Stellungnahme: „40 Jahre Deutsches Fernsehen“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Text erschien in 3 Teilen verteilt auf mehrere Ausgaben 1993/1994.

Seite im Original: 2

Die Vernichtung der Kultur

Unsere TV-Sender sind von x-beliebigen anderen in der Welt nicht mehr zu unterscheiden. Schuld ist die Politik. Dritter und letzter Teil des Essays von Bazon Brock

Erschienen in der Ausgabe 1/1993 (09.-15.01.1993)

Wie stolz wir immer waren, wenn wir nach England oder in die USA fuhren, und unsere Freunde aus den dortigen Museen, den Universitäten, den Galerien und Künstlerateliers mit verzücktem Augenaufschlag die Segnungen der deutschen Rundfunkanstalten überschwenglich priesen. Die deutschen Anstalten hätten – so hörten wir – zum Beispiel in den 50er Jahren die Entwicklung der modernen Musik in der gesamten Welt ermöglicht. Diese Medienereignisse in Darmstadt oder Donaueschingen galten vor allem den amerikanischen Künstlern als Inbegriff von Kulturarbeit. Weltbekannte Größen wie John Cage fühlten sich in deutschen Sendern mehr zu Hause als irgendwo sonst.
Wie gesagt, solche Lobeshymnen auf die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland hörten wir fast täglich bis zum Beginn der 80er Jahre. Gefeiert wurde die kontinuierliche Arbeit am Konzept des kleinen Fernsehspiels, und gefeiert wurden die reklamefreien Magazinsendungen "Politik, Soziales, Kultur", die ihresgleichen in der Welt suchten. Mitschnitt und Ausstrahlung höchstrangiger Schauspiel- oder Operninszenierungen durch die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland brachten uns die Geltung und den Ruhm einer herausragenden Kulturnation. Gerade im westlichen Ausland verstand man, daß die gerühmte Sonderförderung der deutschen Künstler aller Sparten und das ganz einmalige Interesse der deutschen Öffentlichkeit an kulturellen Ereignissen den öffentlich-rechtlichen Kulturinstitutionen (Rundfunk, Theater, Museen, kommunale Kulturzentren) zu verdanken war – ein Konzept, um das uns alle Welt, gerade die kapitalistische, vorbehaltlos beneidete.
Warum? Weil an den deutschen Kulturinstitutionen nicht Geldmachen im Vordergrund aller Aktivitäten stehen mußte; weil die Redakteure, Kustoden, Regisseure, Ausstellungsmacher ein hohes Maß an Unabhängigkeit von kommerziellen Leitbildern wahren konnten; weil durch die zahlreichen regionalen Zentren und die Kulturhoheit der Länder alle deutschen Provinzen zu Metropolen wurden; weil die in der Welt einmalige Zahl solcher Kulturmetropolen auf so engem Raum wie der alten BRD eine Kulturvielfalt entstehen ließ, die es weder in Frankreich noch in England oder gar in den USA gab.
Zum 40. Gründungstag der ARD muß man sich an diese ruhmreichen Taten der deutschen Sender erinnern – gerade, weil das alles bloß noch Geschichte ist. Seit Anfang der 80er Jahre bescherten uns die deutschen Politiker den Anschluß an das westliche Ausland. Sie vernichteten mit voller Absicht und zielstrebig die Leistungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten für die Kultur Deutschlands, weil sie mit deren vermeintlich linkslastiger Ausrichtung nicht einverstanden waren. Da Zensur an den Programmen direkt nicht durchgesetzt werden konnte, wollte man die Wirkung der Programme einschränken, indem man die Zuschauerzahlen bei einzelnen Sendungen drastisch verringerte. Dazu brauchte man nur die Zahl der angebotenen Programme zu erhöhen; statt 3 Angebote sollte es 30 geben – da ist die Wahrscheinlichkeit, daß viele Menschen die gleichen Sendungen sehen, sehr gering. Zudem würden die Öffentlich-Rechtlichen sehr bald gezwungen sein, die Unterhaltungsspektakel der Privatsender nachzuahmen, um überhaupt noch Zuschauer zu haben. Anspruchsvolle Sendungen, gar Sendereihen zu Politik, Sozialem, Kultur würden da ganz von allein verschwinden.
Gesagt getan. Im Rahmen gesamteuropäischer Vereinigung warfen die Deutschen willfährig vorauseilend das erfolgreiche und bewährte Kernstück deutscher Kulturarbeit auf den Müll der Geschichte, d.h. auf einen Haufen kommerziellen Schrotts völlig identischer, beliebiger, nichtssagender TV-Produktionen. Zwar gibt es formell noch die Öffentlich-Rechtlichen, aber ihnen droht ständig das Fallbeil der Publikumszustimmung: um Massenzuspruch zu finden, muß der Anteil von Kultur im Programm radikal verkürzt werden. Um dann noch den Verfassungsauftrag (kulturelle, politische und soziale Bildung und Erziehung) zu erfüllen, müssen Erziehung und Bildung als unterhaltsames Spektakel aufgezogen werden, das von niemandem mehr Arbeit und Anstrengung des Gedankens fordert. Damit sind wir wirklich reif geworden für die große Vision der einheitlichen Welt aus Werbesendungen, Unterhaltungsbrei und Gesellschaftsklatsch.
Zum 40. Jubiläum eine stolze Bilanz: unsere Sender sind von x-beliebigen anderen in der Welt nicht mehr zu unterscheiden Dazu darf man wirklich gratulieren, denn niemand von uns hätte diese Leistung für möglich gehalten. Und da sage einer noch, Politik sei bloß die Kunst des Möglichen.