Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 130

Thomas Ruff. Kriegstheater - Rechnen mit dem Ernstfall

Als der Krieg zu Ende war, bauten die jungen Oberste und Generalleutnants ihre "Stäbe" und "Linien" in die Struktur der Firmen ein. Vom General zum Generaldirektor! War da der Krieg zu Ende? Jetzt gab es "Clausewitz für Manager". Das Genie des strategischen Denkens hatte gemeint, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Glaubten nun die jungen Wirtschaftsgeneräle, Ökonomie sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln? Sie starteten "Werbefeldzüge" für die "Konsumschlachten". Die heutigen Clausewitze, wie der führende US-Stratege Luttwak, sprechen bereits von Kapital als Feuerkraft. Und so schließt sich der Kreis der politökonomischen Pirouetten: Good old Charly Marx hatte schon bedacht, daß Politik und Krieg die Fortsetzung der Ökonomie mit deren eigenen Mitteln seien, mit Kapital. Plumps.

In der Zweckmittelpirouette kamen die Künstler nur als arme Opfer oder Dienstleister von Wirtschaft, Politik und Krieg vor, die ihre "Betroffenheit künstlerisch zum Ausdruck brachten". Jedes Gedicht eine Anklage, jedes Bild ein Manifest, jedes Musikstück Beweis für das endgültige Ende. Zum anderen wurden die Kunstschaffenden gebraucht, um die Truppen zu betreuen, der Unterhaltungsindustrie Waren zu liefern und die Paradigmenwechsel von Ökonomie zu Politik, zum Krieg und zurück zur Ökonomie feierlich auszugestalten. Ohne Beethovens Neunte im aufsehenerregenden Dirigat der jeweils genialsten Musikmeister würden wir gar nicht bemerken, wann der Krieg zu Ende ist, die Wirtschaftszyklen einander ablösen oder die Politik wechselt.

Am kleinen Beispiel: Beethovens Neunte zur Grundsteinlegung von Bayreuth, Beethovens Neunte zur Einstellung des Festspielbetriebs im Ersten Weltkrieg, Beethovens Neunte zur Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1924, Beethovens Neunte zur Einstellung der Festspiele 1944, Beethovens Neunte zur Wiedereröffnung der Festspiele 1951 und so fort. Inzwischen Beethovens Neunte zur Eröffnung Olympischer Spiele, zum Fall der Mauer, zur Einweihung von Supermärkten und als Eurohymne.

Die Kulturschaffenden meinen es furchtbar gut: Der Krieg ist schrecklich, der Konsum terroristisch, die Politik verlogen, aber die Künste sind das gute, wahre, schöne Gegenteil von allem. Kultur und Kunst verwalten das Edle im Menschen; Politik und Wirtschaft müssen sich mit den Machtgelüsten der Menschen, ihrer Aggressivität, mit Neid und Verführbarkeit begnügen.

Thomas Ruff will sich nicht länger solcher Kunstveredlung und Narretei der Naiven zuordnen lassen. In einer Collage seines jüngsten Werkzyklus führt er vor Augen, wie die Künstler zu ihrem Rollenverständnis als Stellvertreter des wahren Lebens im falschen gekommen sind: Die Collage imaginiert im Bild des Krieges den Feldzug des amerikanischen Senators Jesse Helms gegen die Museen der USA, die sich als Tempel der Kunstavantgarde inszenieren. Das harmlose Fotografieren und Malen und Collagieren von Künstlern erscheint Helms so bedrohlich, daß Staat und Gesellschaft in die Gefahr geraten, zerstört zu werden. Derartige Einschätzungen der Wirkung von Künstlern sind ja wohl eine unüberbietbare Bestätigung ihrer Rollen.

Dieselbe Bestätigung besorgten die Kampagnen gegen "Entartung der Künste" im Nationalsozialismus, im Universalsozialismus, im Zeitalter des wilhelminischen Großmachtgetues! Erst die Verfolgung von Künstlern, die Zerstörung ihrer Werke haben sie zwangsläufig zu Kulturheroen werden lassen, deren titanischer Kampf mit der leeren Leinwand zum Sinnbild existentiellen Kampfes gegen leere Kassen, leere Gesellschaftsrituale und leere Machthaberhirne wurde. Das Selbstbewußtsein der Künstler nährt sich also aus Ablehnung, Stigmatisierung und Verfolgung ihrer Werke respektive ihrer selbst.

Daß die Künste ihrerseits gegeneinander gnadenlos konkurrieren wie alle Produzenten von Wirtschaftsgütern, daß sie parteiliche Seilschaften bilden wie alle Repräsentanten politischer Interessen und daß sie sich als Selektionskommissare gegen ihre Kollegen bedingungslosem Gehorsam unterwerfen wie irgendein Militär, muß man ihnen offensichtlich nachsehen, weil ihnen solches Verhalten schließlich durch ihre Verfolger aufgezwungen werde. 

Ob in Notwehr oder aus Naivität: In jedem Fall operieren auch Kulturschaffende mit dem existentiellen Ernstfall, auf den sich Wirtschaft, Politik und Militär stets berufen. Damit entfällt für die Künstler der noch grundgesetzlich garantierte Vorbehalt, nur in der Sphäre des ästhetischen Scheins auf Bühnen, in Konzertsälen und Museen zu agieren. Die Entgegensetzung von Kunst des Schönen, Guten und Wahren zu den Sphären des irreversiblen militärischen Tötens, wirtschaftlicher Konkurrenzvernichtung und politischer Gewaltanwendung wird unterhaltbar.

Die Beziehung Kultur/Kunst zu Wirtschaft, Militär und Politik sind ein beherrschendes Thema geworden, obwohl man immer noch versucht, die Diskussion als "politisch nicht korrekt" abzuwehren. Im Namen kultureller Autonomie werden Kriege vom Zaun gebrochen und Konsumenten auf Kampagnen wie "buy British" verpflichtet. Wir schütteln zwar noch den Kopf, wenn wir zur Kenntnis nehmen müssen, daß Militärstrategen, ohne mit der Wimper zu zucken, Kriegsschauplätze als "Kriegstheater (war theatre)" kennzeichnen - oder vom "Sandkastenspiel" der Schlachtenlenker sprechen. Aber eine ernstzunehmende künstlerische Arbeit dürfte es in Zukunft nur noch geben, wenn die Künstler endlich Kunst und Krieg als eine Einheit zu verstehen lernen - oder Kultur und Wirtschaft als eine Einheit zu denken vermögen.

Diese Einheit verbildlicht Ruff in seiner zweiten ausgestellten Arbeit, ebenfalls aus dem Werkzyklus der collagierten Plakate. Die Textinschriften lauten: "Das Alter der Menschheit" und "help the aged". Wenn wir den Tatsachen entsprechend (und nicht aus imperialer Überheblichkeit des Westens) die Vereinheitlichung der Welt als Globalisierung von Technologie, Wirtschaftsformen und kulturlegitimierten Kämpfen beschreiben, ergibt sich das Alter der Menschheit als Abstand der Gegenwart zur hochgerechneten Zukunft. Wie lange wird es noch dauern, bis die Wirkungen der wissenschaftlich/technischen Rationalität sich den gesamten Globus inklusive der Natur unterworfen haben werden? Eben diese Zeitspanne bestimmt das Alter der Menschheit.

Im Zentrum der Ruffschen Collage, auf der Basis der umgedrehten Pyramide, ist ein dorischer Tempel wie der Athener Parthenon zu sehen, über dem eine Atompilzewolke aufsteigt. Die Philosophen des antiken Griechenland gelten als Väter wissenschaftlicher und technischer Rationalität. Sie stellten das Erbe, das sie antraten (das ägyptische), per Reflexion auf den Kopf. Dieser Reflexion verdanken wir heutige Verfahren der Naturausbeutung, der industriellen Produktionen, der Kommunikation, aber auch B 52 Bomber, Atomwaffen und andere Instrumente der radikkalen Erneuerung durch Abräumen.

Gegen die Unterwerfung unseres Planeten unter die rational erzwungene Einheit von Schaffen und Zerstören beschwören gegenwärtig viele den Appell "Helft den Alten" - schützt die alten Kulturen, die überkommenen Weltbilder, die vertrauten Lebensformen.

Diese anrührenden, aber von vornherein vergeblichen Beschwörungen bewertet Thomas Ruff in seinen Bildgedanken: Das Alter der Menschheit bemißt sich nicht an dem, was hinter uns liegt, sondern welche Zukunft wir haben. Alter ist ein Sturm aus der Zukunft und nicht ein treibender Rückenwind aus dem verlorenen Paradies. Wer das in Rechnung zu stellen vermag, kann mit seiner wohlbegründeten Zukunftsangst besser umgehen, denn er hat den Schrecken des Endes schon hinter sich.

Abbildungen:

Plakat VI, Thomas Ruff, 1998, C-Print, 240x180cm

Plakat VII, Thomas Ruff, 1998, C-Print, 240x180cm