Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

4.1 Differenzierung der Brustwahrnehmung

"Es ist die Pflicht eines jeden, sich zu allem zu äußern, was er im Laufe eines Tages mehrmals anfaßt, damit aus dem Anfassen ein Begreifen wird." (LENIN zu seiner Frau auf die Frage "Was tust Du da?")

Bürger Leser,
es ist notwendig, sich zu erklären, damit die Perspektive erkennbar wird. Dazu zitieren wir den Bürger HÖKE, der seinerseits einen anderen Bürger zitiert, ohne allerdings anzugeben, daß er zitiert: "Die Leute, die ganz links sitzen, sehen die rechte Brust im Profil. Die Leute, die Mitte links sitzen, sehen die rechte Brust schräg von vorn und die von der rechten Brust bis zur Hälfte verdeckte linke Brust. Die Leute, die in der Mitte sitzen, sehen die Brüste von vorn. Die Leute, die Mitte rechts sitzen, sehen die linke Brust schräg von vorn und die von der linken Brust zur Hälfte verdeckte rechte Brust. Die Leute die rechts sitzen, sehen die linke Brust von der Seite."

Dazu ist sofort zu bemerken, daß es eben gerade bei der Brust viel mehr auf das Begreifen ankommt als auf das Sehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Voyeurismus unserer spätkapitalistischen Gesellschaft eine Erfindung der Herrschaften ist, um Beteiligung ohne Anteil zu ermöglichen. In diesem Sinne will die vorliegende Arbeit nicht als Verlängerung des Auges verstanden sein (auch genaueres Sehen ist immer noch kein Begreifen), sondern als Aufforderung zur Aktion, die Besitzverhältnisse über die Produktivkraft Sexualität zu verändern. Die Brust gehört in aller Hände und nicht nur in die Weniger, die soviele Brüste haben, daß sie sie gar nicht fassen können.

Bei diesem gemeinsamen Geschäft müssen wir stets verhüten, daß sich unliebsame Folgen einstellen. Und eine solche wäre die Verbrüderung im Unglück: sich nachher in den Armen und am Busen zu liegen mit dem Stoßseufzer: "Wir sind doch alle ein bißchen schwach auf der Brust." Aber es darf auch nicht folgen, daß wir uns in der gemeinen Kumpanei an die Brust schlagen, um nach vollbrachter Missetat entschuldigend hervorzutönen: "Sowas ist unter Busenfreunden gang und gäbe."

Gegenüber Kritikern aus den eigenen Reihen, die 'Brust raus' angetreten sind, sollte angemerkt werden, daß wir durchaus den Unterschied zwischen Aktionen wie 'Saubere Leinwand' und 'Saubere Brust' wahrzunehmen vermögen. Er besteht darin, daß man auf die Leinwand desto weniger gern sieht, je sauberer sie ist, während man desto lieber sich mit der Brust beschäftigt, je sauberer sie ist. Die Kampagne 'Saubere Brust' wurde zumeist als Kampagne gegen die unbedeckte Brust geführt. Auch hier haben wir es mit historischen Tätigkeitsmerkmalen zu tun: "die saubere Brust ist eine bedeckte Brust" folgt dem Sinnspruch: "ein guter Indianer sei ein toter Indianer".

Auf diese Weise lassen sich Imperialismus und Brustwesen miteinander verbinden. Das ist die wahre Perspektive, von der oben die Rede war. Sie ist notwendig, um endlich auch im Brustwesen die von uns allen verlangte Progression der Treue zum Betrieb zu durchbrechen:
Steif Knopf im Ohr
Steif Finger in der Nase
Steif Glied im Bauch
Steif Leiche im Sarg

Aber, von der Brust aus gesehen, ist das der Weg nach unten. Er ist wohl unvermeidlich. Denn wer seine erste Liebe (die Brust fürs Baby) nicht vergißt, der wird seine letzte nicht erkennen. Dem wird erst der Arzt sagen, nun sei es zu spät.

Insofern soll Ihnen diese Arbeit auch helfen, die erste Liebe Ihres Lebens zu vergessen: die Brüste Ihrer Mutter.