Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

Seite im Original: 217

16 Aus dem Unterhaltungsprogramm für die Hölle

Erste theatralische Demonstration
14. Juni 1984, Werkstatt / Nachtfoyer, Bühnen der Stadt Bonn

Wie Hitler zum Schauspiellehrer Devrient
geht Bazon zum Schauspiellehrer Hungerbühler,
um über Großes wieder groß zu reden. Er will das lernen.
Schauspielerei hält dazu an, mit einem Thema ernstzumachen,
dem Ausdruck geben zu können, was antreibt oder anzieht!
Brock will ernstmachen!
Schauspielerei verführt natürlich auch zum Lügen und zur Maske.
Aber Lügen ist Voraussetzung für die Fähigkeit, mit etwas ernstzumachen,
indem man die Wahrheit einfach glaubt.
Brock will stark sein im Glauben, so wie es die Führer seiner Generationsgenossen empfehlen:
Bohrer, Handke, Botho Strauß, Syberberg.
Er will nicht länger ein Mainzelmännchendeutscher sein,
sondern ein großer Deutscher.
Ein Deutscher, der über Leichen geht.
Nicht mehr bloß demokratisch legitimiert,
nicht immer im Rahmen der Sitten und Anstände;
nicht kontrolliert von der Ökonomie der Verhältnismäßigkeiten;
immer unbedingt, endlich mit ganzem Risiko; endlich ein ganzer Künstler!

Bazon will verstehen und natürlich spüren, was die Führer
als Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit der Gewalt über
Leben und Tod empfinden.
Er möchte Mitglied der Gottsucherbande werden und zugleich
in der Geschichte des Nihilismus, in den Heiligenlegenden
der Karfreitagsphilosophen eine feste, starke Position beziehen.
Bazon möchte auch aus vollem Herzen bekennen:
Wir wollen Gott und damit Basta!
Erzwingt die Transzendenz durch Glauben!
Denn Konsequenzen Eures Glaubens sind hier auf Erden
schon ganz wirklich.
Und was wirklich ist, das kann man nicht leugnen.

Auch Bazon möchte vor Bildern wieder beten können.
Die Kunst ist Kirche für Nihilisten,
also für alle, die aus rückhaltloser Liebe blind sind,
die vor Selbstmitleid tränenerstickt und schluchzend bekennen:
Es geschieht dem Volke ganz recht, wenn die genialen Künstler
verstummen, warum glaubt ihnen das Volk nicht!

Es geschieht diesem Gott ganz recht,
wenn wir nicht mehr an ihn glauben,
warum tut er für uns kein Wunder!

Aber das Volk besteht aus lauter Tätern wie Bazon:
Es will ja glauben, damit sich die großen Geister wieder offenbaren!
Das Volk nimmt Schauspielunterricht bei Ronald Reagan.
Wie alle Mächtigen ist der aber gar kein Schauspieler;
er glaubt, was er sagt. Immer, unbedingt.

Für das Große, gegen die Kleinheit.
Für das Gute, gegen das Böse.
Alle sind des Wahns der Wenden alter Götter!

FÜR MAMA. GEGEN PAPA!