Der Barbar als Kulturheld

Bazon Brock III: gesammelte Schriften 1991–2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit – wie man wird, der man nicht ist

Der Barbar als Kulturheld | Umschlag
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„In Deutschland gehört zu den wichtigsten Aktivisten auf diesem Feld (der Massentherapie) gegenwärtig der Performance-Philosoph Bazon Brock, der nicht nur eine weit gestreute interventionistische Praxis aufweisen kann, sondern auch über eine ausgearbeitete Theorie des symbolischen Eingriffs verfügt.“ Peter Sloterdijk in Die Verachtung der Massen, Frankfurt am Main, 2000, Seite 64

„Mit welchem Gleichmut Brock das Zähnefletschen der Wadenbeißer ertrug, die ihm seinen Erfolg als Generalist verübelten ... Bazon Brock wurde zu einer Symbolfigur des 20. Jahrhunderts, von vielen als intellektueller Hochstapler zur Seite geschoben und von einigen als Poet und Philosoph verehrt ... Er konnte wohl nur den Fehler begehen, sein geniales Umfassen der Welt nicht nur zu demonstrieren, sondern es lauthals den anderen als eine legitime Existenzform vorleben zu wollen.“ Heinrich Klotz in Weitergeben – Erinnerungen, Köln 1999, Seite 107 ff.

Sandra Maischberger verehrt Bazon Brock wie eine Jüngerin. Denn täglich, wenn es Abend werden will, bittet sie mehrfach inständig: „Bleiben Sie bei uns“ und sieht dabei direkt dem n-tv-Zuschauer Brock ins Auge. Also gut denn: „solange ich hier bin, stirbt keiner“, versicherte Bazon schon 1966 auf der Kammerspielbühne Frankfurt am Main. Erwiesenermaßen hielt er das Versprechen, weil ihm sein Publikum tatsächlich vorbehaltlos glaubte. „Dies Ihnen zum Beispiel für den Lohn der Angst Sandra, bleiben Sie bei uns“.

Bazon Brock hat in den vergangenen Jahrzehnten mit Schriften, Ausstellungen, Filmen, Theorieperformances /action teachings die Barbaren als Kulturhelden der Moderne aller Lebensbereiche aufgespürt. In den achtziger Jahren prognostizierte er die Herrschaft der Gottsucherbanden, der Fundamentalisten in Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik. Ihnen setzte Brock das Programm Zivilisierung der Kulturen entgegen.

Gegen die Heilsversprecher entwickelte er eine Strategie der Selbstfesselung und die Ästhetik des Unterlassens mit dem zentralen Theorem des verbotenen Ernstfalls. Das führt zu einer neuen Geschichtsschreibung, in der auch das zum Ereignis wird, was nicht geschieht, weil man es erfolgreich verhinderte oder zu unterlassen vermochte.

1987 rief Brock in der Universität Wuppertal die Nation der Toten aus, die größte Nation auf Erden, in deren Namen er den Widerruf des 20. Jahrhunderts als experimentelle Geschichtsschreibung betreibt.

Protestanten wissen, es kommt nicht auf gute und vollendete Werke an, sondern auf die Gnade des Himmels. Deswegen etablierte sich Brock von vornherein, seit 1957 als einer der ersten Künstler ohne Werk, aber mit bewegenden Visionen, die von vielen
übernommen wurden; z.B. „Ich inszeniere Ihr Leben – Lebenskunstwerk“ (1967), „Die neuen Bilderkriege – nicht nur sauber, sondern rein“ (1972), „Ästhetik in der Alltagswelt“ (1972), „Zeig Dein liebstes Gut“ (1977), „Berlin – das Troja unseres Lebens und forum germanorum“ (1981), „Wir wollen Gott und damit basta“ (1984), „Kathedralen für den Müll“ (1985), „Kultur diesseits des Ernstfalls“ (1987), „Wir geben das Leben dem Kosmos zurück“ (1991), „Kultur und Strategie, Kunst und Krieg“ (1997). „Hominisierung vor Humanisierung“ (1996), „Moderator, Radikator, Navigator – die Geschichte des Steuerungswissens“ (1996).

Deutsch sein heißt schuldig sein – Bazon versucht seine schwere Entdeutschung mit allen Mitteln in bisher mehr als 1.600 Veranstaltungen von Japan über die USA und Europa nach Israel. Gegen den dabei entstandenen Bekenntnisekel beschloß jetzt der Emeritus und elder stageman des Theorietheaters, sein Leben als Wundergreis zu führen, da Wunderkind zu sein ihm durch Kriegselend, Lagerhaft und Flüchtlingsschicksal verwehrt wurde.

Ewigkeitssuppe | 850.000 Liter des Tänzerurins | im Tiergarten, die wurden Blütenpracht. | Er sah die Toten der Commune in Pappschachteln | gestapelte Puppenkartons im Spielzeugladen. | Die schrieben Poesie des Todes, Wiederholung, Wiederholen. | Dann träumte er vom Kochen mit geheimen Mitteln | Zwerglute, Maulkat, Hebenstreu und unverderblich Triomphen. | Das war gute Mahlzeit des lachenden Chirurgen, | der ihn bis auf die Knochen blamierte.

Die Herausgeberin Anna Zika ist Professorin für Theorie der Gestaltung, FH Bielefeld. Von 1996 bis 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin um Lehrstuhl für Ästhetik, FB 5, Universität Wuppertal.

Die Gestalterin Gertrud Nolte führt ihre – botschaft für visuelle kommunikation und beratung – in Düsseldorf. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen für Graphikdesign und Buchgestaltung

Noch lieferbare Veröffentlichungen von Bazon Brock im DuMont Literatur und Kunst Verlag:

Actionteachingvideo „Wir wollen Gott und damit basta“, 1984;

„Die Macht des Alters“, 1998;

„Die Welt zu Deinen Füßen – den Boden im Blick“, 1999;

„Lock Buch Bazon Brock“, 2000.

Seite im Original: 84

I.10 Future Sex. Die Zukunft von Liebe und Erotik

Ein Gespräch mit Jutta Winkelmann und Gisela Getty

Die Sexualität scheint sich immer mehr in die extremen Ausformungen hinein zu entwickeln, körperlich wie geistig. Unsere Zeit empfindet kaum mehr etwas als anstößig. Im Gegenteil. Was noch als Sex-Skandal gewisse Chancen hat, in die Medien zu kommen, wird sofort für Tausende zur Gebrauchsanweisung. Was treibt die Menschen heute ins Bizarre und Extreme?

Der wesentliche Aspekt der gesamten Diskussion um die Extreme der Sexualität liegt in der Struktur unserer Empfindungen. Wir sind darauf programmiert, nur uns selbst wahrnehmen zu können, alle Wahrnehmung ist nur Selbstwahrnehmung. Wenn nun der Körper sich einer bestimmten Situation aussetzt und dadurch im Körper ein anderer Systemzustand erzeugt wird, meldet das eigene neuronale System dem Gehirn, also in diesem Fall dem limbischen System, die neue Lage. Dieses steuert die Sexualität und ist auch im wesentlichen für Fortsetzungs- und Abbruchsaktivitäten zuständig. Das Instrument dafür ist herkömmlich bekannt als Ekel.

Das limbische System ist nach dem Stammhirn die älteste Schicht innerhalb unseres zentralen Nervensystems und dirigiert durch Atmen, Körpertemperatur und Energieumsatz die Lust- und Unlustreaktionen. Was nichts anderes heißt als: Fahre fort mit einer Handlung! Also: Schokolade essen, Sex machen, Wein trinken! Oder: Brich ab! Das Abbrechen kommt durch ein Ekelgefühl zustande, das von einer bestimmten Schwelle an erzeugt wird.

Wird das durch Überstrapazierung erzeugt?

Nein, das erzeugt der Organismus selbst. Stellt euch vor, wir wären zwar programmiert auf Auslöserreizquellen, also Figurationen von verschiedenen Reizen, sagen wir mal, zum Essen, zur Partnersuche, zur Territorialverteidigung, zur Sexualität, und der Antrieb geht immer weiter. Dann ist das Kernproblem: Wie kommen wir von einem Reiz wieder weg?
Es muß eine Abkehr von dieser Reizfiguration geben, um sich auch anderen Reizen wieder zuwenden zu können.

Wahrscheinlich dann auch durch neue Gewohnheitsbildungen…

Das eben funktioniert von Natur aus über das limbische Regulativ. Herkömmlich sagt man, jetzt habe ich soviel Schokolade gegessen, daß ich gleich kotze, also hör ich auf. Diese Schwelle ist kulturell manipulierbar.

Man kann sie absenken oder erhöhen. Absenken heißt: Die Männer wurden vormals schon hektisch oder kriegten Spontanerektionen, wenn eine Frau nur das untere Teil eines Knöchels sehen ließ. Heute kannst du zwei Stunden lang härteste Pornographie vorführen, und es regt sich nichts.

Man sieht es auch – in Amerika insbesondere – daran, wie viele Frauen sich immer größere Brüste implantieren lassen, um über diese Reizschwelle zu gelangen.

Bei all diesen Voraussetzungen gilt: Du nimmst die Auslöserreize aus der Außenwelt, aber die Empfindungen hast du nur von dir selbst. Das System interpretiert den eigenen physischen Zustand. Es verändert die elektrische Leitfähigkeit, den Zelldruck, die Muskelspannung, die Schweißbildung, und das wird dann rückübersetzt und interpretiert. Was wir als Empfindung wahrnehmen, ist eine Selbstempfindung. Und das hat natürlich größte Bedeutung für die Einschätzung der Sexualität in Zusammenhang mit anderen Phänomenen. Gruppenbildung, Kleinstfamilie kann gar nicht über Sexualität laufen, weil die Empfindungen, die dabei auftreten, Selbstwahrnehmungen sind. Bei einem sozialen Verhalten kann das nicht der Fall sein. Wenn das Sozialverhalten nur auf Sexwahrnehmung ausgerichtet wäre, wäre es eben kein soziales. Da müssen ganz andere Mechanismen in Gang gesetzt werden, zum Beispiel Aggressivität.

Ist Sexualität dann nicht eigentlich zutiefst asozial?

Das wäre übertrieben, aber man kann sagen, sie ist auf jeden Fall nicht tauglich, um Partnerbindungen zu erzeugen.

Momentan machen immer mehr Menschen die Erfahrung, daß es nicht klappt. Wäre es nicht entlastend, wenn man das kapieren würde?

Es wurde frühzeitig zwischen Liebe und Sexualität unterschieden. Liebe war die Form der Übertragung der Selbstwahrnehmung auf andere. Wenn man sich wechselseitig akzeptiert bei der Sexualität, bedeutet das eine qualitativ andere Bewußtseinsstufe: Die Lustempfindungen, die als Selbstwahrnehmungen im Körper produziert werden, nimmt man vom anderen an und akzeptiert sie. dann sprechen wir von Liebe.

Oft ist das nicht bei den anderen so …

Doch, das ist bei jedem Menschen so. Notwendigerweise.

Daß der andere das gleichzeitig auch so empfindet?

Das leider nicht. Das ist der Haken. Also kommt es darauf an, ein Aktivitätsmuster aus verschiedensten Antrieben zusammenzubasteln – und das ist von Natur aus schon angelegt. Sexualität, Aggression, Unterwerfungsaggression, Partnersicherung, Wegbeißen aller Konkurrenten, Nahrungs- und Futterquellensicherung, all das spielt jeweils mit hinein, also die Gesamtheit dessen, was man herkömmlich unter dem Machttrieb versteht. Die Sexualität als Selbstthematisierung ist nun deswegen so wahnsinnig gefährlich, weil sie, das hat übrigens Ernst Bloch schon geschildert, einem im Kern klar macht, daß man doch eine Monade ist – eine in sich selbst abgeschlossene Einheit, die als autopoeitisches System dahinrollt. Es gibt freilich ein Fenster zur Welt: die Kommunikation. Aber alles, was einem wirklich wichtig ist, die ganze riesige Palette der Empfindungen, sie werden sämtlich innerhalb dieser Maschine produziert. Auch die gesamten Bewußtseinsproduktionen finden innerhalb dieses autonomen Bewußtseinsproduktionssystems Kopf statt. Nur über die Kommunikation läßt sich das noch mit anderen abgleichen, so daß man kontrollieren kann, ob man nicht wahnsinnig oder verrückt wird. Und das ist die subversive Kraft der Sexualität. Selbst Aggression, Machtverhältnisse, Besitzverhältnisse kann sie sprengen, wenn sie den Organismus, der Sexualität produziert, zwingt, tatsächlich anzuerkennen, daß sich das Ganze nur in ihm selber abspielt.

Es gibt natürlich eine Sexualität, die ganz schlicht auf der Ebene des limbischen Systems operiert, aber die ist ja nur ganz kurz aktiv, sagen wir mal, zwischen Pubertät und zehn, zwölf weiteren Jahren, von Natur aus. Dann ist sie zu Ende. Ab ungefähr Dreißig, Fünfunddreißig funktioniert Sexualität nur noch, wenn das Bewußtsein beteiligt ist. Das heißt, dann wird Sexualität eine Frage der hinreichenden Phantasien und der hinreichenden Kraft zur Imagination, und die kann man dann wieder mit anderen teilen. Wenn man sich also wechselseitig erzählt, was für Phantasien man hat, dann ist gesichert, daß die unentrinnbare Selbstwahrnehmung dennoch ein Vis-a-vis hat, gekoppelt ist mit der Selbstwahrnehmung eines anderen, und zwar über dieselben Elemente, die in der Erzählung bildlich und wörtlich vorkommen. Der Cyberspace, seine virtuellen Auslöserreize, sind genau die gleichen, die das Bewußtsein sowieso produziert. Denn was uns im Bewußtsein als Bild sexuell stimuliert, ist genauso virtuell, wie die vom Computer erzeugten Signale. Also passiert da eigentlich nichts anderes. Es gilt übrigens generell, daß wir uns anhand des Computers immer mehr klar machen können, wie wir auf natürliche Weise funktionieren. Es wird herauskommen, daß die natürliche Leistungsfähigkeit dieses Apparates (unseres Kopfes) uns entgangen war. Durch den künstlichen Nachbau in der elektronischen Maschine haben wir kapiert, was für geniale Leistungen wir von Natur aus erbringen, und die werden schließlich als unüberbietbar angenommen. Insofern verdanken wir der Maschine eine viel größere Selbstachtung für das, was wir natürlicherweise tun.

Die Maschine spiegelt uns doch letztlich nur wider. Gilt das nur für unseren Verstand und Intellekt?

Nein, auch für einen großen Teil der Bewußtseinsproduktion. Deshalb definiert man Bewußtsein als die Differenz zwischen verschiedenen kognitiven Prozessen und ihrer Versprachlichung oder Verbildlichung. Wenn wir Sprache begreifen als alles, was an Zeichen gebunden ist, ob Bilder oder Worte oder Gesten, alles sei gleichermaßen Sprache, dann ist die Differenz zwischen dem, was sprachlich, und dem, was dabei an Gedanken oder Vorstellungsbildern produziert wird, die Achse dessen, was das Bewußtsein ausmacht.
Das Bewußtsein ist also immer eine Differenz, auch bei der Sexualität. Und das Bewußtsein, daß ich zwar jetzt mit einem Partner kopuliere, die Empfindungen dabei aber meine eigenen körperlichen sind, schafft ein Bewußtsein, das ich nutzen kann, um die Situation zu optimieren. Also Bewußtsein ist immer eine Bewußtheit über die Differenz von intrapsychischen Vorgängen und äußeren Versprachlichungen. Diese Differenz kann man künstlich erzeugen, indem man lügt. Man kann sie einander annähern, dann versucht man so etwas wie Evidenzerlebnisse zu erzeugen, was auch als Wahrheit bezeichnet wird oder wie immer das heißen mag. Und im Zustand der vollkommenen Wahrheit, in der vollkommenen Hingabe, der vollkommenen Versunkenheit in spirituelle Höhenflüge, ist man bekanntermaßen genauso dumm wie auf der gegenteiligen Seite. Also bleibt es bei der Erfahrung der Differenz. Und das ist überall so. Wenn es keine Verzögerung gäbe, wenn du alles, was du siehst, sofort entsprechend als Reiz nutzen würdest – du siehst eine schöne Frau und stürzt dich sofort drauf –, wäre das tödlich für die Sexualität. Es muß also Verzögerungen geben, es muß Widerstand geben. Die ganze Theorie des Vorspiels, des Annäherns, des langsamen Hochschaukelns, Aufbauens sind notwendig, damit der Prozeß mit Bewußtsein verbunden ist, also mit anderen Worten auch anschlußfähig wiederholbar ist, um nicht nur ewig, wie bei den meisten Leuten, in der notorischen Tristheit, Leerheit und Ekelhaftigkeit zu enden. Was, wenn man diese Erfahrung öfter gemacht hat, zu sehr schweren Störungen der Sexualität führen kann.

Und wie kann man das vermeiden?

Durch Bewußtseinsbildung. Das bedeutet auf der sexuellen Ebene, nach diesem pubertären Kraftschub eher den Auslöserreiz als Gestalt oder Bild oder was immer gelassen wahrzunehmen, dazu aber innere Vorstellungsbilder zu produzieren, und du adaptierst das und beobachtest dich ständig, wie du auf die Bilder reagierst.

Eine Vermenschlichung der Sexualität …

Das setzt schon relativ früh ein. Kinder können schon mit vier, fünf Jahren ein Bewußtsein der Sexualität haben, aber eigentlich wird es relevant erst um dreißig, fünfunddreißig, wenn man wirklich nicht mehr nur das reine energetische Programm abzieht, an dem man eigentlich gar nicht beteiligt ist. Das macht der Körper völlig selbständig, vor allem in der Zeit zwischen Dreizehn und Dreißig – deswegen empfindet auch kaum ein Mensch in dieser Spanne etwas. Es wird abgespult, es läuft wie am Schnürchen, aber keiner empfindet etwas. Es gibt kein Bewußtsein dabei. Und dann kommt es tatsächlich vor, daß Leute ihre Sexualität vollkommen abkoppeln können von der Liebe, ohne daß das für die Orientierung der Partner irgendwas bedeutet. Wie sehr das zum Thema für das Gros der Bevölkerung wird, sieht man auch an der Zunahme von Selbstbefriedigungspraktiken, weil sie sozusagen mit der Sexualität schnell durch sein wollen, damit nicht ewig dieses Thema dominiert. Erst wenn man zur Bewußtseinsbildung kommt, kann man das anders managen. Bis dahin möchte man es möglichst schnell hinter sich haben und selbstredend mit steigendem uneingeschränktem Selbstgenuß. Selbstbefriedigung ist dann logischerweise die natürlichste Art, sich zu befriedigen.

Selbst wenn du von einem anderen stimuliert wirst, ist es also immer nur Selbstwahrnehmung. Man befriedigt sich am anderen?

Es ist immer nur Selbstwahrnehmung, und du kannst nichts anderes fühlen als dich selbst. Insofern ist das Thema Sexualität noch gar nicht richtig entdeckt.

Es bleibt zu hoffen, daß durch die virtuelle Sexualität, durch die Möglichkeiten des Cybersex, immer deutlicher wird, wie wir eigentlich von Natur aus operieren. Damit werden uns Möglichkeiten geschaffen, uns auf die Natur wieder besser einzulassen.

Ich habe neulich im Fernsehen gesehen, wie eine ganze Familie ihre erotischen Abenteuer schilderte: Die Tochter, eine graue Maus, wurde zur Domina, die ihren Mann nach Dienstschluß prügelte. Dazu kam die Mutter, mit ihrem vierzig Jahre jüngeren Freund, und die Tochter schenkte es der Mutter nun auch immer ein, und der Mann dem Freund und der Freund der Tochter. Die Familie hatte nichts dagegen, auch die Kinder, wenn sie einmal größer sind, daran zu beteiligen. Das waren Gäste einer Talkshow, und irgendwie wirkte das zunächst ein bißchen verwunderlich.

Das ist eine ganz gesunde Reaktion, denn damit verliert es eine eigentlich unvernünftige Verstärkung, das Geheimnisvolle, Subkulturelle, das Abgedrängtsein. Sie sind nicht mehr obsessionell, „besessen“, sie sind nicht mehr abhängig davon. Diese Verwandlung aus der Opferrolle in die Täterrolle ist letztlich das, was Bewußtsein eigentlich ausmacht. Die Diskussion um Familie, Kindheit, Unterwerfung, Patriarchat erfolgte allein aus der Perspektive der Opferrolle, was katastrophale Fehlschlüsse nach sich zog, denn in diesen Bereichen sind auch die Opfer immer Täter. Und die Täter Opfer.

Der Übergang in die Täterperspektive, wie bei diesen Talkshows, ist also außerordentlich wichtig. Deswegen sind diese Darstellungen in Talkshows keine Monsterveranstaltungen, als das werden sie vom Journalismus eigentlich verkauft, sondern sie sind tatsächlich Zeichen für einen Bewußtseinswandel von der Opferrolle zur Täterrolle, und das heißt, verbunden mit der Entwicklung von Bewußtsein über diese Sachverhalte.

Was hältst du von der These, diese ganze Pornographie führe schließlich zum Zölibat?

Das ist auf der Ebene der Sexualität immer der Fall gewesen. Es gibt bei Peter Handke in seiner Rückkehr aus USA eine kleine Passage, da grübelt er eines Morgens in Denver: Mit mir ist was ganz Entscheidendes passiert, gestern Abend mußte ich, um mich selbst zu befriedigen, ein Pornobild vor die Augen halten, während ich das bisher doch immer durch die Vorstellung konnte. Bin ich jetzt bewußtseinsschwach geworden? Mein Geist läßt nach? Das ist eine sehr schöne Beobachtung, er hat genau den richtigen Punkt erwischt, sich zu fragen, aha, was ist denn da eigentlich los, wenn ich jetzt nicht mehr kraft eigener intrapsychischer Aktivität Sex mache, sondern von außen Ausgelöstes brauche. Deswegen ist diese hohe Affinität von Bildender Kunst, Literatur, Musik zu den pornographischen Bildauslöserqualitäten immer bemerkt worden. Weil nämlich durch die Erzählung oder durch malerische Zeichengebung die Phantasien extrem angeregt worden sind, über das hinaus, was das Bild oder der Text selber konnte.

Und das übernimmt heutzutage das Porno-Video?

Wobei man ziemlich schnell demonstrieren kann, daß es immer der Übertragungen, Adaptationen bedarf. Das reine physiologische Substrat von zwei Leuten, die es da miteinander treiben, reicht eben nicht. Das wird den Leuten nach wenigen Minuten, sozusagen nach dem ersten Schub der Selbstbefriedigung, einfach langweilig, fade. Dann tritt die Ekelreaktion auf. Der Zuschauer muß die angeführte Story schon auf ihn interessierende, bekannte Personen übertragen können. Es geht nicht um die Frau X, die da zu sehen ist, sondern man stellt sich die Nachbarin oder die Mutter vor. Man imaginiert den Direktor in der Firma oder ein junges Mädchen auf der Schulbank, oder so etwas. Also das Entscheidende liegt in der Übertragung auf die eigene Vorstellung, den eigenen inneren Text. Wenn diese Übertragung nicht mehr gelingt, dann irrt man sozusagen im richtungslosen Raum sexueller Antriebe herum, und dann strömt die Aggressivität ein, die Zerstörungswut. Und das Ganze wird zu einer Selbstbestrafungs- oder Selbstzerstörungsaktivität vom autistischen Typ. Diese Phasen der Erkenntnis werden durch schmerzhafte Erfahrungen eingeleitet. Der erste Schock ist: „Du lieber Gott, wenn wir sexuell empfinden, empfinden wir nur uns, und nicht unseren Partner.“ Der zweite Schock: „Himmel, ich empfinde eigentlich gar nichts, ich muß mir jetzt sozial etwas vorgeben lassen, erst dann kann ich stöhnen, kann ich zappeln.“ Der dritte Schock wird noch ärger: „Oh weh, jetzt empfinde ich nicht nur nichts, sondern ich kann es noch nicht einmal mehr äußern.“ Und dieser Autismus ist an solche Extremhaltungen gebunden, weil der Körper unfähig ist, sich selbst richtig wahrzunehmen, also in sich selbst diese Zustände zu erzeugen und sie „richtig“ zu interpretieren. Deswegen richtet sich die autistische Energie gegen den Autisten selbst. Im Zustand völliger Unbefriedigbarkeit irren die Leute herum, die Suche nach starken Reizen endet nicht mehr in der Sexualität – sondern in der Attackierung des Körpers auf einer ganz anderen Ebene. Der Cyberspace ist interessant, weil die Auslöserreize, die von den Maschinen geboten werden, in einem höheren Maße den Vorstellungen entgegenkommen, die wir natürlicherweise produzieren. Sie sind also leichter übertragbar und lassen sich leichter in eigene adaptierfähige Vorstellungen verwandeln. Ganz anders, glaube ich, verhält es sich mit dem sogenannten Cybersex, wo die Körper an Drahtstimulatoren angeschlossen werden und wo die Partner das Internet benutzen, um sich elektrische Krabbelimpulse in den hautengen Cybersexanzügen zu verpassen.

Das ist dann eigentlich ein Anachronismus, sozusagen ferngesteuerte Massagestäbe?

Es ist nicht nur ein Anachronismus, sondern eine Primitivstufe externer Reizung, die von jeder menschlichen Hand weit überboten wird. Die tatsächliche sexuelle Wahrnehmung findet im Gehirn statt, in der Vorstellung, und wenn da keine Genußfähigkeit ausgebildet ist, dann nützt das reine Blutgefäßgeschehen überhaupt nichts. Eine andere Seite des Cybersex kann uns lehren, daß man einer Rückkopplung bedarf, um seine Realitätstüchtigkeit nicht zu verlieren und sich dann weitgehend selbstzerstörerischen Gefahren auszuliefern. Der Partner ist sozusagen der trigonometrische Punkt, den es braucht, um die Landschaft und das Geschehen zu verorten. Er bewahrt mich vor dem totalen Verschwinden in der Selbstwahrnehmung, wenn die Ekelschwelle nicht mehr funktioniert. Das spannende Problem dieser Verdrahtungsvorstellungen ist, welche Art von Kontrolle oder Feedback mit den entsprechenden Konsequenzen erhalte ich vom Partner. Nehmen wir das Gegenteil vom Sex, den Krieg: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich einem Menschen gegenüberstehe und ihn mit einem Schwert erschlagen soll oder ob ich oben in der Bombenkanzel sitze und gar nicht sehe, was die Bomben unten anrichten. Den primitiven Drahtgestell-Cybersex könnte man damit vergleichen.

Nun werden viele Gespräche im Internet sehr direkt geführt werden, wie das sonst in einem normalen Gespräch überhaupt nicht der Fall ist. Wenn man will, kann man darin eine maximale Offenheit sehen. Ist es nicht tatsächlich eine neue Qualität?

Aber das ist gerade der Haken daran. Das ist das Dumme. Und das sprachliche Niveau bei denen, die da partizipieren, ist so gering, daß dadurch mit Sicherheit keine neue Qualität an Phantasie erweckt werden kann.

Trotzdem könnte es sein, daß dort eine Einübungsmöglichkeit fur die Phantasie liegt. Was bestimmte Gruppen in den 60er Jahren mit LSD gemacht haben, nämlich eine über den Körper hinausweisende Erfahrung – die wird jetzt wieder materiell in der Welt verankert. Timothy Leary ist vom Drogenpapst zum Computerpropheten avanciert. Er ist der Zeitgeist, weil er die Zeichen und die Sprache dafür gefunden hat.

Das war folgerichtig, weil er nämlich die Fähigkeit der Vergegenständlichung der Zeichengebung hatte. Die Zeichen waren auch schon vorhanden. Obwohl sie beim LSD nur auf dem eigenen Körper basieren. Außerdem kannst du ja in dem Zustand gar nicht die Wirkung richtig beobachten.

Aber du hast die Möglichkeit der Projektion. Es gab kulturelle Umsetzungen. Die psychedelische Kunst hat sich ja ganz neuer, fremdartiger Bilder bedient, wie jetzt auch die Computerkunst.

Die gesamte religiöse Kunst hat das geleistet.

Wenn man in eine Moschee kommt, erlebt man einen phantastischen Rausch der Zeichen und Symbole. Die schönsten erotischen Darstellungen reichen da nicht heran. Alles wird ganz vielfältig, das Bewußtsein erreicht kaum glaubliche Ausdrucksformen.

Vor langer Zeit war ich häufiger Gast in einem Landhaus, da gab es eine wunderschöne Frau aus dem Dorf, die dort als Köchin arbeitete. Ich wollte herausfinden, wie der Unterschied einer solchen Frau zu den Reaktionen dieser braven blonden Uni-Mädchen ist, mit denen ich dort in der Regel zusammen war.
Ich hatte vage Vorstellungen von Ursprünglichkeit, Unverdorbenheit und ähnliche Klischees. Und was passierte? Sie war völlig stumm und konnte, wie heute im Telefon- und Videosex üblich, nur Sachen sagen wie: „Ja fick mich“, „ja, nimm mich, mach’s mir, besorg’s mir“, oder dergleichen. „Komisch“, dachte ich damals, „das kann doch eigentlich gar nicht stimmen. Und das soll noch intensiver, unverdorbener, ländlich unverklemmt sein?“ Da hab ich mir geschworen: Du lieber Himmel, bloß nie wieder mit einem Mädchen vom Dorf. Da liegst du da, und es wird nichts erzählt, es wird nichts gesagt, es kommt keine Phantasie. Das ist auch das Problem der jetzigen Arbeiten von van Gogh-TV bei der Documenta: „Hallo. Wer ist da? Ja, hier ist Franz. Ja, wie geht es dir? Wie ist das Wetter?“ Ein völlig sinnloses Blabla.

Das war übrigens auch das erste, was bei unserem Sextalk im Internet lief: What’s your breastsize? Do you like it from behind or from the front? My cock is ten inches. Superprimitiv. Übrigens sind über achtzig Prozent im Netz Männer, die miteinander sprechen. Wo sind die Frauen, was passiert mit ihnen?

Werden Frauen auf gleiche Weise von äußeren Wahrnehmungsreizen stimuliert oder auf andere Weise? Sind es die gleichen Reize oder sind es andere? Sind es die gleichen Reize mit unterschiedlicher Wirkung oder andere Reize mit den gleichen Wirkungen? Unterliegen wir den gleichen Wirkungsprinzipien?

Entweder haben wir einen anderen biochemischen Übertragungseffekt, das ist sehr unwahrscheinlich. Oder es muß sich um eine andere Art der Verarbeitung handeln.

Muß sich nicht die Übertragung schon allein deswegen unterscheiden, weil beide verschiedene biologische Funktionen repräsentieren?

Man könnte annehmen, Frauen sind durch den Wechsel der Außenreize weniger irritierbar. In der Naturwelt, und das ist bei Menschen ähnlich, lassen die Weibchen ja die Männchen tanzen, mit ihren Schwanzfedern und ihrem Gesinge und Gespreize, weil eigentlich sie darüber entscheiden, welches männliche Tier seine Gene weitergeben, sich vermehren kann. Und da liegt der Haken. Die Männer haben nur ein Interesse, ihre Gene möglichst weit zu verbreiten, mit möglichst vielen zu kopulieren und möglichst viele Weibchen zu befruchten, also möglichst flächendeckend zu operieren, dann sind die Chancen am größten. Während die Frauen ein Interesse daran haben müssen, nur möglichst hochwertige genetische Materialien zu akzeptieren. Sie lassen die Männchen also antanzen, stellen fest, wer ist der Stärkste, der Gesündeste, der gegen Milben Widerstandsfähigste, der beste Verteidiger, und den nehmen sie dann. Dem wird natürlich eine andere Steuerung zugrundeliegen, denn es muß garantiert sein, daß die Weibchen sich nicht sofort beim Anblick von x-beliebigen Schwanzfedern hinlegen, sondern sie müssen verzögern, abwarten und checken. Während bei Männern eine nackte Brust genügt, und schon ist er bereit; die Frau sagt, 25 Schwänze, na und? Und dann wählt sie bedachtsam aus. Wie kommt es zu dieser Verzögerung? Frauen springen viel schwieriger auf die Reize an, oder es gibt eine andere Art der Verarbeitung dieser Reize zur Selbststimulierung. Das läßt sich heute ganz gut nachweisen, rein empirisch, und es macht auch Sinn. Nun gab es dazu die Theorie, die Frauen würden nur durch kulturelle Normierung zu solch einer veränderten Verarbeitung der Reize gezwungen. Die Ausprägung von Sexualbewußtsein werde ihnen verboten. Das war vor zwanzig Jahren zum ersten Mal das Thema:
Wirken Pornos auch auf Frauen? Gucken sie sich auch gemeinsam Pornos an?

Kann man nicht sagen, es ist vielleicht etwas dran an der These von der unterentwickelten pornographischen Phantasie? Könnten nicht die Männer im Patriarchat die Phantasien der Frauen unterdrückt oder als potentielle strafwürdige Tatbestände wie Hurerei oder Ehebruch unter Strafe gestellt haben, weil sie nicht wollten, daß sich da fremde Gene mit einschleichen? Während die Frauen das entgegengesetzte Interesse hatten, wenn sie etwas merkten, daß ihre Macker doch nicht so toll waren, und es nun andere Facetten zu entwickeln galt?

Daran knabbern gegenwärtig die meisten Theoretiker, und die generelle Antwort heißt, Frauen operieren über einen anderen Zustand des Bewußtseins als Männer. Nehmen wir als Beispiel das Lügen: Das ist ein Zustand des Bewußtseins, eine bewußte Ankopplung von sprachlicher Zeichengebung an Gedanken, die zu weit von der Realität abweichen, aber glaubwürdig vorgetragen werden. Es ist in der Tat auffällig, daß Frauen schlechter lügen können.

Du gehst also von der Lüge als Realität aus?

Ja, die Lüge ist eine neurophysiologische Realität. Das heißt, jemand hat erst Bewußtsein, wenn er lügen kann. Es ist geradezu das Kriterium für die Entwicklung von Bewußtsein. Wenn ein Kind mit dreieinhalb Jahren anfängt zu lügen, kann man sagen: „Hah, gratuliere, Ihre Tochter oder Ihr Sohn ist im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte und kann lügen“. Und das ist bei Frauen, solange sie bewußt operieren, weit weniger stark entwickelt.

Ich erinnere mich, daß ich früher furchtbare Angst hatte, daß mich jemand beim Lügen erwischt.

Weil du nicht lügen konntest. Und warum konntest du nicht lügen? Weil es sozusagen gegen deine eigene Selbstthematisierung als Frau ging?

Männer glauben der Lüge, oder sie lügen nur besser?

Für sie ist es selbstverständlich, daß gelogen werden muß. Sie operieren von vorneherein fintisierend, hinter das Licht führend, falsche Tatsachen vorspielend. Jeder Mann, der diese Sprüche klopft, „oh, Sie interessieren mich, ich glaube, das sind tiefere Gefühle“, oder: „Sie sehen meiner Mutter so ähnlich“, redet strategisch. Alles, was Männer erzählen, wird strategisch eingesetzt.

Hieße das in der Konsequenz, daß Frauen ein weniger entwickeltes Bewußtsein darüber haben?

Nicht ein weniger entwickeltes, sondern ein nicht so radikalisiertes, und nicht auf diesen Mechanismus ausgerichtetes; denn sie können es sich sozusagen von Natur aus nicht leisten, auf lügenhafte Schwanzfedern reinzufallen. Sie prüfen dagegen: Ist das der Ausdruck von Stärke? Ist die körperliche Fitneß tatsächlich gegeben? Sie sind immer auf das Durchschauen von Finassieren und Lügen angewiesen, weil sie die Verantwortung dafür tragen, welches genetische Material sie wirklich zulassen. Also sind sie auch sich selbst gegenüber so skeptisch, wenn sie lügen, daß sie das blockiert.

Es gibt bei Frauen eine ganz starke Dynamik, sich immer gegenseitig der Lügen zu überführen. Bis zum Wahnsinn.


Aber nicht aus Wahrheitsfanatismus oder weil sie glauben: Nur wer die Wahrheit sagt, ist ein guter Mensch. Wenn Frauen Karriere machen wollen, im Sinne der feministischen Gleichberechtigungsvorstellungen, dann müßten sie einfach im Sozialen anerkennen, daß Lügen, Kaschieren, Fingieren die selbstverständlichen Techniken sind, mit denen man sozial operiert.

Männer operieren doch auch mit Begriffen wie Ethik, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.

Um zu beweisen, daß die Lüge eine unumgängliche Notwendigkeit ist. Das heißt, es geht nicht darum, du darfst nicht lügen, sondern darum, du darfst nur soviel lügen, daß nicht prinzipielle Einsprüche gegen deine Brauchbarkeit als Vertragspartner entstehen. Und umgekehrt, du wirst für einen anderen Partner um so interessanter, je mehr dieser weiß, „oh, das ist ein gewitzter Hund, der ist nicht aus Naivität treu, sondern aus Gewitztheit“. Der weiß, wenn er zuviel lügt, fliegt er raus. Aber er kann lügen, weil es ohne den Bluff auf allen Ebenen gar nicht geht. Also hat man Vertrauen zu anderen, die von sich wissen, in welch hohem Maße sie camouflieren, phantasieren, lügen, etwas vormachen können, aber dabei kontrolliert sind. Die es nie soweit kommen lassen würden, ihre prinzipielle Vertragsfähigkeit aufs Spiel zu setzen, die Wiederholbarkeit von Vertragsabschlüssen mit anderen in Frage zu stellen. Der Gauner oder der Kriminelle, das sind Leute, die sich dabei nicht kontrollieren können, und deswegen riskieren sie nach jedem Auffliegen, daß die gesamte soziale Beziehung aufhört, so daß sie in der Ineffektivität landen. Das Maß des Bewußtseins ist die Differenz, und das bewußte Kalkulieren mit der Notwendigkeit der Lüge, der Täuschung, der Gewitztheit ist konstitutiv. Angewandt auf die Sexualität läuft das genauso: Eine Partnerin ist paradoxerweise so vertrauensvoll, daß sie die Sexualität als Spiel des Vormachens und Fingierens mitmacht. Und sagt: „Jetzt mach ich dir mal einen unheimlichen Orgasmus vor, wie du ihn noch nicht erlebt hast.“ Und indem sie es vorspielt, es selbst thematisiert, daß sie das eigentlich gar nicht empfindet, sondern sich auf sich selbst einläßt, kriegt sie diesen Übergang hin.

Dann sind die guten Lügnerinnen im Bett die besten Sexualpartnerinnen?

Genau. Was ist denn eine gute? Was ist denn mit dem ganzen Mythos der Huren, der käuflichen Frau? Sie beherrschen einfach diese Techniken.

Braucht Sexualität Intimität, um sich zur Liebe auszuweiten?

Mir scheint, daß sich die Intimität völlig aus der Sexualität herausverlagert. Sexualität an sich kann man bei der Tagesschau machen, auf der Straße. Aber Intimität ist etwas unglaublich Rares. Mit wieviel Leuten ist man wirklich intim in jeder Hinsicht? Ich hätte gegenwärtig nur einen einzigen Menschen, nämlich meine Frau, zu nennen.

>Woher kommt Intimität? Was ist sie überhaupt?

Das wäre die Bereitschaft, sich jemand anderem vollständig offenzulegen, in rechtlicher oder ökonomischer Hinsicht. Tiere legen sich vor dir auf den Rücken, halten den Hals hin und vertrauen darauf, daß sie nicht totgebissen werden. Beim Menschen entspräche das dem absoluten Vertrauen, daß selbst, wenn es Krach oder sogar Trennungen gäbe oder wenn andere Störungen einträten, sich daraus nichts Nachteiliges entwickeln würde. Frag dich mal, von wieviel Menschen du annimmst, daß sich aus dieser Intimität nichts Böses ergibt, selbst bei den radikalsten Konflikten, selbst wenn man vor Gericht miteinander prozessieren müßte.

Und das hast du mit deiner Frau?

Gegenwärtig ist sie die einzige.
Intimität entsteht aus der Nähe. Nähe ist gefährlich, sich schlafend einem anderen auszuliefern, das ist von der Natur aus gesehen das höchste Risiko. Da brauchte es schon eine soziale Struktur rundherum, die Horde oder die Bande oder ein sicheres Nest. Übertragen wir das jetzt auf rechtliche Sachverhalte. Heute kommen ja Gott sei Dank nicht mehr die Leute nachts und bringen einen um, sondern sie kommen vielmehr in Gestalt des Staatsanwaltes, des schlechten Vertragsabschlusses, des Bankrotts, des Steuereintreibers, da kommen die Räuber doch. Sich jemanden wirklich rückhaltlos auszuliefern, in einer vollkommenen Verletzlichkeit, oder im bedingungslosen Offenbaren des Vabanquespiels der Dürftigkeit, der Ohnmacht. Und daß der andere weiß, was du im Grunde von dir selber weißt: Du bist völlig unfähig, völlig ohnmächtig. Der Platz in der sozialen Hierarchie, den du belegst, die Projekte, die du leitest, die Ansprüche, die du stellst, das ist alles nur deswegen tragbar, weil du selber weißt, daß du eine Null bist. So etwas von einem anderen zu wissen, in wechselseitiger Akzeptanz sich dem anderen mit dem Risiko des Scheiterns auszuliefern, darauf zu vertrauen, daß nichts Schlimmes passiert – das begründet Intimität.

Das trifft auch meine Erfahrung: Wenn ich wirklich zugebe, nicht mehr das Gesicht wahren will, die Verteidigung aufgebe, entsteht ein intimer Moment, und man ist auch sehr in der Gegenwart. Das kann man sehr schätzen.

Das ist wohl wahr. Früher einmal haben die katholischen Priester diese Rolle gespielt, sie stellten Intimität mit ihren Beichtkindern her, vermittelt über die kirchliche Führung und die Rituale; der Beichtvater war der einzige, dem man bis ins letzte vertrauen, dem man sogar kriminelle Taten eröffnen konnte. Es hat sich als außerordentlich leistungsfähiger Psychomechanismus erwiesen, nicht zuletzt für alle Leute, die keine Intimität mit Partnern, Familie oder Freunden aufbauen konnten.

Der Psychologe hat das ja heute übernommen.

Oder der Arzt. Das mußte dann durch Gesetze zur Verschwiegenheitspflicht reguliert werden, damit die Intimität gewährleistet bleibt. Heute sagt man dazu Datenschutz. Der Arzt darf keine Auskunft über das Verhältnis geben, außer er wird dazu autorisiert. Entsprechend der Institution des Beichtgeheimnisses. Daraus entsteht eine hohe Bindung zu diesen Instanzen, zum Arzt, Analytiker oder Priester. Es gab genug Leute, die dann dem Kloster ihr ganzes Vermögen vererbten oder sogar zu Lebzeiten schon schenkten.

Es ist doch auch furchtbar, wenn man sich nur mit Sex beschäftigt. Das führt nur in die Selbstzerstörung. Was kommt danach?

Danach kommt immer dasselbe – bei Männern und bei Frauen: ein Übergang der Sexualität in die Liebe. Das ist dann dieses ganz naive, rührende Verhältnis, meinetwegen religiös gefärbt, jedenfalls übertragen auf dritte Phänomene. Die beiden finden nicht aneinander mehr etwas, Auslöserreize, sondern sie orientieren sich beide gemeinsam auf ein Drittes, eine gemeinsame Aufgabe. Armenpflege oder Ausbildung, Gottesdienst oder mystische Versenkung oder was immer. Und indem beide sich gleichermaßen auf ein Drittes orientieren, heben sich diese gesamten, in der Sexualität so peinlichen Anforderungen, hebt sich diese unglaublich schwierige Balance auf.