Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

Seite im Original: 170

11 Virtuelle Leichen

Eben noch sollte das neue Zeitalter der virtuellen Realitäten angebrochen sein; totale Simulation der Wirklichkeit, die sich jeder fabrizieren könne - so triumphierte die Medienmafia, das ist die Wahnschaft derer, die an die Allmacht der Medien glauben wollen, weil sie sie zu steuern behaupten.
Und nun Goma - selbst die maskensicheren Nachrichtenvorbeter von CNN bekennen wahrheitswidrig, ihnen fehlten die Worte, um das Grauen zu beschreiben - deshalb zeigten sie immer bloß Bilder, tausendfach Bilder, die ja mehr sagten als alle Worte: ausgenommen die Worte, mit denen die Bildbetrachter aufgefordert werden, nun mal tüchtig für die humanitäre Bewältigung der Leichenhaufen zu spenden, damit es bald nicht mehr diese Bilder ohne Worte zu geben brauche; mit so vielen Leichen, daß wir sie nicht fassen können, sondern nur mit so vielen, wie wir ohne Ablaßspende, aber mit goldenen Worten als TV-Unterhaltung zu genießen vermögen.
Auch sorgten sich die Virtuality-Herren, wie lange wir wohl vor der Simulationsmaschine TV noch reaktionsfähig blieben in Empörung, Mitleid und Mittat. Sie fragten sich, wie lange solche Programme für die Zuschauer noch attraktiv sein könnten. Keine Angst! Solange diese Elite bildergewaltiger Moderatoren mit geheucheltem Pathos die Weltgemeinschaft noch anklagt, im Unterschied zu ihnen nichts gegen diese "Katastrophen" mit echten Leichen zu tun, ist die Wut gegen Friedensstörer und Kriegsverbrecher, über Kinderschänder und Massenmörder, über tatenlose Bundeswehr und feigen UNO-Einsatz gesichert. Oh, wie schrecklich, diese Unmenschen! Denen werden wir es zeigen an diesem Wochenende auf dem Hockenheimring, wenn Schumi nicht fahren sollte. Wehe ihnen, dann schlagen wir alles kurz und klein. Wenn Schumi aber fährt und siegt, dann feiern wir die Ärzte ohne Grenzen, weil sie allen anderen Helfern in Goma kapitale Fehler vorwerfen; und die Helden der französischen Armee, weil sie Schutzzonen für verjagte Mehrheiten einrichteten; die Freiheitskämpfer, weil sie Minderheiten zur Macht verhalfen; die demokratischen Regierungen, weil sie Waffenhilfe an alle Parteien ohne Ansehen der Ziele und Methoden gewährten! Wenn Schumacher in der Hölle von Hockenheim siegt, dann zeigen wir vor allem unseren alles Elend bezwingenden menschlichen Optimismus, der doch nicht tot zu kriegen ist. Wetten, daß? Na, warten wir noch ein Weilchen auf ein Goma im Großraum Görlitz, Berlin, Stettin.
Damit wir uns daran gewöhnen, sehen wir TV Total mit Leichen, Lotto und Lebenslust. Ist ja alles bloß virtuelle Realität - bis dahin!