Der Barbar als Kulturheld

Bazon Brock III: gesammelte Schriften 1991–2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist

Der Barbar als Kulturheld | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„In Deutschland gehört zu den wichtigsten Aktivisten auf diesem Feld (der Massentherapie) gegenwärtig der Performance-Philosoph Bazon Brock, der nicht nur eine weit gestreute interventionistische Praxis aufweisen kann, sondern auch über eine ausgearbeitete Theorie des symbolischen Eingriffs verfügt.“ Peter Sloterdijk in Die Verachtung der Massen, Frankfurt am Main, 2000, Seite 64

„Mit welchem Gleichmut Brock das Zähnefletschen der Wadenbeißer ertrug, die ihm seinen Erfolg als Generalist verübelten ... Bazon Brock wurde zu einer Symbolfigur des 20. Jahrhunderts, von vielen als intellektueller Hochstapler zur Seite geschoben und von einigen als Poet und Philosoph verehrt ... Er konnte wohl nur den Fehler begehen, sein geniales Umfassen der Welt nicht nur zu demonstrieren, sondern es lauthals den anderen als eine legitime Existenzform vorleben zu wollen.“ Heinrich Klotz in Weitergeben – Erinnerungen, Köln 1999, Seite 107 ff.

Sandra Maischberger verehrt Bazon Brock wie eine Jüngerin. Denn täglich, wenn es Abend werden will, bittet sie mehrfach inständig: „Bleiben Sie bei uns“ und sieht dabei direkt dem n-tv-Zuschauer Brock ins Auge. Also gut denn: „solange ich hier bin, stirbt keiner“, versicherte Bazon schon 1966 auf der Kammerspielbühne Frankfurt am Main. Erwiesenermaßen hielt er das Versprechen, weil ihm sein Publikum tatsächlich vorbehaltlos glaubte. „Dies Ihnen zum Beispiel für den Lohn der Angst Sandra, bleiben Sie bei uns“.

Bazon Brock hat in den vergangenen Jahrzehnten mit Schriften, Ausstellungen, Filmen, Theorieperformances /action teachings die Barbaren als Kulturhelden der Moderne aller Lebensbereiche aufgespürt. In den achtziger Jahren prognostizierte er die Herrschaft der Gottsucherbanden, der Fundamentalisten in Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik. Ihnen setzte Brock das Programm Zivilisierung der Kulturen entgegen.

Gegen die Heilsversprecher entwickelte er eine Strategie der Selbstfesselung und die Ästhetik des Unterlassens mit dem zentralen Theorem des verbotenen Ernstfalls. Das führt zu einer neuen Geschichtsschreibung, in der auch das zum Ereignis wird, was nicht geschieht, weil man es erfolgreich verhinderte oder zu unterlassen vermochte.

1987 rief Brock in der Universität Wuppertal die Nation der Toten aus, die größte Nation auf Erden, in deren Namen er den Widerruf des 20. Jahrhunderts als experimentelle Geschichtsschreibung betreibt.

Protestanten wissen, es kommt nicht auf gute und vollendete Werke an, sondern auf die Gnade des Himmels. Deswegen etablierte sich Brock von vornherein, seit 1957 als einer der ersten Künstler ohne Werk, aber mit bewegenden Visionen, die von vielen
übernommen wurden; z.B. „Ich inszeniere Ihr Leben – Lebenskunstwerk“ (1967), „Die neuen Bilderkriege – nicht nur sauber, sondern rein“ (1972), „Ästhetik in der Alltagswelt“ (1972), „Zeig Dein liebstes Gut“ (1977), „Berlin – das Troja unseres Lebens und forum germanorum“ (1981), „Wir wollen Gott und damit basta“ (1984), „Kathedralen für den Müll“ (1985), „Kultur diesseits des Ernstfalls“ (1987), „Wir geben das Leben dem Kosmos zurück“ (1991), „Kultur und Strategie, Kunst und Krieg“ (1997). „Hominisierung vor Humanisierung“ (1996), „Moderator, Radikator, Navigator – die Geschichte des Steuerungswissens“ (1996).

Deutsch sein heißt schuldig sein – Bazon versucht seine schwere Entdeutschung mit allen Mitteln in bisher mehr als 1.600 Veranstaltungen von Japan über die USA und Europa nach Israel. Gegen den dabei entstandenen Bekenntnisekel beschloß jetzt der Emeritus und elder stageman des Theorietheaters, sein Leben als Wundergreis zu führen, da Wunderkind zu sein ihm durch Kriegselend, Lagerhaft und Flüchtlingsschicksal verwehrt wurde.

Ewigkeitssuppe | 850.000 Liter des Tänzerurins | im Tiergarten, die wurden Blütenpracht. | Er sah die Toten der Commune in Pappschachteln | gestapelte Puppenkartons im Spielzeugladen. | Die schrieben Poesie des Todes, Wiederholung, Wiederholen. | Dann träumte er vom Kochen mit geheimen Mitteln | Zwerglute, Maulkat, Hebenstreu und unverderblich Triomphen. | Das war gute Mahlzeit des lachenden Chirurgen, | der ihn bis auf die Knochen blamierte.

Die Herausgeberin Anna Zika ist Professorin für Theorie der Gestaltung, FH Bielefeld. Von 1996 bis 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin um Lehrstuhl für Ästhetik, FB 5, Universität Wuppertal.

Die Gestalterin Gertrud Nolte führt ihre – botschaft für visuelle kommunikation und beratung – in Düsseldorf. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen für Graphikdesign und Buchgestaltung

Noch lieferbare Veröffentlichungen von Bazon Brock im DuMont Literatur und Kunst Verlag:

Actionteachingvideo „Wir wollen Gott und damit basta“, 1984;

„Die Macht des Alters“, 1998;

„Die Welt zu Deinen Füßen – den Boden im Blick“, 1999;

„Lock Buch Bazon Brock“, 2000.

Seite im Original: 644

IV.43 Architektur zwischen Formensprache und sozialen Funktionszusammenhängen

Wo steht die Architektur?

Seit alters her gehört die Architektur zum Kern der kulturellen Prägung jeder Gemeinschaft, jeder Religion, jeden Lebensraumes. Insofern ist es geboten zu fragen, welche Rolle die Architektur eigentlich gegenwärtig in Kulturkämpfen um regionale Autonomie spielt. Verkürzt läßt sich folgende Gleichung aufstellen: hier Autonomie der kulturellen Regionen und Ethnien, dort der Geltungsanspruch universaler Standards und Normen – hier die Architektur als Regionalsprache, dort (parallel dazu auch die Künste) Architektur als Universalsprache. Noch radikaler formuliert: es geht um eine Auseinandersetzung zwischen Kultur und Zivilisation, deren Dimensionen uns erst langsam klar werden, wenn man zum Beispiel von einer unmenschlichen Architektur im selben Sinne spricht wie von einem unmenschlichen Verhalten kämpfender Parteien.

Gegenwärtig findet man immer wieder in der Presse, daß Redaktoren auf die Idee kommen, Unmenschlichkeit in derselben Weise auf architektonische Formen und architektursprachliche Formulierungen zu übertragen wie auf die Kriegführung in Jugoslawien; daß man von der Legebatterienarchitektur der fünfziger Jahre in der BRD wie von Lagern spricht, wo man doch weiß, was es heißt, Menschen in solche zu pferchen, vielleicht gar noch in solche des KZ-Typs; daß trotzdem mehr und mehr diese Parallelen gesetzt werden, sollte einen skeptisch stimmen. Es bedeutet nämlich nichts anderes, als daß die Architekten, Künstler und Wissenschaftler (Kunst- und Architekturhistoriker, Design-Wissenschaftler) sich bereits für diejenige Diskussion haben instrumentalisieren lassen, die diese Kämpfe als Kulturkämpfe auslegt. Der zivilisatorische Anspruch steht jedoch jenseits personaler und sozialer Identitätsforderungen, ohne Verweis auf die eigene Region, Sprache und Geschichte. Ihm gegenüber findet man den kulturellen Anspruch, der nun gerade gegen die universalen Normen und Geltungsansprüche auch in den Formsprachen die regionale Entwicklung bevorzugt.

In der Architektur läßt sich dies an zwei Beispielen jeweils auf den Höhepunkten ihrer Formulierungen sehr gut veranschaulichen: Gaudi für die katalanische Architektur in Barcelona und Plecnik für die slowenische Architektur. Jene Architekten gestalteten und produzierten in der höchsten Form eines damaligen Ausdruckswillens und gleichzeitig regional definiert. Gaudi hat ebenso wie Plecnik eine haltbare, durchgängig formulierte architektonische Formensprache entwickelt. Das ist Architektur mit höchstem Anspruch, kein Provinzialismus, kein bloßes Ausweiten handwerklicher Tradition, sondern Architektur von universeller Gültigkeit. Parallel dazu entwickelten sich Moderne und Internationalismus, die in Loos einen ihrer ersten großen Programmatiker hatten. Diese Auseinandersetzung ist insofern für die letzten zwanzig Jahre vergessen worden, als man glaubte, zugunsten einer Pluralität vieler regionaler Identitäten – vornehmlich getragen eben auch durch die Architektur – die Diskussion auf einem Niveau fortsetzen zu können, das allgemein akzeptiert wurde. Für die kulturelle Verarmung der Regionen wurde nämlich bisher der zivilisatorische Anspruch universaler Geltung verantwortlich gemacht. Wer das Argument für eine gewisse Zeit aufnahm, konnte den Eindruck gewinnen, daß es tatsächlich so gewesen sein könnte – die kulturellen Traditionen der Regionen gingen verloren und wurden durch Normierungen, ja Uniformierungen der universalen Standards sprachlos oder voneinander nicht mehr unterscheidbar. So löste man die Konfrontation zwischen Kultur und Zivilisation auf, indem man sich darauf beschränkte, Zivilisation nur noch als das Regelwerk der Pluralitäten zu sehen, in der sich die je eigenständigen kulturellen, regionalen Heritages, also die Identitäten, formulierten.

Zum Formgedanken

Dies soll der Ansatzpunkt für meine Überlegungen zum Formgedanken sein: Form als grundlegende Bedingung für das Gemeinschaftsleben von Menschen erörtern, so wie sie sich in der Architektur materialisiert, Form als Lebensform und Funktionszusammenhang. Seit Alberti Architektur als Analogie zur Gesellschaft setzte, ist bekannt, daß die Architektur mit ihren Mitteln der Gestaltung der Lebensräume von Menschen Einfluß auf soziale Verbindungen bzw. die Ausbildung von Lebensformen nimmt. Umgekehrt ist der Architekt jemand, der diesem Set von Lebensformen ebenfalls ausgesetzt ist und aus ihnen heraus seine Konzepte formuliert. Sämtliche Großmeister von Alberti bis Le Corbusier haben Architektur in dieser ganzheitlichen Formulierung als ein Bauen der Gesellschaft verstanden. Das soll nicht sozialistisch, kommunistisch oder gar pathetisch gemeint sein, sondern im Sinne einer Beschreibung. Zur architektonischen Ausbildung gehörten u.a., wie Alberti in De familia angeführt hat, Überlegungen zur Organisation eines Haushalts, zur Kindeserziehung in der Familie oder der Gemeinschaft und weitergehend Überlegungen zum Aufbau von Infrastruktur, Straßen, Plätzen usw. Solche Gedanken sind Bedingung und auslösender Impuls der Architektur. Seit Begründung der Architekturgeschichte im 15. Jahrhundert wird gefordert, jenseits der regionalen kulturellen Identitäten und ihres Ausdrucks eine zivilisatorische universale Norm, ein Normgefüge zu begründen, welches Priorität vor allen anderen Argumenten besitzt. Heute gilt es, die Kulturen nicht weiter zu differenzieren, sondern jene zivilisatorischen Programme zu unterstützen, die ja ursprünglich mit dem Namen Moderne verbunden waren.

Das Programm der Moderne wieder aufzunehmen, bedarf allerdings erheblicher Umorientierung im Denken. Auf der Ebene der Verwirklichung der Menschenrechte, die ja wohl die bekannteste zivilisatorische Norm darstellen wie auch in architektursprachlichen Definitionen, eben jener Lebensvoraussetzung oder Zusammenhänge, in denen Menschen diese Norm realisieren, ist allein die Durchsetzung universaler Normen und Standards wichtig. Architektur ist dann eine realisierte zivilisatorische Norm von universalem Geltungsanspruch. Aus der bisherigen Tradition des Denkens des Selbstverständnisses von Architekten seit Albertis Zeiten, ist klar, daß die Architekten Träger der zivilisatorischen und nicht der kulturellen Prozesse sind. Ich bin der Meinung, daß wir das, was wir innerhalb der Gestaltungskonzepte entwickeln, anderen Menschen anbieten, mit ihnen diskutieren und realisieren, in allererster Linie im Hinblick auf diesen Zivilisationsauftrag verstehen sollten. Das gilt für die kleinste Ecke, in der man zum Beispiel ein Garagenensemble anonymer Privatbauer, handwerklicher Bricoleure und Bastler im Sinne einer Vereinheitlichung eines Stadtbildes neu gestalten soll, bis hin zur Städteplanung selbst.

Sedlmayer und andere Historiker stellten fest, daß sich seit dem 5. vorchristlichen Jahrhundert und der griechischen Antike die Entwicklungen der Gesellschaften in Europa am eindeutigsten in der Betrachtung der jeweilig vorherrschenden Bauaufgaben extrapolieren lassen. An den dominierenden Bauaufgaben der Gesellschaften in bestimmten Epochen läßt sich die Gesamtentwicklung besser ablesen als in jeder anderen Argumentation. In Anlehnung an diese Methode möchte ich im folgenden die Entwicklung von Formensprachen an jedermann bekannten Beispielen erläutern – und zwar im Hinblick auf den Typus der Kommunikationsbauten.

Die Verknüpfung von Formensprachen und sozialen Lebensformen

Die bekannteste Art der Verknüpfung von Formensprachen und sozialen Lebensformen ist im Programm des Wiederaufbaus der Akropolis nach der großen Perserkatastrophe historisch nachweisbar. Diese Diskussion begann ungefähr um 465 und ist bis 450 v. Chr. abgeschlossen. Noch heute läßt sich die Programmatik dieses Vorgehens unter der Ägide von Perikles als politischem Führer und Iktinos und Phidias als Baumeister und Bildhauer als zentral und beispielhaft für die gesamte europäische Geschichte darstellen, was die Gesamtkonstruktion der Anlage der Akropolis anbelangt. Innerhalb dieses grandiosen Konzeptes von Form als Funktionszusammenhang kann man zeigen, daß eben nicht die einzelne Formensprache, in diesem Falle die dorische Ordnung, prägend ist, sondern der soziale Zusammenhang, in dem diese Bauten stehen. Sie erhalten ihre einzelnen Aufgaben in den kultischen Ausprägungen gesellschaftlichen Gemeinschaftslebens durch die Funktion, die sie für das Repräsentieren und Vergegenwärtigen der Erlebensformen einer Gesellschaft haben und nicht der Formen im Sinne von Gestaltungseinheit. Daher weiß man heute aus unendlich vielen Quellen, daß die Akropolis im wesentlichen nicht unter Gesichtspunkten großartiger künstlerischer Einzelleistungen betrachtet wurde, sondern im Hinblick darauf, was sie für den Zusammenhalt der athenischen und attischen Gesellschaft bedeutete. Die Architektur wird hier in ihren Ausformulierungen jenseits der Fragen nach großer Kunst oder individuellem Stil eines Bildhauers oder Architekten insofern zur Gemeinschaftsstiftung, als sich an diesen architektonischen Formulierungen des Funktionszusammenhangs die gesamte Lebensgemeinschaft Athens manifestiert.

Das ist sehr unterschiedlich geschehen. Am Erechteion-Bau sieht man zum Beispiel, daß die Rückbezüge auf die mythologischen Erzählungen zur Gründung der Stadt anders aufgenommen werden als im zentralen Tempel der Pallas Athene oder in Glyptothek und Pinakothek rechts und links neben den Propyläen. Der hohe Anspruch dieses Konzeptes wurde auch mit heterogenen Mitteln durchgesetzt. Wir haben hier also kein totalitäres Konzept vor uns wie in der Moderne, denkt man an Nationalsozialismus oder Stalinismus, in denen meistens nur die totalitäre Durchsetzung eines einzigen Formgedankens möglich war.

Wenn man die beiden Paradebeispiele aus der römischen Epoche der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte betrachtet – das Kolosseum und den Septimus-Severus-Bogen –, wird deutlich, daß sich aufgrund verschiedener Lebensformen auch das Programm ändert.

Kommunikation als Voraussetzung für die Beziehung zwischen den Menschen

Die Verfassung Roms ist eine andere als die Athens, die Akte der Bildung sozialer Formationen sind verschieden, die rechtlichen Normen sind andere. Nur wird ähnlich wie in Athen darauf abgehoben, den Zusammenhang zwischen der gesellschaftformierenden Kraft der Architektur, d.h. Ausdruck und Vergegenwärtigung von Lebensnormen zu sein und der Rückwirkung von eben diesen architektonischen Ausdrucksformen auf die Gesellschaft, in den öffentlichen Bauten repräsentiert zu sehen. Hier kann ein Wechselspiel beobachtet werden, innerhalb dessen aus mannigfachen Lebensformen architektonische Konzepte entstehen, die ihrerseits wieder ganz unmittelbar die gesellschaftlichen Formationskräfte beeinflussen.

Bei diesen Bauten – Akropolis, Kolosseum oder auch den Memorialbauten auf dem Forum Romanum, den Tempeln usw. – handelte es sich um Kommunikationsbauten, die eine der Grundvoraussetzungen für die Entwicklung eines solchen Beziehungsgeflechts auf Verbindlichkeit, nämlich Kommunikation, thematisieren.

Eines der grandiosesten Programme, ähnlich dem der Akropolis oder dem des Weltraumbahnhofs von Baikonur, um ein Beispiel für die heutige Zeit zu nennen, war das nach 1160 von Suger von Saint-Denis initiierte Konzept zur Errichtung der gotischen Kathedralen. In ihnen findet man eine entscheidende Ausprägung der Kommunikation formuliert – nämlich nicht nur die zwischen den Menschen, sondern auch die zwischen der diesseitigen Kultur und ihrem aus der christlichen Theologie heraus begründeten Anspruch auf jenseitiges Leben. Hier erkennt man eine viel subtilere Form der Vermittlung als bei den Griechen, bei denen der Tempel als das Haus Gottes die Gemeinde ausschloß, weshalb sich der Altar mit der Opfergrube auch vor dem Gebäude befand. In der Gotik, wo die Kirche zum Haus der Gemeinde und der Gläubigen wurde, mußte die Beziehung zur theologischen Definition des Gottes, zum Jenseits oder zum Paradies auf eine viel raffiniertere Weise erfolgen. In bezug auf die Schriften von Sedlmayer oder von Simson kann man sagen, daß es sich hier um die Integration der Vorstellung des himmlischen Jerusalem (zum Beispiel in der Kathedrale zu Amiens), des Paradieses und des Gottesreiches in die Lebenswelt einer im Mittelalter irdisch herrschenden Gemeinschaft handelt. Welche Verbindlichkeit erhalten Menschen in ihren entwickelten Beziehungen und Lebensformen, wenn sie sich dabei auf das christliche Versprechen eines Lebens nach dem Tode, eines jüngsten Gerichtes, der Apokalypse oder auf ein weiteres Prozedere der Sortierung zwischen den Gerechten und Ungerechten, zwischen den Guten und den Bösen verlassen? Wie man heute weiß, ist eine der bedeutendsten Formen des Verbindlichwerdens von Beziehungen zwischen Menschen das Einlassen auf eine Repräsentanz, die über das je individuelle Leben hinausgeht.

Das kann sich zum einen in der Institution der Kirche als Glauben manifestieren oder zum anderen in Memorialbauten, Historienbildern und Ereignisbildern repräsentiert werden. Darum, wie weit eine solche Repräsentanz gehen darf, kreiste der berühmte Disput zwischen Suger von Saint-Denis und Bernard von Clairvaux, der in der Frage gipfelte, ob man diesen Transzendenzanspruch in die Alltagssprache miteinbeziehen dürfe. Suger hielt es sogar für notwendig, das Heilige als abstrakten Gedanken zu vergegenständlichen. Dem widersprach Bernard von Clairvaux, der glaubte, daß das Heilige Teil der psychischen Prozesse, des Seelischen und des geistigen Lebens der Menschen sei und deshalb nicht sprachlich, in Ziegelsteinen und Glas vergegenständlicht werden dürfe.

Was Suger und Bernard zu diesem Gedanken in ihren Programmschriften formuliert haben, bleibt eine der grandiosesten Demonstrationen von Form als Funktionszusammenhang, nämlich im Sinne einer Kommunikation zwischen Menschen, deren Verbindlichkeit durch die Gemeinsamkeit ihrer Ausrichtung auf den christlichen Glauben und seine in der Kathedrale Stein gewordenen Programmatiken entsteht. Das gilt auch für die einzelnen Formierungsprozesse. Ging man beispielsweise durch ein gotisches Portal mit starker Sogwirkung, dann formierte sich entsprechend dem jeweiligen Ritualanlaß der soziale Körper hinsichtlich einer Prägung, die durch die Architektur und die applizierten Skulpturen auf den, der durchs Tor schritt, ausgeübt werden sollte. Im metaphorischen Sinne war dies das Joch, d.h. ein Prägestock der Architektur für Verhaltensweisen, für Wahrnehmung, für die Attitüden desjenigen, der durchs Tor gehen mußte.

Das Entscheidende bei der gotischen Kathedrale als Kommunikationsbau war, daß die Verbindlichkeit dieser Beziehungen aus der einheitlichen Ordnung auf die christliche Theologie entstand. Hier erhebt sich das Problem, wie heute die universal zivilisatorische Geltungsnorm an die Stelle des einheitlichen Glaubens tritt.

Abbruch der Kommunikation

Bei den Kommunikationsbauten, die die Voraussetzungen des Beziehungsgeflechtes zwischen den Menschen schaffen, mit je unterschiedlicher Begründung der Verbindlichkeit, gibt es das Phänomen des bewußten Abbruchs der Kommunikation, der Isolation. Zu jeder Art von sozialer Gemeinschaft, auch im Sinne einer Vereinheitlichung der Lebensräume, gehört die Möglichkeit des Abbruchs der Kommunikation, wie es im berühmten Beispiel der Zugbrücke als eines Baues auf einer isolierten Felsnase äußerst bildhaft thematisiert worden ist. Auch wenn man glaubt, daß die Legitimation für dieses Verfahren bei uns längst zu den Akten gelegt worden ist, zeigen die Architekten heute, was sie da gelernt haben, d.h. sie bauen Ghettos: Der Tennisclub der Leute, die es sich leisten können, ist ein Ghetto; der Freizeitclub derer, die es sich leisten können, ist ein Ghetto; die Fabrik der Leute, die es sich leisten können, ist ein Ghetto mit speziellem Zugang.

Diese Möglichkeit des Abbruchs der Kommunikation und der Isolation wird nicht mehr pejorativ gegen Minderheiten angewendet (früher hat man Minoritäten wie die Juden ghettoisiert); heute gehen die Eliten freiwillig ins Ghetto, weil es die einzige Form ist, einen durchgängigen Lebenszusammenhang zu garantieren. Sie brechen die Brücken jeden Abend oder jeden Morgen hinter sich ab und isolieren sich vollständig. Das Ghetto ist eine in sich geschlossene Welt. Gehört es jedoch grundsätzlich zur Aufgabe jedes Architekten – wie in derzeit kursierenden Diskussionen unter amerikanischen Architekten aufgeworfen –, Kommunikation zu ermöglichen und aus der architektonischen Konzeption heraus den Abbruch jenseits der durch das Bürgerliche Gesetzbuch garantierten Norm (Unantastbarkeit der Privatsphäre) sozusagen miteinzubauen? Das würde bedeuten, daß die Gesellschaft tatsächlich in nicht mehr miteinander in Beziehung stehende Einheiten zerfiele.

Einige Beispiele

Paradebeispiel für die Fähigkeit der Architekten, Kommunikation als Voraussetzung für das Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen zu entwickeln und sich zusätzlich auf die Verbindlichkeitsform einzurichten, die durch die Theologie vorgegeben ist, stellt der Vorplatz von St. Peter mit den Kolonnaden von Bernini dar. In den berühmten ausholenden Armen der ecclesia, der Mutter Kirche, die mit ihren Kolonnaden die Menschheit umfaßt, hat Bernini die Formierung der Gesellschaft durch die Mutter Kirche selbst gezeichnet. In ähnlicher Form geschieht dies in Großprogrammen wie dem von Versailles, wo das bis ins letzte Detail sowohl für den Innenhof nach außen, wie für den Außenhof nach innen, für die Fassaden und auch für die rückwärtigen Gartenanlagen thematisiert wurde. >Auch klang in Versailles erneut eine Frage an, die bereits beim Schloß von Blois in historischer und schriftlicher Form überliefert worden ist: Wie kommuniziert man eigentlich über ein so klassisches architektonisches Element wie die Treppe? In Blois war der geniale Gedanke entstanden, das Treppenhaus nach draußen zu verlagern und als Rampe auszuführen. Das hatte eine ganz bestimmte Auswirkung auf die Formierung der Gesellschaft, was in den Romanen jener Zeit beschrieben wurde, die dieses Schloß bespielten.

Man sieht es auch im 19. Jahrhundert bei der Entwicklung der Galerien als eines bestimmten Kommunikationstyps, der von der Architektur selbst geschaffen wurde. Fast überall in Europa entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Galerien, zum Beispiel die Mailänder Galerie, die durch architektonisches Denken auf die Formierung der Gemeinschaft oder Gesellschaft ausgerichtet ist und sich auch auf die Verbindlichkeitsgarantien in den Beziehungen ausrichtet. Das dreht sich keineswegs nur um den schnöden Mammon, wie immer behauptet wurde. Die Verbindlichkeiten steckten in den pekuniären Verbindungen der Warenwerte, die dort ausgelegt oder getauscht wurden, qua zahlen oder nicht zahlen. Sie steckten in der Lebensform, die dieses Zahlen oder Nichtzahlen überhaupt erst möglich machte. Dies ist ein zivilisatorisch und weniger ein kulturell beschreibbarer Prozeß. Das gleiche gilt für die Entwicklung von neuen Anforderungen an die Knüpfung kommunikativer Beziehungen, wie sie mit der Erfindung der Eisenbahn entstehen – riesige Bahnhofshallen als Prototypen für weitere Kommunikationsbauten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als ein besonderes Beispiel mag der S-Bahnhof in Berlin-Dahlem fungieren, der einen ganz anderen Typus der Verbindlichkeiten aktiviert.

Hier wird deutlich, wie geschickt Architekten es verstanden haben, Form als Funktionszusammenhang und Lebensform zu sehen, in der sich der einzelne selbst als Repräsentant eines Stils in diesem formalen Zusammenhang auffassen kann. Das ist von der Akropolis an über den Durchzug durch die Portale der gotischen Kathedralen bis in unsere Zeit hinein nachweislich, daß die Eintretenden sich durch das Überschreiten der Schwelle tatsächlich entscheidend verändern, also in die gesellschaftlich geprägte, architektonische Formation eingehen.

Baumeister oder Auftraggeber von Louis XIV. bis Hitler haben instinktsicher um die psychologisch intensive Wirkung solcher architektonischer Formierungen gewußt. Das galt auch für die Entwicklung neuer Kommunikations- und Ereignisorte wie das Großkaufhaus oder für die Spielkasinos in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Ähnliches läßt sich konstatieren für solch profane Anlagen wie die Infrastruktur der Großstädte, die Autobahnen etc., die im Hinblick auf ihre formierende Kraft weit unterschätzt werden. Ja, wahrscheinlich gehören sie gegenwärtig bei dem relativ unterentwickelten Anspruch von Architektur zu den stärksten und dominierendsten Formen, während man sie rein form- oder stilgeschichtlich als völlig banal ansehen muß.

Profantheologie

Ganz entscheidend ist der Aspekt, wie weit diese Phänomene heute greifen, wenn man sich auf rituelle oder kultische Kommunikationsräume einläßt, also etwa Ronchamp und das Centre Pompidou als Kommunikationsräume miteinander vergleicht. Früher wurde behauptet, Corbusier und Rogers hätten unstatthafterweise auratische Anleihen bei der Architekturgeschichte gemacht, die noch Verbindlichkeiten über theologische Begriffe und über den Glauben vermittelte. Das hat sich als untertrieben herausgestellt. Inzwischen vertreten fast alle Fachleute die Auffassungen, die Carl Schmitt für die Rechtswissenschaften postuliert hat, daß nämlich alle Begriffe der Kunst- und Architekturgeschichte aus der Theologie stammen und mehr oder weniger profanisiert in den Alltagskontext überführt worden sind.

Nun sind Museen wie das Centre Pompidou bekanntlich Kommunikationsbauten par excellence, so wie Brücken beispielsweise. Aus ihnen ergab sich in der jüngsten Vergangenheit ein bestimmter Typus von „profanisierten“ Kommunikationsbauten, den man als Messe- und Ausstellungsbau kennt und von dem heute auf die Architektur wohl die entscheidende Entwicklung ausgeht. Immer mehr wird das, was wir wechselseitig in die Aufmerksamkeit bringen, zu einer Art von Beziehungsvermittlung durch Kommunikation, wie sie Messen und Ausstellungen repräsentieren, sogar in familiären und kommerzfernen Zusammenhängen. Das Interessante ist derzeit, wie ein solcher Typus der Kommunikationsarchitektur als Ausstellungsarchitektur zurückwirkt, zum Beispiel als innenarchitektonisches Konzept auf die Außenarchitektur. Das Centre Pompidou ist nach dem Muster eines Industriebaus als ein Kommunikationsbau entwickelt worden, richtet sich also an einem ganz anderen Typus der Vermittlung der Beziehungen und der Verbindlichkeit zwischen den dort arbeitenden Menschen (Dichotomie von Fabrik und Außenwelt) aus. Die Tendenz geht dahin, das Kernstück der architektonischen Formierungskräfte, sprich Aufbau der Kommunikation, auf die Industrie- und Zweckbauten und in einem hohen Maße auch auf die Wohnbauten als rekonstruierte Gesellschaftlichkeit, als Arbeitsgemeinschaft und Überlebensgemeinschaft zu überlegen.

Die Aufgabe der Architektur

Ich bin überzeugt, daß jenseits fundamentalistischer Erzwingung von Verbindlichkeit in den Beziehungen zwischen den Menschen der Architektur die Aufgabe zukommt, den Zusammenhalt zwischen den Menschen unterschiedlicher privater Überzeugungen, Glaubensbekundungen oder regionaler Kulturidentitäten durch Orientierung auf übergeordnete, allen gemeinsame, universell geltende Standards oder Normen zu ermöglichen. Das sind genau die Standards, die als Programm die Moderne prägen, seit Mitte des 15. Jahrhunderts Alberti und andere mit der programmatischen Ausarbeitung eines solchen Selbstverständnisses von Architektur begonnen haben. Der wahre Umbruch, die Moderne, wurde nicht erst 1905 bei Loos oder ein paar Jahre darauf beim Bauhaus manifest, sondern bereits Anfang des 15. Jahrhunderts. Wenn man verfolgt, wie kraftvoll damals diese Formierungskräfte trotz der Pest, trotz irrsinniger Bürgerkriege, trotz der Zerstreuung der Menschheit in alle Winde und trotz Ausrottung von zwei Dritteln der Bevölkerung in Religionskriegen im Aufbau von Gesellschaften gewirkt haben (bis hin zu einer Nationalstaatlichkeit, etwas eigentlich nur abstrakt Formulierbares), dann weiß man, welch ungeheure Verantwortung der Gestaltung unserer Lebensräume durch das, was wir generell Architektur nennen, zukommt. Wenn wir uns heute auf die Formen des Selbstverständnisses der Architekten, als Künstler, als Ingenieure, also auch als Zeitgenossen berufen, um zu fragen, auf welche Seite gehört eigentlich in den jetzigen Auseinandersetzungen die Architektur, dann gibt es trotz solcher lokaler Größen wie Plecnik oder Gaudi nur eine Antwort aus der Geschichte der Architektur: Architektur gehört eindeutig auf die Seite der Zivilisation und versteht sich aus dieser europäischen Tradition heraus als entscheidender Faktor der Zivilisierung.