„Das Neue ist immer barbarisch“

(Sendemanuskript für eine Aufzeichnung in der Reihe des Hörfunkprogramms WDR 3 „Das Neue ist immer barbarisch“, Ausstrahlung 27.12.1999)

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Abdruck im Lockbuch Bazon Brock unter dem Titel: "Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken."

Tätige Opfer, geopferte Täter

Für diese Verwandlung von Tätern in Opfer ein relativ harmloses Beispiel: Thomas Mann wurde 1935 die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn mit eben jener Begründung aberkannt, die er selbst in seiner Propagandaschrift "Betrachtungen eines Unpolitischen" entwickelt hatte. Die Begründung lautete zusammengefaßt: Jedes Mittel ist recht, um die Heilige Deutsche Kultur und Kunst gegen die Gleichmacherei einer Weltzivilisation zu verteidigen, die alle gedankliche und seelische Tiefe einem oberflächlichen demokratischen Verfahrensformalismus opfert.

Und wörtlich heißt es bei Thomas Mann 1918:
"Da habt ihr ihn, den politischen Ästheten, den poetischen Volksverführer, Volksschänder, den Wollüstling des rhetorischen Enthusiasmus, den Katzelmacher des Geistes, den gloriosen Vertreter demokratischer Menschlichkeit. Und der sollte Herr werden bei uns? Nie wird er das! Die Geschichtsforschung wird lehren, welche Rolle das internationale Illuminatentum, die Freimaurerweltloge, unter Ausschluß der ahnungslosen Deutschen natürlich, bei der geistigen Vorbereitung und wirklichen Entfesselung des Weltkriegs, des Kriegs der Zivilisation gegen Deutschland, gespielt hat."

1924/25 übersetzt Adolf Hitler in gemütlicher Festungsehrenhaft auf Staatskosten Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen in seine Bekenntnisschrift "Mein Kampf". Was bei Thomas Mann als Zeugnis für die Ahnungslosigkeit eines Künstlers, als bloße Literatur hingenommen werden mag, führt bei Adolf Hitler zur realen Bedrohung der Künstler. Denn ganz und gar nicht harmlos waren die Konsequenzen der von Goebbels radikalisierten Kampagne gegen die Entartete Moderne, allerdings auch die Kampagnen Stalins gegen Künstler, Literaten, Wissenschaftler und Ingenieure, die Lenin zugetraut hatten, ihre Vorstellungen von Modernität in einer sozialistischen Gesellschaft zu verwirklichen.
Viele der universalsozialistischen oder nationalsozialistischen Vertreter der Moderne wurden nicht nur sozial, sondern auch physisch ausgelöscht. Wir können heute wohl kaum noch nachempfinden, was sie empfunden haben mögen, als man ihre Auslöschung mit Begründungen rechtfertigte, die sie, die Modernisten, selber zum Programm gemacht hatten.

"Wir sind ohne Zweifel Barbaren, ekeln wir uns doch vor einer gewissen Form von Kultur. Unsere Ablehnung eines jeden anerkannten Gesetzes und unsere Hoffnung auf neue, unterirdische Kräfte sind imstande, die Geschichte ins Wanken zu bringen; das läßt uns den Blick auf Asien richten. Der Konventionalismus der Kulturgebärden und der Lügen Europas hat sich selbst erledigt: ein Kreislauf des Ekels. Jetzt sind die Mongolen an der Reihe, sie werden auf unseren Plätzen ihre Zelte aufschlagen."
Das stand in dem Manifest der europäischen Surrealisten von 1925. Wer das für eine leichtfertige surrealistische Gedankenspielerei hält, wird ausdrücklich immer wieder eines Besseren belehrt.
So berichtet der russische Avantgarde-Theoretiker Lunatscharski, der bis 1927 auch als Kulturpolitiker der jungen Sowjetunion aktiv war, von einem Gespräch mit den Propagandachefs der Surrealisten, mit Aragon und Breton: "Wir achten und ehren Asien als Region, die bisher gerade aus unverbrauchten Quellen Lebensenergie schöpft, die nicht mit der europäischen Vernunft vergiftet sind. Deshalb erwarten wir von euch Moskauer Revolutionären, daß ihr große Scharen von Asiaten nach Mittel- und Westeuropa bringt, die die europäische Scheinkultur zerstampfen werden. Auch wenn wir selbst unter den Hufen von Steppentieren zermalmt werden, sei's drum: wenn nur mit uns dabei die Vernunft und das einengende Prinzip bürgerlicher Marktkalküle untergehen."

In einer weiteren Erklärung der Surrealisten von 1925 heißt es auch: "Man muß immer schon von einem gewissen Zorn erfüllt sein, bevor man sich entscheidet, ob man als Künstler der sozialistischen oder der surrealistischen Revolution dienen will. Dieser Zorn erzeugt erst die angemessene Stimmung, um der Erleuchtung teilhaftig zu werden."
Für diese Haltung der Künstler, für ihren heiligen Zorn und ihren gleichermaßen von Gottfried Benn wie von Adolf Hitler beschworenen Fanatismus steht das Gemälde "Der Hausengel oder Triumph des Surrealismus", das Max Ernst 1937 unter dem Eindruck des spanischen Bürgerkriegs malte.
Das Gemälde zeigt in starker Untersicht ein gespenstisches menschengestaltiges Wesen mit Klauen und Dinosauriergebiß; das Monstrum führt in einer steppenartigen Landschaft einen orgiastischen Vernichtungstanz auf. Mag man dieses Ungeheuer auch auf den ersten Blick in der Tradition der Darstellung von Kriegs- und Gewaltfurien sehen, bei genauerem Hinsehen beschwört es wohl doch eben jenes barbarische Ungeheuer, das viele Künstler der ersten Jahrhunderthälfte herbeisehnten, um uns aus den Fesseln der europäischen Vernunft und des bürgerlichen Erfolgskalküls zu befreien.
Mit solchen Werken inthronisierten sich Künstler freiwillig als Barbaren, denn nur Barbaren seien imstande, die programmatisch beschriebene schöne neue moderne Welt zu verwirklichen.

Um diese Sicht auf Vertreter der Moderne als Barbaren wenigstens etwas abzumildern, sei daran erinnert, daß ebenfalls 1937 Pablo Picasso für den spanischen Pavillon der Weltausstellung in Paris sein Großwerk Guernica schuf, das nach gern gehörter Auffassung nichts anderes sei als eine einzige Anklage der faschistischen Kulturbarbarei durch einen künstlerischen Vertreter humaner Zivilisation. Aber zumindest die Vereinnahmung von Picassos Guernica als Ikone einer selbstgewissen europäischen Linken führt uns auch von diesem Paradestück des Künstlers als friedfertiger Humanist zum Motiv des Barbaren als Kulturhelden zurück. Denn bis in die jüngste Vergangenheit war die Mehrzahl linker Künstler und Denker davon überzeugt, daß sich nur mit Gewalt moderne Verhältnisse weltweit durchsetzen lassen. Gewalt schien unabdingbar für die Verwirklichung des Fortschritts auf allen Ebenen Und nichts kennzeichnet im Allgemeinverständnis barbarisches Verhalten eindeutiger als die Legitimierung von Gewalt.
Noch im Kosovo-Krieg des Jahres 1999 beriefen sich die Vertreter der NATO für ihr kriegerisches Eingreifen auf die Notwendigkeit, die Serben an der Ausübung barbarischer Gewalt gegen die Albaner zu hindern. Und ebenso selbstverständlich geißelte der Serbenführer Milosevic das Vorgehen der NATO als barbarisch, weil sie mit kriegerischer und wirtschaftlicher Gewalt die nationale und kulturelle Souveränität der Bundesrepublik Jugoslawien zu zerstören beabsichtige.