Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 158

Nicola Torke. Formstill schaut dich die Vollendung an

Nicola Torke präsentiert gebrannte, bemalte und lasierte Tonskulpturen: Kakerlakenmonumente. Die Tiere liegen auf dem Rücken ihres Chitinpanzers, ihre sechs Beine in Todesstarre hochgestellt, die Fühler zu seiten der Körper erschlafft. Die unterscheidbaren Farben der Chitinpanzer verweisen auf die bei uns am häufigsten vorkommenden Artvertreter der Kerbtiere. Torke hat sie auf dem Boden etwa so angeordnet, wie sie in einem Hotelzimmer New Yorks oder einer Berliner Küche anzutreffen sind, nachdem man versucht hat, hat unter den Hunderten von selbstbewußt und behäbig herumkriechenden Tieren wenigstens einige mit der Giftschleuder zu erlegen.

Die monumentale Erhöhung dieser Kleindaseinsformen konfrontiert uns mit einem kollektiven Trauma: Die angebliche Krone der Schöpfung sieht sich in allen wesentlichen Parametern des Lebendigseins durch Viren und Bakterien, Ameisen und Termiten, Zecken und Kakerlaken, Algen, Quallen und Haifische in den Schatten gestellt. Viren und Bakterien übertreffen unsere Anpassungsfähigkeit an veränderte   Lebensumstände in unvorstellbarer Weise, Ameisen und Termiten formen die größte Biomasse einer Spezies auf Erden. Wollten wir es mit der Reproduktionsrate von Zecken und Kakerlaken aufnehmen, so türmten sich in kurzer Zeit auf der gesamten Erdoberfläche Menschenpyramiden acht Meter hoch. Und wollten wir uns etwas auf unser evolutionäres Alter einbilden, so würden uns die Haifische lehren, daß sie Hunderte von Millionen Jahren länger auf Erden existieren, und zwar unter Konstanthaltung ihrer organismischen Form, die so perfekt gebaut ist, daß sie in dieser unendlich langen Zeit nicht mehr im geringsten zu optimieren war.

Strategie der Formvollendung? "Lachhaft", sagen die Haifische, "das haben wir längst erreicht!" Macht des Alters als Würde evolutionären Überdauerns? "Da müßt ihr uns feiern", verbreiten die Viren in unseren Leibern. Fähigkeit zu funktionstüchtiger Gemeinschaftsbildung? "Ihr redet doch seit Jahrhunderten metaphorisch vom Ameisenstaat, abschätzig zwar, aber doch nur aus Furcht, daß wir Formen des kollektiven Zusammenlebens bereits praktizieren, die euch erst bevorstehen", so die rotbraunen Minimalisten.

Vor den Repräsentanten dieser Lebensformen schrumpft unser Selbstbewußtsein als homo sapiens sapiens in einem Maße zusammen, daß die kopernikanische Kränkung, nicht mehr der Mittelpunkt des Universums zu sein, vergleichsweise nebensächlich erscheint. Der Horror, den diese Kränkung auslöst, wurde durch Mitteilungen von Biologen verstärkt, die kühl konstatieren, daß diese Lebewelt selbst den totalen Einsatz aller atomaren Sprengköpfe ohne den geringsten Schaden überstehen würde. Und sehen wir nicht in jenen wunderbaren Anwendungen freien Forschergeistes den Höhepunkt unserer Kreativität und kognitiven Leistungsfähigkeit? Homo sapiens sapiens, also das evolutionäre Wesen, das sich selbst zuschreibt, zu den feinsten (Geschmacks-) Unterscheidungen fähig zu sein, wird bei weitem übertroffen durch die von Kleinsthirnen verrechneten Wahrnehmungen von Erdmagnetismus und Duftstoffen, von Produktionsbestimmung durch Echolot oder Wellenspektren, die wir mit Größthirnen und ungeheurem ökonomischen Aufwand erst mühsam nachzuvollziehen versuchen.

Die Kakerlaken-Skulpturen von Nicola Torke rufen uns in Erinnerung, daß unsere Machtgesten und Herrscherattitüden als Menschen gegenüber anderem Leben lächerlich sind. Der täglich geführte Kampf ist aussichtslos gerade durch unseren Einsatz aller Mittel. Unsere Feinde triumphieren um so mehr, je radikaler wir gegen sie vorzugehen versuchen.

Torkes Beitrag ermahnt uns, Altern in Dimensionen der Naturevolutionen zu bedenken. So triumphal wir uns in der Gewißheit suhlen, daß genetische Vererbung von der extragenetischen, also kulturellen an Effektivität weit überboten werde, so trifft das doch nur auf die Kultur der Menschen zu. Diese aber gehorcht den gleichen Gesetzen wie die Natur der genetischen Vererbung. Kultur ist die Natur des sozialen Zusammenlebens, zu dem wir genötigt sind, um als Individuen überleben zu können.

Apropos suhlen: Goethe war als genetischer Vererber ein absoluter Flop, aber als extragenetischer kultureller Vererber eins der stärksten Exemplare der Menschheitsgeschichte - so rechtfertigen wir die Entscheidung, uns mit größerem Generativitätsquotienten (GQ) in Werken zu vererben als in Kindern.

Nicola Torke hat die Entgegensetzung von genetischer/natürlicher und extragenetischer/kultürlicher Vererbung/Übertragunng zum Zentrum ihrer Arbeit als Künstlerin gemacht.

In früheren Werken präsentierte sie eine Bohne, diese Gebärmutter von endlos vielen weiteren Keimlingen, als kulturelle Form, nämlich als Keramikplastik mit Bezug auf Kollegen von Brancusi bis Henry Moore. Sie zeigte, daß kulturelle Formvollendung die natürliche nicht zu überbieten vermag. In einer weiteren Skulptur aus neun Porzellankegeln in instabiler Schwebeposition über dem Boden verwies sie auf die Gesetzmäßigkeiten selbst dessen, was wir für zufällig, beliebig oder chaotisch halten.

Ihre skulptierten Wahrnehmungs-, Vorstellungs- und Denkangebote legt Nicola Torke darauf an, die Bewertungs- und Ordnungsschemata von Natur und Kulturen in Beziehung zu setzen. Das Beste, was sich über die Leistungsfähigkeit von Kulturen sagen läßt, daß die Kulturfreaks endlich lernen, sich von ihrem Selbstbeweihräucherungsprogramm "Humanisierung" eine Weile zu verabschieden, um sich erst einmal der "Homonisierung" zu stellen, nämlich der Tatsache, daß wir genau wie alle anderen Lebensformen und Lebewesen Produkte der Naturevolution sind.  

Abbildungen:

Formstill, Nicola Torke, Objekt aus glasierter Keramik, 45x35x70cm

Formstill, Installation, Nicola Torke, Objekte aus glasierter Keramik, je 45x35x70cm