Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 32

Das heitere und das heroische Scheitern

Verstehen und Gebrauchen

Vom bedeutendsten Wissenschaftsphilosophen unseres Jahrhunderts, Karl Popper, lernten alle Wissenschaftler, daß man nur durch Scheitern erfolgreich zu arbeiten vermag.

Popper nannte dieses Verfahren »Falsifikation«, also Nachweis der Falschheit. Wissenschaftler arbeiten überwiegend daran, ihre eigenen Annahmen (Hypothesen) zu widerlegen.

In den Künsten unseres Jahrhunderts wurde ebenfalls »Scheitern« als Form des Gelingens zum Thema gemacht. Wenn sich Künstlern die Aufgabe stellt, das Unbekannte, Neue, Unfaßbare und Unsichtbare sichtbar zu machen, müssen sie sich selbst widerlegen. Was sichtbar wird, ist das Sichtbare – und nicht das Unsichtbare, um das es eigentlich gehen sollte. Damit sind sie an ihrer Aufgabe gescheitert!

Ein moderner Künstler arbeitet also nur solange erfolgreich, wie er bestätigt, was nicht gelingen kann.

Niemand hat in diesem Jahrhundert die peinigende Frage »Und das soll Kunst sein?!« radikaler gestellt als die Künstler selbst.

Sie entdeckten lange vor den Spezialwissenschaften, daß zwischen dem, was wir denken, fühlen oder innerlich vorstellen können und dem, was wir in Worten und Bildern, in Gesten und Tönen ausdrücken, eine unüberbrückbare Lücke klafft; besonders intensiv nehmen wir diese Lücke wahr, wenn wir zu verstehen versuchen, was andere mit Worten und Bildern, mit Gesten und Tönen zu sagen beabsichtigen.

Der Alltagsmensch behilft sich mit Lexikon-Definitionen, Konventionen der Kommunikation und mit Nachfragen, was denn wohl gemeint sei und fordert die Partner auf, noch einmal und noch einmal zu versuchen, das Gemeinte »verstehbar« werden zu lassen.

Für die individuellen Eigentümlichkeiten künstlerischen Gestaltens gibt es keine Lexika. Gäbe es sie, wäre die Gestaltung in ihren Elementen nicht individuell. Man kann einen Maler nicht bitten, seine Malerei ständig noch einmal zu formulieren, um sie bei irgendeinem weiteren Versuch besser verstehen zu können, sonst würden Künstler fortwährend nur ein einziges Werk für einzelne Betrachter zu formulieren und immer erneut umzuformulieren haben.

Banal, aber hilfreich: Künstler müssen den Mut zur Lücke haben, die wir im Alltagsleben – beim Arzt, beim Vertragsabschluß, beim Autofahren – so weitgehend als irgend möglich vermeiden wollen.

Zugespitzt formuliert: wir sollten die Arbeiten der Künstler als Versuch schätzen lernen, die Lücke zwischen Denken und Handeln, zwischen Wort und Tat, Begriff und Anschauung produktiv zu nutzen.

Das allgemein gefürchtete Mißverstehen nutzen wir beim Kunstwerk als Anregung, unser Denken und unsere Fähigkeit zur Kommunikation zu erproben – ohne Scheu und ohne Furcht vor negativen Folgen.

Vorbereitet für eine solche Erprobung sind alle, die mit Tieren kommunizieren. Jeder Fachmann belehrt uns, daß wir Tiere nicht verstehen, uns aber sehr wohl mit ihnen verständigen können.

Es ist mehr als ein hilfloser Witz zu behaupten, daß Männer und Frauen oder Angehörige verschiedener Kulturen sich nicht verstehen können. Dennoch wird niemand leugnen, daß sie sich wechselseitig produktiv nützen können.

Wären wir darauf angewiesen, uns selbst und die Welt, in der wir leben, verstehen zu müssen, bevor wir auch nur einen Lichtschalter betätigen, säßen wir für immer im Dunkeln.

Den Umgang mit Kunstwerken auf das Verstehen zu fixieren, wird stets scheitern. Erst, wenn wir dieses Scheitern akzeptieren, wird eine produktive Nutzung gelingen.

Dazu bedarf es einer gewissen heiteren Souveränität, Gewitztheit und Vorbehaltlosigkeit.

Es gehört zu den unbestrittenen Vorzügen eines gelungenen Alterns, nicht mehr ständig das Verstehen einklagen zu müssen.

Wer die heitere Gelassenheit des Scheiterns nicht aufbringt, wird – mit aller Gewalt – versuchen, Werk und Wirkung, Form und Inhalt, Denken und Handeln hundertprozentig übereinstimmen zu lassen. Solche Leute nennt man Dogmatiker oder Fundamentalisten, die es nicht nur in der Politik und in den Kirchen gibt. Auch Künstler verfolgten andere Künstler als »entartete«. Allen diesen Fundamentalisten ist eines gemeinsam: sie sehen sich umso mehr bestätigt, als sie mit ihrer Erzwingungsstrategie für eindeutiges Verstehen scheitern. Sie werden zu Märtyrern, zu Heroen des Scheiterns. Sie vergewissern sich ihrer Bedeutung durch den Widerstand, den sie erfahren – eine gefährliche, aber verführerische Logik.

Wem aber schlechterdings zu gelingen scheint, was er will, muß aufpassen, daß ihn nicht sein Erfolg scheitern läßt.

Das Centre Pompidou wurde ruiniert durch seine Attraktivität, die viel mehr Menschen täglich anlockte, als der Bau verkraften konnte. Viele »Kulturereignisse« sabotieren sich selbst, weil die überaus große Teilnahme verhindert, daß der Anlaß überhaupt wahrgenommen werden kann. Oft sieht man vor lauter Museumsbesuchern die Kunstwerke nicht mehr. Die Ausstellungen werden durch Erfolg zerstört, Gelingen wird zur Form des Scheiterns.

Zitate:

"Viele der Aufführungen, denen ich in Madagaskar beiwohnte, beschränkten sich auf das Nichtsagen des Sagbaren." (Robert Gernhardt)

Leiden und Leben und Lesen und Schreiben

Ich will alles sagen dürfen, / Wort aus jeder Wunde schürfen: / Scheiss der Hund drauf, das Gelingen / lässt sich einfach nicht besingen. / Wer will vom Gelingen lesen? / Höchstens reichlich flache Wesen. / Lieber sprech ich doch zu jenen, / die sich nach was Tiefem sehnen. / Die, wenn die Geschäfte laufen,
gerne etwas Schicksal kaufen. / Seiten voller Schmerz und Wunden
adeln allzu satte Stunden. / Verse voller Pein und Leiden
nützen letzten Endes beiden: / Die da bluten, die da blättern,
beide sehnen sich nach Rettern. / Deshalb muss es beide geben,
die da leiden, die da leben. / Die da lesen, soll man rühren
weiter sowie höher führen. / Und die andern, wir, die schreiben,
sollten auf dem Teppich bleiben. (Robert Gernhardt)

Dorlamm liest

Dichter Dorlamm liest in einem Buch, / doch er wird aus diesem Buch nicht klug. / Liest darin und legt es wieder hin – / nein, er kommt nicht hinter seinen Sinn. / Legt es hin und denkt, sooft er las: / »Ich kapier das nicht. Was soll denn das?« / Denkt: »Was soll das? Wer schreibt solchen Mist?« / Und schaut nach, wer der Verfasser ist. / Schaut aufs Buch, und plötzlich ist ihm klar, / daß der Autor ein Herr Dorlamm war. / Dorlamm? Dorlamm selbst hat es geschrieben! / Peinlich? Rasend peinlich, meine Lieben! (Robert Gernhardt)

"Da unser größtes Vergnügen darin besteht, bewundert zu werden, die Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern herbeilassen, so ist der Glücklichste der, welcher gleichviel wie, es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern." (Arthur Schopenhauer)