Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
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"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 19

Altern als Problem für Künstler

Am 7. März 1954 hielt Gottfried Benn in Stuttgart den Vortrag »Altern als Problem für Künstler«, den der Süddeutsche Rundfunk aufzeichnete und mehrfach ausstrahlte. Benn gibt deutlich zu verstehen, daß hinter seinen Überlegungen »etwas Persönliches« steckt: er selber war damals 68 Jahre alt und wollte sich von früheren Positionen entlasten, die man ihm nach dem Zweiten Weltkrieg kritisch vorgehalten hatte.

Zunächst hört sich der alte Benn um, wie seine Kollegen mit dem Altern fertiggeworden sind – auf den ersten Blick offensichtlich besser als ihre jeweiligen Zeitgenossen, die keine Künstler waren; denn überraschenderweise ist fast die Hälfte von ihnen alt, ja uralt geworden – und das selbst in Zeiten, als der Durchschnitt der Bevölkerung kaum das 40. Lebensjahr vollendete.

Benns Schlußfolgerung: Die den Bürger so faszinierende romantische Vorstellung vom »Verzehrungscharakter der Kunst« muß falsch sein; vielmehr wirkt künstlerisches Schaffen Krankheit und Verfall entgegen: Kunst ist ein »Befreiungsphänomen«.

Diese Feststellung kontrastiert mit Benns Schilderung des Lebens alter Künstler: arm, ranzig, mit krummem Rücken, hustend, süchtig, asozial, ehe- und kinderlos verbrachten sie ihre letzten Jahre, ohne Schwärmerei für irgendwelche Ideale – wahrlich Erscheinungen einer »bionegativen Olympiade«.

Mit diesem Begriff hatte Benn 1933 bis 1936 den Verfall der westlichen Kultur gekennzeichnet und die Vorhaben der nationalsozialistischen Zuchtveredelung unterfüttert. Benn bemühte sich, den offensichtlichen Widerspruch zwischen der »bionegativen Olympiade« des Alters und der biopositiven Bilanz der unzähligen altgewordenen Genies aufzulösen: die Entscheidungsfreiheiten der Künstler sind nicht so groß wie vermutet; jede Generation wird mit zwingenden Problemen konfrontiert, die in der Luft liegen. Es ist alles viel vorherbestimmter, als man wünscht.

Und dann wiederholt Benn auch in dieser Rede sein Bekenntnis: »Sich irren und doch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen, das ist der Mensch, und jenseits von Sieg und Niederlage beginnt sein Ruhm.«

Brüche und Wandlungen, Versuch und Irrtum werden also zu Voraussetzungen einer »Kontinuität des produktiven Ich«; es kommt nur auf die Kraft an, die zugemuteten Zwangslagen »auszuhalten« – mit Härte und Kälte gegen das eigene Werk. Selbst »wenn die großen Regeln sich vertauschen«, also alle Lebensverhältnisse umgestoßen werden, »hält sich das doch an einer Art Ordnung fest«, nämlich der »Wiederkehr des Gleichen, solange sich noch etwas gleicht«.

Das klingt nüchtern und kalt, aber gerade deswegen überzeugend, meint Benn. Man kann es ohnehin niemandem recht machen, vor allem nicht im Alter. Wer fortfährt wie zu seinen besten Zeiten, muß sich vorhalten lassen, zu Entwicklung und Reife nicht fähig zu sein; wer sich im Alter mäßigt, gilt als senil. An dergleichen Vorwürfen darf man als Künstler nicht leiden. Man muß sie ganz äußerlich nehmen; denn es geht nicht um die »tiefen Reaktionen« auf die Wahrheiten des menschlichen Daseins, sondern um Ausdruck: eine reine Formsache. Aus dieser Gabe der »untiefen Reaktion«, also sich nicht vom ewig Menschlichen berühren zu lassen, erklärt sich die hohe Widerstandskraft der Künstler gegen die Zumutungen des Lebens.

Benn deutet an, daß gerade die Konzentration auf den formalen Ausdruck als Initiative gegen Schuld verstanden werden könnte. Denn gerade das, was rein formal, ohne sozialen und psychologischen Tiefgang montiert wird, läßt sich in Dienst nehmen für Zwecke, die nicht mehr der Künstler verantwortet. Das ist ein schwacher Selbstentlastungversuch, weil Benn Anfang der dreißiger Jahre politische und soziale Zwecke für sich akzeptiert hatte, die zur Niederlage von 1945 führten.

Wenn aber jenseits von Sieg und Niederlage der Ruhm des Menschen (und nicht nur des Künstlers) beginnt, lassen sich aus Benns Erörterungen zum Altern Schlußfolgerungen für jedermann entnehmen. Zu altern heißt, die alltäglichen Anstrengungen zur Bewältigung des Lebens vorrangig unter dem Aspekt formaler Organisation zu sehen – anstatt jede Entscheidung mit Herz und Schmerz und im Gedanken an die tiefsten Wahrheiten und Ideale zu treffen.

Tun, was getan werden muß – vor allem eine Sache, seine Sache fertigzumachen, lautet die Empfehlung, die schon die »Lebenskunst« der antiken Stoiker auszeichnete. Wer lange leben will, muß mit einer hinreichenden Oberflächlichkeit die Pflichten des Tages kontinuierlich und konsequent absolvieren – ohne Pathos und ohne Frustration. Gerade die größten Werke verdanken sich diesem nüchternen Arbeitsethos – nur Dilettanten schwärmen für den glücklichen Zufallswurf.

Alte sind Stoiker, und nur wer sich vom existenziellen Gejammer freimacht, hat die Chance, alt zu werden. Das ist wiederum die Voraussetzung dafür, lange und ausdauernd arbeiten zu können und damit in die Erzählungen der Nachfolgenden als besonders Befähigter einzugehen.

Gottfried Benn führt ausdrücklich ein Kriterium für die Beurteilung solcher Pflichterfüllung ein: »Wenn etwas fertig ist, muß es vollendet sein.« Das ist weniger mysteriös, als es klingt. Benn orientiert sich mit seinem Postulat der Formvollendung ganz nüchtern und geheimnislos an den Verfahren der industriellen Produktion und des wissenschaftlichen Arbeitens: Sezieren, Analysieren, Montieren von Vorfabrikaten sind Begriffe, mit denen er beschrieb, was er als Künstler tat. Er beendete seine Arbeit, wenn er zu »Sätzen gefunden hatte, die vertretbar sind« – analog zur Überprüfung von Hypothesen in der Wissenschaft.

Vollendet ist, was man nicht umhin kann, zuzugeben (»Dinge entstehen, indem man sie zugibt«). Ein Industrieprodukt ist formvollendet, wenn es seine Funktion verläßlich erfüllt. »Ein Schlager von Klasse enthält mehr vom Jahrhundert als eine Motette« – mit anderen Worten: ein Industrieprodukt von Klasse enthält mehr Formvollendung als manches noch so angestrengte Resultat des Kunstbemühens.

Zur gleichen Zeit wie Benn arbeitete Theodor W. Adorno an seinem Rundfunkessay »Das Altern der neuen Musik«. Mit »neuer Musik« meinte er die Kompositionen von Schönberg, Berg, Webern, Hindemith, Strawinsky. Über weite Strecken argumentiert Adorno wie Benn. Er wirft den Nachfolgern jener Komponisten vor, nicht mehr die Kraft zu haben, die formalen Errungenschaften des Komponierens in der Zwölfton-Technik zu akzeptieren. Je geheimnisloser und vernünftiger, also formaler die Methoden Schönbergs verstanden werden mußten, desto verlockender die Illusion für die Nachfolger, man könne sich wieder zu »musikalischen Urstoffen« flüchten. Adorno ahnte, was z.B. Stockhausen im Schilde führte: Rückzug auf kosmisches Gesäusel, das die Sinne überwältigt und Komponisten wie Zuhörer aus der Verantwortung für intellektuelle Anstrengungen entläßt. »Als die neue Musik lebendig war, meisterte sie die Illusion durch die Kraft des Gestaltens; heute verfällt sie ihr und legt die Schwäche zum Gestalten sich als Triumph kosmischer Wesenhaftigkeit zurecht.«

Mit »Altern der neuen Musik«, so Adorno, »ist nichts anderes gemeint, als daß dieser Impuls verebbt«, nämlich der Impuls zur »integralen und durchsichtigen Herstellung eines Sinnzusammenhangs«. Gemeint ist der Zusammenhang von sozialer Freiheit, Individualität und Subjektivität mit rationalen Methoden der Werkschöpfung. »Schrumpfen der sozialen Freiheit, Zerfall von Individualität …, Schwinden der Tradition innerhalb der neuen Musik selber«, das konstatiert Adorno als ihr Altern. Im Unterschied zu Benn bewertet er dieses Altern durchweg kritisch.

Karikatur: "Als Theseus begann, im Alter unter starker Vergeßlichkeit zu leiden, besann er sich seines guten alten Wollknäuels aus dem Labyrinth von Kreta, um jederzeit den Weg von seinem Schlafzimmer zur Toilette zu finden." (Bernd Pfarr)

"Ist der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück, so ist das Kennzeichen der zweiten Hälfte
tiefe Besorgnis vor Unglück. Wenn in meinen Jünglingsjahren, es an meiner Tür schellte, wurde ich vergnügt, denn ich dachte, nun käme es. In den späteren Jahren hatte meine Empfindung bei demselben Anlaß, vielmehr etwas dem Schrecken verwandtes: ich dachte: »da kommt's.«" (Arthur Schopenhauer)

"Alt werden ist nichts für Feiglinge" (Mae West)

"Nachdem er die Kölner Malewitsch-Ausstellung gesehen hatte

Malewitsch malte ein schwarzes Quadrat,
das war kein Bild, das war eine Tat:
Hoch Malewitsch.

Malewitsch hielt sich seither für genial,
doch war er das nur dieses einzige Mal,
der Malewitsch.

Malewitsch war ein armes Schwein,
er fiel in die eigene Falle hinein,
tja Malewitsch.

Malewitsch malte die Kunst ins Aus,
doch zog er selbst keinen Schluß daraus,
o Malewitsch.

Malewitsch führt vor, was dann ensteht, wenn einer, der ankommt, noch weitergeht.
Ach Malewitsch."

(Robert Gernhardt)

"Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung, Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht zuletzt Pedanterie; um diese los zu werden, zerstört man jene, und es geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, daß man wieder Ordnung machen müsse." (Goethe)

"Blühen ist ein tödliches Geschäft. Ich habe mich einverstanden erklärt. Ich lebe." (Helmut Heißenbüttel)

"Wenn einer seinem überleben mehr Aufmerksamkeit widmet als seinem Leben, fängt es an, für die Freunde beschwerlich tu werden, die ihren Weg zum Friedhof nicht mit gleicher Sorgfalt planen wollen." (Johannes Gross)


"Falls Sie die Maximen meines Lebens hören wollen, so wären sie folgende:

1. Erkenne die Lage.

2. Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.

3. Vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke.

4. Nur bei Mittelmäßigkeiten greift das Schicksal ein; was darüber ist, führt seine Existenz alleine.

5. Wenn dir jemand Ästhetizismus und Formalismus zuruft, betrachte ihn mit Interesse: es ist der Höhlenmensch; aus ihm spricht der Schönheitssinn seiner Keulen und Schurze.

6. Nimm gelegentlich Brom, es dampft den Hirnstamm und die Unregel mäßigkeiten der Affekte.

7. Nochmals: erkenne die Lage."

(Gottfried Benn)