Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 180

Franz Erhard Walther. Ich bin die Skulptur

1958 ließ sich Franz Erhard Walther von Freunden bei dem Versuch fotografieren, als lebende Skulptur aufzutreten. Mit einer Reihe von Attributen wie Stierschädel und Gewehr posierte er als Denkmal für den imperialen Großwildjäger, dessen lebende Inkarnation in den fünfziger Jahren Ernest Hemingway war.

Seitdem beschäftigte Walther die Frage: "Kann man Körpergesten als Plastiken behaupten?" Zehn Jahre später (1969) war das ein Thema für viele Künstler, die Harald Szeemann in der Berner Ausstellung »When Attitudes become Form« versammelte. Das hieß: Wie nehmen Mentalitäten und Verhaltensweisen in Werken Gestalt an? Franz Erhard Walther beteiligte sich an dieser Ausstellung. Er bot dem Publikum einen Werksatz von abstrakt gestalteten Stoff- und Stabformen. Den Besuchern wurde nahegelegt, mit diesen Formen und Materialien so zu hantieren, daß sie selbst zum Werkmittelpunkt oder zur treibenden Kraft des Gestaltungsprozesses avancierten.

In vielen Werkstücken entwickelte Walther seine Fragestellung bis zu den Ummantelungen als Skulptur, die er 1998 für die Ausstellung »Altern« angefertigt hat. Durch die Konfrontation der Fotos von 1958 mit den Ummantelungen von 1998 möchte Walther »Altern« als Entwicklung einer Werkstrategie zum Thema machen, Stets hatte er seine einzelnen Arbeiten ›nur‹ als »Werk-Stücke«, gekennzeichnet, die jeweils zu »Werk-Sätzen« zusammengefaßt wurden.

Aber »Werk« meint bei ihm nicht die Addition von Einzelarbeiten zum »Gesamtwerk«. Wenn wir von einem Unternehmer sagen, er habe ein »Lebenswerk« geschaffen, meinen wir damit auch nicht nur die Abfolge von Investitionsentscheidungen, Produktentwürfen und Verkaufserfolgen; vielmehr kennzeichnen wir mit dem Begriff »Lebenswerk«, daß es jemand gelungen sei, eine Position unter den Zeitgenossen zu beziehen, in der sich zentrale Frage- und Aufgabenstellungen seiner Zeit ablesen lassen. »Altern« meint dabei ein Zeitpotential, das ausgeschöpft wurde. Für Walther stellt sich also die Frage, wie weit er in 40 Arbeits- und Lebensjahren dieses Zeitpotential genutzt hat, um an der Entwicklung seiner Werkstücke zentrale Problemstellungen seiner Zeit. Das »Werk« ist nichts materiell Realisiertes, sondern eine »Zusammenschau« der einzelnen Werkstücke. »Zusammenschau« auf griechisch »theoria«. »Werk« bleibt also ein theoretisches Postulat, das sich Walther nie als einzelnes Werk physische realisieren läßt, sondern das die Wahrnehmung und Bewertung der einzelnen Werkstücke oder Werksätze anleitet.

Also folgen wir der Anleitung des Waltherschen Werkbegriffs beim Blick auf die Entwicklung der Fragestellung, was eine herkömmliche Skulptur von einem  lebenden Menschen unterscheidet, der in die Attitüden von Standbildern schlüpft.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts zu den beliebtesten Unterhaltungen des Bürgertums, »lebende Bilder« zu stellen. Das intellektuelle Vergnügen an diesem Gesellschaftsspiel bestand darin, aus Bildungswissen und eigener Phantasie zu erraten, welchen Themen aus Geschichte und Mythologie, bildender Kunst oder Oper diese Szenen nachempfunden wurden.

Inzwischen präsentieren sich auf Plätzen und in Fußgängerzonen der Großstädte meist marmorweiß geschminkte Unterhaltungskünstler als lebende Skulpturen. Ihr Publikum scheint vornehmlich Körperbeherrschung und Konzentrationsfähigkeit zu bewundern, die notwendig sind, um minutenlang nicht einmal mit der Wimper zu zucken. Recht betrachtet genießen die Touristen das Angbot, einer Augentäuschung zu unterliegen, die ihrem besseren Wissen widerspricht. Mit diesem Wechselspiel von Wahrnehmungseindruck und Situationanalyse kalkulierten Künstler Bildwirkungen, die den Genrenamen »Trompe l'oeil« — Augentäuschermalerei tragen.

In jüngster Zeit übertrugen Künstler wie Gilbert und George, Duane Hanson oder George Segal die Trompe l'oeil-Technik aus der Malerei auf die Skulptur, allerdings und Gottseidank ohne die spektakulären Effekte der Wachsfiguren einer Mme. Tussaud.

1970 edierte René Block ein Multiple von Joseph Beuys: den Filzanzug. Wer ihn sich an die Wand hängte, mußte die Anschauung eines Kleidungsstücks mit dem Beuysschen Begriff der »Wärmeplastik« zusammenbringen. Natürlich weiß jeder, daß Kleidung u. a. die Funktion eines Wärmespeichers hat, auch war mit Thermofotografien die Energieaura lebender Körper zuvor sichtbar gemacht worden. Beuys veranschaulichte das Kleidungsstück »Anzug« als »Thermoskulptur«.

Walther faßt Kleidung als «Bewegungsskulptur« auf. Jeder hat die Erfahrung gemacht, daß Zuschnitt und Material der Kleidung weitgehenden Einfluß auf die Möglichkeit haben, Bewegungswillen und psychischer Befindlichkeit Gestalt zu geben. Man fühlt sich häufig von der Kleidung in Attitüden und Bewegungsmuster geradezu eingeschnürt. Immer wieder wurde daher versucht, durch Reform der Kleidung dieser Gestaltungskraft zu entgehen. Aber wer sich freimacht, ist noch lange nicht befreit von der Notwendigkeit, sich anderen gegenüber doch als unterscheidbare Gestalt präsentieren zu müssen. Die Unterscheidbarkeit verlieren heute alle, die sich in einem Anzug wie in einem T-Shirt bewegen und bei einer Beerdigung wie bei einer Hochzeit gekleidet sind.

Walther aktiviert mit seinen Ummantelungen die Bewegung und Verhalten formende Kraft der Kleidung. Form wird zur Uniform, und die künstlerischen Skulpturwerke weisen Uniformen als Grundformen der Gestaltwerdung aus. Körperschema und Verhaltensgesten können also zur Skulptur oder Plastik werden, indem man seinen Körper in Form bringen läßt, ihn also formiert und damit zum Träger einer Information macht.

Die Geschichte dieser In-Formation reicht von der griechischen Gymnastik bis zum heutigen Bodybuilding und von der Einkleidung geistlicher und weltlicher Würdenträger bis eben zu Walthers Ummantelungen. In allen diesen Informierungen durch Uniformierung werden die menschlichen Körper zu lebenden Bildern oder zu Gestalten jenseits ihres zufällig von der Natur vorgegebenen Organismus. Aristokraten und Künstler sahen die Unterwerfung unter Uniformen und Grundformen nicht als Einschränkung ihrer Individualität. Der Anspruch auf Individualität kam überhaupt erst zur Geltung, wenn alle die gleichen Grundformen des sozialen Verhaltens und der Gestaltung akzeptierten. Jugendliche wollen ihre Uniformierung im subkulturellen Outfit als möglichst deutliche Absetzung von der Norm ausweisen. Reifere Strategen wissen, daß es ziemlich sinnlos ist, von der Norm abweichen zu wollen, wenn es keine Normen gibt. Grundlegend bleibt also die Norm und nicht die Normabweichung. Künstler wie Walther sichern die Grundformen als Grundnormen. Abweichungen in Stil und Manier verstehen sich dann allenfalls als interessante Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Aus der Zusammenschau der Werk-Stücke ergibt sich für Walther das Werk als Kanon der Regeln. In dieser Auffassung spiegeln sich tatsächlich en Entwicklungstendenz der neueren Kunstgeschichte: Man fängt nicht mit der Kenntnis eines festgeschriebenen Kanons der Regeln an, sondern lernt ihn nach langen Phasen praktischer Arbeit an Werk-Stücken überhaupt erst zu formulieren. Die Ummantelungen legen dem Betrachter nahe, deren Träger als Skulptur vorzustellen. Ihre Farben spielen einerseits auf die Tatsache an, daß von der Antike bis in den Barock Skulpturen häufig bunt bemalt wurden; in neuerer Zeit eine Seltenheit. Andererseits verweist die monochrome Farbigkeit der Ummantelungen auf die ähnlichen Problemstellungen für Skulptur und Malerei in unserem Jahrhundert. Monochromie und Reinheit des Materials wurden gegen Sinnenrausch und Augentäuschung durch Gegenstandsfarbigkeit und Farbsymbolik gesetzt.

In der Ausstellung können wir die Ummantelung nur ohne ihre Träger präsentieren: Hängend und liegend sind sie als Bewegungsskulpturen des Krönungsornats, des Staatsbegräbnisses, der Reliquienschau, der Theatergeste, des Kriminalfalls und der Straßenpantomime interpretierbar. Sie werden damit zu plastischen Bildern im Raum.

Abbildungen:

Versuch eine Plastik zu sein, Franz Erhard Walther, 1958, Fotoarbeit (mit Stierschädel, Pfeife, Jagdgewehr, Wagenleuchte)

ich bin die Skulptur., Ummantelung, Franz Erhard Walther, 1998, Hellgrau / Rosa / Chamois / Blau / Orange / Dunkelgrau

Zeichnungen zur Installation der Ummantelungen, Franz Erhard Walther