Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 58

Olaf Metzel. Das Altern der Institutionen

Einer größeren Öffentlichkeit führte Olaf Metzel seine gestalterischen Verfahren und Konzepte zum ersten Mal 1987 auf dem Berliner Kurfürstendamm vor. Im kollektiven Gedächtnis war dieser Ort mit zwei grundverschiedenen Vorstellungen besetzt: zum einen als Flaniermeile der westlich saturierten Edelkonsumenten, zum anderen als Aufmarschfeld der protestinteressierten 68er und ihrer Nachfolger.

Beide Vorstellungen flossen schon Ende der 60er Jahre ineinander über - in die Begriffe "Protest-Theater" und "Polit-Tourismus". Kritisiert wurde damit sowohl das Verhalten der Protestierenden, allzusehr auf den medialen Schauwert ihrer Handlungen bedacht zu sein, als auch das Verhalten der Bürger, der Demonstration politischer und sozialer Zielsetzung bloß als Zuschauer beizuwohnen. Das optische Signalement des Ereignisortes Ku'damm, die polizeilichen Absperrgitter, verwendete Olaf Metzel als Elemente seiner Großskulptur. Er arrangierte die rotweißen Barrieren zu einem Turmgebilde, das einerseits die Erinnerung an Tatlins Denkmalsturm für die Dritte Internationale von 1919 provozierte und andererseits die harmlos-abstrakten Skulpturen auf dem Mittelstreifen der Prachtstraße als bloße Möbel des öffentlichen Raums denunzierte. Mit diesem Werk charakterisierte Metzel von Anfang an, in welcher Weise er als Bildhauer zu wirken beabsichtigte und wahrgenommen werden wollte: als ein Künstler, der zeigt und kritisiert, wie armselig und formschwach sich bundesdeutsche Öffentlichkeit repräsentiert. 

Mit diesem Vorgehen fand Metzel offensichtlich Resonanz, denn inzwischen ist er Rektor der Münchner Kunstakademie. In dieser Funktion hat er Mitteilenswertes erfahren: Künstler sind heute als Vertreter einer öffentlichen Institution anscheinend ebensowenig in der Lage, dem Geltungsanspruch ihrer Einrichtung Gestalt zu geben wie irgendwelche Verwaltungsbeamten. Wahrscheinlich haben sie daran auch gar kein Interesse mehr. 

Diese zunehmende Ohnmacht angeblich mächtiger Institutionen wird gemeinhin als Zeichen ihres Alterns oder gar ihres Veraltens aufgefaßt. Also: weg mit den Dino-Institutionen - Reform, Reform! - wie sind wir doch modern; und dann wird die reformierte Institution geschaffen, die aber schon nach wenigen Jahren nur eine Leistung erbringt: sich selbst als überholt und veraltet zu erweisen. Und dann legen sich die Kritiker des angeblich Veralteten wieder ins Zeug, um zu behaupten, daß alles veraltet, nur sie selbst nicht.

Gegen diese zerstörerische Logik der Neophilie, der problematischen Rechtfertigung von Neuerungssucht, tritt Olaf Metzel mit seinem Beitrag zur Ausstellung "Die Macht des Alters" an. Die Installation besteht aus drei sprechenden Motiven unserer Alltagswahrnehmung: den Wahlkabinen, dem großen Konferenztisch und dem Aktenchaos.

In der politischen Ikonographie stehen die Wahlkabinen für die angeblichen Möglichkeit, jederzeit Verhältnisse nach Mehrheitsgusto zu ändern; der Konferenztisch steht für das Machtbewußtsein von Gruppen, die Wahlfreiheit durch Absprache zu kanalisieren; das Aktenchaos für das Verlangen, sich der Verantwortung durch Verweis auf zwingende "Vorgänge" zu entziehen. Unschwer lassen sich Akten als Bestandteil der Selbstverwaltung der Kunstakademie identifizieren; den alten Konferenztisch sicherte Metzel vor der Neuerungssucht von Kollegen, die der Überzeugung waren, der überalteten Akademie den Touch der Zeitgemäßheit durch Ausstattung mit neueren Designermöbeln geben zu können; die Wahlkabinen und Wahlurnen bezog Metzel als Herr Akademie-interner Wahlverfahren aus einem Versandhandel. Mit dem Messingmodell des Akademiegebäudes als Aktenbeschwerer verweist Metzel auf unsere Gepflogenheit, Vorstellungen von Institutionen stets mit den Gebäuden zu identifizieren, in denen untergebracht sind. Diese ironische Anspielung auf das Verhältnis von "Basisarbeit" und "Überbau" verlangt uns ab, Institutionen immer zugleich von innen und von außen zu betrachten.

Institutionen, so lehren die Soziologen, entsprechen in dem Maß ihrer Funktion, der Gesellschaft Gestalt zu geben, wie sie die Belange der Allgemeinheit gegenüber den bloßen Interessen von Individuen und Kleinstgruppen zu repräsentieren imstande sind. Den Belangen der Allgemeinheit Gestalt geben zu können, heißt die Gesellschaft über sich selbst zu informieren. Institutionen sind Formbildungen des gesellschaftlichen Interesses.

Mit seiner Installation informiert Metzel uns über die Institution "Kunstakademie", aber nicht über den Zustand der alten Institution, sondern über den Zustand ihrer permanenten Verjüngung oder Modernisierung. Er denunziert die auch unter Künstlern grassierende Strategie, sich selbst als modern zu behimmeln, weil sie von morgens bis abends ihre Absetzung vom Alten feiern. Als Akademieprofessoren bewegen sich solche Neuerer nur noch wie Kunsttouristen in den ihn überlassenen Arbeitsfeldern. Metzel provoziert die Erinnerung an die tatsächliche Funktion der Kunstakademie, die weit über ihre Selbstrechtfertigung durch pseudodemokratische Verfahren hinausgeht. Gerade durch ihr Beharrungsvermögen leisten Institutionen, also auch Kunstakademien, der Entwicklung und Entfaltung von Künstlern einen großen Dienst, nämlich den Bezug auf das Alte gerade dann zu sichern, wenn man sich von ihm abheben will. Gegen die Macht der Institutionen kann man nur solange sinnvoll vorgehen, wie sie als solche bestehen und wirken. Die künstlerische Individualität des lehrenden Professors bleibt nur sichtbar, solange ein verbindlicher Kanon der Lehre existiert. Akademien wie andere Institutionen erfüllen ihre Aufgaben eben nur als "mächtige Alte". Wer sie sich durch permanente Erneuerung der Erneuerung der Erneuerung auf sein Belieben zurichtet, schafft sie ab und sollte deshalb darauf verzichten, ihnen noch anzugehören.

Metzels Basisarbeit hält uns das phrasenhafte Pathos unseres Widerstands gegen die Macht der "alten" Institutionen vor - umso berechtigter, als wir offensichtlich, zumal als Künstler, nicht mehr die leiseste Ahnung von den Leistungen und Funktionen solcher Institutionen haben.

Abbildungen

Porträt Olaf Metzel (mit Amtskette)

Basisarbeit (Ausschnitt), Olaf Metzel, 1998

Basisarbeit, Olaf Metzel, 1998; Konferenztisch mit Plexiglasplatte, Wahlkabinen, Wahlurnen, Modell der Akademie der Bildenden Künste, Aktenordner und Arbeitsunterlagen; 700x520x200cm