Symposium: Inszenierung und Vergegenwärtigung.

Ästhetische und religiöse Erfahrung heute

Scheitern als Gelingen

Gegenwärtig sind wir jedenfalls bei der etwas betrüblichen Feststellung angelangt, daß die Kunst so wirksam geworden ist, daß die Politik, die Ökonomie, die Theologie ihr nun reihenweise nachfolgen und ihre Muster übernehmen. Es bleibt zu hoffen, daß die Künstler eine neue Avantgarde, eine neue vorausschreitende Perspektive entwickeln, um dieser Gemeinschaft der begeisterten Humanisten, dieser Banauserie der Kulturträger, um dieser Mord-und-Totschlagsucht im Namen der christlichen Nächstenliebe zu entgehen. Inzwischen ist doch einigen Leuten aufgefallen, daß es ein Unsinn ist, im Namen der Liebe Leute umzubringen, im Namen der Bekehrung den Bekehrten als Märtyrer zu liquidieren. Man muß dabei nicht einmal an den theologischen Fundamentalismus denken, allein der ökonomische Fundamentalismus ist viel grausamer und der ökologische mindestens ebenso schlimm. Künstler zogen daraus die einzig sinnvolle Konsequenz, theoretisch abstrakt wie praktisch, nämlich mit der Kunstproduktion Schluß zu machen, das Konzipieren von Werken mit dem Anspruch der Imitatio Christi oder des Zoographos einzustellen. Sie verzichteten darauf, eine Beseelung von Kunstwerken durch Wirkung auf lebende Menschen hervorzubringen. Die Einen zogen sich asketisch in ihre Klausen zurück und arbeiteten wie der gotische Kathedralbau-Handwerker nur noch zum Ruhme Gottes oder der Wahrheit, sie arbeiteten, um sich beherrschen zu lernen oder um mit ihren Ängsten fertig werden zu können und sich nicht in die Begeisterungsgemeinschaften der Gottsucher flüchten zu müssen. Die Anderen haben die Antriebe zu jedem gestaltenden Schaffen erkannt, haben eingesehen, daß in Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft, von der Kirche über das Produkt-Marketing die gleichen Mechanismen der Belebung von Klienten und der Bewirkung von Verhalten in Gang sind, und daß es deswegen keine Kunst mehr geben könne. Schließlich macht es keinen Sinn, die eine Art der Erzeugung von Publikumsreaktion als Kunst zu bezeichnen, die andere als Verkaufsstrategie, die dritte als Unterhaltung, die vierte als Gottesdienst. Wer diese Einsicht gewonnen hat, aber doch noch "irgendwie Künstler" sein möchte, verlegt sich darauf, Produkte zu verkaufen, Werbung zu treiben, einen Kirchen- oder Parteitag zu gestalten und die Affen tanzen zu lassen. Noch Andere ziehen es vor, direkt per Sozialfürsorge in die Irrenanstalten oder Gefängnisse einzuziehen, wo es immer noch behaglicher zugeht als im Rinnstein.
Hinzu kam, daß sich nach 1989 wirtschaftliche Bedenken gegen die bisherige Wertschätzung der Kunstwerke in Millionenbeträgen einstellten und der Kunstmarkt zusammenbrach. Damit schwand augenscheinlich auch das Interesse an der Kunst, keiner will sie mehr sehen, keiner will sie mehr kaufen. Daraus zogen die Intelligenteren die Konsequenz, wie Cicero aufs Land zu gehen, auf einem Stein sitzend nachzudenken oder ihr Leben gleich als erschütternde Krise des Künstlers auszuweisen. Scheitern ist ohnehin die einzige Form des Gelingens unter Künstlern: man scheitert, indem man die Bewegung mit seinem Verzicht auf Ruhmeswünsche und Museumsewigkeiten trägt – so wie die christlichen oder islamischen Märtyrer, die als Verlierer draufgehen; man trägt die Kunst über die Schwelle des Jahrtausends, indem man sich als derjenige deklariert, der es nicht geschafft hat, weil er zu klein, zu dumm, zu beschränkt, zu chancenlos usf. ist. Da sitzt er dann und läßt sich betrachten und rührt sein Publikum zu Tränen: er kann nichts, er hat nichts, er ist nichts, ihm gelingt nichts, er weiß nichts – das ist das wahre Heldenleben des Künstlers. Wo befindet er sich da? In der schönen alten Bestimmung des Christenmenschen, nirgends sonst. Er ist wieder da in der Abhängigkeit vom Segen, von der Gnade, von der Gewährung von Verständnis jenseits gesellschaftlicher Akzeptanz, die ihm natürlich vorenthalten wird. Das Scheitern in der Kunst zum Thema zu machen, heißt, die Themen der alten christlichen Theologie wie der sokratischen Philosophie aufzugreifen: der Mensch als Mängelwesen, als bedürftiges Wesen, als auf Zuwendung angewiesene, in vorgebene Bedingungen und Perspektiven nur eingepaßte Existenz Genau das macht den gläubigen Christen aus, und dann sind wir wieder dort, wo die Künstler im 15. Jahrhundet sich aus der Kirche emanzipierten und aufgebrochen sind – nur, daß die Kirche nicht mehr da ist, denn die macht jetzt Kunst. Nun heißt es abwarten, bis die neue Kirche kommt ...