Brocks folgenreichste Vorgabe für den Begriff der Ästhetik

Die neurophysiologische Begründung

Angestoßen durch die Eccles/Popper-Debatte von 1975 über die Frage, ob Geist unverkörpert postuliert werden kann, definierte Brock als ästhetische Differenz das Verhältnis von intrapsychischen Prozessen (Denken, Fühlen, Vorstellen, Wollen) und deren sprachlicher Vergegenständlichung in Wort- und Bildsprachen. Das herkömmliche Verständnis der Ästhetik als Lehre vom Schönen in der sinnlichen Wahrnehmung wurde damit zu einem Spezialfall der Relation von Bewußtsein und Sprache. Bekanntlich läßt sich aber durch Lügen eine willkürliche Koppelung von Bewußtsein und Sprache erzeugen – dies definiert Brock als ethische Differenz. 

Da die Natur selbst ein und derselben Erscheinung ganz unterschiedliche Wesensmerkmale zuordnet (z.B. im Mimikry), wird den Gestaltwahrnehmenden die Wahrheitsfrage (essbar/giftig) aufgenötigt: In jedem kommunikativen Akt müssen wir uns also von der Natur der unseres Weltbildapparates (vulgo Gehirn) aus zugleich auf die ästhetische, ethische und epistemologische Differenz einstellen. Da wir immer aus der Differenz von Bewußtsein und sprachlicher Vergegenständlichung zu kommunizieren haben, brauchen wir kein normatives System des Wahren, Guten und Schönen (daher Brocks Nichtnormative Ästhetik), sondern eine Heuristik des Wahrscheinlichen, Billigen und Angemessenen.

Durch den Rückbegriff auf diese Relationsbegriffe wird auch das Vorgehen der Kulturhistoriographen an die Brocksche Ästhetik anschlussfähig, wie das Heiner Mühlmann in seiner Schrift „Kunst und Krieg – Über Bazon Brock“ demonstrierte.

Aspen/Colorado USA 1996