Foto repräsentiert; für die Aufnahme galt die Anweisung: „Stelle Dich so dar, wie Du von anderen gesehen werden möchtest!“ Jeder Teilnehmer verdoppelte sich also, so daß neben dem realen Selbst (A-Mann) ein ideales Selbst (B-Mann) für die Aktionen zur verfügung stand (Bild 1).

Erstes ziel des Action-Teaching war, mit dem eigenen B-Mann reale Alltagssituationen (z.B. die U-Bahn-Fahrt, den Arztbesuch) zu durchlaufen und dabei zu beobachten, wieweit man durch die Situationen und die in ihnen erwarteten Selbstdarstellungen dazu gezwungen wird, von dem im B-Mann-Bild repräsentierten Idealselbst abzuweichen (Bild 2). Die im Bildvordergrund durch einen Behördengang gehende Teilnehmerin A begegnet ihrem Ideal-Ich B. In der Konfrontation von A und B kann eine Anpassung und Rückorientierung am Ideal-Ich erfolgen.

Bild 3 zeigt die Verschmelzung von Real- und Ideal-Ich zum Typus der Berufsrolle (hier Koch): die B-Mann-Figur erhält Attribute (Mütze, Wischtuch) eines normierten Idealselbst, wie es der Beruf verlangt.

Bild 4 zeigt, daß man nicht nur am eigenen Ideal-Ich orientiert ist, sondern auch am Idealbild der anderen. Zwei Kursteilnehmer spielen eine eheliche Bettszene, in der unter dem sich seitwärts abrollenden Gatten das Idealbild jenes Mannes erscheint, auf das die Frau sich in ihrer Vorstellung, durch ihren Mann hindurch, während der Liebesszene offensichtlich bezogen hat.

Bild 5: In einem Fresco an der Wand des Veranstaltungsraumes hat ein Künstler verschiedene historische Ideal-Ichs zu einer Gruppe Handelnder zusammengestellt. Die Teilnehmer üben sich durch Nachahmen in der Übernahme dieser fremderzeugten Ideal-Ichs.

Bild 6: Die einzelnen Teilnehmer erfinden und manifestieren Situationen, in denen man sich allgemein gern auf sein Ideal-Ich beruft, um anderen ein ‚gutes Bild‘ von sich zu bieten und sie damit zu überzeugen. Jemand präsentiert z.B. sein Ideal-Ich seinen B-Mann, vor einem Rednerpult. Was der von sich zu geben im Begriff ist, flüstert im (s)ein A-Mann ein. (In diesem Falle wird einem studentischen Ideal-Ich die Rede von dem Dozenten Brock eingeflüstert.) Überzeugungsabsichten, die nur von einem Ideal-Ich vertreten werden, enthüllen sich als Versuche, die Sprecherposition als Gewaltverhältnis auszunutzen (vergegenständlicht durch das Gewehr überm Katheder).

Nach Durchlaufen einer Vielzahl anderer Positionen dieses dreitägigen ActionTeachings begraben die Teilnehmer ihre Ideal-Ichs (die B-Männer) in einem Massengrab. Dieses Opfer der Ideal-Ichs ist die Voraussetzung dafür, ein neues Ideal-Ich aufzubauen, mit dem man hoffentlich bei erneutem Durchlaufen der alltäglichen Lebensräume besser zurechtkommt (Bild 7).

Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann
Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann
Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste, Hamburg 1966. Foto © Anke Grundmann
Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann
Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann
Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann
Action-Teaching "A-Männer, B-Männer" • Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann

Weitere Bilder: Counter-Striptease

Counter-Striptease (Mette O. zieht soviele Kleidungsstücke übereinander wie Gerda P. auszieht.)  • Action-Teaching "A-Männer, B-Männer", Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1966 © Anke Grundmann