Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 24

Die Humanismusfalle

– Nicht mit 20 Jahren als Kanonenfutter auf Schlachtfeldern zu enden,
– nicht mit 30 an einer Blutvergiftung zu sterben,
– nicht mit 40 einer Epidemie zum Opfer zu fallen,
– nicht mit 50 als ausgezehrtes Arbeitstier ins Elend gestoßen zu werden,

das waren erklärte Ziele sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. Altwerden zu können, war die Hoffnung in Zeiten, in denen das Durchschnittsalter der Bevölkerung unter 40 Jahren lag.

Heute droht der Erfolg derartigen Fortschritts – die gefürchtete Alterslawine – jene humanistischen Zielsetzungen zu zerstören. Bedenkenlos wird zum »Krieg der Generationen« aufgerufen, denn angeblich »beuten die Alten nur noch die Jungen aus«. Diese Kriegserklärung nimmt auf Tatsachen keine Rücksicht und leugnet die Erfahrungen, die man mit der Behauptung von Klassenkampf, Kulturenkampf, Rassenkampf, Geschlechterkampf machen konnte.

Jede Gesellschaft ist für ihren Bestand auf die Übertragung kulturellen Wissens von der älteren Generation auf die jüngere angewiesen. Mit dem erklärten Generationenkrieg soll offensichtlich der lästig gewordene Bezug auf geschichtliche Erfahrung ausgeblendet werden nach dem fatalen Motto: »Halten wir uns an die Jungen, das Alter laßt verrecken.«

Eine andere Form, das Alter verrecken zu lassen, besteht darin, es kurzerhand zu leugnen: Die Segnungen der kosmetischen Chirurgie, optimaler Ernährung, von Fitneßtraining und kunstherapeutischer Animation führen tatsächlich zu einer gewissen Abschaffung des Alters.

Euphorisch bewertet heißt das: Ältere und Alte werden nicht mehr als Wracks stigmatisiert. Am Beispiel der Sexualität läßt sich erkennen, daß die Empfindung von Altsein subjektiv von der Erwartung abhängt, die in der jeweiligen Gesellschaft vorherrscht. Als man – wie Kant – mit 50 bereits als »verehrter Greis« angesprochen wurde, glaubte man zu wissen, daß jenseits der 40 die sexuelle Potenz und das Verlangen erlöschen würden. Wer das nicht akzeptierte, wurde als »geiler alter Bock« der Lächerlichkeit preisgegeben. Inzwischen stellen durchschnittliche Siebzigjährige in dieser Hinsicht an sich selbst ganz andere Anforderungen.

Realistisch verstanden, führt aber die Abschaffung des Alters zum Verlust von sozialen Rollen, die Ältere überhaupt noch ausfüllen können. Die Älteren werden gezwungen, ihre Unterscheidbarkeit von den Jüngeren aufzugeben, sodaß sie als Lehrer und Vorbilder der Jüngeren nicht mehr wirken können.

Inzwischen haben die Jüngeren allerdings bemerkt, daß sie selbst Opfer des Jugendkults wurden, weil sie mit älteren Stelleninhabern zu konkurrieren haben.

Die Abschaffung des Alters korrespondiert mit einer Abschaffung der Jugend; Jugendliche werden durch die Massenmedien heute bereits weit vor der Pubertät Lebensbildern ausgesetzt, für die ihnen die Erfahrung fehlt und durch die es ihnen unmöglich gemacht wird, in der spezifischen Rolle von Heranwachsenden Erfahrungen zu sammeln. Beispiele sind die zehn- bis vierzehnjährigen jugendlichen Kriminellen, die keine Kindheit haben und deshalb niemals erwachsen werden können.

Wir stecken in einer Falle. Einerseits ist Alterslosigkeit bei Erreichen einer hohen Zahl von Lebensjahren ein durchaus wünschenswertes Ziel. Andererseits rutschen wir gerade damit in die »infantile Gesellschaft«, die ihren Mitgliedern verweigert, erwachsen zu werden.

Was haben wir diesem kultisch gefeierten Infantilismus entgegenzusetzen? Eben die Werke.

Zitate:

"Ich beneide die Regisseure der Studio-Ära um ihre Karrieren. Die großen Filmerzähler, John Ford, Howard Hawks, John Huston, sind fast alle mit den Jahren besser geworden, weil ihr Talent gepflegt wurde. Sie hatten Zeit, sich zu entwickeln. Heute drehen die Jungen ihren besten, privatesten Film zuerst, und dann wird ihnen nur noch abverlangt, sich selbst immer wieder nachzuahmen. Diesem Schicksal bin ich entgangen." (Curtis Hanson, Regisseur von L.A. Confidential; DER SPIEGEL 49/1997)

"Das Leben ist eine Anstrengung, die eier besseren Sache würdig wäre." (Karl Kraus)

"- Du Susi, machst du was gegen das Altwerden?

 - Na klar!

 - Dann mach doch mal was dafür!"

(TV-Spot)