Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 194

Thomas Huber. Baustellen

Gemeinsam verfasst mit Thomas Huber

Ein Bild: am Rande einer Stadt drei Baustellen im Gelände. Auf der einen Seite ein Stahlskelettbau, rot gestrichen. Auf der anderen der bekannte Prototyp »Dominohaus« von Le Corbusier als Rohbau. In der Mitte des Bildes ein mit Bauzäunen abgesperrtes Terrain. Dort befindet sich eine Baugrube mit Aushub, der zu zwei Kegeln aufgeschüttet ist. Reifenspuren von schweren Lastwagen haben sich in das Erdreich um die Grube eingegraben. An einigen Stellen Pfützen. Hier ist alles sehr nah am Boden, nahe der Erde, in die Erde eingegraben. Hoch ragt nur das Baustellenschild, die Ankündigung eines Vorhabens. Das Geplante wird im Vorgriff verbildlicht. Leider kann man nur die Rückseite des Bauschildes sehen. So bleibt es unserer Vorstellung überlassen, was an dieser Stelle gebaut werden soll. Offensichtlich ist das Bauvorhaben aber schon vor längerer Zeit eingestellt worden. Die Szenerie ist in schwarzweiß gehalten, als sei sie eingefroren, und steht fremd in der Farbigkeit der Umgebung. Figuren, wie aus Bronze gefertigte Skulpturen, stehen im Gelände, als betrachteten sie, was hier schon in seinem Beginn aufgegeben wurde. Sie besichtigen das zur Ruine erstarrte Unvollendete.

Es liegt nahe, die Baustelle als Sinnbild künstlerischen Projektierens zu sehen. Gerade der Maler sieht Parallelen zum eigenen Arbeitsplatz. Die Baugrube repräsentiert den Abgrund der Bildtiefe, in den der Künstler abzustürzen droht. Der Aushub steht für den Bildinhalt oder die noch nicht durchgearbeitete Bildsubstanz. Der Bildgehalt ist erst noch aus vergessenem Gelände zu heben. Und nie ist es dem Maler gelungen, das Bauschild seines Vorhabens von der Seite zu sehen, die ihn daran erinnern könnte, was er einstmals geplant hatte. Das Projekt blieb ein vorläufiges und altert als unvollendetes.

Es ist klug, in diesem Zusammenhang die Frage der Meisterschaft aufzuwerfen: Was vollendet ist, muß nicht fortgesetzt werden, es wird festgesetzt. Aber auch das Unvollendete ist festgesetzt als Ruine. Und damit beginnen meine Zweifel an meinen eigenen Projekten. Ich mußte zur Kenntnis nehmen, daß mir mein Werk als frühvollendetes entgegen steht.

Mit meiner Rede über die Sintflut hatte ich 1982 als 27jähriger bereits mein Thema gefunden und in seinen Grundzügen ausgelotet. Alles weitere war nur Vertiefung, Konzentration auf das Detail - aber keine Variante; das schließe ich aus.

Deshalb verspricht mir das Älterwerden wohl kaum künstlerische Reife, kein neues Heureka. Es gilt vielmehr, den Stand zu halten. Mein zukünftiges Werk ist also auch eine kontinuierliche Retrospektive. Sie spiegelt sich in den Bildpanoramen, in den ich meine Bildräume zusammenfasse. Die Panoramen sind immer Stadtansichten als »Schauplätze«. In diese panoramischen »Schauplätzen« als bis auf weiteres stillgelegte Baustellen kann es also nicht um Vollendung gehen, nicht einmal um endgültige Sicherung.

Ich arbeite mit Ausdrucken von Computersimulationen, die sehr schnell verblassen. Zukünftige Ausdrucke werden kaum möglich sein, weil durch die Entwicklung der Computertechnologie die heutigen Geräte als bald veraltete nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Auch insofern sind meine Arbeiten eingestellte Bauvorhaben, Ruinen meines Willens, Monumente babylonischer Art. Aber immerhin vermitteln Baustellen eine vielversprechende Aufgeregtheit in der Erwartung, die Bauvorhaben könnten doch noch einmal aufgenommen werden - das Leben bleibt eine Baustelle.

(Verfasser: Thomas Huber mit Bazon Brock)

Abbildungen:

Baustellen, dreiteilig, Thomas Huber, 1998, Computerprint auf Kunststoff, 180x360cm 

Rohbau, Thomas Huber, 1998, Aquarell auf Papier, 67x97cm

Baustelle, Thomas Huber, Aquarell auf Papier, 74x97cm

Dominohaus, Thomas Huber, 1998, Aquarell auf Papier, 75x97cm