Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Die Freiheit führt den Maler über die Barrikaden

1830 schließlich zeigt sich die Brisanz dieser Kette von Vorstellungen des Künstlerbegriffs: Eugène Delacroix porträtiert sich auf dem Gemälde Die Freiheit führt das Volk. Er erscheint rechts von der barbusigen allegorischen Figur, die in der Tradition der 1789er Revolution dargestellt ist, die sich wiederum auf die klassische Antike orientiert. Was bedeutet das? Nach Pisanellos skandalösen Ambitionen auf zoographein und Dürers nicht minder skandalöser Selbstdarstellung als Christus malt sich Delacroix als Bürger mit Zylinder, ein Gewehr in der Hand, als Assistenzfigur einer linken Ikone, die seither von allen Sozialrevolutionären – seien sie nun humanistisch, demokratisch, republikanisch oder internationalistisch gesonnen – vereinnahmt wurde. Wer jedoch meint, die Freiheit führe hier das Volk gegen Karl X., den Restaurationsbourbonen, der seit 1815 wieder auf dem Thron sitzt und in den letzten Tagen des Juli 1830 hinweggejagt wurde, ist nicht etwa auf den Barrikaden dabei, sondern auf dem Holzweg. Das Bild ist nämlich darauf angelegt, daß man als Betrachter in der Froschperspektive selbst überrannt wird: von der Freiheit, von dem bürgerlichen Trommler und dem Künstler, der sich als Inkarnation dieser Bewegung darstellt. Es geht überhaupt nicht darum, mit künstlerischen Mitteln in der Imitatio gesellschaftlichen Aufschwungs die .Revolution im Sinne sozialer Veränderungen zu befördern, sondern die Welt des Betrachters wird auf den Kopf gestellt – des Betrachters, der anbetend und verehrend vor dem Bild steht. Denn es ist gerade nicht damit getan, als Humanist, Sozialist oder republikanischer Tugendbold vor dieser oder einen anderen linken Ikone auszurufen: Gottseidank, die Freiheit rettet uns, und alle schlechten Verhältnisse werden beseitigt, die Welt wird verbessert, die Bösen werden liquidiert und die Guten werden triumphieren!
Wer das Bild so liest, wird überrannt, d.h. das Bild selbst ist der Protest gegen einfältige Vorstellungen, seine Wirksamkeit bestünde in einer Veränderung oder Verbesserung der Welt durch die Kunst. Der Betrachter mit seinen Wünschen muß selbst die Wirkung des Bildes realisieren.
Tatsächlich erkennt man am Gesichtsausdruck der Delacroixschen Verkörperung der ersten bürgerlichen Revolution einen Zweifel an unserer Art, das Bild als große Kunst, als Kraft der Weltveränderung anzubeten. Folgerichtig wandte sich die nächste Revolution von 1848 gegen Delacroix: die Revolutionäre, die er gemalt hatte, zerstörten seine Bilder, und der Maler wurde – wie Alexandre Dumas berichtet – jetzt selbst zu einem Träger der Revolution. Delacroix, dem 1830 angesichts der aufgewiegelten Massen die Knie geschlottert hatten, legitimierte sich gerade durch seine Angst vor der Veränderung. Er übernahm die Rolle des Revolutionärs, indem er sich mit dem Gemälde von 1830 als Schöpfer von Wirksamkeit durch Kunst selbst liquidierte. Die Selbstzerstörung stellt eine für Künstler entscheidende Figur in der Reihe der Legitimationsmotive dar, egal, ob sie mit künstlerischen Mitteln, durch Werkrausch am Rande der völligen Erschöpfung, durch Absinthgenuß, Rumhurerei, Drogen, Duelle oder sonstige Exzesse betrieben wird.