Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

Seite im Original: 95

6 Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Pathosformeln und Energiesymbole zur Einheit von Denken, Wollen und Können

Ein Vorschlag zur Verabredung über den Begriffsgebrauch >GesamtkunstwerkTotalkunst< und >Totalitarismus<

Konzept >Gesamtkunstwerk<

Wollte man die Besonderheit der kulturellen Vorstellungen von Europäern in einem einzigen künstlerischen Konzept repräsentiert sehen, dann fiele die Wahl sicherlich auf das >GesamtkunstwerkGesamtkunstwerk< so vielfältige Ausprägungen gefunden haben, unter denen die deutschen - vor allem in den vergangenen hundert Jahren - besonderes Interesse zu wecken vermochten.

Natürlich muß man alle Kulturen in einer Hinsicht als gleichwertig und gleich leistungsfähig verstehen; alle Kulturen versuchen, ihren Mitgliedern die Erfahrung von der Einheit der Welt zu ermöglichen. Die Ausprägungen dieser Vorstellungen vom >Ganzen< sind gewiß recht unterschiedlich. Die wenigen, aber unübersehbaren Gemeinsamkeiten der europäischen Kulturen sind an die ihnen gemeinsamen Repräsentationen dieser Ganzheitsvorstellungen geknüpft, wie sie vor allem die gotische Kathedrale, die Institution >Universität< und die Idee des >Staates< darstellen; die Einheit der Welt verstanden als Schöpfung des Christengottes, Wirkungsfeld der Naturgesetze und als Schöpfung der Menschen.

Zentral ist für die europäischen Gemeinsamkeiten die Vorstellung, daß bestimmte Individuen sowohl in ihrer Persönlichkeit wie in ihren Handlungen Träger solcher Ganzheitsvorstellungen zu sein vermögen.

Der Heilige, das künstlerische bzw. wissenschaftliche Genie, der politische Führer sind Rollenbeschreibungen für derartige Individuen. Es bleibt dabei zu beachten, daß Heiliger, Genie und Führer nicht mehr als Universalmenschen im Sinne der Renaissance verstanden werden - also nicht mehr als alles Wollende, alles Wissende und alles Könnende. Doch wird die Bedeutung einzelner Heiliger, Genies oder Führer danach bestimmt, inwiefern sie, selbst als Spezialisten, dazu beitragen, das Konstruieren eines übergeordneten Zusammenhanges, die persönliche Verkörperung und die allgemeine Verpflichtung auf ein Ganzes zur alles beherrschenden Motivation werden zu lassen.

Deshalb erscheinen nicht nur die Heiligen, Genies und Führer, sondern auch diejenigen, die ihnen nachfolgen, leicht als sonderbar, d. h. als von einer Obsession Beherrschte. Das Konzept >Gesamtkunstwerk< ist in erster Linie durch die Obsession gekennzeichnet, mit der Individuen das Bild vom Ganzen, die persöhliche Verkörperung des Ganzen und die allgemeine Unterwerfung unter das Ganze zu realisieren versuchen.

Der Grad, in dem solche Realisierungen versucht werden, ist aber entscheidend. Die historischen Beispiele seit dem Mittelalter - also seit wir von europäischer Kultur sprechen - zeigen unmißverständlich, daß es unmöglich ist, tatsächlich Heiliger, Genie und Führer in einer Person zu sein.

Suger von St. Denis entwarf zwar die für die gotische Kathedrale als himmlisches Jerusalem grundlegenden Gedanken und konnte sich auch zumindest als Berater eines Führers ins Spiel bringen - aber er wurde kein Heiliger wie sein Kontrahent Bernard von Clairvaux, dem seinerseits die Fähigkeit abging, eine zeitgemäße Repräsentation der Einheit von Gottesschöpfung und Menschenwerk zu entwickeln.

Michelangelo entwarf zwar als künstlerisches Genie eine in seiner Zeit unüberbietbare Vorstellung vom Ganzen (Jüngstes Gericht, Sixtina), und er inkarnierte auch in seiner Person diesen Gedanken, blieb aber weit davon entfernt, als Führer die Unterwerfung anderer unter seine Visionen erzwingen zu wollen.

Ludwig XIV. repräsentierte zwar in Person und Rolle die Unterwerfung der Einzelnen unter den Staat, und er war auch selbst dessen Verkörperung, entwickelte aber in keiner Hinsicht - weder philosophisch-systematisch noch künstlerisch-bildlich - selber neue Vorstellungen von übergeordneten Zusammenhängen.

Damit soll angedeutet sein, daß auch die Individuen mit der größten Obsession nicht in der Lage sind, in ihrer Person und Rolle tatsächlich jene Einheit von Denken, Wollen und Können mit Bezug auf ein umfassendes und übergeordnetes Ganzes zu verwirklichen. Wo das dennoch gegen alle Erfahrung versucht wird, wird die Obsession zur Gewalt gegen andere. Sie wird totalitär, wie die unterschiedlichen Beispiele eines Cola di Rienzi oder Robespierre oder auch Adolf Hitler zeigen.

Einzig in der Gestalt des historischen Jesus und der Buddhas scheint die Einheit von Kraft der gedanklichen Konzentration auf das Ganze, Mut zur Rückvermittlung dieser Gedanken auf das eigene Leben und Übertragung auf andere gelungen, ohne totalitär zu werden. Ihre Nachfolger konnten die Verbindlichkeit des Vorbildes häufig genug nur mit totalitären Mitteln sichern.

Das Konzept >Gesamtkunstwerk< steht für die dennoch gegen alle prinzipiellen und historischen Einwände unternommenen Versuche Einzelner, den alten Traum der Darstellung eines >Ganzen< wachzuhalten.

Dennoch - bis zur heroischen Lächerlichkeit. Dennoch - bis zum anmaßenden Selbstopfer. Mit der pathetischen Geste des Dennoch.

Seit der Renaissance verstanden sich die Künstler als exemplarische Individuen. Ihr schöpferisches Ingenium stand in Analogie zu dem des christlichen Schöpfergottes; ihr handwerkliches Tun entsprach der Selbsterhaltung des Menschen durch Arbeit. Und das Resultat aus Schöpfung und Arbeit - das Kunstwerk - erhob seinen Anspruch auf Geltung, weil nur wenige Menschen, nämlich die Künstler, fähig waren solche Werke zu schaffen. Dennoch ist das Konzept >Gesamtkunstwerk< nicht den Künstlern vorbehalten - schon gar nicht den bildenden Künstlern. Ursprünglich galt der Name >Kunstwerk< auch nicht ausschließlich nur für die Handlungsresultate von Künstlern, darauf verweisen noch die gebräuchlichen Ausdrücke Kochkunst, Kriegskunst und Heilkunst.

Vielmehr handelten alle Individuen als Künstler, deren Denken, Wollen und Handeln als besondere und unnachahmliche Vermittlung von Schöpfung und Arbeit Aufmerksamkeit erzwangen. Das konnten sowohl schöpferische Unternehmer und Künstler-Politiker wie auch schulbildende Wissenschaftler sein. Ihre Gesamtkunstwerk-Konzeptionen wurden entweder als wissenschaftliche Systematiken, als politisches Ideengebäude oder als Modell ökonomischer Prozesse ausgebildet. Und als Visionen der Künstler.

Es gibt also Gesamtkunstwerk-Konzeptionen sowohl im ökonomisch-politischen wie im wissenschaftlichen als auch künstlerischen Bereich. Und in jedem Bereich ist darauf zu achten, welchen Grad der Durchsetzung von Gesamtkunstwerken die einzelnen historischen Beispiele repräsentieren.

Von Gesamtkunstwerken wollen wir in allen drei Bereichen dann sprechen, wenn Individuen ein gedankliches Konstrukt übergeordneter Zusammenhänge als bildliche oder epische Vorstellung oder als wissenschaftliches System oder als politische Utopie entwickelt haben. Gesamtkunstwerke existieren also nur als fiktive Größe, als zur Sprache gebrachte gedankliche Konstruktionen eines Ganzen. Insofern sie Wahrheitsanspruch erheben - und das müssen sie ja, wenn sie ein >Ganzes< zu erfassen behaupten - bleiben ihre Aussagen nicht an ihren historischen Urheber gebunden, sie werden gerade durch ihren umfassenden Anspruch anonym wie >die Wahrheit< selber. Sie werden urheberlose Erzählungen, also Mythos, zumindest mythosähnlich.

Was ist >das Ganze< im Gesamtkunstwerk? Das Zur-Sprache-Bringen des Ganzen - und damit >das Ganze< als Konstrukt des menschlichen Denkens ist mythische Erzählung.

Bei der Bestimmung des Gesamtkunstwerks sind drei Aspekte deutlich zu unterscheiden: Ein Aspekt ist, das Ganze zu denken und zur Sprache zu bringen. Diese Bilder und Gedanken über >das Ganze< auch selbst zu verkörpern, also in die eigene Lebensrealität aufzunehmen (wie ein Heiliger das tut) ist der zweite Aspekt. Der dritte verweist auf das ebenso unabdingbare Verlangen, auch andere - möglichst viele, gar alle - Menschen der einen Wahrheit zu unterwerfen.

Es hat sich eingebürgert, diese beiden letzteren Stufen der Entfaltung von Gesamtkunstwerk-Konstruktionen als Totalkunst und Totalitarismus zu unterscheiden.
Vor der totalitären Entfaltung des Gesamtkunstwerk-Konzepts steht zwar die rhetorische Frage: »Wollt ihr das Ganze?« Die Antwort steht indes schon fest und kann nur noch rituell bestätigt werden: Der Ritus ist die vollziehende Unterwerfung unter den Mythos als anonymer Repräsentanz des übergeordneten Ganzen.
Die Totalkunst stellt die Frage: »Was soll das Ganze?« und antwortet: Es soll Kultur ermöglichen, ohne die Verbindlichkeit durch totalitäre Gewalt zu erzwingen.

Nicht die Identität von Mythos und Ritus, von hypothetischem Konstrukt des Ganzen und faktischer Realität als ganzer sichert die Verbindlichkeit. Das wäre bloß die totalitäre Verwirklichung des Gesamtkunstwerks. Weder darf Ritus nur ein praktischer Vollzug des Mythos, noch der Mythos verfestigtes Bild des Ritus sein. Die Kultur muß ja gerade zwischen spekulativem Weltbild und tatsächlichem Lebenslauf vermitteln, weil beide nicht identisch sein und auch nicht als identische behauptet werden dürfen; sonst ließe sich weder der Mythos von der fixen Idee unterscheiden noch der Ritus vom wahnhaften Tun.

Man ginge aber weit am tatsächlichen Problem vorbei, wenn man totalitäre Lebensvollzüge, also die Riten des Totalitarismus generell als wahnhaftes Tun verstehen und die in diesen Riten verflüssigten Mythen nur als fixe Ideen sich vom Halse halten wollte. Diese Art von Auflklärung war und ist zum Scheitern verurteilt.

Für die nähere Zukunft ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß leider sehr viele Menschen wieder glauben werden, der Weg aus ökonomischen und politischen Krisen läge darin, irgendwelche wissenschaftlichen, politischen oder künstlerischen Konstruktionen eines übergeordneten Ganzen unmittelbar zu verwirklichen, also einen Mythos vom Ganzen identisch in die Lebensvollzüge der Massen umzusetzen. Das heroische Dennoch-Pathos umflort bereits wieder politische, intellektuelle und künstlerische Aussagen über den Gesamtzustand der Weltgesellschaft. Das Interesse an Mythen ist sprunghaft angestiegen, ohne daß immer eindeutig darauf bestanden wird, daß solche Mythen nur hypothetische Konstruktionen sind. Jedermann scheint klar zu sein, daß wir in übergeordneten Zusammenhängen zu denken haben. Aber das Verhältnis von Gedankenkonstruktion zu faktischem Handeln scheint immer noch als naive Übereinstimmung von Plan und Ausführung verstanden zu werden. Die Beschäftigung mit dem Konzept >GesamtkunstwerkGesamtkunstwerk< zum Thema macht, also zu fragen und zu zeigen versucht, wie die Fähigkeiten der Menschen, sich selbst und ihre Welt wahrzunehmen, zusammenspielen, so daß die Erfahrung eines übergeordneten Zusammenhanges möglich wird.

Entscheidend ist vor allem, wie dieses Werk das Verhältnis zwischen gedanklichem Konstrukt und faktischem Handeln reflektiert. Ein Gesamtkunstwerk ist nicht seine eigene Verwirklichung, sondern Manifestation eines Postulats. Des gegen alle historische Erfahrung und prinzipiellen Einwände dennoch aufrecht erhaltenen Postulats, die Welt als Einheit zu verstehen und das eigene wie das Leben der anderen auf diesen Zusammenhang hin auszurichten. Trotz negativer historischer Erfahrung und prinzipieller Einwände läßt sich das Konzept >Gesamtkunstwerk< rechtfertigen. Wir haben nun eben mal keine andere Möglichkeit, >das Ganze< zur Sprache zu bringen als in hypothetischen Konstrukten. Aber es kommt sehr darauf an, daß wir uns bewußt bleiben, welcher Status den Utopien, Mythen, Visionen und Systemkonstruktionen zukommen darf.

Dazu bedarf es der Aktivierung aller unserer Fähigkeiten zur sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmung. Die Geschichte des Konzepts >Gesamtkunstwerk< ist mit der Entdeckung verbunden, daß jede Wahrnehmungsaufgabe - also auch eine monomediale Malerei, Plastik, Graphik oder Musikkomposition - immer zugleich alle sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmungen stimuliert. Die Auffassung, daß Malerei nur das Auge, Musik nur das Ohr, Plastik nur den Tastsinn, Architektur nur den Raumsinn stimuliere, entspricht nicht den tatsächlichen Vorgängen in der menschlichen Wahrnehmung. Die historisch entstandene Spezialisierung der Gattungen wollte die Wahrnehmungsaktivitäten unnatürlich vereinzeln und kanalisieren, um so die einzelnen sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmungsleistungen zu steigern.

Einer der Künstler, die der Selbstaufhebung der Kunst durch Spezialisierung entgegentreten wollten, war Richard Wagner. Sein Musikdrama wollte das Gesamtkunstwerk als Modell für die Zukunft entwickeln. Auch wenn - wie Wagner mehrfach zugab - die Zusammenarbeit vieler so hochgradig spezialisierter Künstler, wie er selbst einer war, noch nicht zu seiner Zeit durchgesetzt werden konnte. Er mußte zunächst noch sich selbst Spezialisierung in möglichst vielen Arbeitsfeldern abverlangen, um so das Zusammenwirken der spezialisierten Gattungen und Medien zu erreichen. Auch die Erarbeitung eines verpflichtenden Weltbildes mußte zunächst von ihm allein versucht werden. Obwohl er ja ein historisch identifizierbarer Urheber seiner Weltbild-Erzählungen war, glaubte er, das entscheidende Kriterium der Verbindlichkeit garantieren zu können, indem er sich auf schon urheberlos gewordene Erzählungen, also Mythen, stützte und seine Erzählung als Dichtung auffaßte. Der Geist der Dichtung überschreitet in dem Maße die Subjektivität des Dichters, in welchem es dem Dichter gelingt, Erzählungen zustande zu bringen, in denen möglichst viele Menschen ihren eigenen Lebenswillen und ihre eigene Vorstellung von der Welt repräsentiert sehen.

Die entscheidende Frage für die Entwicklung eines solchen Gesamtkunstwerks versuchte Wagner auf folgende Weise zu beantworten: Wenn das künstlerische Tun durch das Gesamtkunstwerk vor der Auflösung in nichtssagendes, technisch leeres Virtuosentum bewahrt werden sollte, indem es dem Publikum gegenüber wieder einen umfassenden Anspruch auf Wirkung erhob, konnte diese Wirkung nur erzwungen werden, insoweit das Publikum als Publikum eine Rolle im Konzept des Gesamtkunstwerks übernahm. Das Publikum mußte auf die gleiche Weise zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen werden, wie die spezialisierten Künstler für das Gesamtkunstwerk zu vereinigen waren. Die Gemeinschaft der als Publikum am Gesamtkunstwerk Beteiligten konnte nur erreicht werden, wenn das Publikum wie die Künstler einem verpflichtenden Weltbild unterworfen würden. Für diese Aufgabe beriefen sich die Gesamtkunstwerker. berief sich auch Wagner auf eine auch durch die Neurophysiologie wieder akzeptierte Tatsache. Im Unterschied zu den Wirkungen von Spezialisierungen im Kulturbereich zieht die hochgradige Differenzierung allen entwickelten Lebens gerade nicht die Verselbständigung nach sich, sondern erhöht die Fähigkeit zur Kooperation. Höchstentwickeltes Leben mit extremen Spezialisierungen steigert die Anpassungsfähigkeit, weil die einzelnen spezialisierten Funktionen so eine unendliche Zahl verschiedener Kooperationen eingehen können.

Wagner hatte die richtige Vermutung, daß der künstlerischen Spezialisierung von einzelnen Gattungen und Medien die tatsächlichen Vorgänge in der Wahrnehmung nicht entsprächen.

Wagner war bekannt, was heute allgemein als Synästhesie verstanden wird, nämlich die Kooperation mehrerer Wahrnehmungsorgane und ihrer Funktionen auch dann, wenn scheinbar nur ein Wahrnehmungsorgan angesprochen wird. Am bekanntesten war damals die gleichzeitige Aktivierung von Ton- und Farbwahrnehmung. Beethovens Programm-Musik (»Aufziehendes Gewitter an einem Sommernachmittag«) schien zu zeigen, daß durch die Musik sogar komplette Bildvorstellungen hervorgerufen werden konnten bzw. sie diese unabweislich hervorrief. Diese Bildvorstellungen schienen von dem Eindruck begleitet zu sein, zugleich auch Temperaturen, Gerüche, Tasteindrücke und so etwas wie Atmosphäre und Stimmung hervorzurufen.

Die Formen der Kooperation einzelner Wahrnehmungsorgane und ihrer Funktionen werden kulturell verstärkt. Ihre ausgrenzbaren Einheiten gelten als Topoi (>SommernachmittagNächtlicher WaldMorgenfrühe im GebirgeDie graue VorzeitSieghaft-heldischer BlickGesamtkunstwerk< versucht immer auch, diesem Auseinanderdriften der Wahrnehmung und Reflexion entgegenzuwirken. Gesamtkunstwerke erwecken aber allzu leicht den Eindruck, selber schon der realisierte Gedanke eines umfassenden Ganzen zu sein, wenn sie gleichermaßen betont alle menschlichen Fähigkeiten zur sinnlichen und intellektuellen Erkenntnis stimulieren und auf eine Vision, ein umfassendes Bild, ein Gedankensystem ausrichten. So lange dieser Vorgang auf der Ebene des ästhetischen Scheins bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Wer dieses Vorgehen selbst mit den allermenschlichsten und besten Absichten aus Theatern, Konzertsälen, Universitäten und Museen auf das Alltagsleben der Menschen übertragen möchte - wer also Gesamtkunstwerke als soziale und politische Handlungsanleitungen mißverstehen will -, verwandelt die hypothetisch konstruierten übergeordneten Zusammenhänge in eine Totalität.

Dann allerdings ist es unumgänglich, z.B. den totalen Staat als >Gesamtkunstwerk< zu definieren. Totalitarismus entsteht aus dem Verlangen, Utopien, Visionen und Systementwürfe vom Ganzen in der Lebensrealität der Menschen verbindlich werden zu lassen, indem diese Lebensrealität vollständig nach dem Bild des Ganzen geformt wird. Wer das Gesamtkunstwerk wort-wörtlich und bild-bildlich nimmt, wer begriffs- und bildgläubig die Verwirklichung von Utopien und Gedankensystemen durchzusetzen versucht, muß zwangsläufig totalitär werden. Wer Spekulationen über das Ganze nur für gerechtfertigt hält, wenn sich diese Spekulationen identisch in die Lebensrealität möglichst vieler Menschen übertragen lassen, muß selbst dann totalitär werden, wenn er nichts anderes wollte, als gegen die beschränkte und schlechte Realität den denkbar menschlichsten Lebensentwurf durchzusetzen, um das Glück der Menschheit zu befördern. Totalitarismus ist fast immer Tugendterror.

Die hier abstrakt angedeutete Beziehung zwischen politischen Utopien, philosophischen Systemkonstruktionen und künstlerischen Visionen einerseits, und deren hundertprozentiger Verwirklichung als Totalitarismus andererseits verweist auf eine dritte Position im Konzept >GesamtkunstwerkDie Natur< als allumfassendes Geflecht vielfältig miteinander in Beziehung stehender und andererseits doch geschlossener Lebensräume bleibt unerfahrbar. Nur die Art der Wechselbeziehungen kleinerer ihrer Einheiten kann vor allem durch Realexperimente auf beschränktem Raum und mit beschränktem Umfang erfahren werden; der Experimentator bringt sich selber als Konstante in dieses Experiment ein.

Die Gesamtheitsvorstellungen des Totalitarismus lassen sich von heute aus am Beispiel jener übergreifenden Zusammenhänge andeuten, die einem Bundesbahnfahrplan zugrundeliegen. In diesem Modell wird jede Einzelbewegung nur im Hinblick auf alle anderen Bewegungen qualifizierbar. Aber die Art und der Umfang solcher Anschlüsse werden als abstrakter Plan vorgeschrieben mit der Absicht, die faktischen Bewegungen des Bahnverkehrs möglichst vollständig mit dem Plan in Übereinstimmung zu bringen.

Für das Gesamtkunstwerk ist die fixierte Vision, Utopie oder Systemkonstruktion - also das gestaltete Werk - der Träger des Anspruchs auf Darstellung eines Ganzen.

Für die Totalkunst ist das realexperimentierende Subjekt der Träger des Anspruchs.

Der Totalitarismus faßt in betonter Weise das Leben selbst (die Massen) als Träger des Ganzheitsanspruchs auf, weil ja im Leben der Massen die Utopien verwirklicht werden sollen.