Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

Seite im Original: 214

15 Stardenk

Diese Woche haben wir es wieder mal allen gezeigt, wir Künstler, Intellektuellen und Journalisten.
Bruder Peymann, Theatergeneral zu Wien, bezichtigte die österreichischen Politiker, bei der Beerdigung der ermordeten Sinti/Roma "um die besten Plätze gerangelt zu haben". Was Peymann erst gesagt hätte, wenn die Politiker nicht zur Beerdigung erschienen wären, ahnen Peymann-Kenner lebhaft. Bravo, da capo!

PEN-Bruder Dieter Lattmann überraschte die Karlsruher Bundesanwaltschaft mit einer 70-minütigen Verlesung seines neuen Romans, anstatt Auskunft über seine Stasibeziehungen zu geben. Endlich zeigt jemand, wie man sich ein Forum ernster Zuhörer für literarische Bemühungen verschaffen kann.
Zweihundert von uns riefen zum Boykott der Lufthansa auf, weil sie sich weigert, Rushdie zu befördern. Gleichzeitig riefen wir aber zur Unterstützung der Lufthansa auf, weil sich deren Piloten weigern, rechtskräftig des Landes verwiesene Abschieblinge zu befördern - kann man besser unsere unbestechliche und unparteiische Geisteskraft belegen?

Auch verstärkten wir in dieser Woche unser Kampagne "Abschiebung ist Mord" in allen Kinos und Kanälen - ohne staatsanwaltliche Reaktion. Somit ist jetzt der Weg frei für eine Anzeige gegen Innenminister Schnoor und Kollegen wegen vielfacher Beihilfe zum Mord, haben diese Schreibtischtäter doch im vergangenen Jahr einige Hundert gerichtlich verfügte Abschiebungen vollzogen.

Mahmut Kilinc, kurdischer Intellektueller, hat dankenswerterweise endlich unsere jahrelange Beschwörung von kultureller Identität radikal ernstgenommen: Er initiiert das kurdische Exilparlament in der Bundesrepublik, "um mit der eigenen Identität Politik zu machen".

Kulturelle Identität, Clanstruktur und PKK-Widerstand schaffen ein Geschichtsbild der Kurden, auf das man sich im Kampf um kurdische Autonomie berufen kann, schlußfolgert Kilinc in bester deutscher Tradition des blutigen Kulturkampfes 1914 ff.

Und die exzellenten Theologen des Iran bestätigten nochmals förmlich, daß der Koran älter ist als die westliche Menschenrechtsdeklaration. Das haben wir 1933 ff. schon gesagt: Edda und das Nibelungenlied anstatt Grundgesetz oder überhaupt "Rechtsstaat".

Wie soll es weitergehen? Können wir diese starken Initiativen starker Persönlichkeiten überhaupt noch überbieten? Welcher Taten bedarf es noch für die Durchsetzung unserer Forderung, "Künstler, Intellektuelle, Journalisten an die Macht"?

Sollte Peymann Innenminister werden, damit es keine "unverzeihlichen polizeilichen Fahndungsrückstände" mehr gibt, die er jetzt leider den Wienern vorhalten mußte? Lattmann Pensionskassenpräsident? Kilinc Leiter des Außenministeriums, damit die Deutschen nicht mehr nur die Antipathie der Kurden, sondern auch die der Türken zu gewärtigen haben? Unsere arbeitslosen Dichter und Maler in die Pilotenkanzeln der Lufthansa, damit deren Maschinen nur noch im Land der schönen Träume landen?

Ich hab's! Wir erklären einfach (wahrheitsgemäß), daß wir weder Künstler noch Intellektuelle sind. So können unsere erlauchten Visionen und Urteile als das genommen werden, was sie tatsächlich sind: das Eingeständnis, auch nicht mehr zu wissen als diejenigen, denen wir hart ihre politische Ahnungslosigkeit vorhalten müßten.