Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Wahrheit in der Lüge, Schaffen durch Zerstören

Beide Tendenzen – Anbetung und Kritik – haben sich trotz ihrer Gegenläufigkeit immer eng berührt. Nietzsche hat erstmalig versucht, sie zusammenzubringen, indem er nicht mehr das oberflächliche Unterhaltungsmetier, das zynische Bedienen von Erwartungen gegen die Eigentlichkeitssprache der tiefsinnigen Seelenkunst ausspielte, nicht mehr Kultur gegen Zivilisation ins Feld führte, was ja in seiner Zeit durchaus üblich war. Vielmehr versuchte er, beide Tendenzen miteinander zu versöhnen mit dem Hinweis darauf, daß wir von der Wahrheit unserer natürlichen Bedingtheiten doch nichts wüßten außer in Gestalt der Lüge. Mit anderen Worten: Nur noch in der Falschheit hat man einen Begriff des Wahren, nur in der Häßlichkeit kann man noch einen Begriff des Schönen entwickeln Auf unsere Situation übertragen, bedeutet das etwa: nur noch im Ruhrgebiet, dieser völlig zertrümmerten Zivilisationslandschaft, weiß man wirklich noch, warum man sich auf den Begriff des Schönen zurückzieht, denn es gibt kein Schönes, und nur in dieser Einsicht macht es einen Sinn, vom Schönen zu reden.
Nur wer akzeptiert, daß die Mechanismen des Wirksamwerdens auf Möglichkeiten des Lügens und Täuschens beruht, wie sie in der Natur des Menschen per se begründet sind, nämlich durch die Funktionsweise seines Wahrnehmungsapparates, kann mit diesen Mechanismen kalkulieren und ihren Wirkungen entgehen.
Insofern wird jetzt plötzlich der Sünder, der Verworfene, der Zerstörer zum Schöpfer: Künstler, die mit der Destruktion arbeiten, die z.B. collagieren wie die Dadaisten, die explodieren lassen und zerfetzen wie Arman und das Ergebnis als Bildwerk ausweisen. Das ist die Gegenposition zum Schaffen als Zerstören, wie es z.B. Wagner betrieb: er schuf in gigantischem Ausmaß, die Wirkung aber erwies sich als absolut zerstörerisch.
In der Moderne entsteht das Werkschaffen durch Zerstörung und Zertrümmerung, d.h. das zerstörerische Tun wird von vornherein als schöpferisch ausgewiesen, um die Grenzen zu demonstrieren, innerhalb derer alle Überlegungen bleiben müssen.
Hier erst erfolgt die strikte Trennung der künstlerischen Argumentation von der theologischen.