Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Selbstbezichtigungen eines Unpolitischen

Analog zum Fall Delacroix spielte sich im Bereich der Literatur Folgendes ab:
Thomas Mann notierte 1918 in den Betrachtungen eines Unpolitischen all das, – "entartete" Kunst, Erbfeindschaft der französischen Zivilisation gegen die Seelentiefe der deutschen Kultur usf. – weswegen er 1933 ins Exil getrieben wird. Die von ihm selbst in den Betrachtungen eines Unpolitischen beschworenen Phänomene hatte er zwar bereits 1922 widerrufen, doch wurden sie 1933 von der anderen Seite – so intelligent war immerhin auch ein Dr. Goebbels – umgewidmet und im Kampf gegen die intellektuelle Elite ins Feld geführt.
So ließ sich denn sinngemäß der Dekan der Bonner Fakultät, die dem Schriftsteller den Ehrendoktor verliehen hatte, in der Aberkennungsadresse vernehmen: "Verehrter Thomas Mann, entsprechend Ihren eigenen Feststellungen kommen wir zu dem Schluß, daß Sie nicht länger Deutscher sein können, Sie sind entehrt und entwürdigt als Zivilisationsakrobat, als oberflächlicher Kalkulator von beliebigen Wirkungen ohne seelische Tiefe." Dementsprechend wurden Thomas Mann "korrekt" und konsequent der Ehrendoktor und die Ehrenbürgerschaft entzogen, die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, das Vermögen konfisziert. Er selbst hatte doch 1918 die Kriterien für das entwickelt, was ihm dann widerfuhr.
Wie bei Delacroix 1848 richtete sich bei Thomas Mann 1933 der Wirkungsanspruch der vom Künstler getragenen Veränderung der Welt schließlich gegen den Urheber. Beide – Delacroix und Thomas Mann – waren intelligent genug, um zu erkennen: man muß sich selbst mit seinen Egoismen, mit seinen Beschränkungen, mit seinem Wirkungsanspruch zum Gegenstand der Arbeit machen.
Thomas Mann hat in seiner berühmten Rede vom Mai 1945 ausdrücklich auf diesen Sachverhalt Bezug genommen. Schon zuvor hatte er in der Schrift Bruder Hitler die Nationalsozialisten als seine Brüder identifiziert, was allen Zeitgenossen, die ihn als Gegner des Nationalsozialismus kannten, völlig aberwitzig erschien. Doch Thomas Mann war sich bewußt, daß er es selbst ist, der in der Gestalt des anderen, des Fremden, des Feindes auftritt, das heißt, daß er sich selbst zum Adressaten seiner Worte machen muß. Ein Werk kann nur dann verlebendigt werden, wenn sich die Wirksamkeit auch in der eigenen Person realisiert.
Vielen Künstlern war das aber zu keiner Zeit klar, und nur daher kommt es, daß sich viele Urheber, deren Werke wir für bedeutsam halten, als die stumpfsinnigsten Zeitgenossen entpuppen, wenn sie etwa Skat dreschen wie Richard Strauß, sich besaufen oder gelangweilt durch die Gegend fahren, ohne sich für irgendetwas zu interessieren. Sie werden für genial und schöpferisch gehalten, obwohl sie selbst nie die Verlebendiger, die Adressaten der Wirkung ihres eigenen Anspruchs sind und die Ansprüche von anderen Künstlern gar nicht erst wahrnehmen. Jeder Künstler scheint es sogar strikt ablehnen zu müssen, sich als Adressat der Malerei seiner Kollegen aufzufassen. Nur zähneknirschend nimmt man es auf sich, überhaupt an Gruppenausstellungen teilzunehmen, wobei dann sofort das Feilschen um den besten Hängeplatz einsetzt.