Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Museen: die neuen Kirchen

Kurz: am sakralen Ort verhalten sich die Leute säkular und betrachten (bestenfalls) mit einer gewissen Kennerschaft den (neu-)gotischen Bau – und im Museum beten sie.
Folgende Fragen zu diesem Wandel drängen sich einem auf:

  • Wie wandelt der Ort der Präsentation (nicht mehr Kirche, sondern Museum) die Wertigkeit von Werken, die nicht für ein Museum geschaffen wurden?
  • Muß sich das rezeptive Verhalten vor solchen Bildwerken ändern, bloß weil sie sich in einem anderen institutionellen Kontext befinden?
  • Sind diese Werke überhaupt noch lesbar, wenn man sie jetzt als Kunst-Werke liest?
  • Werden umgekehrt die Sakralräume nicht in einer unangemessenen Weise wahrgenommen, wenn Touristenströme durch sie hindurchziehen, die diese Räume nicht mehr in den rituellen Zusammenhängen pilgernder Gläubiger wahrnehmen?
  • Wie verändert sich z.B. die gotische Architektursprache mit ihrer Diaphanie der Wand, mit ihrer Lichtmetaphysik und allem, was die Gelehrten an Strukturprinzipien ausfindig gemacht haben, wenn man sie nicht mehr aus theologischem Interesse betrachtet, sondern aus touristischer Schaulust, wie man sie einem Kaufhaus, einem Amüsierbetrieb, einer beliebigen Attraktivität auch entgegen bringt?
  • Was macht überhaupt ein Kunstwerk zu einem solchen?

Die Antwort auf diese letzte Frage lautet: Seine Wirksamkeit.

  • Wie unterscheidet sich aber die Wirksamkeit eines Bildes als "Kunstwerk" von der Wirksamkeit derselben Malerei, die erklärtermaßen kein autonomes Kunstwerk ist?
  • Wie wird derselbe objektive Zeichenbestand auf dem Bild einmal vom Betrachter in einer wirkungserzielenden Weise wahrgenommen, wenn es sich um Kunst handelt, und einmal, wenn es sich um Objekte im sakralen Kontext handelt?

Martin Warnke hat in seinem Buch über die Hofkunst die Emanzipation des künstlerischen Schaffens aus dem handwerklichen Selbstverständnis rekonstruiert. Die sogenannte Hofkunst erscheint somit als erste Form der freien Kunst, der Künstler tritt in die Position eines Familiaris, eines dem Fürsten gleichstellten Mitglieds seiner Familie mit den entsprechenden Apanagierungsmöglichkeiten. Eine berühmte Episode berichtet, wie Tizian, als er Karl V. porträtierte, den Pinsel fallen ließ und der Monarch, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, sich nach dem Pinsel bückte, um ihn dem Meister zu reichen.