Der Barbar als Kulturheld

Bazon Brock III: gesammelte Schriften 1991–2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist

Der Barbar als Kulturheld | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„In Deutschland gehört zu den wichtigsten Aktivisten auf diesem Feld (der Massentherapie) gegenwärtig der Performance-Philosoph Bazon Brock, der nicht nur eine weit gestreute interventionistische Praxis aufweisen kann, sondern auch über eine ausgearbeitete Theorie des symbolischen Eingriffs verfügt.“ Peter Sloterdijk in Die Verachtung der Massen, Frankfurt am Main, 2000, Seite 64

„Mit welchem Gleichmut Brock das Zähnefletschen der Wadenbeißer ertrug, die ihm seinen Erfolg als Generalist verübelten ... Bazon Brock wurde zu einer Symbolfigur des 20. Jahrhunderts, von vielen als intellektueller Hochstapler zur Seite geschoben und von einigen als Poet und Philosoph verehrt ... Er konnte wohl nur den Fehler begehen, sein geniales Umfassen der Welt nicht nur zu demonstrieren, sondern es lauthals den anderen als eine legitime Existenzform vorleben zu wollen.“ Heinrich Klotz in Weitergeben – Erinnerungen, Köln 1999, Seite 107 ff.

Sandra Maischberger verehrt Bazon Brock wie eine Jüngerin. Denn täglich, wenn es Abend werden will, bittet sie mehrfach inständig: „Bleiben Sie bei uns“ und sieht dabei direkt dem n-tv-Zuschauer Brock ins Auge. Also gut denn: „solange ich hier bin, stirbt keiner“, versicherte Bazon schon 1966 auf der Kammerspielbühne Frankfurt am Main. Erwiesenermaßen hielt er das Versprechen, weil ihm sein Publikum tatsächlich vorbehaltlos glaubte. „Dies Ihnen zum Beispiel für den Lohn der Angst Sandra, bleiben Sie bei uns“.

Bazon Brock hat in den vergangenen Jahrzehnten mit Schriften, Ausstellungen, Filmen, Theorieperformances /action teachings die Barbaren als Kulturhelden der Moderne aller Lebensbereiche aufgespürt. In den achtziger Jahren prognostizierte er die Herrschaft der Gottsucherbanden, der Fundamentalisten in Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik. Ihnen setzte Brock das Programm Zivilisierung der Kulturen entgegen.

Gegen die Heilsversprecher entwickelte er eine Strategie der Selbstfesselung und die Ästhetik des Unterlassens mit dem zentralen Theorem des verbotenen Ernstfalls. Das führt zu einer neuen Geschichtsschreibung, in der auch das zum Ereignis wird, was nicht geschieht, weil man es erfolgreich verhinderte oder zu unterlassen vermochte.

1987 rief Brock in der Universität Wuppertal die Nation der Toten aus, die größte Nation auf Erden, in deren Namen er den Widerruf des 20. Jahrhunderts als experimentelle Geschichtsschreibung betreibt.

Protestanten wissen, es kommt nicht auf gute und vollendete Werke an, sondern auf die Gnade des Himmels. Deswegen etablierte sich Brock von vornherein, seit 1957 als einer der ersten Künstler ohne Werk, aber mit bewegenden Visionen, die von vielen
übernommen wurden; z.B. „Ich inszeniere Ihr Leben – Lebenskunstwerk“ (1967), „Die neuen Bilderkriege – nicht nur sauber, sondern rein“ (1972), „Ästhetik in der Alltagswelt“ (1972), „Zeig Dein liebstes Gut“ (1977), „Berlin – das Troja unseres Lebens und forum germanorum“ (1981), „Wir wollen Gott und damit basta“ (1984), „Kathedralen für den Müll“ (1985), „Kultur diesseits des Ernstfalls“ (1987), „Wir geben das Leben dem Kosmos zurück“ (1991), „Kultur und Strategie, Kunst und Krieg“ (1997). „Hominisierung vor Humanisierung“ (1996), „Moderator, Radikator, Navigator – die Geschichte des Steuerungswissens“ (1996).

Deutsch sein heißt schuldig sein – Bazon versucht seine schwere Entdeutschung mit allen Mitteln in bisher mehr als 1.600 Veranstaltungen von Japan über die USA und Europa nach Israel. Gegen den dabei entstandenen Bekenntnisekel beschloß jetzt der Emeritus und elder stageman des Theorietheaters, sein Leben als Wundergreis zu führen, da Wunderkind zu sein ihm durch Kriegselend, Lagerhaft und Flüchtlingsschicksal verwehrt wurde.

Ewigkeitssuppe | 850.000 Liter des Tänzerurins | im Tiergarten, die wurden Blütenpracht. | Er sah die Toten der Commune in Pappschachteln | gestapelte Puppenkartons im Spielzeugladen. | Die schrieben Poesie des Todes, Wiederholung, Wiederholen. | Dann träumte er vom Kochen mit geheimen Mitteln | Zwerglute, Maulkat, Hebenstreu und unverderblich Triomphen. | Das war gute Mahlzeit des lachenden Chirurgen, | der ihn bis auf die Knochen blamierte.

Die Herausgeberin Anna Zika ist Professorin für Theorie der Gestaltung, FH Bielefeld. Von 1996 bis 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin um Lehrstuhl für Ästhetik, FB 5, Universität Wuppertal.

Die Gestalterin Gertrud Nolte führt ihre – botschaft für visuelle kommunikation und beratung – in Düsseldorf. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen für Graphikdesign und Buchgestaltung

Noch lieferbare Veröffentlichungen von Bazon Brock im DuMont Literatur und Kunst Verlag:

Actionteachingvideo „Wir wollen Gott und damit basta“, 1984;

„Die Macht des Alters“, 1998;

„Die Welt zu Deinen Füßen – den Boden im Blick“, 1999;

„Lock Buch Bazon Brock“, 2000.

Seite im Original: 454

IV.7 Ein nützlicher Anschauungsunterricht für Kritiker der Plastination

In seinem Roman Der Zauberberg schildert Thomas Mann als Geist der Erzählung, das heißt als Movens ästhetischer Veranschaulichung unserer Zeit- und Ereignisbegriffe, in welcher Weise das 1913 noch ganz sensationelle Röntgenverfahren auf die jungen Sanatoriumspatienten Hans Castorp und Joachim Ziemßen wirkte. Wie der Klinikchef, Hofrat „Radamanth“ Behrens, den beiden Jugendlichen im Bildgebungslaboratorium erregende Einblicke in das Innere ihres Körpers gewährt, bietet uns Anatomieprofessor von Hagens, auch er wahrlich ein „Radamanth“, heute in der Ausstellung seiner Plastinate mit seinem Verfahren der darstellenden Anatomie Gelegenheit, unseres inneren wie äußeren Körpers gewahr zu werden – „Mein Gott, ich sehe mich im anderen!“: „... Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben. Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier, haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?" Und er zog Hans Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder. Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, Ober- und Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform dieser Bruchstücke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar, minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das Skelett. 

„Sehr interessant“, sagte Herr Castorp.
„Das ist allerdings interessant!“ erwiderte der Hofrat. „Nützlicher Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen Sie.“
(...)
„Nächster Delinquent!“ sagte Behrens und stieß Hans Castorp mit dem Ellenbogen. „Nur keine Müdigkeit vorschützen! Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!“
(...)
„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme.
„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich lächelte er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat gebot ihnen zu schweigen und keine Empfindsamkeit zu tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich sehe“, sagte er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“
(...)
Heftig bewegt von dem, was er sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerrende Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der Rührung und Frömmigkeit.
(...)
Er war dann noch so freundlich, zu erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Lichtschirm betrachtete, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weitergeht an ein Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann.
(...)
Dazu machte er ein Gesicht, wie er es zu machen pflegte, wenn er Musik hörte – ziemlich dumm, schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die Schulter geneigt. Der Hofrat sagte: „Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu verkennen.“ 

Wie also reagierten die Zeitgenossen auf die geheimnisvollen Röntgenbilder? Mit Angst vor der Eröffnung des Körperinneren und im Zweifel an der Erlaubtheit dieses Schauens von etwas, das eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist. Gerade dieser Zweifel erzeugte in ihnen die ambivalenten Gefühle von Andacht und Schrecken, von Rührung und Frömmigkeit. Die Ambivalenz halten sie mit einem Gesicht wie beim überwältigenden Hören von Musik aus: dumm, schläfrig und fromm. Der Hofrat hilft ihnen aus dieser Entlastungsmüdigkeit durch die Versicherung, es gehe bei den Verfahren doch ganz ästhetisch zu. Das ermögliche ihnen, den Vorgang als nützlichen Anschauungsunterricht aufzufassen, in dem man sich selbst als einem anderen zuzuschauen lernt. Außerdem biete die Herstellung der Röntgenbilder ihnen die Chance, sich im Bilde ihres eigenen inneren Körpers noch den Nachfahren dauerhaft präsent zu halten. Natürlich bleibe bei dem Ganzen ein Einschlag von Spukhaftigkeit vor der eigenen Gestalt im zukünftigen Todeszustand.

Thomas Mann läßt keine Gelegenheit aus, seine Romanfiguren mit den Tatsachen unserer organismischen Körperlichkeit zu konfrontieren; deren Choquewirkung verliere sich aber, sobald man bereit sei, die Tatsachen zu akzeptieren. Die Initianten/Patienten erbitten vom Hofrat immer erneut Aufklärung über die Physik, Chemie, Physiologie des prämortalen Leibes wie über die postmortale Befindlichkeit mit Leichenstarre, Ausstinken der Leiche und ihrer Verwesung. Auch dabei, im Postmortalen, so demonstriert der Hofrat, geht es ganz ästhetisch zu – nur muß Behrens, um das zu demonstrieren, zunächst mit drastischer, ja brutaler Sprache die kulturell antrainierten Empfindsamkeiten seiner Zuhörer abarbeiten. Danach verstehen sie, daß auch der Tod in seinen Verfahren den Gesetzen des Lebens folgt, also Leben schafft, und daß das Leben sich gerade im Walten des Todes triumphal manifestiert.

Nützlicher Anschauungsunterricht für Verächter der Ästhetik

Wer sich überlegt, ob er die Ausstellung Körperwelten besuchen solle oder nicht, wird naturgemäß auf Erfahrungen zurückgreifen, die er in ähnlichen Entscheidungssituationen bereits gemacht hat oder auf Erfahrungen, die andere ihm eröffneten. Kurz, ob man sich der Herausforderung stellt oder sie besser meidet – für beides bedürfen wir der Argumente vor uns selbst wie vor anderen, die uns zu unserer Entscheidung befragen könnten, weil sie ihrerseits nach Argumenten für die eigene Entscheidung suchen oder uns an ihrer bereits vollzogenen Erfahrung bzw. an Verhaltenskonventionen messen könnten.

Was die eigenen Erfahrungen anbelangt: Zumeist werden wir feststellen, daß wir zu ihnen kommen, weil wir nachahmen oder nachvollziehen, was andere vormachen, vom Lernen bis zum Gaffen. Wir vermuten zu Recht, diese anderen könnten aus ihrer Erfahrung zu unserem Nachteil einen Vorteil ziehen. Wir meiden gerne den Ausschluß aus einer Erfahrungsgemeinschaft, die zusammenführt, was wir nicht zu bieten haben: zum Beispiel gemeinsam bestandene abenteuerliche Mutproben oder Prüfungen durch Absolvieren von Konventionen, Ritualen oder den Erwerb allen gemeinsamer Kenntnisse, Fertigkeiten, Interessen, Zielsetzungen oder Stilen der Lebensführung.

Mit Blick auf die Zumutungen der Körperwelten rekurrieren wir etwa auf die Erfahrung, daß Bodybuilder, Makrobiotiker oder Vegetarier, Weight Watcher, Tänzer und Turner, aber auch protestantische Körperverächter und die Klienten von Image-Trainern, Verhaltenstherapeuten, von pädagogischen, künstlerischen oder chirurgischen Menschenbildnern jeweils Gemeinschaften formieren, die uns verschlossen bleiben, solange wir uns ihrer Praxis nicht anschließen. Praxis heißt da, etwas so lange nachzuvollziehen, bis wir entscheiden können, ob die Zugehörigkeit zu einer der Arbeits-, Begeisterungs-, oder Bekenntnisgemeinschaften für uns wichtig ist oder nicht. Haben wir uns schließlich entschieden, so machen wir eine Erfahrung, nämlich die, mit welchen Konsequenzen wir zu rechnen haben, wenn wir uns bewußt aus einer sozialen Formation ausschließen.

Auf diese Differenz kommt es an: auf die unterschiedlichen Konsequenzen von Ausgeschlossen-sein und sich bewußt selbst ausschließen. Erstere Konsequenz besteht in der naheliegenden Vermutung einer Benachteiligung durch Ausgeschlossen-sein; letztere in der Widerlegung dieser Vermutung und damit im Gewinn von Souveränität.

Solche Souveränität gegenüber dem Appell, wie schon Millionen von Ausstellungsbesuchern sich auch selbst den Plastinationen zu konfrontieren, demonstrierte Dr. Ernst Benda, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Er äußerte sich zu der öffentlichen Präsentation der Plastinate bewußt, ohne die Ausstellung gesehen zu haben oder sehen zu wollen. Dr. Benda meinte, die seiner Entscheidung zugrundelegbaren Erfahrungen nicht erst in der Ausstellung machen zu müssen, da er sie bereits in der Konfrontation mit Kriegstoten und mit Leichen in filmischen Massenmedienberichten respektive durch kriminalistische Leichenschauen gemacht habe. Dann aber führt Dr. Benda ein Argument für den Verzicht auf den Ausstellungsbesuch an, das die Überzeugungskraft seiner Berufung auf bisherige Erfahrungen aus der Konfrontation mit Toten stark einschränkt. Er bekundet „die Sorge, ich würde mich (in den Körperwelten) von einem Werturteil über bloße Fragen der Ästhetik abhängig machen“ (NJW 24/2000).

In seinen bisherigen Erfahrungen spielten also Fragen der Ästhetik keine Rolle, sagt demnach Dr. Benda. Wenn nun aber für die Präsentation der Plastinate toter Menschenkörper gerade ästhetische Fragen nach Meinung von Hagens‘ und vieler anderer eine entscheidende Rolle spielen, kann sich Dr. Benda auf seine bisher ohne ästhetische Wahrnehmung getätigten Erfahrungen schwerlich verlassen. Da er diesen Einwand erwartet, wertet er ästhetische Fragen zu „bloßen“ ab, die angesichts der generellen Vermutung, die Plastinate verstießen gegen die Achtung der Menschenwürde, irrelevant seien.

In der Vermutung ist notwendig enthalten, daß es Formen der Konfrontationen mit toten Körpern gibt, die nicht gegen die Menschenwürde verstoßen. Aber für beide, die würdelosen und die würdewahrenden Konfrontationen, sind die Wahrnehmung und die Wahrnehmbarkeit der toten Körper unabdingbar. Jede Auffassung von Ästhetik ist auf die Möglichkeiten der Wahrnehmung und der Wahrnehmbarkeit gestützt – Auffassungen der Ästhetik von der griechischen Wortbedeutung Aisthesis bis zur Auffassung als Gestaltung, die auf „Wahrnehmbarmachen“ abzielt.

Welches Verständnis von Ästhetik Dr. Benda auch immer für sich in Anspruch nimmt – die Fragen der Wahrnehmung und der Wahrnehmbarkeit sind nicht „bloße“ Äußerlichkeiten und damit beliebig oder sekundär, sondern vielmehr grundlegend für jeden Bezug auf das Infragestehende. In Frage steht hier das Verhältnis der toten Körper als Plastinate zu jenem Wesen des Menschen, das seine Würde begründe; in Frage steht auch das Verhältnis von öffentlicher Präsentation der Plastinate zu unseren Konventionen und Gesetzen, mit deren Hilfe die Würde des Menschen gewahrt werden soll.

In jedem Fall ist die Wahrung oder Mißachtung der Würde nur konstatierbar, wenn der Begriff „Würde“ auf Wahrnehmbarkeit und Wahrnehmung des lebenden und/oder toten Menschen bezogen wird. Der Begriff muß Anschaulichkeit haben, also konkret sein, wenn wir verschiedene Zustände von oder tätige Umgangsweisen mit Körpern unterscheiden müssen, um herauszufinden, ob die Würde gewahrt ist oder nicht. Solche Anschaulichkeit hat etwa die Bezeichnung des tätigen Umgang mit Leichen als „Beseitigen“. Dr. Benda zitiert das Bestattungsgesetz von Baden-Württemberg wörtlich: Leichen wie Leichenteile „sind dem sittlichen Empfinden gemäß zu beseitigen“. Gerade solches Beseitigen von Leichen wird jedes ästhetische Verständnis als unangemessene Wahrnehmung, also als würdelos kennzeichnen müssen – in Folge unserer historischen Erfahrung mit dem Beseitigen von Leichen, wie nach systematischen Urteilen über angemessene Darstellung von Leichen als „zu Beseitigenden“. Der Verzicht auf ästhetische Fragen läßt also Dr. Benda übersehen, daß die gesetzliche Kennzeichnung „Beseitigen“ als Umgang mit Leichen selbst gegen die Würde des Menschen verstößt. Das auf „Beseitigen“ bestehende Gesetz zur Wahrung der Würde verstößt selber gegen die Würde des Menschen.

Besagtes, von Benda angeführtes Bestattungsgesetz sieht auch vor, daß Leichen der anatomischen und sonstigen Lehrinstitute am Ende des Semesters in einem ökumenischen Gottesdienst ausgesegnet und anschließend bestattet werden sollen. Ebenfalls völlig unabhängig von einem präferierten Verständnis der Ästhetik läßt sich zeigen, daß gerade das Lehren primär von der Fähigkeit und dem Geschick der Lehrenden abhängt, mit denen sie den Lehrgegenstand für Lernende wahrnehmbar machen und zu Wahrnehmung anleiten können. Setzt man heute voraus, daß niemand vom Zugang zum Lernen ausgeschlossen sein darf – und daß heute Ausstellungen, ob in Museen oder andernorts, gerade diesen Zugang zum Lernen für jedermann ohne spezifische Voraussetzungen ermöglichen sollen, so ist die Ausstellung Körperwelten ohne Einschränkungen als Lehrveranstaltung einzuschätzen.

Auch die rituelle Einsegnung wird durch sie insofern ausgewiesen, als seit zweihundert Jahren die Erhebung einer Gegebenheit (ens realissimum) in musealen Rang die säkularisierte Form der christlichen Einweisung von Weltbeständen in die Heilsgeschichte darstellt und als solche praktiziert wird. Musealisierung ist die säkularisierte Form der Bestattung, das heißt die Form der würdigen Bewahrung von Lebensspuren. Musealisierung bestärkt die Achtung der Lebenden vor sich als zukünftigen Toten und vor ihren eigenen kulturellen Hervorbringungen durch bewiesene Achtung vor den Lebenszeugnissen der Toten als ehemals Gelebthabenden. Dieser Achtung der Lebenden vor den Lebenden gilt die Musealisierung. Sie ist gerade nicht Totenkult in der Reklame für den Tod, wie das die Regimes verordneten, die ihre Lebensverachtung feierlich durch Totenkult überhöhen wollten.

Musealisierung ist also beispielhafte Ausbildung von Wertschätzung und Werthaltung; beide den Lebenden gegenüber zu üben, macht die Menschenwürde aus. Würde ist nur aus der Würdigung abzuleiten, die eine Gesellschaft gegenüber den Lebenden zu leisten fähig und bereit ist. Im Verständnis unserer bürgerlich-zivilen Gesellschaften ist Musealisierung die höchste Form der Würdigung. Das bekunden die Besucher der Körperwelten. In Besucherbucheintragungen geben sie zu verstehen, daß sie die Betrachtung der toten Körper gerade zur Würdigung ihres und aller anderen lebenden Körper veranlaßt. Sie gelangen vor den Plastinaten zur Anmahnung von Wertschätzung und Werthaltung des lebendigen Menschen wie nie zuvor angesichts anderer, noch so großartiger Artefakte. Unverkennbar auch aktivieren die Besucher in ihrem Verhalten und ihren Handlungen Würdeformen, die sonst der Teilnahme an kirchlichen Kulten oder anderen gesellschaftlichen Ritualen vorbehalten sind und heute beim Besuch von Kunstausstellungen besonders auffällig werden.

Alle ästhetischen Operationen von Künstlern zielen nach Maßgabe des Möglichen und Angestrebten auf Übertragungswirkung, auf Empathie; diese Übertragungswirkung vom Objekt der Betrachtung auf den Betrachter stützte sich auf Funktionsweisen des menschlichen Selbst- wie Fremdbezugs, die die Evolution unserem Weltbildapparat (Gehirn) nun einmal eingeschrieben hat. Auch wissenschaftliche Präparate als zur Wahrnehmbarkeit aufbereitete neurophysiologische Tatsachen wirken auf den Betrachter noch empathisch, obwohl diese Wirkung bei Präparaten für den wissenschaftlichen Gebrauch gar nicht intendiert ist.

Plastination ist offenbar ein besonders leistungsfähiges ästhetisches Verfahren, weil es menschliche Körper in einer Weise wahrnehmbar werden läßt, wie das historisch, ohne dieses Verfahren, nicht möglich war. Es lenkt die Wahrnehmung des Betrachters intensiver als bisherige künstlerische und wissenschaftliche Darstellungen auf die Wirkung des Wahrgenommenen im Wahrnehmenden. Deshalb ist der für die Plastinatwirkung in Anschlag gebrachte Begriff der Authentizität durchaus sinnvoll angewandt; denn Authentizität kennzeichnet die Wirkung des Wahrnehmungsobjekts in seiner weitestgehenden und intensivsten Empathie im Plastinat, weil das Betrachtungsobjekt die denkbar größte Übereinstimmung mit der Leiblichkeit des Betrachters besitzt.

In der Besucherschule zur documenta IX (1992) habe ich versucht darzustellen, wie die Exponate der d IX auf den Betrachter wirken – nämlich dadurch, daß sie ihn veranlassen, seinen eigenen Körper zu thematisieren und damit der Selbstwahrnehmung zu erschließen. Von solcher Selbstwahrnehmung aus gelingt es, die Wahrnehmung der Exponate weiter zu differenzieren. Ich zeigte, daß also „der Körper des Betrachters“ der eigentliche Ausstellungsgegenstand der d IX war, soweit die Werke in ihrer beabsichtigten oder unbeabsichtigten Wirkung und nicht als unbelebte physische Objekte wahrgenommen wurden.

Im Vergleich zu solchen mehr oder weniger herkömmlichen Künstlerwerken der Künstler sind die des darstellenden Anatomen von Hagens erheblich wirksamer. Das Kriterium ist die stimulierte Selbstwahrnehmung des Betrachters, die auf seine Wahrnehmung zurückwirkt: durchaus mit dem bewertenden Gefühl von Rührung und Frömmigkeit, von Andacht und Schrecken oder mit der Ausbildung „klinischer Müdigkeit“ vor der Überwältigung des eigenen Empfindens. Gerade dieses Gefühl der Überwältigung stimuliert „Ehrfurcht vor den Geheimnissen des Lebens“, wenn sie, wie im Plastinat, als offenbare Geheimnisse vor Augen treten. Nur das offenbare, nicht das tabugeschützte, weggeschlossene, tresorierte Geheimnis wirkt „unheimlich stark“ (Betrachteräußerung). Sigmund Freud konstatierte 1919 im Essay Das Unheimliche: kindliche Gefühle des Unheimlichen halten nur solange an, bis der Zugang zum Geheimnis eröffnet ist; dann verliert es schnell seine Attraktivität. Ein tatsächliches Staunen vor dem geoffenbarten Geheimnis des Lebens stellt sich erst durch die Leistung ein, an und für sich selbst, am Zusammenspiel des eigenen Körpers und Geistes zu begreifen, daß das Leben nicht beliebig verfügbar ist. Erst dann werden uns Körper und Geist tatsächlich zur eigenständigen Wirklichkeit, wenn wir als wirklich anerkennen, was nicht unserem Belieben untersteht. Nur in diesem Verständnis bezeichnet der Begriff Wirklichkeit überhaupt etwas Eindeutiges in unserem Weltverständnis.

Eine der grundlegenden ästhetischen Erfahrungen von Künstlern und Wissenschaftlern liegt in der Anerkenntnis, daß Formen der Gestaltung, also des Wahrnehmbarmachens, nicht beliebig erfindbar sind. Das zu begründen, bedarf es nicht der Akzeptanz der platonischen Ideenlehre – obwohl dieses Konstrukt etwa für die Mathematik/Geometrie oder für die Architektur und Musik sich als höchst fruchtbar erwiesen hat. Hier muß es reichen, auf den Formenkanon der Evolution des Lebens oder auf den im Kulturvergleich gewonnenen zu verweisen.

Leben ist von Leben nicht verschieden; seine Formlogiken und Funktionsweisen sind, zumindest für den menschlichen Betrachter, festgefügt und insofern erwartbar konstant, als sie bisher in allem Lebendigen gleichermaßen andauernd zur Geltung kamen.

Der Kulturvergleich lehrt, daß alle Kulturen (allerdings bei Ungleichzeitigkeit des Gleichen und mehr oder weniger ausgeprägt wie instrumentalisiert) dieselben Form- und Funktionslogiken ausbilden, wenn auch durchaus in spezifischen Formsprachen. Die Logiken sind die gleichen, die Funktionen äquivalent. Das dürfte eigentlich nicht verwundern, sind doch allen Menschen dieselben Anstrengungen zur Bewältigung des Lebens in ihrer Kulturpflichtigkeit von Natur aus aufgegeben: Die Beantwortung der Macht- und Herrschaftsfrage; die Sicherung der Generationenfolge in der Erfahrung des Todes aller Individuen; die Ausbildung einer Kosmologie mit Erzählungen zur Weltentstehung und dem Walten der göttlichen oder natürlichen Kräfte.

Um diese allen gestellten Aufgaben meistern zu können, können alle Menschen nur auf dieselbe Ausstattung ihrer natürlichen Körper zurückgreifen, wie sie die Evolution nun einmal entwickelt hat. Angesichts solcher gleichen Aufgaben und Ausstattungen der Menschen tritt im Kulturvergleich recht deutlich ein „Leben der Formen“ zutage, wie das etwa die Kunsthistoriker Alois Riegel und Henri Focillon, die Ethnologen Lévi-Strauss und Guerdieri, die Biophysiker Penrose und Prigogine, die Soziologen Luhmann und Rorty und viele andere als Gestaltpsychologen oder Neurowissenschaftler eindrücklich zeigten.

Für die Ästhetik der darstellenden Anatomie bewies sich dieses Leben der Formen, als von Hagens sich vor Jahren zu fragen begann, wie er denn Körper plastiniert präsentieren müsse, damit genau das wahrnehmbar werde, was er jeweils zu thematisieren beabsichtigte: die innere Kompaktheit des Körpers (der Körper ist kein Gefäß, wie es der seit Jahrhunderten geltende Anschauungsbegriff corpus quasi vas nahelegte); das Wirkungsgefüge von Schwerkraft und Bewegungsintention (die Maler der Barockdecken zeigen die bewegten Figuren in himmlischer Sphäre, als stünden die Körper immer noch unter dem Einfluß irdischer Schwere); die Haut als größtes Organ des Körpers (seit den griechischen Gewand- und Nacktfiguren wurde die Haut nur wie ein Verpackungsmaterial aufgefaßt, unter dem sich Muskeln, Sehnen und Knochen abzeichneten). Von Hagens kam bei seinen Überlegungen zu Formen der Darstellung, die manche Betrachter so anmuteten, als habe sich von Hagens der Vorlagen von Dali oder Boccioni oder Michelangelo bedient, um sie unstatthafterweise in organischem Material zu reproduzieren. Ich kann bezeugen, daß von Hagens damals keine blasse Ahnung von den historischen wie zeitgenössischen Kunstwerken hatte. Vielmehr kam er, gerade weil er wie die Künstler den eigengesetzlichen Form- und Funktionslogiken konsequent entsprach, zu ähnlichen Lösungen der Darstellungsprobleme und der Präsentationsweisen, wie diverse Künstler zuvor. Gerade durch die Betonung der Form-, Funktions- und Präsentationslogiken gelingt es von Hagens, unsere Faszination vor dem authentischen Körper auf die ihn tragenden und bestimmenden Gesetzmäßigkeiten zu lenken. Darin besteht das tatsächliche Lernen in der Plastinatausstellung. Dr. Bendas Furcht vor ästhetischer Präfiguration der Eigenwahrnehmung könnte man also als Verweigerung zu lernen verstehen, weil er zu sehr von den Körpern selbst gebannt wird, als daß er besagte Formlogiken und Funktionsweisen als dem Leben inhärente Gesetzmäßigkeiten wahrzunehmen in der Lage wäre.

Kunstwerke in erster Linie, aber auch andere Artefakte haben für uns immer schon spezifische Bedeutung, weil sie diese Gefüge von Ordnungen und Funktionen wahrnehmbar werden lassen. Dem widmete jüngst Mauricio Bettini in der Zeitschrift Säculum (51/1/2000) eine ausgezeichnete Studie, auf die Jan Rüdiger aufmerksam machte, mit der Schlußfolgerung, daß die bis heute in unsere Kultur wirkenden Römer „auf die Erfahrung mit Kunstbildern zurückgriffen, um ihre eigene körperliche Erscheinung“ und die an sie gebundene Annahme einer Identität zu erfassen. Das war für die Römer naheliegender als für uns, da sie den Körper als Bild seiner selbst und nicht des Schöpfergottes verstehen konnten.

Die griechischen und römischen Kunstwerke, stets bezogen auf den menschlichen Körper (homo mensura), formulierten anschaulich dieses selbstbezogene Bild des Körpers in der Einheit von innerem und äußerem Gesicht (vultus und facies) als notitia hominis (gleich Identität). An den Schnittstellen von Innen- und Außenwelt des Körpers wie dem Mund wird das besonders deutlich: Der artikulierende Mund (os), aus dem nach den Regeln der Rhetorik die Benennung, Erkenntnis und Beschwörung der Außenwelt wirksam wird, ist zugleich als rostrum Organ der Weltaneignung, der verschlingenden und stoffwandelnden Aufnahme der Außenwelt ins Innere des Körpers. Beide, artikulierende Gestaltgebung wie die Gewalt der Aneignung und Transformation, werden von den Individuen nach für alle gleichen Regeln und Formlogiken je spezifisch ins Verhältnis gesetzt, welches den Kern der Identitätsbehauptung bildet. Grundsätzlich eröffnet für die Römer erst das Abbild des Körpers die Erfahrung von Form, Figur und Statur, wobei mit Figur das Gestaltschema, mit Statur die Präsentations- und „Steh“-weise und mit Form das Verfahren der Materialisation gemeint ist. Solche Form-, Funktions- und Präsentationslogiken bewiesen sich in der Wirkungsgeschichte etwa der griechisch/römischen Architektur über 2500 Jahre als eigenständig, sonst hätte sie ihre Geltung im Wandel der Kulturepochen längst verlieren müssen. Sie zu erkennen, bemühen sich Ästhetiker seit dem 18. Jahrhundert ausdrücklich und zwar in wort- wie bildsprachlicher Gestaltgebung der Körperaußenwelt (zu der für Menschen vor allem andere Körper ihresgleichen gehören), wie für das körperliche Innengeschehen vornehmlich als Prozedieren des psychischen Apparats im Hervorbringen von Bewußtsein als Wahrnehmung der eigenen Gedanken, Gefühle und des Willens. Ästhetische Operationen gelten also stets der Beziehung zwischen intrapsychischem Geschehen und externalisierten Sprachen, den Gestaltgebungen. Welches ästhetische Potential die Plastinate von Hagens‘ in ihrer Form, Statur und Figur besitzen, beweist die von ihnen im höchsten Maße stimulierte Selbstwahrnehmung des Betrachters, der damit, wie der Betrachter der römischen Körperbilder, zum Kern seines Identitätskonstruktes vorstößt: Alle Individuen sind den gleichen Logiken des körperlichen und seelischen Lebendigseins unterworfen. Je besondere sind Menschen in der Art, wie sich diese Gesetze in ihrem Körper und im intrapsychischen Prozedieren realisieren, und in dem Grad, wie sie sich das ins Selbstbewußtsein zu rufen vermögen. Die höchste Individualität besäße also die Person, welche sich so vollständig als möglich zum Träger und Repräsentanten besagter Form-, Funktions- und Präsentationslogiken zu bilden wüßte.