Kiesstrasse zwanzig Uhr

Huss'sche Universitätsbuchhandlung 1983-1993. Eine Anthologie

Kiesstrasse zwanzig Uhr | Hrsg. von Jürgen Lentes. Frankfurt a. M.: Huss, 1993.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 29

Tätertypen der Postmoderne

Trainer – Therapeuten – Moderatoren als zeitgenössische Intellektuelle

Als ich 1959 die Position eines Ersten Dramaturgen im Stadttheater Luzern übernahm, schenkte mir Frau Huss einen kleinen Band im Format und in der Ausstattung der Inselbücher, der allerdings 1940 im Vita Nova Verlag Luzern herausgekommen war: José Bergamin EWIGES SPANIEN - Don Tancredo - Don Quijote mit einem Vorwort von Paul L. Landsberg. Frau Huss merkte an, ich solle mal darüber nachdenken, welche Rolle dieser Verlag in den 30er Jahren für die exilierten Intellektuellen gespielt habe und was uns gegenwärtig jucke, als Intellektuelle überhaupt noch eine Rolle spielen zu wollen. Mit dem nachfolgenden Text aus dem Jahre 1992, drei Jahre nach ihrem Tod, versuche ich, die damalige Frage meiner Freundin mit Verweis auf José Bergamin zu beantworten.

Wenn Repräsentanten eines Modernismus kritisch/ironisch, aber ganz und gar redlich, dargestellt und analysiert werden, fällt den Kritikern - also auch mir - als Bezugsgröße die Gründergestalt aller modernen Täter ein, von der man nicht weiß, ob sie als Karikatur aus radikalem Zweifel oder als Witzgestalt bodenloser Anmaßung konzipiert wurde: Don Quijote, der arme Ritter, der Heilssucher und Weltenretter, der Intellektuelle und die komische Figur, der tatendürstende Unternehmer und ewige Nomade, der sonderbare Bildungszögling und die verirrte Seele. Denn gegen alle verbreiteten Selbststilisierungen der Modernitätsgenossen, sie seien bloß nüchterne Kalkulatoren ihres privaten Glücks, die alle religiösen Bindungen und ideologischen Bekenntnisse weit hinter sich gelassen hätten (im finsteren Mittelalter sozusagen), kennzeichnen die Tätertypen unserer Moderne eben jene Züge, die Don Quijote am Ende des 16. Jahrhunderts von Cervantes verliehen bekam und die zur gleichen Zeit auch Shakespeare einer ganzen Reihe seiner großen Charaktere mitgab.

Wie diese sind auch die Erfinder, Techniker, Welteroberer, Machtspieler unseres angeblich so rationalen Jahrhunderts Heilssucher und Weltenretter, zweifelhafte Figuren mit unwahrscheinlichen Macken und phantastischen Visionen; sie sind als Künstler und Künder wie damals Kämpfer gegen die Windmühlen des Fundamentalismus in allen Sphären des Alltagslebens, denen die abendnahe Bequemlichkeit nur von Geistersehern zurückerobert werden kann (Mickimaus, Mainzelmännchen, Meister Propper, der Gilb).
Am Anfang der Neuzeit, als das neue Denken, Planen, Kalkulieren und Kultivieren sich von Italien über den Kontinent verbreitete und vor 500 Jahren den dramatischen Sprung in die Neue Welt der beiden Amerika wagte, entstand in Don Quijote eine Leitfigur des modernen Menschen, die alles menschliche Handeln von seinen Extremen aus beurteilte: Triumph und Niederlage, Gut und Böse, Größe und Lächerlichkeit, hoher Mut und tierischer Stumpfsinn. Diese Relativierung des Urteils ging verloren, als im Laufe des 19. Jahrhunderts in Folge fortschreitender Indienstnahme von Geist durch die lndustrie der Gewinn der einen (Unternehmer Don Quijote) zum Verlust der anderen (Proletarier Sancho Pansa) wurde. Die Knechte ohne Herren, die Sanchos ohne Don Quijote, formierten sich zu neuen Tätertypen, die nur noch das Scheitern, den Verlust, die Entsagung berufsmäßig auslebten: Journalisten, Parlamentarier, Intellektuelle und l'art pour l'art-Künstler. Während der Ersten Industrialisierung wurde die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, von Gut und Böse, von Gewinn und Verlust durch die Rhetorik des Fortschritts ersetzt, die im pathetischen j'accuse die Abspaltung des Gedankens von der Tat, des Plans von der Ausführung und des Ideals von der Wirklichkeit beklagte; im Grunde hatte damals jede parlamentarische Debatte nur dieses eine Thema.

Auch Literaten, Musiker und Künstler suchten nach einer zeitgemäßen Reformierung von Cervantes' kulturgeschichtlichem Zwilling. Aber weder Faust und Mephisto noch Wotan und Siegfried oder Vincent und Theo waren geeignet, die neue Situation symbolisch zu repräsentieren. Das gelang vielmehr einer bisher leider viel zu wenig gewürdigten Wiedergeburt Don Quijotes, die um die Jahrhundertwende den neuen Tätertyp präzise und erbarmungslos vorführte: Don Tancredo. Dieser Verehrer von Cervantes und Deuter des spanischen Stierkampfes als Mysterienspiel der Intellektuellen, stellte sich am 1. Januar 1901 als heroische Statue auf einen schön gestalteten Sockel inmitten einer Madrider Stierkampfarena. Dieses lebende Kultbild im Zentrum eines Massenspektakels sollte den Kampf zwischen Macht und Geist, Natur und Kultur in "radikaler Modernität" versinnbildlichen unter der Annahme, daß zwischen dem normalen Stierkampf und seiner Simulation, zwischen symbolhafter Repräsentanz und realem Verlauf kein Unterschied mehr bestünde. Don Tancredo unternahm den vielleicht begeisternden aber kindlichen Versuch, "den Stier nicht bei den Hörnern zu packen", sondern ihn zu hypnotisieren, zu lähmen, ja wegzuzaubern. Er vertraute auf die symbolische Größe als kulturelles Leitbild; er vertraute der Geisteskraft und ihrem spielerischen Ausdruck, nicht dem Degen, nicht der tödlichen Waffe. Warum verfielen alle Intellektuellen Europas in den vergangenen 100 Jahren diesem Typus des Tancredismus? Waren sie unfähig oder zu feige, selber nach den Regeln Pepe Illos den blutigen Kampf um die Macht aufzunehmen? Hat man sie mit ihrer leibarmen, leptosomen und sklerotischen Gestalt des Fragezeichens gar nicht erst als Toreros zugelassen? Haben sie ihr Bodybuilding nach falschem Vorbild betrieben, dem des Don Quijote? Oder ahmten sie nur jenen Don Tancredo Lopes nach, der glaubte, durch Nichtstun mit lässig gekreuzten Armen den höchsten Genuß der Anerkennung erreichen zu können: wie die Aristokraten, die im anstrengungslosen Dahinleben die Erfüllung ihrer sozialen Pflichten sahen? Waren die Intellektuellen nur kleinbürgerliche Gauner, die hofften, durch Imitationen der wirklichen Herren selber zu Herren werden zu können? Wie ging die Sache aus? Der Stier stieß Don Tancredo natürlich bedenkenlos in den Staub; der Tod läßt sich nicht durch eherne Denkmäler der Kultur von seinem Wirken abhalten. Die Suggestion der Kunst wirkt nur auf die Künstler selber.

Die Intellektuellen als Künstler und Wissenschaftler sind Selbsthypnotiseure von manischem Geist im Glauben an ihre eigenen magischen Kräfte, sagt Peter Sloterdijk. Aber sie haben gegenüber den psychischen Gurukratoren einige wichtige Eigenschaften - die Eigenschaften Don Tancredos fügen wir hinzu. Sie scheuen die Lächerlichkeit nicht im Scheitern ihrer Autohypnose, ja, sie legen es wie Don Tancredo darauf an, das Scheitern als Beweis ihres großen Anspruchs herauszufordern. Sie genießen als (zynische) Beobachter ihrer tragikomischen Vorführungen das Pfeifkonzert der Zuschauer; diese Ablehnung ist ihnen der Beweis für die Ahnungslosigkeit der Massen gegenüber dem Schicksal, dem Geist und den großen Gedanken. Der tancredische Intellektuelle führt alle Beweise ex negativo; im triumphalen Scheitern rettet er die Größe seiner Konzepte und Ideale vor der Konfrontation mit der Wirklichkeit. So rechtfertigt er gerade jetzt wieder im realen Scheitern des Ostblocks die Reinheit und Unwiderlegbarkeit des Sozialismus. Die Intellektuellen behaupten in dieser Rechtfertigung ihre Position, weil sie wissen, daß das Scheitern des Ostblocks auch den Ruin der westlichen Welt nach sich ziehen wird. Das Faszinierende an der intellektuellen Selbsthypnose sehen sie in der Tatsache, daß das konkrete Leben auf alle Ewigkeit jämmerlich genug bleiben wird, um das Bedürfnis nach prophetischen Botschaften zu wecken.

Also: Die Intellektuellen erhielten ihre dubiose Rolle, indem sie das Scheitern als Beweis für die Großartigkeit philosophischer, künstlerischer und gesellschaftlicher Utopien begründeten. Dagegen anerkennen die Tätertypen der realen Macht, die Garanten des normalen Lebens, nur das Gelingen als Beweis für die Richtigkeit ihres Tuns.

Wie aber kommt es dann zu der Verschwisterung von Herrschern und Intellektuellen, von realer Macht und intellektueller Spekulation, von König und Hofnarr, von Ministerpräsidenten und Essayisten auch noch in unserem Jahrhundert? Weil auch die mächtigsten Könige, Konzernherrn, Regierungschefs und Parteifunktionäre mit dem Scheitern immer rechnen müssen.
Würde man solche Ohnmacht der Macht als Herrscher aber selbst vertreten, so fände man beim Volke kein Vertrauen mehr, weil das Volk nur demjenigen die Macht zugesteht, der unerschütterlich behauptet, die Macht zu benötigen, um nicht zu scheitern. Macht ist nur als Macht des Gelingens gerechtfertigt, als Gelingen der sozialen Ordnung, als Verbesserung des alltäglichen Lebens, als Sicherheit des Glaubens. Je größer aber die Selbstgewißheit der Macht, desto wahrscheinlicher ihr Scheitern. Je mächtiger die Herrschaft, desto mehr ist sie auf die Kooperation mit den Propheten des Scheiterns angewiesen.
Im Umkehrschluß dürfen wir sagen, daß zum Beispiel im Westdeutschland der Nachkriegszeit die Intellektuellen keine Rolle spielten, weil die Macht der Kanzler und der Regierungen, der Gewerkschaften und der Kirchen relativ gering war.

Es war bisher schwer, diese merkwürdigen Verhältnisse von Macht und Intellektualität zu verstehen. Der Tancredismus bietet eine Erklärung, die wir gegenwärtig um so mehr benötigen, als die Mächtigen sich selbst zu intellektuellen Kulturträgern stilisieren.
Sie legen sich ein neues Image zu, weil zu offensichtlich wurde, daß keine Macht der Welt ausreicht, jene Probleme gelingend zu bearbeiten, denen wir weltweit ausgesetzt sind. Ökologische Zerstörung, Völkerwanderung der Wirtschaftsflüchtlinge und permanente Bürgerkriege in der überbevölkerten Welt können nicht mehr durch konzentrierte Macht gelöst werden; andererseits wird die Behauptung der Intellektuellen, daß die Welt zum Scheitern verurteilt sei, bedeutungslos, wenn sie zugleich besagt, daß niemand übrigbleibt, der in diesem Scheitern die Größe von Menschheitsideen bewiesen sehen könnte. In dieser Einsicht hat sich die Rolle der Intellektuellen erübrigt. Es haben sich neue Tätertypen herausgebildet, die man Postmodernisten nennt. Als Manager realer Macht sind sie Medienregisseure, Trainer, Therapeuten und Funktionäre. Als Vertreter der ehemaligen intellektuellen Rolle sind sie Katastrophiker, Fundamentalisten, passive Nihilisten und Designdekorateure.
Was anderes inszenieren die Regisseure heute als spektakuläre Katastrophen, denen beizuwohnen das Publikum für Unterhaltung halten soll? Was tun die Trainer anderes als ihre Klientel im fundamentalistischen Terror auszubilden, also Täter heranzubilden, die ohne den leisesten Selbstzweifel mit gewollter Blindheit und Rücksichtslosigkeit auch gegen sich selbst, Hirngespinsten folgen, die vom Olympiasieg über den Aufbau des größten Konzerns bis zur Glückseligkeit des Selbstopfers reichen (Multikultur und Weltgesellschaft)? Niemand anders als passive Nihilisten bezahlen die Therapeuten, damit sie ihnen zur Selbstverwirklichung in der bodenlosen Existenz verhelfen. Was anderes verwalten die Funktionäre als pausenlose Umdekoration der Institutionen, der Städte, der Wohnungen und Körper, damit den Hedonisten, den Glückssüchtigen nicht langweilig wird?
Wie weitgehend sich diese Tätertypen der Postmoderne bereits als Nachfolger der Diktatoren und Intellektuellen früherer Zeiten etabliert haben, bestätigen die Erlebnisraumgestalter großer Tourismusorganisationen: dort kann man KZ-Aufenthalte, Hungerfolter, Brutalo-Ranküne als Schlankheitskur, Fitnesstraining und Abenteuersimulation genießen.
Können wir uns vor solchen Verirrungen noch bewahren, indem wir uns auf Kritik, Moral und Gedächtnis berufen, auf das Wahre, das Gute, das Schöne? Für die längst etablierte Elite von Regisseuren, Trainern, Therapeuten und Funktionären wurde die Kritik nur noch zu einer Frage, ob andere die Spielregeln einhalten, die diese Mächtigen produzieren. Sie kritisieren nicht ihre eigenen Offenbarungen, sondern nur noch den mangelnden Glauben des Volkes an diese Offenbarungen. Sie frönen einer Poesie der Unerheblichkeit und kritisieren bestenfalls Miesmacher, die keinen Spaß verstehen. Sie geben Antworten auf Fragen, die sie selber stellen und kritisieren alle, die Fragen formulieren, auf die die Regisseure, Therapeuten etc. keine Antwort wissen.
Gegen moralische Einwände sind sie völlig gewappnet. Sie halten für gut, was populistische Zustimmung erfährt. Sie haben Ad-hoc-Ethiken, die wie die Moden gewechselt werden. Diesen Wechsel begründen sie mit der philosophischen Orthodoxie, derzufolge nur eines sicher ist, nämlich der ewige und unaufhaltsame Wechsel aller Verhältnisse. Moralverstöße betrachten sie als besondere intellektuelle Leistung, geradezu als Zeichen der Professionalität; wer dabei erwischt wird, hat nichts Schlimmeres zu erwarten als ein Spieler, der ein Foul begeht und für kurze Zeit auf die Strafbank gesetzt wird, um beim nächsten Spiel seine Fouls eben intelligenter zu begehen. Der Schönheit, dem Formgedächtnis unserer Geschichte, huldigen Katastrophiker, Fundamentalisten, Hedonisten und Nihilisten mit Lobgesängen auf die Trivialität, die Beliebigkeit und den Kitsch. Ins Gedächtnis kommt bestenfalls der Verkaufserfolg von Produkten, deren Schönheit verspricht, den Käufer schön zu machen.

Das Body- und Soulbuilding demonstriert die Schönheit der Gedächtnislosigkeit. Der Stier ist aus der Arena verschwunden, der postmoderne Torero trainiert, therapiert, inszeniert und verwaltet sich selbst in der Gewißheit, daß alle seinem Beispiel folgen ohne Angst vor der Wahrheit, das Leben sei nur ein Unterhaltungsspektakel; ohne Furcht vor dem moralischen Einwand, daß Millionen Saurier nicht untergehen können, wenn sie alle einer Meinung sind; und ohne Schrecken vor der Schönheit, die doch einstmals ihren Sinn darin fand, dem Blick der Medusa standhalten zu können.
Sind diese Einsichten nicht auch wieder bloßer intellektueller Widerspruch des 19. Jahrhunderts, affirmative Kritik (Kritik durch Zustimmung, ein heute zeitgemäßes j'accuse)? Leisten wir uns einfach Distanzgesten des Geistes vor der Banalität der Macht des Faktischen? Reklamieren wir alle nicht doch wieder die Rolle der längst ausgestorbenen europäischen Intellektuellen für uns? Und wollen wir damit möglicherweise auch die postmodernen Täterschaften durch jene Herrschaftsformen ersetzen, die unsere gut bezahlten intellektuellen Zweifel zu widerlegen versprechen?
Einige postmoderne Däumlinge werfen ihren Kritikern genau diese geheime Absicht vor: einerseits den überzeugten Zeitgeistler spielen zu wollen, andererseits aber als intellektueller Schlaumeier den Kollaps des Konsumparadieses herbeizuwünschen, damit man mit der Behauptung recht behalte, man habe immer schon als Intellektueller gesagt, die Sache müsse schieflaufen!
Die neuen Postmodernisten rufen dazu auf, dem Selbstlauf der Medientechnologien, Verwaltungsvollzüge, Trainingskonzepte und therapeutischen Prozesse vorbehaltlos zu vertrauen und den postmodernen Jubel kräftig zu verstärken. Immer schon habe das Volk sich doch nur selbst begeistert zugeklatscht, in der Arena, im Theater, auf dem Marktplatz und in den Medien. Der Akteure bedürfe es nicht mehr, die Grenzen zwischen Parkett und Bühne seien längst gefallen. Wer teilnimmt, ist gleichgültig, ob als Zuschauer oder Akteur, zugleich Opfer und Täter, anonymer Idiot wie auch profilierter Experte.
So kann man es sehen, das hieße aber zugleich, auf jede Verantwortung, auf jedes Ziel, auf jede Steuerung zu verzichten. Damit wären wir aber nicht weiter, als es die angeblich so überflüssigen Intellektuellen auch gewesen sind, wenn sie behaupten, daß das Scheitern unausweichlich sei, daß am Ende alles bös enden werde!
Zwischen dem Schicksal der Saurier mit Panzer, aber ohne Hirn - den Machtmenschen - und dem Schicksal der Saurier mit Hirn, aber ohne Rüstung - den Intellektuellen ohne Macht - wäre kein Unterschied. Nichts zu tun hieße dann die Maxime und hedonistischer Genuß bis zum absehbaren Ende das Gebot der Selbstliebe.
Nun hat aber der gute Don Tancredo gerade den Unterschied zwischen Nichtstun und Nichttun mit seinem Selbstversuch vom 1. Januar 1901 zu demonstrieren versucht. In diesem Wirken durch Nichttun hat man die intellektuelle Leistung Tancredos und damit die der tatsächlich zeitgemäßen Charaktere zu sehen. Sie wollen es aufgeben, besser zu wissen, was man zu tun habe, um statt dessen mit ihrem kritischen Einspruch andere daran zu hindern, die Utopien des guten Lebens wortwörtlich zu verwirklichen: z. B. heute die Multikultur, die Eiapopeiaseligkeit.
Was es zu tun gilt, weiß niemand genau; man weiß nur, daß jede radikale Verwirklichung großer Ziele, jeder Begriffsfundamentalismus, jede Wortgläubigkeit um so eher zum Scheitern verurteilt sind, je näher man den Zielen kommt. Sicher weiß man nur, was man nicht tun sollte; denn alles Gute ist nur das Böse, das man unterläßt. Auf unsere Boshaftigkeiten können wir uns verlassen; denn sie sind schlechterdings unsere Natur. Wer seine Anstrengung darauf richtet, diese kalkulierbare Bösartigkeit zu behindern, indem er sie nicht in hohe Utopien der Menschheitsentwicklung umformuliert (mit der Bibel oder mit Marx, mit der Systemtheorie oder mit Postmodernismus), vermag eine sinnvolle Funktion für Intellektualität zu reklamieren.

Eine Menschheit, die Plutonium bewirtschaftet, Weltraumstationen baut, Flußläufe umkehrt und Hirntote mit der Herz-Lungenmaschine am Leben erhält, konstatiert lapidar, daß alles machbar sei, was man sich nur recht zu wünschen traue. Gegen diese Wahnhaftigkeit unserer fröhlichen postmodernen Tätertypen mit massiven Aktionen der Verhinderung anzugehen, ist Aufgabe aller, die sich ihre Intellektualität bewahrt haben, auch wenn es dafür keine Berufsrollen mehr gibt. Die Intellektuellen sind bis auf weiteres zusammen mit der totalitären Macht im schäumenden Strudel der Geschichte verschwunden. Möge unsere dilettantische Intellektualität ausreichen zu verhindern, daß wir mit diesem Strudel allesamt untergehen.
Wie sollte das erreicht werden können? Im Bereich der Kultur - im Reich der ehemaligen Intellektuellen - kann diese hilfreiche Art von Nichttun, von Unterlassen, wohl nur heißen: wir verhindern, daß jede kleine Region, jede kleine Sprachgemeinschaft, jede völkische Gruppe, jede ethnische Solidargemeinschaft, ja jede Häkelrunde und jeder Volkstanzzirkel, jede postmoderne Firlefanzerei, jede Talkshow und jede Massenunterhaltung ihr Tun und Treiben als Kulturleistung ersten Ranges der ganzen Welt zur Anerkennung als ewiges Gut der Menschheit vorlegt. Das Streben nach kultureller Autonomie, nach Gleichberechtigung aller Minderheiten, nach politischer Korrektheit zerschlägt alle Gesellschaften - auch wenn ihre Mitglieder seit Jahrzehnten friedlich miteinander lebten. In Jugoslawien und den Nachfolgestaaten der UdSSR, in den USA und in Kanada, in Spanien und Irland, im Libanon und in Angola, kurz, fast überall auf der Welt erlebten wir und erleben wir gegenwärtig, welche katastrophalen Resultate das Beharren auf der politisch korrekten Proportionierung der Kulturen hat. Das postmoderne Anything goes, das postmoderne Allerlei aus aller Welt, vom Medienstar präsentiert, von Trainern einstudiert und von Therapeuten kommentiert, verführt selbst den intellektuell Anspruchslosesten zur Behauptung, so dumm sei er denn doch nicht und deshalb fordere er ... na was? Siehe Jugoslawien, Moldavien, Georgien, Armenien etc. etc. Ihnen allen vorzuhalten, das werde schlimm enden, ist offensichtlich nicht genug. Man sollte schon darauf vorbereitet sein, mit aller Macht zu verhindern, daß sich dieser Wahnsinn auch noch mit Hinweis auf allgemeine Menschenrechte, Grundgesetze, unveräußerliche Güter legitimiert.
Zum einen haben sich diese Volksscharen bisher kaum für Unveräußerliches interessiert (sie reklamieren vielmehr, alles im Angesicht der Not veräußern zu dürfen). Zum Entscheidenden aber stellen die allgemeinen Menschenrechte, die universal geltenden Standards der Zivilisation gerade nicht die Absonderung einzelner Kulturen in Aussicht oder garantieren sie sogar; ganz im Gegenteil; sie bestehen darauf, daß alle Menschen gewisse zivilisatorische Anforderungen zu erfüllen haben, wenn sie darauf rechnen wollen, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Wer diesen Anforderungen sich nicht anzupassen bereit ist, muß sehen, wie er weiterkommt und/oder wird per Sozialisation dazu gebracht, die Anpassungsnotwendigkeit anzuerkennen.
Diese unabdingbaren Regeln übersehen geflissentlich die postmodernen Tätertypen. Sie produzieren das fröhliche Chaos der Orientierungslosigkeit durch gleichgültiges Nebeneinander von allem, was gerade Mode ist oder Zustimmung findet. Und dann fordern sie lautstark, im Brustton der humanitären Verteidigung von Minderheiten, daß andere den Mediendreck von Sex und Crime, von Hol-dir-einen-und-hau-doch-zu, von Gehirnausblasen und Krüppelkegeln auszuhalten hätten. Um deutlich zu werden: Rundfunkredakteure und Fernsehsender, die alltäglich mit zahllosen Beiträgen die brutalste Gewalt als Unterhaltungswert anbieten, haben kein Recht (keine Autorität), zur Toleranz aufzurufen und andere, die sich gegen diesen postmodernen Schund wehren, der Inhumanität, der Verrohung, der Aggressivität zu zeihen. Das gilt auch für die Politiker, die Unternehmer und natürlich die gestalterisch/künstlerischen Propagandisten des Hedonismus, der Gleichgültigkeit, der Privatheit in Reichenghettos. Um so peinlicher ihre selbstgefällige Anklage gegen den Rassismus der anderen, ihrer Klientel, ihrer Kunden; gegen das angstmachende Unbekannte, das der Bauer nicht frißt; gegen den Antiintellektualismus der Massen. Diese postmodernen Spaßmacher verletzten als Herren der Verfahren je nach Opportunität alle Gesetze von der Parteienfinanzierung bis zum Umgang mit abgewiesenen oder kriminellen Asylbewerbern - aber sie fordern die Härte des Gesetzes gegen jeden, der nicht erpreßbar ist!

Na und? Wenn sich das Volk das gefallen läßt, ist doch die postmoderne Variante der Intellektualität eine geniale Strategie des Erfolgs: Die rein kommerziellen Absahner triumphieren als Humanisten. Und das Volk schämt sich seiner Angst vor Existenznot und Fremde. Gratulation an Euch Trainer, Therapeuten, Moderatoren.