Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Anbetung als Segenserzwingung

Wenn der alttestamentarische Vater um den Segen gebeten wurde, erwirkte der Sohn zwar auch die Zustimmung zu sich selbst, aber in der Akzeptanz als Sünder, als Verfehlender, als sich Irrender. Es hieß "stimme mir zu, gib mir deinen Segen, obwohl ich falsch Zeugnis abgelegt, obwohl ich versagt und gestohlen habe", während der moderne Segen folgendermaßen erzwungen wird: "gib mir die Zustimmung, weil du gar nicht anders kannst, denn mein Plan für Multikultur, Sozialismus, Frieden auf Erden ist einfach toll". Wer die Zustimmung verweigert, wird kurzerhand als Faschist, Totalitarist oder Idiot denunziert. Deswegen bleiben wir auch bis auf weiteres mit unserem Multikulturzauber in jenem Jammer stecken, dessen blutige Konsequenzen einer jeden Nachrichtensendung zu entnehmen sind, deswegen verharren wir im heillosen Segenskreislauf der Selbstlegitimation.
Wenn, wie bei der sogenannten autonomen Kunst, eine derartige Wirksamkeit eingeklagt wird, muß das zwangsläufig auf jene historischen Phänomene hinauslaufen, die wir alle als nicht akzeptabel beklagen: etwa wenn Walter Gropius noch bis 1936 glaubte, als Bauhauskonzipist der geborene Chef der Reichskulturkammer zu sein, wenn Fritz Lang von Goebbels der Posten eines Chefs der Reichsfilmkammer angetragen wurde, weil er mit Metropolis das großartige Werk der Wirkungserzeugung, des In-Bewegung-Setzens von Massen geschaffen habe, oder wenn Emil Nolde 1921 Parteimitglied wurde, weil er annahm, seine Kunst sei die des Nationalsozialismus schlechthin. Wenn aber alles Geschaffene im Sinne dieser autonomen Denkanstrengungen und ihrer Verwirklichungen offensichtlich notwendig zu totalitären Konsequenzen führt, stellt sich folgende Frage:
Was für einen Gebrauch sollen wir überhaupt noch von den großen Entwürfen machen, von den Bildern, von den musikalischen Werken, den Architekturen etc.?