Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

2.2.4..2.4.1 Die bilddialektische Argumentation der Libri Carolini

Obwohl der Bilderkrieg nach der Wiederherstellung der Bilderverehrung von 787 noch einmal im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts aufflammte, war er aber, was die wissenschaftliche Argumentation anbelangt, definitiv durch die Libri Carolini aus dem Jahre 791 beendet. Die Libri Carolini ziehen die Summe aus der Auseinandersetzung zwischen Bilderfreunden und Bilderfeinden. KARL DER GROSSE gibt sich selbst als Initiator der Libri zu erkennen. Die wesentlichen Teile der Bücher dürften aber von ALKUIN und THEODOR VON ORLEANS verfaßt worden sein. Die Franken wollten mit dieser eigenständigen Darstellung des Problems ihre Selbständigkeit gegenüber dem Papst dokumentieren. KARL war verärgert über die Mißachtung seiner Person durch Byzanz, denn IRENE hatte nicht ihn, sondern HADRIAN als Vertreter der weltlichen Macht des Westreichs nach Nicea eingeladen. Zugleich beabsichtigte KARL, dem Papst zu demonstrieren, daß er und sein Haus zwar durch den Papst erst zur Legitimation seines Machtanspruchs gekommen seien, sich damit aber nicht automatisch den theologischen Verdikten des Papstes anzuschließen brauchten. Diese Abgrenzung KARLs gegenüber Rom und Byzanz, die sich ohne weiteres auch als richterliche Position des besserwissenden Dritten lesen läßt, wird in den zentralen Aussagen der Libri deutlich. Sie betonen, daß die Franken weder mit jenen (den Byzantinern) die Bilder zerstören, noch sie wie diese (die Römer) verehren wollten. Vielmehr werde durch die Libri die via regia, der königliche Weg der Mitte, beschritten. Nichtsdestoweniger ist die Mitte eine bestimmte Position und sie ist vor allem eine neue Position. Die Verfasser der Libri geben zu verstehen, daß sie sich mit ihrer Argumentation weit über die der Ikonoklasten und Ikonodulen erheben. Dieser Anspruch ist tatsächlich gerechtfertigt.
Die Darlegungen der Libri beginnen mit einer herablassenden, ja wegwerfenden Schilderung des Bilderstreits. Den streitenden Parteien wird zu bedenken gegeben, daß noch niemand durch Bilderverehrung in den Himmel gekommen sei und daß die Religion demzufolge nichts einbüße, wenn sie auf die Bilder verzichte. Für die Frage des Heils sei nicht das Bild von Bedeutung, sondern das Wort. "Aus Büchern, nicht aus Bildern erhalten wir das Wissen über die geistliche Lehre, so wie der Apostel PAULUS sagt, 'Was einst geschrieben ward, ist zu unserer Belehrung geschrieben' (Römer 15, 4). PAULUS sagt nicht, was einst gemalt ward, ist zu unserer Belehrung gemalt worden. Die heiligen Texte sagen auch nicht, alle Malerei ist von Gott eingegeben, sondern 'alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, der Darlegung, der Erziehung, auf daß der Mensch vollkommen werde und zum guten Werk gebracht' (2. Tim. 3, 16)." Darüber hinaus habe MOSES auf dem Berg Sinai die Gesetze Gottes nicht gemalt, sondern geschrieben erhalten. Schließlich sei nicht das Bild geoffenbart, sondern "das Wort, welches Fleisch ward". Aus diesem Grunde allein könne man Schrift und Bild überhaupt nicht gleichstellen.

Nach dieser Proportionsbestimmung führen die Libri-Autoren selbstbewußt das Kernstück ihrer Argumentation vor: Einem Mann werden zwei Bilder gebracht. Auf beiden Bildern ist eine Mutter mit ihrem Kind dargestellt. Die Bilder tragen keine Namen. Deshalb kann der Mann mit den Bildern nichts anfangen, sie sind für ihn wertlos und er will sie wegwerfen. Dann erfährt er, das eine der Bilder zeige eine Darstellung Marias mit dem Jesuskind und dieses Bild dürfe er ja wohl nicht vernichten. Der Mann schaut die Bilder an, um herauszufinden, welches der Bilder die Darstellung der Gottesmutter sei. Da sich beide Bilder zum Verwechseln ähneln, kann der Mann seine Entscheidung nicht treffen. Deshalb fragt er den Maler und erfährt, welches Bild Maria darstelle und welches die Darstellung der Venus sei, die Aeneas auf dem Arm trägt. Die Libri-Autoren glauben, damit entwickelt zu haben, wie ungerechtfertigt die Verehrung der Mariendarstellung einerseits und die Vernichtung der Venusdarstellung andererseits sei, da es für den Künstler überhaupt keinen Unterschied mache, ob er Maria mit Jesus, Venus mit Aeneas, Alkmene mit Herkules, Rebekka mit Jakob, Elisabeth mit Johannes oder überhaupt irgendeine Mutter mit ihrem Kinde male. Für die Beurteilung des Bildes komme allein in Betracht, ob das Bild besser oder schlechter gemalt sei, denn das Bild verdanke sich nicht irgendeinem Mysterium, sondern allein dem Magisterium und Ingenium des Künstlers. Die Kunst sei prinzipiell nur ars mundana, weltliche Kunst. Ingenium kann jeder Mensch haben oder nicht haben, und wenn er es hat, kann er es ausbilden und entwickeln, er kann es lernen und lehren. Je nachdem, wie weit er bei dieser Anstrengung komme, werde er 'schöne' oder weniger gelungene Kunstwerke schaffen. (KARL DER GROSSE hat das Reiterstandbild THEODERICHS nach Aachen schaffen lassen mit der ausdrücklichen Bemerkung, dieses Kunstwerk sei das schönste, das er in Italien gesehen habe.) Es liegt ganz im Sinne dieser Auffassungen, wenn die ingeniöse Hervorbringung von weltlicher Kunst keinem wie immer gearteten sakralen Zweck zugeordnet werden könne. Bestenfalls könne man Kunstwerke im sakralen Bereich als Schmuck und Ornament und als erinnernden Hinweis auf die in der Welt sich erfüllende Heilsgeschichte verwenden. Als 'Tatgedächtnis' (res gestae) hätten schon die Römer die Kunst verwendet. Da die Germanen wie die Römer ein starkes geschichtliches Bewußtsein hatten, konnten die Libri-Autoren ihrem eigenen Wunsch, sich als geschichtlich neue Kraft zu verstehen, durch den Hinweis auf die römische Kaiserzeit Größe verleihen.

Es ist sicherlich nicht unrichtig zu behaupten, daß diese Wesensbestimmung der Kunst als ars mundana einen entscheidenden Einfluß auf die Überwindung der sakralen Bindung der Kunst hatte. Ich kann nicht abschätzen, ob sich diese Position der Libri-Autoren durchgängig bis in die Renaissance im Bewußtsein der Künstler erhalten hat. Wahrscheinlich nicht. Allein das Ernstnehmen der Aussagen der Libri-Autoren hätte jene Entwicklung der Frührenaissance genauso befördern können wie der Rückgriff auf die römischen Quellen.