Evidenzkritik

Faken – Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit

Werbung für Produkte, Propaganda für Parteien oder Missionierung für Kirchen zielen darauf ab, dem Adressaten eine eigene Augenscheinbestätigung für eine Behauptung nahezulegen. Seit sechshundert Jahren sind die bildenden Künstler darauf spezialisiert, den Augenschein zu problematisieren, also behauptete Evidenz zu kritisieren – aber nicht nach dem Muster der religiösen Bilderverbote, sondern als Darstellung des Undarstellbaren, also als Bilder des Bilderverbots. Nichtnormative Ästhetik der Fakes: Sie sind Artefakte, die bewußt signalisieren, daß sie häßlich, fragmentarisch, beliebig sind und sich denknotwendig an den Begriffen Schönheit, Wahrheit und Gutheit orientieren.

Nur das erkannte Falsche ist als solches noch wahr!

Wenn ein Gemälde gelungen gefaket ist, dann handelt es sich um eine auf allen qualitativen Niveaus der Darstellung überzeugende Leistung, durch die die Frage nach der Ununterscheidbarkeit von Falschheit und Echtheit unabweislich wird. Wie ließe sich ein Unterschied zwischen einem fünfhundert Jahre alten und einem nur fünfzehn Jahre alten Bild behaupten, wenn dieser nicht feststellbar ist? Die Fälschungsproblematik sollte mittlerweile für so grundlegend gehalten werden, daß man erfolgreiche, weil nur durch Selbstanzeige entdeckte Fälscher nicht mehr ins Gefängnis steckt, sondern auf Philosophielehrstühlen beruft.

(Lustmarsch durchs Theoriegelände, Kap. "Faken – Erkenntnisstiftung durch wahre Falschheit", S. 210 & 214)

Um mehr zu sein, als man scheint, muß man mehr scheinen. • Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände - Musealisiert Euch!", ZKM Karlsruhe 2006; Lustmarsch, II.7, S. 226 (ähnliches Bild) © Jürg Steiner