Documenta-Besucherschulen

Die Besucherschule hat - so verstehe ich meine Aufgabe - mehr zu leisten als die ortsüblichen Ausstellungsführungen, die richtigerweise nur Daten und andere Informationen über die vielfältigsten Objekte der Ausstellung geben können. Die Besucherschule hat dem Publikum einen Vorschlag zu demonstrieren, wie man denn die Vielzahl der Objekte einer Ausstellung unter einem einheitlichen Gesichtspunkt, in einem Aussagenzusammenhang sehen und aneignen kann. Ja, die Voraussetzung für jegliche Aneignung ist geradezu, daß es möglich wird, einen Aussagenzusammenhang zu bilden. Man könnte auch sagen, daß Aneignung dann gelungen ist, wenn dem Besucher ein solcher Aussagenzusammenhang über die Vielzahl der Objekte gelingt. Wir wissen doch inzwischen, daß die Vorgänge der Produktion und Rezeption ihrem Wesen nach gleich sind: sie sind beide Produktionen, tätige Hervorbringungen. Nur in Umfang und Verwendungszweck unterscheiden sich die tätigen Hervorbringungen von Rezipienten und Produzenten.
Die starre Erwartungshaltung des Publikums gegenüber den Ausstellungsereignissen führen dazu, daß das Publikum glaubt, mit dem fordernden Ruf "Herr Künstler, bitte Bedienung" schon seine Schuldigkeit getan zu haben. Mit einer solchen Haltung kann einem Aneignung nicht gelingen.
Die Besucherschule demonstriert also, wie jemand - am besten der Veranstalter der Besucherschule - exemplarisch die Hervorbringung eines Aussagenzusammenhangs leistet und damit auch demonstriert, daß Aneignung gelingen kann.
Auf solches beispielhaftes Vorführen hat sich die Besucherschule zu beschränken.

(Aus: Kunst und Medien - Materialien zur documenta 6, hrsg. von Horst Wackerbarth, 1977, S. 132)

Man sollte zwei Documentas veranstalten

Was für andere gesellschaftliche Kontexte galt, das musste natürlich erst recht für die Kunst gelten. Das heißt, nicht nur Künstler, sondern auch das Publikum sollte ausgebildet werden. [...]
Doch wie immer, das eine ist das Programm, das andere seine Umsetzung. Die Besucherschulen konnten auf der Documenta nur in einer reduzierten, wenig kostenintensiven Version durchgeführt werden, denn keiner der Verantwortlichen war mit meiner Idee einverstanden, zur Professionalisierung der Betrachter zwei Documentas zu veranstalten. Eine Documenta auf der die neueste und wichtigste Kunst präsentiert wird und eine zweite, die zeigte, was nicht gezeigt wurde. Im Sinne der Professionalisierung ist es nämlich notwendig, dass der Betrachter weiß, was der Kurator zeigt. Das kann er aber nur dann wissen, wenn er Kenntnis davon hat, was der Kurator nicht zeigt. Man muss also das Publikum befähigen, das Gezeigte zu bewerten, indem man es auch das Nicht-Gezeigte kennen lernen lässt.

(Aus: Beispielgeber im Beispiellosen. In: Kunstforum International, Bd. 181, 2006)

Documenta 5, Kassel 1972

Zur Frage nach dem Wirklichkeitsanspruch der Bilder

Besucherschule in Form eines Audiovisuellen Vorworts

Documenta 6, Kassel 1977

Die Bedeutung steckt nicht in den Dingen wie der Keks in der Schachtel. Bedeutung entsteht durch Unterscheiden.

Documenta 7, Kassel 1982

 Die Häßlichkeit des Schönen