Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Kritik statt Anbetung

Hier kommt jetzt eine zweite, die sogenannte kritische Tendenz derselben Moderne ins Spiel: kritische Kunst, kritische Haltung, kritische Philosophie, kritische Theologie usw..
Was ist das Charakteristische dieser Tendenz? Statt die bewegenden Wirkungen der Kunst im Sinne einer Ausrichtung auf Verwirklichung von irgendwelchen Vorstellungen zu verwenden, die uns alle packen, verwenden wir diese Wirkungen, um die Vorstellungen gerade zu kritisieren. Die Kritik an der Wahrheit ist eine sensationelle Denkfigur, die es in der Weltgeschichte nie zuvor gegeben hat – Lüge oder Schein wurden seit jeher kritisiert, die Unwahrheit oder das Täuschen erschienen kritikwürdig, aber die Wahrheit?
In der Entwicklung dieser neuen Haltung erkannte man die anthropologischen Konstanten des Menschen als auf alle Zeiten festgeschrieben, denn die geophysikalischen Voraussetzungen der Weltlage, die physiologischen und sonstigen Bedingungen des Lebens von Menschen auf Erden sind nicht manipulierbar. Wir sind von Natur aus nicht perfekt, nicht auf Fülle ausgerichtet, sondern auf Mangelverwaltung, auf Energiezufluß von außen, auf soziale Hinwendung etc.. Wir sind alle nichts als Natur und unterscheiden uns vom nächsten Verwandten, dem Bonobo, um 1,21%. Größer ist die genetische Differenz gegenüber dieser Affenart nicht!
Man kritisiert also mit seinen Entwürfen der Kunst, mit großen systemischen Gedanken von Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, mit empirischer und sonstiger Medizin eben jene Bedingtheiten, daß wir Tiere sind, daß wir in einer geschlossenen Welt leben, daß die Realität uns gegenüber nur das ist, worauf wir doch keinen Einfluß haben. Das ist die alte Hiobsposition, d.h. der Aufstand der Menschen gegen die Götter, nicht die Imitatio Gottes, nicht das Auftreten als schöpferanaloger Künstler, sondern als Rebell, als Widerständiger, als gefallener Engel. Diese Kritik an der Wahrheit, wie sie sich seit dem 16. Jahrhundert durch die Moderne zieht, richtet sich genau gegen die Verhältnisse, die Künstler vom Schlage Wagners ausgenutzt haben.