Bildersturm und stramme Haltung

Texte 1968 bis 1996

Bildersturm und stramme Haltung - Titelseite
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock steht mit seinem Denken und Schreiben für die Erhaltung des Momentums der Moderne in postmoderner Zeit ein, in unübersichtlichen Lagen, in dekonstruierten Räumen. Moderne ist dabei in des Wortes striktester Bedeutung zu fassen, als radikale Entfernung tradierter Wurzeltriebe ohne funktionalen Wert. Dazu gehört in erster Linie die Verabschiedung von der Würdeformel Kunst als unangreifbarer Kategorie des theologisch Transzendenten, mindestens des bewundert Erhabenen; das umfaßt aber auch die Einbindung eines jeden ästhetischen Gegenstands in das Schreiben , und sein er noch so banal und alltäglich. Schon die Differenzierung der beiden letzten Begriffe – daß das Banale nicht unbedingt alltäglich und das Alltägliche schon gar nicht banal sei – formt ein Perpetuum mobile unter vielen im Brockschen Denken.

4.8 Brüste und Büstenhalter

Jedes Lexikon gibt darüber Aufschluß, daß sich Frauen nicht immer so gekleidet haben, wie sie es heute tun und vor allem, daß sie nicht immer, so wie heute, ihre Büste bekleidet haben. Von den frühen Tagen in Ägypten bis zum späten 16. Jahrhundert wechselten völlige Brustbedeckung mit Entblößtheit und loser Bedeckung ab. Als die spanische Mode Europa und die Welt beherrschte, setzte sich mit ihr das Korsett durch - mit den spezifischen Vorrichtungen zur Unterbringung einzelner Körperpartien. Als in Frankreich mancher Stuhl zu wackeln begann, zeigten die Draufsitzenden schon wieder Busen, nunmehr in Form des Dekolletés, das aus dem spanischen Korsett entwuchs. Mit der Revolution der Revolutionen flogen auch die Korsetts in die Ecke - ein Brustband hob und hielt, was nur leicht gehalten werden sollte. Doch auch auf diesem Gebiet sind Reaktion und Fortschritt schlecht zu unterscheiden. Als NAPOLEON abgeschoben wurde, gabs bereits eine Miederindustrie. Biedermeier und Krinoline, die Gründerzeit mit der Tournüre und die Vorkriegszeit mit der Kreation 'Sans Ventre' (Ohne Bauch) ließen schließlich den Willen zur Selbstmanipulation übergehen in einen gesellschaftlichen Anspruch auf Angleichung der Frauen aller Stände (und das heißt natürlich nur der Stände, deren Frauen es sich leisten konnten).

Erst mit Beginn der beliebten abstrakten Kunst um 1910, so sagt Professor MITSCHERLICH, schlug die Stunde für den Büstenhalter. Er ist etwa so alt wie die Luftfahrt. Und verdankt sich auch dem Ruf nach mehr Luft, nach frischer Luft, die den Damen nun auf Anraten der Arzte zugeführt werden sollte. Den Höhepunkt der Entwicklung der Büste als Büstenhalter stellt zweifelsfrei Rudi GERNREICHs Nichtbüstenhalter oder No-bra dar, wobei die Betonung auf dem Prädikat liegt: der Büstenhalter ist ein Nichtbüstenhalter. GERNREICH macht den Versuch, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wie jeder gute Dialektiker: Der Nichtbüstenhalter als hauchdünnes, zu durchahnendes Netz erlaubt, die Funktion des normalen Büstenhalters zum Zwecke der Korrektur der Natur beizubehalten, und er will den notwendigen Hinweis geben auf die Befreiung der Brüste aus dem Dunkelfeld privater, verblödeter Praktiken. Er will einerseits uns den möglichen Lustgewinn erhalten, den wir aus Gründen kindlicher Fixierung aus der büstenhalterbekleideten Brust ziehen, und er will andererseits uns aus dieser Fetischisierung befreien, indem er uns den nackten Busen bietet. Nackt und dennoch anfaßbar, was ja ein anderer Gewerbezweig nicht vermitteln kann: der Striptease.