Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 162

Christian Faul und Andreas Oehlert. Im Bernstein

In seinem Fürther Atelier saß Christian Faul monatelang täglich zehn Stunden, um sich im kontinuierlichen Auftragen von hauchdünnen Ölfarbschichten auf Pappelholz einer Faszination anzunähern, die ihn, wie jedermann, seit Kindheitstagen begleitet.

Niemand vergißt seine ersten Blicke auf einen Bernstein, in dem eine Ameise oder ein ähnliches organisches Substrat eingeschlossen ist. Man hörte oder las Kommentare zur Enstehung eines solchen Gebildes; man hörte zum ersten Mal von Zeitdimensionen jenseits aller Vorstellung, auch wenn man das märchenhafte Abstraktum, "es geschah einmal vor vielen, vielen Jahren...", spielend bewältigt hatte.

Das Faszinosum des Bernsteineinschlusses lag und liegt darin, jenen weit zurückliegenden Augenblick des Ereignisses als unmittelbar gegenwärtig zu erfahren. Das Wirken von Wind- und Wassererosion hat im Bernstein als Zeugnis des unvordenklichen Geschehens nichts zu verändern vermocht. Im Bernstein wird nicht nur die Zeit des Ereignisaugenblicks stillgestellt, sondern auch alle Zeit, die seither vergangen ist.

Das ist eine andere Faszination, als sie von Mumien und Objekten antiker Kulturen ausgeht, die uns durch die zerstörerische Kraft der Zeitfurien nur mehr oder weniger ruiniert vor Augen kommen. Selbst sorgfältig, also meisterlich gearbeitete Ölgemälde jüngerer Epochen lassen das aggressive Walten vergehender Zeit noch in feinen Rissen unübersehbar werden. Den Bernsteineinschluß erleben wir als vollkommenste Konservierung von Zeit in Zeitlosigkeit ewiger Gegenwart, und er ist deshalb bis heute, bis zur Etablierung von Genbanken, der höchste Maßstab für alle kulturellen Anstrengungen, einen Augenblick auf Dauer zu stellen. 

Der Augenblick, den Faul auf Dauer stellen wollte, ist seine Konfrontation mit einer etwa achtzigjährigen Bäuerin, die, auf einem Stuhl sitzend, die Hände auf dem Bauch gefaltet, offensichtlich gerade in einem alterstypischen Schlaf gefallen ist.

Eine derartige momenthafte Begegnung bleibt jedem, der sie erfahren hat, in irritierender Erinnerung, weil man vor der plötzlichen Ahnung steht, daß dieser Zustand als Übergang der Lebenden in den Tod unwiderruflich sein könnte. In der Tat gibt Faul seinen Blick auf die Bäuerin im unstrukturierten, nachtsphärischen Bildraum so wieder, daß er auch als Anblick einer liegenden, gerade Gestorbenen verstehbar wäre. Gegen diesen Eindruck spricht nicht unsere kulturelle Konvention, Toten den Mund zu schließen, da dieser Dienst am erinnerungswürdigen Anblick des Toten erst nach dem Aushauchen des Lebens geleistet wird.

Vor dem Gemälde, aber in Beziehung auf den Bildraum, in virtueller Reichweite der Bäuerin, liegt auf einer Stele die Brille der Porträtierten. Das Brillengestell besteht aus einem Material von der Anmutung nebeltrüben Bernsteins. Auch diese Positionierung der Brille dramatisiert den auf Dauer gestellten Augenblick, in dem noch nicht entschieden ist, ob die Bäuerin bloß schläft oder gerade stirbt. Diesen Moment will Faul bewahren.

Im monatelangen Auftragen von Ölfarbschichten schließt Faul den kritischen Moment im Gemälde ein, wie ein Bernstein Lebensspuren in sich verschließt. Die Ölfarbschichten lassen das Gemälde transparent werden, was umso überraschender erscheint, als der dargestellte Bildraum auf die metaphorische Farblichkeit des Bewußtwerdens anspielt, wie auch auf die märchenhafte Nacht des Traums oder das imaginierte Gefühl kosmischer Verlorenheit.

Faul hat seinem Porträt der Bäuerin keinen Titel gegeben, auch das entspricht dem fixierten Augenblick krisenhafter Unentschiedenheit.

In seinem Fürther Atelier beherbergte Faul eine Skulptur seines Künstlerfreundes Andreas Oehlert in räumlicher Beziehung zu seinem Porträt der Bäuerin. Oehlert versammelt um einen an der Decke hängenden Messingstab sechs untereinanderhängende Tischplatten, auf denen sechs Tischdecken, alle unterschiedlich im Stoff, in den Farben und im Design, liegen. Die Größen der Tischplatten nehmen von der obersten nach unten kontinuierlich zu, so daß die Skulptur die Form eines Kegels erhält. Die alltagsästhetische Wahrnehmung eröffnet jedem Betrachter die Möglichkeit, die Tischdecken nach ihrer Entstehungs- und Nutzungszeit zu identifizieren. Sie stammen offensichtlich aus einem kleinbürgerlichen Haushalt der Nachkriegszeit.

Durch die räumliche Nähe treten Fauls Gemälde und Oehlerts Skulptur in eine zeitlich, historische Beziehung, die durch die Lebenszeit der porträtierten Bäuerin bestimmt wird. Der Betrachter imaginiert die Tische mitsamt den Decken als jene, die die Bäuerin in ihrem Haushalt zu den unterschiedlichsten familiären Anlässen benutzt haben könnte. Mit einer merkwürdigen Selbstverständlichkeit stellt sich der Betrachter vor, wie die Hände und Arme sowie die Brille der Bäuerin auf diesen bedeckten Tischen geruht haben mögen, nachdem die Bäuerin auf ihnen das Mahl zubereitet hatte. Aller ihre Handlungen waren von der Gewißheit begleitet, daß sie in ihrer beständigen Wiederholung dem einzelnen Tagwerk wie dem häuslichen Leben auf absehbare Zeit dauernde Ordnung verleihen würden.

Was Menschen heute als Zumutung endloser Wiederholung ohne Ereignishaftigkeit empfinden, erschien dieser Bäuerin, wie den meisten ihrer Generationsgenossen, als Garantie einer Zukunft. Das häusliche Leben würde sich unverändert fortsetzen und gerade deshalb dem einzelnen Tagwerk Sinn verleihen.

Die Konfrontation der Arbeit von Faul und Oehlert ruft zwei Strategien in Erinnerung, mit denen wir den Augenblick zu erfüllen suchen: das Stillstellen der Zeit und das rituelle Wiederholen. Beide Strategien haben ihre Faszination für unser Leben und Arbeiten in Werken und Tagen und sind in bemerkenswerter Weise aufeinander bezogen. Die Stillstellung der Arbeitszeit im Werk muß offensichtlich immer wiederholt werden; und die Rituale in den Kulten der Wiederholung erscheinen uns gerade darin bedeutsam, daß sie den Zeitwandel bannen im permanenten "noch einmal und noch einmal und immer wieder und so fort".

Zitate:

"Großmutter war die einzige in der Familie, die mir imponierte. Ihre ganze Existenz war einwandfrei absurd. Sie tat nie etwas. Sie schien zu träumen — und ich saß vor ihr und fragte mich, wovon sie träumte. Ich wollte der Kraft auf die Schliche kommen, der es bedarf, allem entrückt zu sein. Ich beschloß damals, mir uralt vorzukommen. Alles war mir gleichgültig. Nichts regte mich auf. Ich sprang nicht wie andere herum, sondern streckte die Hände in die Hosentaschen. Man sah mich nie schneller gehen als eine Trauergemeinde hinter einem Sarg hergeht. Ich versuchte, dem Gang meiner Gedanken zu folgen, was zur Folge hatte, daß ich immer wieder einfach stehenblieb, in die Sonne schaute und fast einschlief." Wolf Wondratschek

Abbildungen:

o.T., Christian Faul, 1996, Öl auf Pappelholz, MDF, Lack; Brille, 260x270x40 - 100cm / Bild: 160x270cm

o.T., Installation, Andreas Oehlen, 1996, Installation, Tischdecken, Holz, Messing, 200x120x120cm