Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 224

Michael Wesely. Zeit-Räume

Wesely präsentiert drei »Zeitbilder«. Sie unterscheiden sich durch ihre Belichtungszeiten. Mit einer von ihm konstruierten Kamera belichtete Wesely im Ereigniszeitmaß eines Fußballspiels im Münchener Olympiastadion das Lokalderby zwischen dem FC Bayern München und dem TSV 1860 am 11. 4. 1998. Die zweite Arbeit entstand durch Belichtung eines Blumenstraußes über eine Woche im geschlossenen Innenraum. Der dritte Beitrag resultiert aus einer zwölfmonatigen Aufnahme im Kunstbau des Lenbachhauses, München.

Wenigstens das Ereigniszeitmaß von 2 x 45 Minuten ist uns im Alltag vertraut, u.a. durch die Dauer der Schulstunden und Vor-lesungseinheiten, aber auch durch die seit den fünfziger Jahren bestehende Konvention, Fernsehsendungen möglichst in 45 Minuten zu präsentieren. Den Ereigniszeitraum einer Woche gegenwärtig zu halten, ist schon schwieriger. Wir nutzen eine psychologische Zeiterfahrung, indem wir z.B. das Andenken an den Spender eines Blumenstraußes solange aufrechterhalten, wie der Strauß noch nicht völlig verwelkt ist, und normalerweise hält sich ein Blumenstrauß etwa eine Woche ansehnlich.

Das Zeitmaß »Jahre« sind wir bestenfalls gewohnt, an den Veränderungen von Personen oder Räumen festzustellen, wenn wir sie lange nicht gesehen haben. In der täglichen Konfrontation spielt langfristige Zeiterfahrung kaum eine Rolle, weil uns die kontinuierlichen kleinen Veränderungen nicht auffallen. Der Zeitraum eines Jahres bleibt uns ein kalendarisches Abstraktum.

Weselys Langzeitaufnahmen verlangen uns die Überlegung ab, in welchem Verhältnis der objektive Zeitverlauf zu unserem subjektiven Zeiterleben steht. Im konkreten Einzelfall haben wir uns zu fragen, in welche Beziehung wir die Herstellungsdauer eines Bildes zu der Dauer seiner Betrachtung setzen.
Aus unserem naiven Verständnis von fotografischer Technik unterstellen wir, daß etwas zu fotografieren ein kurzfristiger Vorgang ist, fast wie der Lidschlag eines Auges; wir wissen zwar von Belichtungszeiten, aber da sie nur minimal variieren, rechnen wir beim Fotografieren nicht mit gestaltbarer Zeit, sondern mit Augenblicken. Maler benötigen häufig mehr als eine Woche, manchmal Monate oder noch länger, um ein Gemälde fertigzustellen. Wieso glauben wir, so schnell mit der Betrachtung von Gemälden fertig zu werden, wie das die heutige durchschnittliche Verweildauer vor Bildern in Museen ausweist: wenige Minuten?!

Natürlich kann dieser Minutenblick auf ein Bildwerk häufig wiederholt werden, ja, man kann es sich zur Pflicht machen, stundenlang vor Bildern in Betrachtung zu versinken (das schildert z.B. Thomas Bernhard in »Alte Meister«). Manchen wird diese Art der Betrachtung zur religiösen Übung der Meditation, also zur Erfahrung der Zeitvergessenheit.

Normalerweise stellen wir bei der Betrachtung von Gemälden gar nicht die Zeitspanne ihrer Entstehung in Rechnung. Wir tun so, als sei das Gemälde aus der Zeitlichkeit seiner Herstellung in die Zeitlosigkeit seiner Museumspräsenz überführt worden. Gehört der Zeitaufwand, der für die Entstehung eines Bildes benötigt wurde, nicht mehr zur Wahrnehmbarkeit des Bildes? Ist es für den Genuß von Speisen unerheblich, wie lange ihre Zubereitung gedauert hat? Jeder Feinschmecker belehrt uns eines besseren: Fast-food und Fertiggerichte erfreuen uns deshalb so wenig, weil man den nötigen Zeitaufwand nicht zu leisten bereit war, den nun einmal die Zubereitung besonderer Speisen erfordert.

Wesely belehrt uns darüber, Zeitvergehen als wesentliche Komponente der Entstehung von Bildern anzuerkennen. Mehr noch: Die Bilder sollten (wie die Speisen) die Zeitlichkeit ihrer Entstehung selbst zum Thema machen. Wesely demonstriert einerseits, analog zur Auffassung zeitgenössischer Biologen, daß sich die Zeit als Zeit von Formentwicklung manifestiert. Wie man bei einem Embryo an der Ausdifferenzierung von Organformen sein Alter feststellen kann, bestimmt Wesely Zeit anhand der der häufig nur minimalen Veränderungen der Formgefüge in seinen Langzeitfotos. Zum anderen beweist Wesely, daß Zeiterfahrung gerade an die. Erfahrung dessen gebunden ist, was sich in einem zeitlichen Verlauf nicht verändert. Wesely operiert also mit Zeit als Ausdruck des Formwandels und mit Zeit als Ausdruck von Formkonstanz.

Aber der Formwandel ist nur mit Bezug auf Formkonstanz und Formkonstanz nur mit Bezug auf Formwandel feststellbar. Um Zeit als Formwandel zu erfahren, müssen wir wahrnehmen können, was in der Zeit konstant bleibt, und um Formkonstanz festzustellen, müssen wir uns auf Formveränderungen beziehen. Herkömmlich bezeichnen wir Formen, die sich nicht wandeln, als zeitlos im Sinne von dauerhaft oder zeitresistent, und wir bezeichnen, was sich wandelt, als vergehend oder flüchtig. Die Zeit vergeht, aber Zeitlichkeit selbst dauert an.

Am Beispiel der Zwölfmonatsaufnahme: rund 40 000 Menschen hielten sich während des Belichtungsjahres im Kunstbau auf. Gegen die Alltagserwartung addierte die Kamera die vielen Besucherbewegungen nicht zu einer diffusen grauschwarzen Fläche auf. Die Kamera verwandelt in der Langzeitbelichtung die Ereigniszeit in einen Zeitraum. 90 Minuten, eine Woche, ein Jahr werden zu Zeiträumen. Wesely realisiert Zeiträume als Bilder. Zeitraum wird visuell erfahrbar und bleibt nicht nur ein gedankliches Konstrukt. Auf solche Gedankenarbeit verließen sich herkömmlich Künstler, ohne indes tatsächlich einen Zeitraum sichtbar zu machen. Wagner läßt seine Bühnenfigur Gurnemanz sagen: »Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit; du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit« (Parsifal, 1. Akt). Der Zeitraum bleibt bloß gewähnt, also gedacht, nicht aber realiter ausgewiesen wie in Weselys Arbeiten.

In Weselys Zeiträumen wird der Betrachter zum Zeitarchäologen. Wir müssen daher Weselys Bildern so begegnen wie ein Archäologe den historischen Epochen (den Zeiträumen), in denen Menschen auf einem bestimmten Territorium gelebt haben, aber aus ihm verschwunden sind wie die Besucher aus dem Kunstbau, obwohl sie tatsächlich während der Aufnahme im Raum anwesend waren. Der Archäologe durchdringt also einen Epochenraum mit dem Wissen um Menschen, die in ihm nicht mehr vorhanden sind. Wir durchdringen die Weselyschen Zeiträume mit dem Wissen, daß auch wir über kurz oder lang in diesen Zeiträumen unsichtbar werden wie die Kunstbaubesucher. Wir können nur, wie Wesely, Werke zu schaffen versuchen, die die Zeiträume unse-res Lebens sichtbar werden lassen, denn wir verschwinden aus diesen Räumen, weil Zeit vergeht.

Abbildungen:

Kamera für Langzeitbelichtigungen mit Wandbefestigung

14.-22. März 1998, Michael Wesely, 1998, Ilfochrome-Vergrößerung auf Aluminiumdibond kaschiert, Metallrahmen graviert, verglast, 160x123,5cm

29.Juli 1996 - 29. Juli 1997, Kunstbau, Lehnbachhaus München, Michael Wesely, Barytvergrößerung auf Aluminiumdibond kaschiert, Metallrahmen graviert, verglast, 97cm x 130cm

11. April 1998 FC Bayern München - TSV 1860, Ilfochrome-Vergrößerung auf Aluminiumdibond kaschiert, Metallrahmen graviert, verglast, 123x171cm