Der Barbar als Kulturheld

Bazon Brock III: gesammelte Schriften 1991 - 2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit - wie man wird, der man nicht ist.

Der Barbar als Kulturheld | Umschlag
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Bis in die sechziger Jahre wurden nur Vertreter des "künstlerischen Terrorismus" (Richard Wagner) als Kulturhelden gefeiert - so besangen Futuristen Bombenexplosionen; Brandvisionen und Zerstörungsorgien wurden zu Bühnenereignissen. Danach verehrten die Kulturgemeinschaften bombenwerfende Kämpfer, die sich ihrer barbarischen Mittel wegen des großartigen Zwecks, der Verbesserung der Welt, bedienten. Seit 20 Jahren untersucht Bazon Brock den Barbaren als modernen Kulturhelden. Seine Darstellungen sind umso wichtiger, als täglich an vielen Orten von Nordirland bis Palästina systematisch und kontinuierlich solche Barbaren in Aktion treten und als Märtyrer ihrer Kulturen gefeiert werden.

Bazon Brock hat im vergangenen Jahrzehnt mit Schriften, Ausstellungen, Filmen, Action Teachings die Barbarisierung in allen Lebensbereichen, in den Künsten und Unterhaltungsgenres aufgespürt. So wie in der Vergangenheit werden sich seine Prognosen wieder als treffsicher erweisen. Der 1986 prognosti zierten Herrschaft der "Gottsucherbanden" und dem Anfang der achtziger Jahre gegeißelten Fundamentalismus in Kunst und Kultur setzt Brock die "Zivilisierung der Kulturen" entgegen. Seine Ausgrabung Berlins als "Troja unseres Lebens" stimuliert Kulturbosse zur Nachrede; von der neuronalen Begründung der Ästhetik war bei ihm schon die Rede, als dies heutige Verfechter noch für Blödsinn hielten. Seine Avantgardetheorien und Bestimmungen des Ästhetischen erwiesen sich als nachhaltiger als die der linken und rechten Seilschaftskonkurrenz.

Seite im Original: 282

III.8 Unter Verdacht.

(Originaltitel: Menschenzüchtung)

Peter Sloterdijk ist der produktivste Kulturwissenschaftler in Deutschland mit breiter Medienpräsenz. Das finden seine Fachkollegen bedenklich – aus uneingestandenem Neid? Vor allem wohl deshalb, weil sie sich als Experten das entscheidende Urteil über problematische Sachverhalte vorbehalten wollen. Sie haben noch nicht kapiert, was inzwischen für jeden Arzt gilt: der Patient hat das letzte Wort bei der Entscheidung über Therapien.

Inzwischen inszenieren ausgerechnet Sloterdijks Kollegen für ihn fast tägliche Medienpräsenz. Sloterdijk hatte im Juli 1999 auf Schloß Elmau, einem Ort des gepflegten Humanistengesprächs, die Frage erörtert, ob die bereits praktizierten und absehbaren Eingriffe in das menschliche Erbgut mit dem europäischen Humanismus vereinbar seien.

Sloterdijk zitiert unverblümt einen der Erzväter unseres Humanismus, den griechischen Philosophen Platon, der in seinen Schriften über den Staat und die Staatsführung vorgeschlagen hatte, die Führung der Menschen am Beispiel der guten Hirten und Viehzüchter auszurichten. Bei Licht besehen, so Sloterdijk, heißt Humanismus seit 2500 Jahren Veredlung des Menschen durch Bildung und Ausbildung; Veredlung ist nur ein freundlicher Name für Zähmung und Züchtung. Dazu war den Humanisten fast jedes Mittel recht, von der Schulpflicht über die Verfolgung von Uneinsichtigen bis zum Krieg im Namen des Friedens (jüngst im Kosovo). Auch die Entwicklung der Gentechnologie wurde und wird von humanitären Motiven bestimmt, z.B. das Leiden unter genetischen Defekten zu lindern. Genetiker sehen sich durchweg als exemplarische Humanisten. Sie erarbeiten die Grundlagen für die allgemeine "Anthropotechnik" (Sloterdijk), das ist der griechische Ausdruck für das Einrichten der Menschen in der Welt, die sie sich schaffen. Diese Welt nennt Sloterdijk "Menschenpark", und er fragt, welche Regeln dort zu gelten hätten – gerade wenn, wie in den USA, genetische Programmierung von Pflanzen, Tieren und Menschen unaufhaltsam und mit kommerziellem Erfolg betrieben wird.

Menschenzüchtung für den Menschenpark, das klingt ja ganz wie bei den Rassehygienikern des 19. Jahrhunderts oder gar wie bei den Nazis, vermuteten Sloterdijk-Kritiker auf allen Kanälen. Sloterdijk habe eine stillschweigende Übereinkunft verletzt, in Deutschland solche Themen nach den Versuchen, "nicht lebenswertes Leben" und "minderwertige Rassen" auszulöschen, nicht mehr anzupacken. Darauf antwortet Sloterdijk: Rede- und Denkverbote helfen nicht weiter, sondern ethisch begründete Regeln für die Arbeit der Genetiker und Humanisten.

Pikanter Nebeneffekt: bisher hielten sich Anhänger und Schüler des bundesdeutschen Staatsphilosophen Prof. Habermas allein für kompetent, darüber zu bestimmen, was auf welche Weise in Deutschland diskutiert wird, meint Sloterdijk. Sie sehen ihre Felle davonschwimmen, weil sich international die Genetiker und Humanisten an die Machtworte aus der Habermas-Schule nicht halten. Deshalb greifen sie zum Bannstrahl: wer sich erlaubt, was wir nicht erlauben, setzt sich dem Verdacht aus, faschistischem Geist zu folgen.