Der Barbar als Kulturheld

Bazon Brock III: gesammelte Schriften 1991–2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist

Der Barbar als Kulturheld | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„In Deutschland gehört zu den wichtigsten Aktivisten auf diesem Feld (der Massentherapie) gegenwärtig der Performance-Philosoph Bazon Brock, der nicht nur eine weit gestreute interventionistische Praxis aufweisen kann, sondern auch über eine ausgearbeitete Theorie des symbolischen Eingriffs verfügt.“ Peter Sloterdijk in Die Verachtung der Massen, Frankfurt am Main, 2000, Seite 64

„Mit welchem Gleichmut Brock das Zähnefletschen der Wadenbeißer ertrug, die ihm seinen Erfolg als Generalist verübelten ... Bazon Brock wurde zu einer Symbolfigur des 20. Jahrhunderts, von vielen als intellektueller Hochstapler zur Seite geschoben und von einigen als Poet und Philosoph verehrt ... Er konnte wohl nur den Fehler begehen, sein geniales Umfassen der Welt nicht nur zu demonstrieren, sondern es lauthals den anderen als eine legitime Existenzform vorleben zu wollen.“ Heinrich Klotz in Weitergeben – Erinnerungen, Köln 1999, Seite 107 ff.

Sandra Maischberger verehrt Bazon Brock wie eine Jüngerin. Denn täglich, wenn es Abend werden will, bittet sie mehrfach inständig: „Bleiben Sie bei uns“ und sieht dabei direkt dem n-tv-Zuschauer Brock ins Auge. Also gut denn: „solange ich hier bin, stirbt keiner“, versicherte Bazon schon 1966 auf der Kammerspielbühne Frankfurt am Main. Erwiesenermaßen hielt er das Versprechen, weil ihm sein Publikum tatsächlich vorbehaltlos glaubte. „Dies Ihnen zum Beispiel für den Lohn der Angst Sandra, bleiben Sie bei uns“.

Bazon Brock hat in den vergangenen Jahrzehnten mit Schriften, Ausstellungen, Filmen, Theorieperformances /action teachings die Barbaren als Kulturhelden der Moderne aller Lebensbereiche aufgespürt. In den achtziger Jahren prognostizierte er die Herrschaft der Gottsucherbanden, der Fundamentalisten in Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik. Ihnen setzte Brock das Programm Zivilisierung der Kulturen entgegen.

Gegen die Heilsversprecher entwickelte er eine Strategie der Selbstfesselung und die Ästhetik des Unterlassens mit dem zentralen Theorem des verbotenen Ernstfalls. Das führt zu einer neuen Geschichtsschreibung, in der auch das zum Ereignis wird, was nicht geschieht, weil man es erfolgreich verhinderte oder zu unterlassen vermochte.

1987 rief Brock in der Universität Wuppertal die Nation der Toten aus, die größte Nation auf Erden, in deren Namen er den Widerruf des 20. Jahrhunderts als experimentelle Geschichtsschreibung betreibt.

Protestanten wissen, es kommt nicht auf gute und vollendete Werke an, sondern auf die Gnade des Himmels. Deswegen etablierte sich Brock von vornherein, seit 1957 als einer der ersten Künstler ohne Werk, aber mit bewegenden Visionen, die von vielen
übernommen wurden; z.B. „Ich inszeniere Ihr Leben – Lebenskunstwerk“ (1967), „Die neuen Bilderkriege – nicht nur sauber, sondern rein“ (1972), „Ästhetik in der Alltagswelt“ (1972), „Zeig Dein liebstes Gut“ (1977), „Berlin – das Troja unseres Lebens und forum germanorum“ (1981), „Wir wollen Gott und damit basta“ (1984), „Kathedralen für den Müll“ (1985), „Kultur diesseits des Ernstfalls“ (1987), „Wir geben das Leben dem Kosmos zurück“ (1991), „Kultur und Strategie, Kunst und Krieg“ (1997). „Hominisierung vor Humanisierung“ (1996), „Moderator, Radikator, Navigator – die Geschichte des Steuerungswissens“ (1996).

Deutsch sein heißt schuldig sein – Bazon versucht seine schwere Entdeutschung mit allen Mitteln in bisher mehr als 1.600 Veranstaltungen von Japan über die USA und Europa nach Israel. Gegen den dabei entstandenen Bekenntnisekel beschloß jetzt der Emeritus und elder stageman des Theorietheaters, sein Leben als Wundergreis zu führen, da Wunderkind zu sein ihm durch Kriegselend, Lagerhaft und Flüchtlingsschicksal verwehrt wurde.

Ewigkeitssuppe | 850.000 Liter des Tänzerurins | im Tiergarten, die wurden Blütenpracht. | Er sah die Toten der Commune in Pappschachteln | gestapelte Puppenkartons im Spielzeugladen. | Die schrieben Poesie des Todes, Wiederholung, Wiederholen. | Dann träumte er vom Kochen mit geheimen Mitteln | Zwerglute, Maulkat, Hebenstreu und unverderblich Triomphen. | Das war gute Mahlzeit des lachenden Chirurgen, | der ihn bis auf die Knochen blamierte.

Die Herausgeberin Anna Zika ist Professorin für Theorie der Gestaltung, FH Bielefeld. Von 1996 bis 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin um Lehrstuhl für Ästhetik, FB 5, Universität Wuppertal.

Die Gestalterin Gertrud Nolte führt ihre – botschaft für visuelle kommunikation und beratung – in Düsseldorf. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen für Graphikdesign und Buchgestaltung

Noch lieferbare Veröffentlichungen von Bazon Brock im DuMont Literatur und Kunst Verlag:

Actionteachingvideo „Wir wollen Gott und damit basta“, 1984;

„Die Macht des Alters“, 1998;

„Die Welt zu Deinen Füßen – den Boden im Blick“, 1999;

„Lock Buch Bazon Brock“, 2000.

Seite im Original: 634

IV.42 Mienenspiel

Die Bedeutung der Fassade für die Kommunikation im öffentlichen Raum

Rückblende

Im Jahr 1975 schlug ich – von François Burkhardt gedolmetscht und von Hubert Burda finanziell unterstützt – der Stadt Florenz vor, die Leistungsfähigkeit der damals so schwungvoll auftrumpfenden postmodernen Architekten auf die Probe zu stellen. Es sollte ein Entwurfswettbewerb für die Fassade von San Lorenzo veranstaltet werden: rein virtuell, versteht sich, oder theoretisch, auf Widerruf, ohne irreversible Folgen – eben postmodern.

Die sechs besten Entwürfe sollten für je vier Monate der seit 500 Jahren unvollendet gebliebenen Fassade des Brunelleschi-Baus vorgeblendet werden. Das wäre nicht nur eine touristische Attraktion ersten Ranges geworden, sondern ein Feldexperiment für die Tragfähigkeit eines allseits eingeforderten kulturellen Gedächtnisses. Die Postmodernen behaupteten damals, die Geschichte der Moderne revidieren zu wollen durch eine neue Sicht auf Brunelleschi (und dann auf Palladio, Inigo Jones, Schinkel) als Grundsteinleger der Neuzeit.

Eine spannende Aufgabe, denn es sind ja fünf historische Entwürfe für die Vollendung der Fassade von San Lorenzo bekannt, darunter eine Ausarbeitung von Michelangelo als Holzmodell. Diese historischen Entwürfe sollten, so war der Plan, ebenfalls auf Widerruf der Fassade des Brunelleschi-Baus vorgeblendet werden als theatralische Masken im Satyrspiel, das die Postmodernen aller Zeiten mit der Geschichte trieben und treiben. Eines dieser Maskenspiele wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ruf- und Laufweite von San Lorenzo aufgeführt, als die Fassade des Doms S. Maria del Fiore und die von S. Croce im postmodernen Geist des Rinascimento ausgeführt wurden (statt auf Brunelleschi berief man sich auf Arnolfo di Cambio und auf Giotto). Wie bekannt, ist aus diesem Vorschlag nichts geworden, obwohl François Burkhardt (damals Leiter des IDZ Berlin) beste Kontakte zur Stadt unterhielt. Die Kommunisten der Florentiner Regierung glaubten, die Geschichte in ihren so würdigen Zeugnissen nicht unserem experimentellen Mutwillen ausliefern zu dürfen. Sie meinten, Kommunismus sei auf die endlich zu errichtende Moderne orientiert, nicht auf ein Ende der Moderne, bevor die überhaupt verwirklicht worden sei. Inzwischen ist diese Auffassung glänzend durch den Untergang des sozialistischen Imperiums bestätigt: Wir sind wieder in der Prämoderne, wir fangen wieder von vorne an.

Deshalb würde es sich nun wohl endlich lohnen, das Experiment nachzuholen; eine großartige Aufgabe für jeden intelligenten Architektur-Service und für alle Trockenbauer. Also, ihr tatendurstigen Architekten, ihr erfahrenen Soziodesigner, ihr erfolgreichen Rekultivateure, ans Werk! So könnte man nicht nur Maßstäbe einfordern, sondern sie auch experimentell überprüfen.

Fassaden im Mienenspiel – Architektur-Visagen

Daß Menschen am ehesten verstanden werden können, wenn man ihnen beim Sprechen ins Gesicht sieht, gehört zur Grunderfahrung der zwischenmenschlichen Beziehungen: von Angesicht zu Angesicht möchten wir einander konfrontiert sein, um uns gegenseitig darüber zu vergewissern, was ungewiß bleiben muß. Ein schöner Rücken kann zwar auch entzücken, aber sich abzuwenden, erzeugt verunsichernde zwiespältige Gefühle. Face to Face also, auch mit den Dingen? Von welcher Seite sehen uns die Dinge an? Haben sie ein Gesicht? Machen wir ihnen ein Gesicht, damit wir sie ansehen können?

Ein Würfel hat zwar Augen und gleich auf jeder Seite; aber nicht nur die Würfel-Spielregeln lassen uns die Sechs-Augen-Seiten attraktiver erscheinen als die Seiten mit weniger Augen.

Vielseitigkeit ist eine Gegebenheit aller Körper; aber diejenigen Seiten sind am beachtenswertesten, die sich von den anderen am augenfälligsten unterscheiden. Menschen unterscheiden sich am augenfälligsten durch ihre Gesichter und die Gesichter wiederum von allen anderen Körperteilen durch die Komplexität des Ausdrucks oder durch die Vielfältigkeit der miteinander verknüpften Wahrnehmungsappelle. Eben durch das Mienenspiel.

Daß die Menschengestalt uns anleitet, alle Dinge zu sehen, als seien sie in Analogie zur Menschengestalt erst verstehbar, hat auch die Architektur geprägt. Sie gibt uns Objekte so vor, daß sie uns ansprechen, sobald wir ihrer ansichtig werden. Säulen zum Beispiel haben Kapitelle, also Köpfe, und Füße, auf denen sie aufrecht stehen, wie Menschen, die verharren. Wände haben Öffnungen; werden sie auch nur andeutungsweise paarig angebracht, beziehen wir uns auf die Fenster wie auf Augen, in die wir hineinzusehen versuchen. Sieh mir in die Augen, kleines Haus. Es herrscht ein unwiderstehlicher Sog zur Vermenschlichung der Dinge – Analogiezwang der anthropomorphen Gestaltwahrnehmung, aus dem sich die Tradition der sprechenden Architektur entwickelte, vom Grab des Bäckers Eurysacer in Gestalt des Backofens an der aurelianischen Mauer bis hin zur postmodernen Gesichtsfassade von Venturis Las Vegas-Baracken und der Maskenschminke im Gadgetdesign.

Also haben demnach für uns alle Objekte Gesichter/Facies/Fassaden, sobald wir ihrer ansichtig werden. Aber die Gesichter wechseln, je nachdem, welche Seiten der Objekte wir gerade zu Gesicht bekommen. Zur Fassade wird, was wir jeweils sehen, in der Konfrontation mit den Objekten. Zur Fassade wird das Gegenüber der Objekte. Wenn wir uns mit Objekten konfrontieren, bauen wir eine Front auf, eine durch Frontalität erzwungene Ordnung der Orientierung im Raum: Wir markieren von unserem Standpunkt aus, was vorne und was hinten ist. Das Hintere ist nicht einfach weiter weg, sondern ein Dahinter als das Nichtsichtbare. Das Sehen in der frontalen Konfrontation erzeugt das Dahinter als das Unsichtbare, solange wir den Standpunkt nicht ändern oder das Objekt drehen. Realisierte Bauten lassen sich nicht drehen, also bewegen wir uns um sie herum und erschaffen immer weitere frontale Ansichten, bis uns eine Vorstellung von dem Objekt gelingt, in der wir alle seine Seiten gleichzeitig als Fassaden vor Augen haben, soweit sie sich unterscheiden lassen.

Was wird unserer Wahrnehmung zugemutet, wenn wir im verdichteten Stadtraum durch Schulterschluß der gereihten Häuser nicht mehr in der Lage sind, uns den Bauten allseitig zu nähern? Dann verändert sich unser Konzept von einem Haus als geschlossenem Raum zum Beispiel zum Konzept des Häuserblocks, um für den Block wieder Allansichtigkeit zu erschließen. Viele Blocks werden ihrerseits wiederum zum Konzept eines architektonisch geschlossenen Großkörpers, bis schließlich das gesamte Bauensemble, die Stadt selbst, zu einer Objekteinheit zusammengeschlossen wird. Die Stadt wird zum Haus, die Außenansicht der Baukörper zu einer Innenansicht des Hauses. Wir sind zu Hause zwischen den Objekten, denen wir uns konfrontieren. Sie selber geben uns nun den Spielraum vor, in dem wir von unseren jeweiligen Standpunkten die Einheit der verschiedensten Baukörper uns vorzustellen vermögen; das heißt: Nicht nur sind der Reintegration der Baukörper zum Konzept der Stadt Grenzen gezogen durch die beschränkte Fähigkeit von Menschen, visuell Komplexität zu bewältigen; entscheidender ist die Unmöglichkeit, die integrierten Konzepte zu erinnern, wodurch die Orientierung in der Stadt als Haus verlorengeht.

Das Haus der Stadt wird zum Labyrinth, in dem die Objekte verlorengehen. Man sieht die Stadt vor lauter Bauten nicht mehr und kann sich an den Bauten nicht mehr orientieren, weil die Ordnung der Erinnerung ohne das Konzept der Stadt als Haus verlorengeht. Auf diese inzwischen jedem Zeitgenossen nachvollziehbare Kalamität reagierten die Architekten mit zwei Strategien:

Erstens mit einer Vereinheitlichung durch Stileinheit, also durch die Versicherung, die Stadt sei als bloße Fortsetzung der immer gleichen Objektfigurationen vorzustellen (und die Bewohner der Viertel folgten ihnen, indem sie sich kaum noch motiviert sahen, ihren engeren Lebensraum kennen zu lernen. Wer aber von Berufs wegen gezwungen war, häufig seine Standorte zu wechseln, begrüßte dankbar die Möglichkeit, überall zu Hause zu sein, weil weitgehend ein Standort wie der andere aussah).

Die zweite Strategie bestand darin, die Differenzen zwischen den Wahrnehmungsauffälligkeiten von Einzelbauten oder Häuserblöcken oder Quartieren durch Verstärkung des Mienenspiels der Fassaden bis zur Groteske, zur Grimasse, zu außerordentlichen, Emotionen stimulierenden Visagen voranzutreiben.

Eine bemerkenswerte Leistung, denn die Fixierung der Erinnerung gelang häufig an Architekturvisagen intensiver als an feinem Mienenspiel von Fassaden: Inzwischen ist die Bindung von Stadtbewohnern an ihre Lebensräume durch ständige pathetische Klage über die Häßlichkeit, die Stillosigkeit, die Fratzenhaftigkeit von Architekturensembles stärker geworden als durch die Bekundung von Zustimmung.

Kommunikation als potemkinsche Fassade

Was zwischen Menschen geschieht, wird als Kommunikation gekennzeichnet. Wenn etwas zwischen ihnen geschehen soll, mahnt man Verstärkung der Kommunikation an. Wenn etwas nicht verstanden wird oder zum Beispiel als Parteiprogrammatik nicht akzeptiert wird, erklärt man das als Folge mangelnder Kommunikation. Man habe die Programme nur schlecht verkauft, sagt dann der Kanzler und wechselt seine PR-Agenturen aus. Andererseits hat offensichtlich an Attraktion gewonnen, wer sich dazu versteht, Mißverstehen oder Ablehnung als Bestätigung dafür zu sehen, daß er etwas ganz Einmaliges zu sagen habe. Galt in anderen Zeiten die Exkommunikation als Drohung mit dem sozialen Tod und war auf jeden Fall zu vermeiden, häufen sich gegenwärtig die freiwilligen Aufkündigungen von Beziehungen. Einsame Wölfe, soziale Autisten, Aussteigereinsiedler, Sektierer durchstreifen ziellos die Städte. Häufig entsteht bereits der Eindruck, als sei die Zahl der Nichtmitmachenden, zum Beispiel als Nichtwähler, größer als die Zahl derer, die von Kommunikationsstrategen noch auf Gemeinsamkeiten verpflichtet werden können.

Diesen Trend als Zeichen für immer weitergehende Individualisierungsbemühungen zu lesen, hieße, die Autisten zu glücklichen Menschen zu erklären, denen endlich ein völlig selbstverwirklichtes Leben gelungen sei. Umgekehrt wird mehr daraus. Die so auffällige Deklaration, sich selbst exkommunizieren zu wollen, sollte als Versuch gewertet werden, endlich in den warmen Schoß der Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Hat man nicht gelernt, Selbstmordversuche als Hilferufe zu verstehen?

Wer ruft da gegenwärtig so verzweifelt nach Hilfe in der Unwirtlichkeit der Städte, im Chaos des Heterogenen, im Labyrinth von Metropolis? Offensichtlich, aber auch rein statistisch, sind es nicht die Bürger der Städte, sondern die Stadtplaner, die Architekten, die Lehrer der Völker, die Führer und Lenker. Zwar hörte man hie und da zu Fragen des Neu- und Umbaus von Berlin auch einige Stimmen aus dem Bauch der Stadt, aber offensiv führten die Debatten Architekten und ihre Bauherren, Politfunktionäre und Zeitungsintellektuelle. Warum klingt deren Hilfeschrei jetzt so viel verzweifelter als etwa in den zurückliegenden Jahrzehnten, in denen die Nachkriegswüsten in blühende Landschaften verwandelt werden konnten?

Damals kommunizierte man vor ruinösen Fassaden ausgebrannter Häuserblocks eine Reihe stimulierender Botschaften: Hinter uns verbrannte Erde, es gibt kein Zurück als den Weg in die Zukunft. Wir werden alles wieder aufbauen, wieder gutmachen, wir sind ein Volk von schamgebeugten, ohnmachtserfahrenen Habenichtsen. Nichts bindet uns so zusammen wie die Gleichheit im Elend und die freudige Erwartung auf eine Zukunft der Entsühnung, der Anerkennung und der glückenden Initiativen gegen Schuld. Und heute?

Niemand kann es jemand rechtmachen. Wer es versucht, wird aus reinem Selbstbehauptungswillen gezwungen, die Einsprecher als Leute zu bezichtigen, die nur neidvoll schielen. Gegen die Drohung, jegliches Interesse an dem Bauschicksal seiner Stadt aufzukündigen oder bestenfalls mit mutwilligem Aktionismus so viel Schaden zuzufügen wie nur denkbar, bleibt den Architekten, Bauherren und Politikern nur die machtvolle Geste, Territorien zu besetzen und die architektonischen Desaster gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen, indem man sie sachgerecht als Walten der sozialen Evolution beschreibt.

Die gegenwärtige Perspektive verkürzt sich darauf, immer Recht haben zu müssen, denn wehe dem, der sich nicht rechtfertigen kann. Was nicht funktioniert, wird funktionalistisch genannt. Was funktioniert, gilt als bloß banal. Rationalität? Das sei doch bloß eine andere Form von Unterwerfungsterror. Die wahre Freiheit sei nur noch dem gegeben, dem alles wurscht ist. Alles gehe, wie es nun mal geht, weil es so gekommen ist. Alles gehe, wenn es eben geht, und wenn nicht, dann nicht. Was aber geht, ist damit schon vergangen und interessiert uns sowieso nicht mehr.

Die größten Leidtragenden dieses Zusammenbruchs der Kommunikation sind die Architekten. Wer glaubt, daß dieser Zusammenbruch seine größte Wirkung bereits mit der Auflösung des sozialistischen Lagers gezeitigt habe, irrt fatal. Auch der Westen ist der ständigen Konfrontation mit bedingungsloser Erwartung – der Erfüllung des entfesselten Wünschens, wie sie die Werbung propagiert – nicht gewachsen. Die Architekten und Städteplaner, die Sozialpolitiker und Therapeuten sind mit diesen noch nicht eingetretenen, aber unabdingbaren Konsequenzen der Wunschallmacht bereits konfrontiert. Sie alle werden in den Augen ihrer Klientel unglaubwürdig. Man traut ihnen nicht mehr zu, als Weihnachtsmänner aus dem großen Sack ihrer Gaben die Befriedigung der prinzipiell unbefriedigbaren Wünsche hervorzuzaubern.

Einst hatten zum Beispiel die Architekten dem bisher größten Versuch der Menschheit, das Paradies auf Erden dauerhaft zu schaffen, den sichtbarsten Ausdruck gegeben: Pyramiden nicht nur in einem Wüstenstreifen, sondern im wüsten Herzen jeder Siedlung; römische Triumphbögen nicht nur vor den Eingängen heiliger Bezirke, der Foren und Marsfelder, sondern vor jedem Sozialbau; Monumente des kollektiven Gedächtnisses nicht nur an Orten des einmaligen historischen Geschehens, sondern an jedem Arbeitsplatz. Der Olymp auf dem Dach des Leninmausoleums über dem Schrein des Heiligen bildete sich auf jeder Tribüne ab. Das war die sozialistische Universale vor jedermanns Augen – von der sozialistischen Nationale braucht man da gar nicht erst zu reden. Das alles ist hin, und nun triumphiert wieder die modernistische Universale? Da sollte man vorsichtig sein, denn jeder Meister der Moderne folgte der gleichen sozialen Programmatik wie die Sozialisten – im Westen wie im Osten.

Auch Mies bildete in seinen Fassaden ein schönes Ideal der Durchsichtigkeit sozialer Verhältnisse ab: das Gleichheitspathos des Rechtsstaats definierte das Stahlbaugerüst, und das Freiheitsverlangen machte die Wände gläsern; die Brüderlichkeit vereinte heterogenste Materialien: Holz, Marmor, Leder, Stahl und Glas, Zement und Backstein versöhnten sich formlogisch.

Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus, des sozialistischen Imperiums brach auch der Grund jeder Moderne ein: der zwingende Anspruch, in der Architektur die Gesellschaft zu reflektieren, ihre abstrakten Bedingtheitsgefüge abzubilden. Architektur ist nicht länger Bedeutungsträger, sondern schiere Faktizität wie die Natur. In ihr hat nur der beständige Wechsel Dauer. Sie manifestiert sich in der Besetzung von Territorien, in der Behauptung der Macht des Stärkeren; sie organisiert ihre Lebenseinheiten, ihre Überlebensgemeinschaften als Symbiosen des Zweckvollen. Wer da noch fragt „Warum das Ganze?“, erhält zur Antwort: damit es Evolution gebe, denn alles geschieht, weil es möglich ist, und möglich ist alles, solange sich alles wandelt.

Damit ist die heutige Architektur beschrieben. Die Bauten stehen, wie sie stehen, wo sie stehen, und wer fragt, warum sie dort so stehen, erhält zur Antwort, daß man diese dumme Frage auch dann stellen könnte und stellen würde, wenn sie ganz anders (bzw. woanders) dastünden. Das relativiert jede Planung zu einer bloßen Wahl aus lauter Möglichkeiten, die alle gleichermaßen als völlig untauglich zu stigmatisieren wären. Also merkt man den Bauten an, daß ihnen kein Plan zugrundeliegt außer einem beliebigen. Ihre stärkste Rechtfertigung signalisieren sie als offensichtliche Aufforderung, sie gleich wieder abzureißen. Sie wurden als einstürzende Neubauten konzipiert unter der tröstlichen Versicherung, wenigstens ihre Materialien seien nahezu recyclebar. Auch in der Architektur erfüllt sich die evolutionäre Produktionslogik, derzufolge alles Geschaffene nur noch wertvoll ist, soweit es umstandslos wieder aus der Welt gebracht werden kann.

Und was kommuniziert diese Architektur, wenn sie nicht mehr Abbild und Vorstellung bewegender Formideen, verewigter Stilisierungskraft oder Bezeichnung des Guten, Wahren und Schönen sein kann? Eben die Naturgeschichte, wie sie sich in Termitenbauten, Bienenstöcken, Korallenriffs oder in Horstkolonien manifestiert. Generell scheinen sich mehr und mehr Menschen, zumal mit Blick auf die Zukunft, aus ihrer kulturellen Autonomie gegenüber der Natur zu verabschieden, indem sie akzeptieren lernen, daß ihre herrischen kulturellen Konzepte offensichtlich gar nicht ihre sind, sondern sich aus der Tatsache ergeben, daß Menschen von Natur aus Kultur- und Sozialwesen sind und daß sich deshalb die Gesetze der Evolution leider auch im sozialen und kulturellen Leben zur Geltung bringen. Wem das als sozialdarwinistische Kapitulation vorkommt, sei daran erinnert, daß die Moderne generell, also nicht nur in grüner Wandervogeligkeit, stolz darauf war, die Natur zur Lehrmeisterin zu nehmen. In zahlreichen Ausarbeitungen von Ozenfant bis Ungers wurde aus der Parallelisierung von Natur- und Kulturformen, der Biomorphie, die Sicherheit begründet, mit der Architekten behaupten konnten, das Angemessene, das Zulässige und das Wahrscheinlichste zu wählen, um so dem normativen Dogmatismus des jeweils für gut, wahr und schön Gehaltenen zu entgehen. Modernes Bauen als Postulat war damit auch immer schon ökologisches Bauen und damit ein Bauen für eine Gesellschaft im „natürlichen“ Gleichgewicht. Dergleichen „sozialistisch“ oder wenigstens „sozial“ zu nennen, ergab sich offensichtlich aus dem Zwang, die Überlegenheit des Modernen als des „Neuen“ und „Anderen“ zu beweisen, denn es hätte zu mehr als bloßen Mißverständnissen geführt, wenn der Anspruch, alles ganz anders zu machen, mit dem Hinweis auf die Natur der Kulturen begründet worden wäre. Aber worauf gründete sich das Konzept der naturdurchwirkten Gartenstädte, wenn nicht auf der Einsicht, was dem Menschen von seiner Natur aus angemessen, billig und kalkulierbar ist? Darauf beruhen auch die Konzepte der „nachhaltigen Entwicklung“ in der Diskussion zwischen Stadtkernverdichtern und Umlanderschließern – genauso wie die Konzepte der sozialen Reintegration von Leben und Arbeiten, von familiären und Single-Existenzen, von Angehörigen unterschiedlicher sozialer Schichten – wie auch die Konzepte der modernen Rekultivierung durch Umnutzung.

In der römischen Antike war unser Kulturbegriff nicht aus der Entgegensetzung von Kultur und Natur, sondern aus der kulturell optimierten Nutzung der Natur begründet. Kultivierung der Natur hieß, die Menschen zu lehren, mit ihrer Natur sinnreicher umzugehen, sich also besser in die Natur zu fügen. Dieses Optimierungskonzept entspricht seinerseits Evolutionsstrategien, auf denen die Symbiosen von Lebewesen beruhen.

Die Moderne war als nunmehr rund 250 Jahre alte Epoche, so wird einvernehmlich behauptet, von einer wissenschaftlichen Hinwendung auf die Natur geprägt. Aus dieser Hinwendung ergaben sich die Möglichkeiten, technische Instrumente zu bauen – und nicht aus einer souveränen Verleugnung der Natur. Über lange Perioden schien man aber behaupten zu wollen, die Resultate naturwissenschaftlichen Arbeitens ließen die Natur für das Menschenleben immer unbedeutender werden. Man wollte mit Technik über die Natur triumphieren. Einer der Triumphe firmierte unter dem Namen der Hygiene gegen den natürlichen Schmutz und die Bedrohung durch das natürliche Gewimmel von Kleinstlebewesen oder Pseudolebewesen – als ob nicht jede Katze und jeder Fischotter, jeder Vogel oder Affe Perfektionisten der Hygiene seien.

Fazit:

Gegenwärtig und auf absehbare Zukunft scheint man vor den Fassaden unserer Städte, wie immer sie auch gestaltet sein mögen (in Strategien der Reintegration von Großstadt zum Haus oder in der Bildung attraktiver Ghettos), den sich selbst steuernden Lauf sozialer Evolution zu kommunizieren – offensichtlich mit hoher Akzeptanz von links bis rechts. Der Vandalismus wird kaum noch mit Sanktionen verfolgt, weil das praktisch nicht durchhaltbar sei und andererseits als Manifestation von wünschenswerter Selbstverwirklichung gewertet werden müsse. Der individualistische Vandalismus wird mit Hinweis auf den kollektivistischen, wie Sozialabbau, Arbeitslosigkeit und Bauherrenimperialismus, kleingerechnet. Wer 6.000 Kilometer durch die oberen Luftschichten fliege, verursache ohnehin mehr Schaden als die Sprayer, Inlineskater oder Einbrecher, sagt Herr von Weizsäcker aus Wuppertal. Daß Kleineinkommenbezieher in eben jenen Flugzeugen sitzen, sei nicht ihnen zuzurechnen, denn ihnen bliebe ja keine andere Wahl, als nun einmal gebotene Möglichkeiten zu nutzen. Wer durchaus zu Recht Haftung von Produzenten für ihre Produkte einfordert, erklärt zum Fassadenfenster hinaus, die Haftung des Konsumenten für den Umgang mit den Produkten sei etwas völlig anderes.

So baut man kommunikationsstrategisch lauter potemkinsche Fassaden der Selbstrechtfertigung; glanzvoll hält man anderen vor, sie seien die wahren Schuldigen, man selbst nur ein armes Opfer in Notwehr. Und Notwehr sei etwas ganz natürliches. Eben eben.

Da mögen sich die Architekten anstrengen wie sie wollen. Definieren sie öffentliche oder halböffentliche Räume mit hohem Anspruch auf integrative Wahrnehmung, so kriegen sie mit Sicherheit zu hören, das schränke die Freiheit ein, sich nach Belieben zu verhalten. Reduzieren sie die orientierenden Formideen, wirft man ihnen Phantasiearmut vor. Fügen sie das Heterogene unter ordnende Gedanken, machen sie sich schuldig, den Tod der regionalen Besonderheit herbeizuführen. Maskieren sie die Fassaden zu attraktiven Signalgebern, heißt es mit Sicherheit, sie wollten die Stadt dem Unterhaltungsmoloch zum Fraß vorlegen. Bauen für den öffentlichen Raum? Architektur der öffentlichen Kommunikation? Na, wenn Sie meinen …