Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 74

Felix Droese. »We take it as we get it«

 1986 geriet Felix Droese auf jene Weise, die wir gern als zufällig bewerten, in eine Stuttgarter Kneipe. Sie trug und trägt noch immer den Namen "Neckarklause" und liegt gleich um die Ecke des legendären Süddeutschen Rundfunks. Legendär, weil in den Studios z.B. in den sechziger Jahren Samuel Beckett seine letzten Stücke, lauter "Endspiele" inszenierte. In den Produktionen und nach vollbachtem Tagewerk kehrte der berühmte Gast, der Heimweh hatte - so meinte die Wirtin -, dort ein. Die Wirtin wußte offensichtlich, was Heimweh bedeutet - das große unstillbare und das kleine vorübergehende. Für das kleine sann sie in mütterlicher Fürsorge für das "alte Baby" auf Milderung; sie ließ von einem schwäbischen Seemann, der unter Fernweh litt, die Wände ihrer Klause mit Malereien bedecken, die das ferne Irland vergegenwärtigen sollten, die Heimat des prominenten Gastes. Sie ging sogar das geschäftliche Risiko ein, ihr Getränkeangebot von heimischem Bier und Wein auf Whisky umzustellen. Und Whisky, das hieß mindestens zwei Dutzend Sorten zu führen, denn der Kenner erhöht seinen Trinkgenuß, indem er mit jedem Schluck den Geschmack von Sorten aufruft, die er gerade nicht trinkt.

1997 erinnerte sich Felix Droese an die knappe Stunde, die er damals in der "Neckarklause" verbracht hatte.

Auf das Thema "Die Macht des Alters" angesprochen, fiel ihm ein, daß er bisher immer nur davon gehört hatte, wie wichtig das Alter eines Whiskys für dessen Qualität sei. Er fand einen Düsseldorfer Spirituosen-Händler, der ihn darin trainierte, das Lagerungsalter als Qualitätsmerkmal wahrnehmen zu können.

Diese Erfahrung verdichtete seine Erinnerung an die lange Reihe der in der "Neckarklause" präsentierten Whiskyflaschen. Vor allem aber bemerkte er, daß das fingierte irische Ambiente der Kneipe in seiner Vorstellung lebendig wurde, sobald er einen Schluck Whisky zu sich nahm. Diese Synästhesie, dieses Zusammenspiel der sinnlichen Wahrnehmungen, wollte er als kleines Denkmal für die Stuttgarter Beckett-Einkehr realisieren.

Auf der Bildtafel gibt Droese seine erinnernde Vorstellung an die Darstellungen Irlands wieder, mit denen die Wirtin einst glaubte, Becketts Heimat entsprechen zu können, indem sie die Motive der Etiketten von Whiskyflaschen auf die Wand übertragen ließ. Wir sind also nicht mit Droeses Bildwelt und Malweise konfrontiert; mit doppelter Brechung gibt er wieder, wie er die Malereien des Seemanns wahrgenommen hatte - natürlich in dem Bewußtsein, daß der Maler seinerseits nur wiedergeben konnte, wie nach dessen Ansicht Beckett seine irische Heimat erinnerte.

Leuchtturm und Haus, Meer, Möwen ud Klippe gehören zur Standardbildwelt jedes Insel-Touristen und auch zum ganz persönlichen Erleben Droeses, der an der Nordsee ein Domizil hat; sitzende und stehende Figuren sowie das Uhrwerk markieren Droeses Aufenthalt  in der "Neckarklause". Der Whisky-Trinker ist die Gestalt des irischen Denkers schlechthin, die stehende Figur sinnt über der Kugel dem Weltschicksal nach. Aus dem Tafelfeld ist eine lukenartige Öffnung herausgeschnitten, die mit einem Stück Maschendraht gesichert wird - ein Hinweis auf die Lüftungsluke in der "Neckarklause".

Jede Klause ist auch eine Klausur. Was uns schützend umschließt, erweckt das irritierende Gefühl der Klaustrophobie, die nicht nur in realen Räumen, sondern auch in Erinnerungsräumen erfahren werden kann. Wir sind eingeschlossen in unsere Erinnerungen.

Derartige Anflüge von Angstpanik schienen die Öffentlichkeit seinerzeit zu beunruhigen, als Droese mit dem Beckett-Memorial beschäftigt war. Deswegen trug er auf die rechte Seite des Tafelbildes Lagen von Ausrissen aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf, in der fast täglich über das Vorhaben berichtet wurde, das Berliner Holocaust-Denkmal zu bauen.

So kam wieder ins Spoiel, was die lebenskluge Wirtin in ihrem Dienst an den fremden Gast ausdrücklich nicht für darstellbat hielt: das große Heimweh nach Schuldlosigkeit, nach kindlichem Einverständnis mit sich selbst und der Welt, dem Glückseligkeitsdämmerni im Vergeben und Vergessen, in das Trinker sich geradezu strategisch zu flüchten versuchen. Endlich will man wieder sagen können: "we take it as we get it" - nicht mehr diese quälenden Zweifel, losgelöst sein vom tyrannischen Willen des Gewissens, nicht mehr bei sich sein zu müssen, sondern außer sich geraten zu dürfen.

Seitlich vor dem Tafelwerk positioniert Droese ein hölzernes Podest aus einem Atelier. Auf dem Podest stehen Whiskyflaschen in jener Alterungsskala, auf deren sinnliche Erfahrung er sich während der Arbeit am Beckett-Memorial trainiert hatte, bis er den "deutschen Pegelstand" erreichte, d.h., bis ihm das ALter der Welt am eigenen Leib erfahrbar wurde - Ende des Versuchs, das RAF-Endspiel zu verstehen.

"Dann ein kurzer Schrei und sofort danach gleichmäßiges Einatmen; Beleuchtung und Atemgeräusch genau übereinstimmend, zu- und abnhemend." So knapp Becketts allerletztes Stück "Atmen" (1968).

Das wäre die Dramaturgie eines Szenarios für das Holocaust-Denkmal - täglich zur Mittagsstunde auf dem Reichskanzleifeld von allen aufzuführen, die zufällig ihres Weges kommen. 

Abbildungen:

Pegelstand >Neckarklause< (as we get it), Felix Droese, 1988-1998, Collage auf Leinwand, (Öl auf Leinwand, Pigmente, Wasser, Terpentin, Schlick, Zeitungspapier, Fotokarton, Kordel, Draht, Holz, Single Malt Whisky, Glas, Siegellack), 230x450x65cm (Ausschnitte)