Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 174

Arnulf Rainer. Selbstversuchung - Raffael ohne Hände

Arnulf Rainer, 67, erlitt vor einiger Zeit einen Schlaganfall. Da innerhalb von 24 Stunden verschiedenste medizinische Maßnahmen getroffen werden konnten, verfügte der Patient sogleich wieder »über den vollen Gebrauch seines Kopfes«, so daß der ans Krankenbett geeilte Rudi Fuchs, Direktor des Stedelijk Museum Amsterdam, glauben wollte, daß der Rainer simuliere - ein allzu gut gemeinter Freundschaftsbeweis. Tatsächlich aber hatte Rainer erhebliche Schwierigkeiten seine Arme und Hände zu steuern. Was würde aus ihm als Maler werden, wenn er zwar uneingeschränkt zu denken, zu sprechen, zu erinnern, zu projektieren in der Lage wäre, aber eben nicht zu eigenhändigen Akivitäten auf der Leinwand? »Ein Raffael ohne Hände«, wie ihn sich Lessing vorstellte als er sich fragte: Wird das Künstlerwerk eher von der gedanklichen Konzeption oder von der materiellen Realisation bestimmt? Plötzlich waren solche Fragen für Rainer nicht mehr nur theoretisch. Er wollte die Lessingfrage im Selbstexperiment klären.

Er berief sich dabei auf den menschlichen Willen als Vermittlung zwischen Denken und Tun.

Rainer konnte mit einiger Mühe den pinselhaltenden rechten Arm, von der linken Hand unterstützt, in einer Diagonalbewegung von rechts oben nach links unten führen. Aus der Wiederholung dieser Bewegung ergaben sich die Diagonalspurbilder. Zwar hatte Rainer immer schon in seinen Übermalungen mit furiosem Gestus Farbe aufgetragen, aber nie in einer solchen Einengung des Bewegungsspektrums. Jetzt erwies sich die Einengung als Konzentration, und es gelang ihm, das so entstandene Bild zu akzeptieren, als habe er es von vornherein so geplant.

Ohne die Behinderung von Arm und Hand wäre er auf diesen gestischen Bildtypus aber sicherlich nicht gestoßen. Dann versuchte er willentlich, beide Arme und Hände zu synchronisieren. Da er mit den Händen Greifschwierigkeiten hatte, tunkte er die Finger in die mennigrote Farbe und führte sie in gleichförmigen und gleichzeitigen Bewegungen über die Leinwände.

Das Auftragen von Farben mit Fingern war für Rainer und viele Kollegen durchaus gebräuchlich: Aber dieses Vorgehen hatte etwas Gekünsteltes, dessen Effekt recht schwach blieb. Doch die Fingermalereien des Genesenden überzeugen den Betrachter, weil sie nichts von Manieriertheit oder freier Geläufigkeit spüren lassen.

In der Arbeitsphase seines Selbstversuchs zu Lessings Frage erfuhr Rainer Bildvisionen, die er bisher unterdrückt oder mutwillig sabotiert hatte. Nun wurde der Selbstversuch zur Selbstversuchung, seine bisherige Konzeption von Malerei zu erweitern.

Er schuf im Fortschreiten seiner Genesung Bildtafeln, die Farbflächen als imaginäre Räume repräsentierten — eine Art von Illusionismus, die er sein Leben lang radikal bekämpft hatte.

Rainer sträubte sich nicht länger, diese Imaginationen von Farbräumen jenen Vorstellungen parallel zu setzen, von denen Menschen in existenzbedrohenden Situationen übereinstimmend berichtet haben: sphäri-sche Lichträume, Paradiesbilder nie gekannten Seelenfriedens. Für Profimaler ist dergleichen eine Zumutung. Daß sich Rainer ihr stellte, zeichnet seine Kraft als Künstler aus, der erfahren hat: 

- das (reduzierte) Tun der Hände kann ihn zu Konzeptionen veranlassen, auf die er im programmatischen Denken nicht gestoßen wäre; er darf sich dem Denken der Hand anvertrauen;

- gerade die Störung der direkten Unterwerfung der Hand unter den Willen erzeugt eine Spannung zwischen Bildkonzept und -ausführung, die das geschaffene Werk ästhetisch auflädt.

Da die Häufigkeit solcher Störungen (seien sie nun neurophysiologisch oder psychologisch) mit dem Alter zunimmt, zeigen Werke älterer Künstler ein so hohes Maß ästhetischer Vollendung im scheinbar Unvollendeten. Dafür ist bis auf den heutigen Tag Michelangelos Verfahren des infinito (wie in dessen Boboli-Sklaven) ein sprechendes Beispiel. In der jüngsten Kunstgeschichte demonstrierte Matisse mit seinen späten Bildern die Umpolung von Behinderung in ästhetische Steigerung — im Rollstuhl sitzend, führte er am langen Stab die Kreide auf einem Bildfeld; diese Einschränkung der Armbewegung erzeugte staunenswerte Formvollendung durch Reduktion, die als Präzision zur Geltung kommt.

Abbildungen:

Diagonalmalerei, Arnulf Rainer, 1997, Kreide, Öl auf Zeichenplatte/Holz, 70x100cm

Fingermalerei rot, Arnulf Rainer, 1997, Öl auf Zeichenplatte/Holz, 100x70cm

Schleierbild rosa, Arnulf Rainer, 1997, Leimfarbe auf Holz, 122,5x81,5cm

Schleierbild gelb-dunkelrot, Arnulf Rainer, 1997, Leimfarbe auf Holz, 122,5x81,5cm

Diagonalmalerei, Arnulf Rainer, 1997, Kreide, Öl auf Zeichenplatte/Holz, 70x100cm

Stamm, Arnulf Rainer, 1997, Kreide, Leimfarbe, Öl auf Zeichenkarton/Holz, 80,5x60,5cm