Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

2.2.4..2.4.3 Die Bilddialektik im 18. Jahrhundert (KANT und HEGEL)

Erst die reflexionsphilosophische (KANT) und die spekulative (HEGEL) Dialektik entwickeln diese Positionen im Hinblick auf das Bilderproblem weiter, ohne daß dadurch der Bilderkrieg durch seine Auflösung als Scheinproblem oder in einer verbindlichen Lösung stillgestellt worden wäre. Ich will anhand der gegenwärtigen Realismus-Debatte zeigen, daß im Gegenteil die im 8. Jahrhundert so eindeutig formulierten Positionen auch im gegenwärtigen Bilderkrieg zwischen Realisten und Mythologen eingenommen werden.
Zunächst: die dialektische Erweiterung der Bildbestimmung erbrachte das Resultat, daß das Bild nicht nur in seiner materialen Einheit die Wirklichkeitsebene Abbild und Abgebildetes umfaßt. Die Einheit der beiden Wirklichkeitsebenen muß auch substantiell ausgewiesen werden als Identität von Abbild und Abgebildetem. Solche Identität der Bildebenen kann erzwungen oder intendiert hergestellt sein. Einen tatsächlichen Anspruch auf Erkenntnisleistung kann die Bildersprache aber erst erheben, wenn Abbild und Abgebildetes in ihrer intentional erzeugten Identität dennoch nicht identisch werden. Erst in solcher erreichten Nichtidentität kann die Bildsprache die gleiche Erkenntnisleistung wie die Wortsprachen erbringen. Nichtidentität zu erreichen, heißt, in das Bild einen Selbstwiderspruch einzuführen, der auf Lösung drängt, d.h. die Erkenntnis selber, die das Bild formuliert, kann nicht auf sich beruhen.