Die Macht des Alters

Strategien der Meisterschaft. Katalog zur Ausstellung in Berlin, Bonn und Stuttgart.

Die Macht des Alters | Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit."

(Arthur Schopenhauer)

Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird von Jahr zu Jahr älter. Im Jahre 2030 wird jeder dritte Bürger über 60 Jahre alt sein. Der Sechzigjährige im Jahre 2030 lebt vitaler als je ein Altersjahrgang vor ihm, mit steigender Lebenserwartung. Diese demographische Entwicklung wird die politische Landschaft nachhaltig prägen, den Arbeitsmarkt und den Freizeitsektor erfassen, den Wohnungs- und Warenmarkt, das Gesundheitswesen verändern, neue Lebensstile hervorbringen und kulturelle Leitbilder bzw. soziale Rollenzuweisungen umstürzen. Doch "Die Älteren" als homogene Gruppe gibt es nicht. Egal in welchem Alter sich der Mensch befindet, immer wird die persönliche Situation von individuellen Voraussetzungen und Initiativen abhängen. Die sinnvolle Gestaltung des Alters ist angesichts wachsender Lebenserwartung eine zentrale Aufgabenstellung der Gesellschaft. Die an der Ausstellung teilnehmenden Künstler demonstrieren exemplarisch mit ihren Strategien der Meisterschaft, wie mit den den Mitteln der bildenden Kunst kreative Denkanstöße gehen, zum Diskurs motivieren und so auf die "Macht des Alters" reagieren kann. Damit wollen wir zeigen, daß Künstler zu allgemein interessierenden Problemen andere und weiterführende Sichtweisen beitragen können als Experten aus Wissenschaft und Politik.

Seite im Original: 219

James Cabot. Eine Gestalt der Zeit

James Cabot, der seit Jahren in Hamburg lebt und arbeitet, präsentierte in der Ausstellung ‚Die Macht des Alters – Strategien der Meisterschaft‘ fünf Tonobjekte von merkwürdiger Form. Cabot hat sie in feuchtem Ton mit Schablonen erarbeitet. Die Gestalt der Schablonen entspricht Bevölkerungsstatistiken Deutschlands seit Anfang unseres Jahrhunderts bis ins Jahr 2033. Die Statistiken unterscheiden nach männlicher und weiblicher Bevölkerung. Zunahme oder Abnahme der Anzahl lebender Frauen und Männer bestimmen also je eine Seite der Gefäßausformungen.

Der Hamburger Kunsthistoriker Dirck Möllmann schreibt: "An Einschnürungen, Wölbungen oder Asymmetrien können historische Ereignisse wie die beiden Weltkriege, Wirtschaftskrisen und Wirtschaftswunderzeiten, Babyboom und Pillenknick als in die Kontur umgerechnete Zahl abgelesen werden. Im einzelnen korrespondiert z.B. relativ hohe Kindersterblichkeit zu Beginn dieses Jahrhunderts mit der stetig abnehmenden Geburtenrate zum Ende des Jahrhunderts. Die dreidimensionale Verbildlichung der Bevölkerungszahl registriert nicht nur die Spuren der Geschichte, sondern zeigt, daß die Bevölkerung selbst zum Gegenstand regulativer Eingriffe geworden ist – anders gesagt: die Bevölkerung wurde mit kapitalen Effizienztechniken zu einem Biokörper formiert."
Damit ist die eine Anmutungsebene der Objekte bezeichnet; sie veranschaulichen den kollektiven Leib der Gesellschaft als formierte Biomasse. Sie geben also dem sozialen Körper Gestalt.
Noch eine zweite Anmutung von Cabots Tongefäßen tritt in den Vordergrund: Die bewegte, dynamisierte Oberfläche der Gefäße und ihr Material rufen die Erinnerung an die Arbeit mit der Töpferscheibe wach, also an eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Trotz ihrer scheinbar so fragilen Gestalt haben sich Tongefäße als besonders resistent gegen Zerstörung erwiesen. Deshalb können Vor- und Frühgeschichtler vor allem an Töpferarbeiten die Geschichte uralter Kulturen rekonstruieren. Die Kriterien für die Analyse von Material und Herstellungsart, von Formen und Dekor der Tonwaren markieren das Profil von Epochen prägnanter als alle anderen überkommenen Zeugnisse dieser längst vergangenen, weitgehend schriftlosen Kulturen. Man benennt sie nach den in ihnen produzierten Töpferarbeiten (z.B. Periode der Bandkeramik).
Wer auf der rotierenden Töpferscheibe aus einem Klumpen Ton ein Gefäß formt, nutzt die Bewegung der Scheibe um ihren Mittelpunkt, um eine gleichmäßige und symmetrische Form zu erreichen und um jeweils neu hinzugefügtes Material übergangslos zu integrieren. Bei einigen Cabot-Gefäßen fällt auf, daß die einzelnen aufeinander gefügten Tonringe nicht miteinander verschmolzen werden; im Gegenteil, sie bleiben zumeist voneinander unterscheidbar. Auch weicht die Form der Tongefäße von den uns bekannten ab; sie wirken bizarr, unharmonisch. Der relativ schmalen Halszone, auf der sie stehen, folgt eine verschmalte Schulterzone, dann eine ausladende Bauchzone; die Form der Gefäße mündet in eine Art gestufter Kegel. Diese merkwürdige Form der Gefäße ergibt sich aus dem Konzept, nach dem Cabot arbeitet.

Seit den zwanziger Jahren haben sich vornehmlich Künstler um den Kölner Franz Wilhelm Seiwert bemüht, das Zahlenwerk der Statistiken als Bildwerte zu visualisieren. Diese Bildstatistiken hatten sich bis zum Zeitalter elektronischer Bildsimulierung weltweit verbreitet. Die Arbeiten Seiwerts werden heute als genuine Malereien und Graphiken hochgeschätzt. Obwohl aber alle diese Statistikbilder auf Zeitverlauf verweisen, gelang es ihnen doch nicht, die Dynamik zeitlicher Prozesse sinnlich zu vermitteln.
Diese bisherige Schwäche der Zahlwerk-Bilder überwindet James Cabot auf sehr überzeugende Weise, indem er die zweidimensionalen Graphiken in dreidimensionale Artefakte, eben Tonskulpturen überführt. In ihnen erhalten nicht nur die Epochen, sondern die historische Zeit selbst in ihrer Dynamik Gestalt.
Die Gestalt der Zeit wird sichtbar, also ein Erfahrungshorizont unseres menschlichen Lebens, der uns normalerweise abstrakt bleibt.
Die Vorstellung vom "Lauf der Zeit" führt uns z.B. an jedem Silvester in Verwirrung; wir bringen die zyklisch in sich geschlossene Zeitstruktur eines Jahres, die uns von der Natur vorgegeben wird, nur schwer mit der Vorstellung einer linearen, pfeilartigen Bewegung der Zeit aus der Vergangenheit in die Zukunft zusammen.

Die Cabotschen Zeitgestalten vermitteln beides: die in seinen Tongefäßen wachgerufene zyklische Bewegung der Töpferscheiben als Analogie zum Jahreszyklus einerseits und die vertikale aufsteigende Bewegung, die aus der Ablagerung der einzelnen Zeitenringe übereinander entsteht. Die Gestalt der Zeit wird zu einem Gefäß, in dem sich die Zeitmomente versammeln.
Seit alters wurde auch der menschliche Körper als ein Gefäß verstanden, das sich mit Lebenszeit und all ihren Ablagerungen anfüllt (corpus quasi vas). Die Cabotschen Zeitgestalten lassen uns, obwohl sie selbst statisch fixierte Objekte sind, die zyklische Bewegung lebhaft imaginieren und veranlassen uns dennoch, eine Form der Entwicklung wahrzunehmen.

Als Töpferwaren, die wie keine anderen Artefakte die längsten Zeiten menschlicher Kulturen überdauert haben, setzen sie die Fragilität von Material und Form einerseits und Alter als Zeitmaß andererseits in Beziehung – z.B. als Veranschaulichung von Vergangenheitserfahrung und Zukunftsvoraussicht bis zum Jahre 2033; sie verbinden aber auch die gedanklichen Konstrukte von Perioden und Epochen mit der Erfahrung, daß sich diese Zeiten in einem stets gleichbleibendem Raum auf unserer Erde und ihren Regionen ereignet haben.

Die Raffinesse von Cabots Gestalten der Zeit erschließt sich insbesondere, wenn man sich daran erinnert, wie etwa Künstler bisher bemüht waren, der Zeit eine Gestalt zu geben: von den mittelalterlichen Stundenbüchern mit ihren Miniaturmalereien über die Absichten der Futuristen, in statischen Gemälden und Skulpturen Zeit als Bewegungsspur zu veranschaulichen, bis zu den zeitgenössischen Versuchen, Zeitverlauf der Bilder in die Zeiterfahrung ihrer Betrachter (z.B. Videoclip) zu übersetzen.
Den Künstlern gelangen Allegorisierungen der Zeit, z.B. als geflügelte, sensenbewaffnete, ein Stundenglas haltende Figur eines alten Mannes, als Gott Chronos, Vater oder Verfüger der Zeit. Künstler konnten Dramaturgien des Augenblicks so ausbilden, daß der Betrachter den dargestellten und wahrgenommenen Augenblick auf ein nachfolgendes Geschehen hochzurechnen vermochte. Sie vermittelten die Vorstellung der Ewigkeit Gottes jenseits der Zeiten. Sie führten das vernichtende Rasen der Zeit durch Zerstörung vor Augen. Sie entwickelten Anschauungsmodelle von Linearität der Zeit und von der psychischen Tiefendimension der Erinnerung. Sie machten die Zeit berechenbar als Verhältnis von zurückgelegter Strecke geteilt durch Geschwindigkeit. Aber sehr selten gelang ihnen wie Cabot, der Zeit und ihrer Dynamik selbst Gestalt zu geben, die sich uns als Einheit von Wahrnehmung und Vorstellung erschließt.

Abbildungen:

Arbeitsgruppe, Franz Wilhelm Seiwert, 1926, Öl auf Leinwand, 81x59,5cm, Ludwig Museum, Köln

Tongefäße, James Cabot, 1990, Serie bestehend aus fünf Tonskulpturen: »1910«, »1939«, »1959«, »1986«, »2033«, je 50cm hoch, ca. 30cm Grundgefäß