Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Künstler als Beweger

Zuschauer sind die eigentlichen Akteure der Kunst, aber dieses Publikum muß auch ein Ziel für seine Begeisterung, ein Objekt seiner Anbetung finden, oder – anders ausgedrückt: sein Bewegungsimpuls muß eine Richtung bekommen, sei sie nun grün-fundamentalistisch, deutsch-nationalsozialistisch oder wertkonservativ genannt. Anbetung in diesem Sinne bedeutet eigentlich Richtungweisen.
Worauf richtet sich die einmal erzeugte Wirkung der Kunst? Jeder moderne Architekt, jeder moderne Designer, jeder moderne Maler, Pädagoge usw. hat sein Tun durch die Anbetung legitimiert, durch eschatologisch-analoge Ausrichtungen der Bewegungen auf Fortschritt, Humanismus, Sozialismus, Kommunismus oder was auch immer. Hinter jedem Entwurf einer fischbeinfreien Corsage stand der Weltgeist in Person des revolutionären Fortschritts, der den weiblichen Leib aus den Zwängen der Folter befreite, um nur ein Beispiel zu nennen. Das wurde dann Lebensreform genannt und nahm so kuriose Formen an wie "Sonnenanbeten auf dem Monte Verità": Reihenweise verließen die Leute ab 1890 die Verwaltungsgebäude, die Traditionen, die Bildung, die Unterwäsche und streckten wie die Wahnsinnigen die Arme himmelwärts – im Bewußtsein von Licht und Luft, durchsonntem Leben in übermenschlicher Leidensfreiheit und vernügtem Alter.
Es spielt dann auch keine Rolle mehr, ob jemand Semit oder Antisemit, großdeutsch oder kleindeutsch, Föderalist oder Totalitarist ist, ob jemand das Programm von Jesus Christus vertritt oder das des Teufels – die Wirkung ist die Gleiche: es geht darum, die Gedanken, Ideen und Energien, kurz die Bewegung zu nutzen, um – und das kennzeichnet die Anbetung – einen Plan, eine evolutionäre Vorstellung, ein Fortschrittsbild durchzusetzen, sei es in Gestalt eines AKW, einer Stromversorgung, einer neuen Infrastruktur, eines Genomprojekts usf. Die Anbetung äußert sich in der Realisation abstrakter Hirnakrobatiken von Philosophen, Soziologen oder Technologen, die mit dieser erzeugten Wirkungsenergie 1:1 in die Tat umgesetzt werden sollen. Diese Vitalisierung des Publikums, um seine Bewegung auf die Verwirklichung eines abstrakten Plans zu lenken – man nenne ihn nun Paradies, Sozialismus oder technische Globalisierung– ist primitivster Götzendienst. Mit dieser quasitheologischen Begründung, man könne irgendeiner Ausgedachtheit die Energien des Lebens, die Kräfte der Kunst zuführen, um sie als Zustimmung zum Urheber zu verwirklichen, macht man die Katastrophe komplett!