„Das Neue ist immer barbarisch“

(Sendemanuskript für eine Aufzeichnung in der Reihe des Hörfunkprogramms WDR 3 „Das Neue ist immer barbarisch“, Ausstrahlung 27.12.1999)

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Abdruck im Lockbuch Bazon Brock unter dem Titel: "Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken."

Künstler im Kulturkampf

Und die Künstler unseres Jahrhunderts haben allen vorgedacht und vorgemacht, was es mit der Nähe von Kultur und Barbarei auf sich hat.

- Zum ersten:
Man wird als Modernisierer unfreiwillig zum Barbaren, weil die Durchsetzung des Programms der Moderne auch ungewollt soviele Opfer fordert, daß die gute Absicht zuschanden wird. Dafür steht das faustische Prinzip, stets das Gute zu wollen und doch das Böse zu schaffen

- Zum zweiten:
Man wird zum Barbaren aus der inneren Logik des Schöpfungsprozesses: Zerstörung des Alten ist die Voraussetzung des Neuen. Dafür steht das mephistophelische Prinzip, ein Teil von jener Kraft zu sein, die stets das Böse will und doch das Gute schafft

- Zum dritten:
Man übernimmt freiwillig die Rolle des Barbaren, um einem vermeintlichen Naturgesetz zur Geltung zu verhelfen: die Evolution werde vorangetrieben mit der Durchsetzung des Stärkeren. Dafür steht die Maxime "alles was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht", soweit es sich nicht als überlebensfähig erweist.

Auf jeder dieser Ebenen wurden Künstler zu Kulturkämpfern. Wo es ihnen nicht gelang, die aggressive Zerstörung des Alten durch das Schaffen von etwas Neuem zu ersetzen, richteten sie ihre Aggression zumeist gegen die eigenen Werke.
Sie behaupteten, überhaupt keine Werke mehr schaffen zu wollen, sondern nur einen fortdauernden Arbeitsprozeß einzuleiten, aus dem sich bestenfalls ein Werk im Werden, ein work in progress, ergebe.