Kunst und Demokratie

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„Kunst und Demokratie – dieser Kontext scheint auf den ersten Blick kein Thema zu sein. Der Rechtsstaat, ohne den Demokratie nicht denkbar ist, schützt die Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Kunst und Diktatur ist hingegen als Thema oft abgehandelt und in Ausstellungen präsentiert worden – als Außenansicht, aus der Sicht von uns Demokraten. Das hier gestellte Thema bedeutet Innenansicht jener Situation, in der wir leben. Was aber ist Demokratie - und wie selbstverständlich können wir sie für uns reklamieren?“ (Aus dem Vorwort von Irmgard Bohunovsky-Bärnthaler)

Aus dem Inhalt: Angepasste Empörung - Über avantgardistische Kunst und politische Verantwortung in demokratischen Gesellschaften von Konrad Paul Liessmann, Die Demokratie der Künste von Gunter Damisch, Demokratie als Sache der Vielen, Kunst als Sache der Wenigen von Anton Pelinka, Gibt es eine politisch korrekte Kunst? von Thomas Zaunschirm, Menschenschwärze – Versuch über die Verachtung der Massen von Peter Sloterdijk, Das Sehen formen: Mondrians Lebens-Kunst-Utopie von Raimer Jochims, Zurückbiegen (Reflexion) und Umwerfen (Subversion) … von Elisabeth von Samsonow, Kunst und Krieg - Der verbotene Ernstfall von Bazon Brock.

Jeder Mensch ein Künstler

Für einen tatsächlich zeitgemäßen Künstler muß es eine vorrangige Aufgabe sein, seine Geltungsansprüche ohne Legitimation durch Sanktionsgewalt mit ernsthaften Folgen zu vertreten. Damit könnte er beispielhaft für alle Mitglieder demokratisch verfaßter sozialer Kulturverbände sein. In dieser Beispielhaftigkeit liegt der tiefere Sinn der Beuys'schen Behauptung, jeder Mensch sei ein Künstler, denn jeder Mensch - ob Bildhauer, Wissenschaftler, Hausfrau, Arzt oder Politiker - hat das gleiche Problem der vollständigen Bodenlosigkeit seiner Entscheidungen, wenn die ernstfallgemäßen Begründungen nicht mehr greifen. Aus dieser Eigenverantwortlichkeit wird auch deutlich, warum eine Untertanenhaltung im klassischen Sinn nicht mehr zum gewünschten Erfolg führt.

Die Leitfrage bei der Einschätzung von Künstlern ist, ob sie dieser geforderten Beispielhaftigkeit tatsächlich entsprechen, oder ob sie nicht schon vom durchschnittlichen Alltagsmenschen bei der Bewältigung der Haltlosigkeit jeder Entscheidung übertroffen werden. Im Gegensatz zu Künstlern, die auf die Schaffung von "Werken" ausgerichtet sind, haben viele Alltagsdemokraten den Anspruch längst aufgegeben, sich durch irgend etwas Produziertes zu verewigen, bzw. auch nur eine Spur ihres Lebens zu hinterlassen - nicht einmal in Gestalt von Liebesbriefen oder selbstverfaßten Gedichten, die dann die Kinder einst am Grab aufsagen könnten. Stattdessen tun alle so, als ob das Leben ewig so weiterginge - ein bißchen herumhantieren, ein bißchen essen, ein bißchen fernsehen und ab und zu ins Ferienlager. Das ist beispielhaft. Da sitzen sie dann seelenruhig, beschallt von der nahen Eisenbahnlinie, eingepfercht in kleinste Zeltchen auf regennassem Boden. Hätte man solche Zustände in den Ferienparadiesen vor vierzig Jahren einer Menschenrechtskommmission gezeigt, wäre die Anlage sofort als vermeintliches KZ geschlossen worden. Das ist aber die Stärke der wahren Demokraten: man marschiert freiwillig in die Lager, weil es keinen Unterschied zu den Strafanstalten mehr gibt. Dafür kostet umgekehrt ein Gefängnisplatz heute pro Tag soviel wie eine Übernachtung im Luxushotel.