„Das Neue ist immer barbarisch“

(Sendemanuskript für eine Aufzeichnung in der Reihe des Hörfunkprogramms WDR 3 „Das Neue ist immer barbarisch“, Ausstrahlung 27.12.1999)

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Abdruck im Lockbuch Bazon Brock unter dem Titel: "Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken."

Destruction as art

Die Auslöschung der eigenen Werke als Ausdruck der Selbstzerstörung hat unter dem Programmnamen der Destruction in Art für die westlichen Nachkriegsgesellschaften große Attraktivität gewonnen.
Es begann einigermaßen erträglich mit Begeisterungsbekundungen, die sich im Zertrümmern von Konzertsaalbestuhlungen äußerten, so etwa bei den ersten Großveranstaltungen von amerikanischen Rockern in München und Hamburg Mitte der fünziger Jahre.
Pierre Restany gründete 1959 in Paris die Gruppe der Nouveaux Réalistes. Zu ihnen gehörten Arman, bekannt geworden mit Reliefs und Vollskulpturen gesprengter Celli oder Autos, und etwa die Künstlerin Niki de St. Phalle, die das Publikum dazu anleitete, mit einem Gewehr auf Farbbeutel zu schießen. Die auseinanderspritzenden Farben verteilten sich auf Leinwänden, vor denen die Farbbeutel hingen, zu ähnlichen Bildern, wie sie der Meister des Informel, Jackson Pollock, Jahre zuvor erzeugt hatte. Pollock hatte die Böden seiner Farbtöpfe durchlöchert und sie über die auf dem Atelierparkett liegenden Leinwände geschwenkt.
Zu den Nouveaux Réalistes gehörten ferner die Künstler Villeglé und Hains; ihre Bildwerke präsentierten sie in der Nachfolge der dadaistischen Collagen als Decollagen: Tafelbilder mit vom Wetter oder von Passanten oder von den Künstlern zerfetzten mehrschichtigen Plakaten der Großwerbeflächen. Dann baute Jean Tinguely Skulpturen aus schrottreifen Maschinenteilen, die zur Freude des Publikums ihr mechanisches Ballett so lange fortführten, bis sie sich in einer Explosion selbst auflösten. Autodestruktive Skulptur hieß das ab 1960.
Kurz danach gründete der nach London emigrierte Deutsche Gustav Metzger seine Künstlervereinigung Destruction in Art, bei deren Veranstaltungen im Jahre 1965 sich die Friedensengel John Lennon und Yoko Ono kennenlernten. 1961 organisierte der in die USA ausgewanderte Balte George Maciunas den Aktionistenverein Fluxus, der bei seinem Gründungskonzert im Museum Wiesbaden in der Demolierung der Aufführungsspielzeuge schwelgte. Von da an versuchten zahllose Rockbands, den Eindruck ihrer Konzerte mit dem Zerstören von gerade noch benutzten Musikinstrumenten zu verstärken.
Wolf Vostell schließlich erhob das Prinzip Decollage zur Metapher von Happening-Ereignissen. Wörtlich übersetzt heißt Decollage "Abheben (z.B. wie ein Flugzeug)"; generell hieß das "Vorwärtsbewegung durch Rückstoß mit der Energie der Verbrennung", wobei Vostell riskante Assoziationen zu Akten totaler Vernichtung oder radikaler Endlösungen bewußt hervorrufen wollte. Um diese Anspielungen auf Zerstörung nicht in die falsche Richtung abdriften zu lassen, bekannte sich Vostell in Outfit und Haltung zur größten Gruppe der Opfer von Barbarei als Kulturmission, zu den Juden, obwohl er, soweit bekannt, selber kein Jude war.
Vostell war ein Meister der Evokation. Im Unterschied zur Provokation, die eine Gruppe von Beteiligten zur Reaktion veranlaßt, weil der Künstler sie mit ihren eigenen Gegnern identifiziert, will die Evokation die Bekundung des Selbstverständnisses einer Gruppe bis zur grotesken Übertreibung hervorrufen. Dieses Verfahren, Widerstand durch 150%ige Zustimmung zu erreichen, wird in unserer Kulturgeschichte durch die allen vertrauten Aktivisten wie Simplicius Simplicissimus von Grimmelshausen, durch Eulenspiegel oder den braven Soldaten Schweijk repräsentiert. Eulenspiegel oder Schweijk wehren sich nicht gegen unsinnige Befehle von Bäckermeistern oder militärischen Vorgesetzten durch Protest, sondern durch die wortwörtliche Befolgung von deren merkwürdigen bis unsinnigen Anweisungen.

Das ahmten in den 60er Jahren nicht nur alle Pop-Künstler durch 150%ige Bejahung der Werbeappelle nach, sondern auch streikende Fluglotsen, die herausfanden, daß gerade 100%ige Bejahung des Dienstes nach Vorschrift die totale Sabotage des Dienstes bedeutet. Normalerweise hat jeder Dienst sich, vor allem in sicherheitsrelevanten Bereichen, strikt an Vorschriften zu orientieren. Wenn man aber die Vorschriften buchstabengetreu erfüllen will, führt das zu zeitlichen Verzögerungen, die etwa den Sinn der Regulierung des Luftverkehrs konterkarieren. Bei den Künstlern der Pop-Art hieß dieses Prinzip in den 60er Jahren "übertriebene Bejahung ist Widerstand" oder mit plakativem Begriff: Negative Affirmation.