Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 29

Infinito – Das künstlerische Imperfekt

Entwerfen und Verwerfen

Jeder Museumsbesucher hat Künstlerarbeiten vor Augen, die offensichtlich unfertig sind und dennoch als vollkommene Werke geschätzt werden.

Das weltweit bekannteste Beispiel bieten die sogenannten »Boboli-Sklaven« von Michelangelo. Als »Triumph im Mißlinge« bewerten Kunsthistoriker diese Figurengruppe, die Michelangelo zwischen 1530 und 1534 für das Grabmal Papst Julius’ II. zu schaffen beabsichtigte. Die nur teilweise aus den Marmorblöcken herausgehauenen Figuren wurden als unfertige zum Programm, als hätte Michelangelo gerade in diesen Gestalten den »Körper als dunkles Verlies der Seele« und die »Welt als steinernes Gefängnis des Menschen« darstellen wollen.

Abbrechen, verwerfen, aufhören, beenden ohne das Ziel erreicht zu haben, ja scheitern und mißlingen müssen also nicht zwangsläufig dem Eindruck der »Vollkommenheit« entgegenstehen.

Auch wurde immer wieder die Erfahrung gemacht, wie spannungslos, tot und uninteressant ruinierte Skulpturen oder Malereien wirkten, wenn man den angenommenen Zustand der Vollendung rekonstruierte.

Künstler haben das experimentell erwiesen. Sie versuchten, fehlende Glieder, Bemalungen und Accessoires ruinöser antiker Statuen zu ergänzen. Oder sie versuchten, wie Arno Breker, Vorstellungen klassischer Vollendung in eigenen Werken zu entsprechen – die Ergebnisse waren höchst unbefriedigend.

Die herkömmliche Erklärung dafür lautet: das vermeintlich Vollkommene schränkt die Phantasie des Betrachters ein. Es fehlt der Anreiz, die eigene Vorstellungskraft zu aktivieren.

Mit dem Beispiel der »Boboli-Sklaven« etablierte sich in der Kunstgeschichte der Werktypus des »Infinito«, des »Unvollendeten«.

Der Triumph im Mißlingen oder das Scheitern als Form der Vollendung konnte zum Inbegriff künstlerischer Größe werden. Aber nicht alles Unfertige ist auch »unvollendet«, und nicht jedes Scheitern gelingt.

Warum nicht?

Zitate:

Knastbrüder

Der geistliche Bach ist gewaltig / Und der weltliche steht ihm nicht nach. / Da ist keine Note beliebig, / aber jede klingt nach Bach. / Thomas Mann gelang das Wunder, / sich ein Leben lang treu zu bleiben / und abertausend Seiten im Thomas-Mann-Stil zu schreiben. / Picasso gilt als Proteus. / Man wähnte ihn ständig verwandelt. / Doch werden all diese Volten / durchweg als Picassos behandelt. / Von Brecht gibt es viele Gedichte. / Manche gut und manche nicht schlecht. / Und manche ziemlich daneben. / Aber alle sind von Brecht. (Robert Gernhardt)