Finissage-Vortrag „Das große Warten“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

"Zeitreise", Rahmenvorträge zur Ausst. Des Museums für Gestaltung

Transkript

Es gibt für mich nur wenige Orte, dazu gehören Basel und Zürich, in denen man das Gefühl hat, man spräche in der Familie. Das ist für Deutsche etwas tränenselig und überfrachtet mit Sentiment, aber das müssen Sie aushalten. Es ist für jemanden, der den Ausnahmefall als Normalfall schon als Kind erlebt hat, über mindestens sechs Jahre, eben etwas anderes, in ein Land zu kommen, in dem es verläßliche Abmachungen gibt, als für jemanden, der vielleicht jetzt aufwächst und vielleicht eine ganz andere Perspektive auf Aspekte des Wartens und Erwartens hat, als uns das aufgenötigt worden ist. Aber so weit entfernt, glaube ich, wird jedenfalls die jetztige Generation die Auseinandersetzungen in Serbien, Kroatien, Armenien, Georgien, Aserbeidschan, Lettland, Litauen, Livland oder in Indien, Pakistan - so sehr weit wird das nicht unterschieden sein, glaube ich, befürchte ich, von dem, was wir zwischen 1944 und 1950 schon mal vorgeprobt haben. Eben hat Martin gesagt, etwas ginge zu Ende, nämlich die Ausstellung und das sei für ihn ein Gefühl der Vollendung, der Befriedigung. Wenn es dauern würde, wüßte man nicht, in welche Richtung sich das, was da stattfindet, eigentlich entwickeln würde. Dieses Denken zum Ende hin und vom Ende her hat eine lange europäische Tradition. Man kann eigentlich sagen, alles philosophische Denken war das Denken vom Ende her oder alles Kulturelle schlechthin war das Denken vom Ende her. Dem standen nur sehr klägliche Versuche des Denkens vom Anfang her gegenüber - also eine Sparte der Naturwissenschaften, z.B. dachten die Astrophysiker vom Anfang her und entwickelten Modellvorstellungen für die Darstellung dessen, was geworden ist, vom Anfang her. In der Kultur im engeren Sinne, in der Philosophie, in den Künsten, hat man immer vom Ende her gedacht. Insofern ist eigentlich auch jede Ausstellung vor diesem Hintergrund zu bewerten, zu beurteilen, welchem Ende sie entgegengeht. Nicht nur vom platten Ende her, jetzt ist es vorbei, jetzt wird abgeräumt, sondern jetzt ist etwas auf eine bestimmte Weise unwiederholbar. Das sind wahrscheinlich die fürchterlichsten Formen, in denen ein Ende thematisiert werden kann, als etwas, das nicht mehr wiederholbar ist. Und als etwas, das man nie mehr vor sich hat, sondern immer und ein für alle Mal hinter sich hat. Das sind nun gerade für Leute, die etwas tun, die kreativ sind, eigentlich sehr bedrohliche Aspekte. Aber die Staatengründer - und dafür muß man ja dich wohl als Museumsdirektor und Ausstellungsmacher halten (Heller) - Menschen mit etwas mehr Stabilität, die wagen es tatsächlich, etwas vom Ende her zu sehen, und zwar nicht im Sinne Hollywoods als Happyend, als glücklichen Ausgang, sondern vom Ende her als einen Schnitt, als einer Beendigung - mehr oder weniger sogar mutwillig herbeigeführt. Auch das Publkum verfügt häufig über solch eine analoge Haltung. Gegen Ende von Ausstellungen wird das Publikum nach meiner Beobachtung bedenklicher, im Sinne der Bereitschaft zuzuschlagen. Jetzt muß Schluß sein, es muß ein Ende gemacht werden, das kann nicht ewig so weitergehen, sollen wir denn ewig in Begründungszusammenhängen oder Kausalitätszusammenhängen weiterdenken, damit muß es ein Ende haben. Diese Bereitschaft ein Ende tatsächlich zu erzwingen, ist dann meistens der Keim kommender Katastrophen. Im Politischen ist das ganz eindeutig. Wo immer man ein Ende eines historischen Abschnittes der Entwicklung einer Ethnie, einer Sprach- oder Religionsgemeinschaft oder einer Nation - in Deutschland haben wir damit Erfahrung - ist dann dieses deklarierte Ende, jetzt muß aber Schluß sein, der Beginn einer neuen Katastrophe.

Ich möchte heute abend die berühmten drei in der Architektur, in der Kunstgeschichte bekannten Perspektiven auf das Thema richten, das uns heute gestellt worden ist. Diese Perspektiven sind eigentlich nur Dimensionierungsfragen. Es ist die Perspektive für die kleinen Dinge, es ist die Perspektive und Proportion für die mittleren Dinge und die Perspektive für die großen Dinge. Demzufolge möchte ich jetzt gern ein Schema anmalen in besagter Dreiteilung (geht an eine Tafel und entfernt sich vom Mikrophon), also das große Warten, das kleine Warten und entsprechend der mittelalterlichen Tradition der Dimensionierung und Perspektivierung wäre das dann hier das mittlere Warten. Das heißt auf mittlere zeitliche Horizonte ausgerichtet. Wenn wir uns fragen, in welchen Perspektiven wir eigentlich Zeitphänomene erleben und die Zeitphänomene in Hinblick auf die Genese, auf die Entstehung, auf etwas, was noch nicht war, was sich andeutet, im Entstehen begriffen, aber noch nicht entfaltet, und dann mit dem Schicksal aller entstehenden Dinge verbunden ist, nämlich mit seinem Ende. Wenn wir das betrachten im Hinblick auf eine alltägliche, instinktiv von allen geübte Perspektivierung der Zeitprobleme und des Wartens als der angemessenen Form, in der man der Zeitlichkeit begegnet, wäre dann das große Warten ein unbeschnittenes Warten im Sinne einer eigentlich nicht mehr vorhersagbaren Vorstellung dessen, was durch das Warten selbst eintreten soll. Da haben wir ein unbestimmtes Warten im Alltag - Sie gehen zur Busstation, zum Zürcher Bahnhof und warten darauf, das der Zug um 17.52 wie angekündigt abfährt, Sie sind aber schon um 17.32 da, das ist also das absehbare Warten, das wir im Alltag alle praktizieren. Man wartet, bis etwas eintritt. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist Warten ja das Eintreten eines prophezeiten Ereignisses, also lt. Fahrplan müßte der Zug zu einer bestimmten Zeit eintreffen. Mit der Perspektive des mittleren Wartens ist es etwas schwieriger. Es ist ein Warten auf etwas Bestimmtes, aber ohne sagen zu können, wann dann die Erfüllung des Wartens eintritt. Beim Zug kann ich sagen, ich warte 20 Min., denn so besagt es der Fahrplan. Das ist also ein absehbares Warten, denn ich kann es kalkulieren. Bei der mittleren Perspektive weiß ich, was ich erwarte, aber nicht, wann es eintreffen wird. Und deswegen würde man das am besten das permanente Warten, das andauernde Warten nennen. Nun gibt es ja für die Ausprägung des Wartens als einer Form des bestimmten Tuns und nicht einer Form des unbestimmten Tuns, im Sinne von "Was tu ich hier eigentlich?", bis Sie einer auf dem Bahnhof anspricht "Was machen Sie hier eigentlich?" - "Ich warte auf meinen Zug." Es ist also eine Aktivität, eine Tätigkeit genau im selben Sinne wie, ich trage meinen Koffer, ich packe ein Paket oder etwas ähnliches würde man genau die Ereignishaftigkeit in den Haltungen und den Einstellungen der Menschen dargestellt finden, wenn man z. B. besondere Ereigniszeitpunkte auswählt, bei denen die unterschiedlichen Perspektiven auf das Vergehen der Zeit, auf das Warten, auf die Konfrontation mit dem, was Zeitlichkeit eigentlich bedeutet, aufsuchen. Dann würde man schnell feststellen, daß es den Ereigniszeitpunkt für das absehbare Warten sozusagen alltäglich, das ist also der alltägliche Ereignisvorgang. Indem ich mich daran gewöhnt habe, täglich zu warten, merke ich gar nicht, daß ich da jeweils ganz bestimmte Leistungen erbringe im Hinblick auf die Thematisierung dieses kleinen Wartens. Bei großen Warteereignissen in ihrer unbestimmten Form, nennen wir das Religion oder Philosophie oder was immer, wissen wir, daß es bestimmte Ereignisarten oder Ereignisdaten gibt, das sind unsere Feiertage, die Festtage - einem Warten in dieser Perspektive widmen wir uns an unseren Festtagen, an Sonntagen, so wie es der kirchliche Schöpfer auch selber getan hat. Da wird man sich plötzlich bewußt, was mach' ich jetzt eigentlich und thematisiert das auch dann, trinke ich noch einen Schnaps oder Kaffee und lehne mich ganz locker an eine Bar. Aber immerhin doch schon so wie Leute, die an der Bar stehen, die warten, Leute im Schacht, an der Busstation, die wissen, sie warten. Und das ist die Ereignishaftigkeit des Ganzen. Und für die mittlere Perspektive gibt es dann eine eingespielte Art, das Warten zum Thema zu machen, die gedenktäglichen Gedenktage, also Kaisers Geburtstag, die Schlacht von Mariano und ähnliches. So hätten wir eine gewisse Strukturierung der Art und Weise, wie wir uns einzeln oder kollektiv auf das große Warten an einem bestimmten Ereignisort, in einer bestimmten Erlebnishaftigkeit der Zeit. Bei der Ausprägung der Themen des großen Wartens fällt Ihnen allen natürlich sofort das Warten auf Godot ein. Das wäre eine Form des Wartens, in dem die große Perspektive sichtbar wird. Oder Sie kennen z. B. alle die berühmte Darstellung dieses Themas in der großen Perspektive bei Kafka vor dem Gesetz, das Warten auf den Einlaß in die Tür. Das sind kleine Literaturstücke, bei Beckett und bei Kafka, die das große Warten im Sinne eines unbestimmten Wartens ja doch feiern schon allein durch die Aufmerksamkeit, die Sie ihnen widmen. Bei der mittleren Perspektive des Wartens in den alltäglichen Erfahrungen gibt es jedenfalls im deutschsprachigen Zeitraum aus den heutigen Anleitungen der Frankfurter Kriminalpolizei für die Prävention schöne Beispiele, so heißt es dann beispielsweise, um es literarisch auszudrücken: "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Hamann auch zu dir, mit dem Hackebeilchen...", macht dann aus dir auch eine Leiche. Es ist jederzeit erwartbar durch die Frankfurter Polizei, daß Sie in einer U-Bahnunterführung oder Straßenunterführung von jemandem angegriffen werden. Das müssen Sie permanent gewärtigen. Es ist klar, daß Sie überfallen werden. Niemand weiß, wann, Sie bräuchten eigentlich nur lange genug in der Unterführung zuzubringen, um überfallen zu werden. Es ist klar, was damit gemeint ist. Es ist anders, als im Theater zu sitzen und mit Beckett auf Godot zu warten. Da wird Ihnen das nicht zugemutet. Und eben in der Perspektive des alltäglichen Ausdrucks würde man das literarisch fassen: "Moment mal..." Sie kommen direkt und sagen: "Kann ich mein Flugticket abholen?", Sie kriegen Ihr Ticket und sagen: "Moment mal..." ??? Wenn man das wiederum auf einen bestimmten Aspekt des Handlungsgewinns übertragen will, dann würde man sagen, in dem kleinen Warten des alltäglichen, kleinen, absehbaren Wartens des "Moment mal", "es passiert schon", "nur ein wenig Geduld" würde man eigentlich den Handlungsgewinn darin sehen, daß man drankommt, daß etwas mit einem so geschieht, wie es erwartbar ist, und wenn wir das auf eine bestimmte Art des kleinen Wartens übertragen, dann würde man meinen, hier läge der Handlungsgewinn - nach dem Warten in der Behandlung, d.h. eines Themas oder Sachverhaltes oder man macht's. D.h., jetzt komm' ich dran - jetzt wird meine Tonsillitis oder was auch immer behandelt. Hier würde man auf Handlungstypen bezogen sagen, dies ist der medico, in der mittleren Perspektive würde man das in Erwartung an die eigene natura ansehen. Da wäre der Handlungsgewinn des mittleren Wartens eine Art von Heilung im Sinne von natura sanans. Auf der letzten Ebene, das ist natürlich klar, da gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich die Erlösung. Wenn wir uns jetzt an die Orte erinnern, in denen die drei Perspektiven realisiert werden, dann wäre das die Kirche, der Tempel oder, um es schlicht zu sagen, der Kosmos, innerhalb dessen sich die Perspektive des großen Wartens, im Sinne einer Erwartung der Erlösung manifestiert - man geht in die Kirche, in den Tempel - die Dimension ist sozusagen kosmisch, innerhalb derer die Abarbeitung dieses Wartens als Wartens erwartbar bleibt. Nun, in dieser Perspektive des permanenten Wartens im Sinne der Alterserfahrung wäre das wahrscheinlich der Besuch von Museen oder Bibliotheken. Da geht man rein, zieht Bücher oder Bilder heraus und kann anhand ihrer, eben auf diesen Ort bezogenen Perspektive des mittleren Wartens absolvieren. Es wäre also in der Analogie hier die Perspektive auf das Warten der Entwicklung der Ereignisse innerhalb unseres Globus oder unseres Planeten Erde. Das wäre sozusagen die terrestrische Dimension. Innerhalb von Wartezimmern und auf Bahnhöfen wäre das die lokale Situation, die ausgrenzende Örtlichkeit, lokal, das kommt ja von locus, Ort. Dann sozusagen innerhalb des großen Planeten selber und innerhalb des Kosmos. Wenn man das so aufaddiert, kommt man ganz schnell zur Feststellung, daß es sich in der Perspektive des großen Wartens hier um so etwas wie die Erwartung evolutionärer Entwicklungen handelt, hier um die Entwicklung von so etwas wie geschichtlicher und historischer Entwicklungen und hier eben die des Lebens, der Individuen selbst oder des jeweiligen Organismus dessen, der wartet. Und wenn man sich fragt, in welcher Art von Räumlichkeit selbst, der Bewegungsform, der Empfindlichkeit selbst jeweils das von jemand im großen Erwarten durchgehalten wird, im mittleren und kleinen Erwarten - dann würde man sagen, hier ist unserer Kulturtradition entsprechend das Paradies oder das Grab, als eigentlicher Ausdruck der Räumlichkeit, sozusagen der situativen Befindlichkeit gemeint wird. Das läßt sich hochrechnen, inwiefern Kirche und Paradies, Kirche sozusagen als himmlisches Jerusalem, das ist die christliche Variante von Paradies - hier wäre sozusagen das Paradies, und in der historischen Bewegung wäre das also die Art des Unterwegsseins. Wenn man das auf heute übertragen würde, wäre das so ein Klassiker wie Petrarca beispielsweise ??? also die heutige Person befindet sich im Hotel, nicht im Paradies, oder im Flugzeugkörper, der Rakete oder im Auto oder meinetwegen auch im Disneyland. Das ist ja auch eine Form der Bewegung in der Perspektive des mittleren Wartens, und hier benannt wird heute das eigene Haus oder die Wohnstube, oder petrarcistisch gesagt ist es der hortus conclusus, das eigene Gärtchen. Ich hab' das jetzt so strukturiert, damit, wenn wir das besprechen, wir uns daran orientieren können, in welcher Perspektive wird das Thema gerade abgehandelt. Das bezieht sich auf die Möglichkeit, wirklich sowohl in dem großmaßstäblichen Warten auf die Entwicklung der Evolution auf die Apokalypse, auf die Erlösung, auf die Errettung der Welt oder was auch immer durchzuhalten und zwar darum, daß es gelingt. Man geht also in die Kirche, und das ist dann tatsächlich der Raum, in dem man die Perspektive des Wartens feierlich selbst vergegenwärtigt. Oder man sitzt eben in Flugzeugen, gepanzert, das ist ein bekannter Warteraum für historisch tätige Menschen, gegenwärtig, und absolviert die permanente Vorgabe auf das sich Verändern der historischen Ereignisse - obwohl man nicht immer konkret etwas vor sich hat, sieht man sofort die historische Dimension, denken Sie beispielsweise an die Auseinandersetzung mit Serbien und die Deklaration von deren Führern, wie die sich einordnen, was die in solchen Fällen tun, dann wird das gerechtfertigt durch die geschichtliche Perspektive, die das über das Serbentum selber hat, egal, worum es sich auch handelt. Und hier in der kleinen Perspektive des alltäglichen Wartens, beschränkt auf einen ausgegrenzten Bereich, den man selber bestimmen kann in der eigenen Wohnstube, woraus sich die Hoffnung ergibt, daß das in absehbarer Zeit absolvierbar ist, gelingt das Warten ja auch. Denn so weit ich das sehe, verzweifelt auch hier in Zürich niemand an der Tatsache, daß Züge zu den angekündigten Zeiten fahren, und niemand vermutet auf dieser Ebene, daß man vielleicht getäuscht werden könnte. Das gilt also jetzt für das Gelingen des Wartens. Was passiert aber, wenn uns das Warten auf umgangssprachlicher Ebene heißt: "Ich kann jetzt nicht warten.", "Entschuldigen Sie, Herr Doktor, ich kann jetzt nicht warten, ich muß sofort dran kommen." - Was passiert dann im Hinblick auf die eigentlichen Handlungstypen, Handlungsräume, die Zielvorstellungen, die man so hat für das große, mittlere und kleine Warten. Dann wäre sozusagen das Warten hier eine Art von Verpassen: "Ich kann nicht warten, ich verpasse den Bus." Der Anschluß klappt nicht, weil ich nicht warten kann. Das passiert mir z.B. häufig, ich mache mich auf zur nächsten Busstation und während ich gerade zwischen beiden Haltestellen bin, fährt der Bus an mir vorbei. Weil ich also bei der ersten Haltestelle nicht warten konnte, verpasse ich also den Bus. Ich habe schon öfter die Erfahrung gemacht, wenn man nicht warten kann, erwischt man das, worauf man wartet, eben nicht. Das ist ja auch eigentlich sinnvoll, denn wenn es ums Warten geht, kann man ja das Erwartete wirklich nur selbst erwarten, denn wenn man nicht wartet, dann verpaßt man's. Also das wäre ein Verpassen der Anschlüsse. Auf dieser Ebene ist auch ziemlich klar, was passiert - man vergißt den historischen Kontext, man vergißt einfach, was historische Erinnerung, was gedenkliche, das Eingedenksein einer historischen Entwicklung mit absehbaren Dimensionen hat. Also man verpaßt oder man vergißt, und dann muß man zur Strafe Erinnerungsarbeit leisten, wie es so schön heißt. Auf dieser Ebene nun, wenn man eben doch glaubt, man müsse nicht in die Kirche, man müsse nicht zu einer Gruppe von Menschen gehören, die sich auf das große Warten firmiert, man guckt weder Godot an, noch liest man Kafka - das große Warten ist eine Perspektive auf die Erlösung, auf die Apokalypse oder was auch immer. Es wäre im Hinblick auf das Warten ein Verfehlen, ein prinzipielles Verfehlen der Möglichkeit, etwas zu erwarten, und zwar in einer unbestimmten Weise - niemand kann mir sagen, wann die Apokalypse eintreffen wird und ob überhaupt es überhaupt in der prognostizierten Form weitergeht, darauf warte ich ja, um zu sehen, was da passieren wird. Das ist eigentlich die Situation, in der wir unser Thema abhandeln wollen. Das ist die Art der Verständigung, wie wir da einsteigen wollen. In welcher Hinsicht ist uns das Warten ein Problem? Im Sinne des bloßen Verpassens, im Sinne des bloßen Vergessenseins, im Sinne des nicht mehr historische Zusammenhänge sehen zu wollen, sich nicht mehr auf Traditionen berufen zu wollen etc., oder im Sinne eines tatsächlichen Verfehlens der gesamten Fragestellung selber. Zeitprognostiker, Kritiker behaupten ja, daß Menschen in postmodernen Zeiten im Hinblick auf die historische Begründung der Sinnhaftigkeit von Warten ohnehin nicht mehr operieren, sie eliminieren ja die Perspektive vollständig, erklären, die Geschichte habe bereits ihr Ende gefunden und vergessen alles das, was sich dann aus der Unfähigkeit zu warten ergibt, z.B. daß wir nach '89 von der Geschichte selbst, weil wir nicht warten wollten oder konnten, genau die Zustände wieder in Erinnerung gebracht bekommen haben, die vor der sozialistischen Revolution in Rußland herrschten oder die mitten im 19. Jahrhundert als gewisse Konstellationen in den europäischen Nationalstaaten existiert haben. Das wird uns dann zwangsläufig klar, daß wir da etwas vergessen. Wir haben z.B. alle Zusammenhänge vergessen, innerhalb derer wir die Frage klären, wie lange muß man eigentlich warten, bis eine soziale Nation, eine Gruppe, eine Identität ausbildet, daß die als eigengesetzliche Dynamik entsteht, die von keinem historischen, querschießenden Zeitbruch beseitigt werden kann. Man kann vielleicht 70 Jahre lang glauben, 1917 war ein radikaler Zeitschnitt - jetzt stellt sich heraus, es war gar nichts. Trotz 50 Millionen Toten. Wir haben vergessen, auf dieser Ebene des mittleren, des historischen, des geschichtlichen Wartens haben wir die Geschichte ganz vergessen, postmodern untermauert, theoretisch abgesichert, aber ganz vergessen. Aber was sich jetzt herausstellt, ist eben, daß wir mit unserer Unfähigkeit in der Perspektive des historischen Handelns zu warten, scheitern, wenn wir nicht warten können, sondern der Geschichte unsere ??? Utopie aufzwingen, die dann auch realisieren wollen, dann ist das Resultat ziemlich eindeutig. Was dann dabei herauskommt, wenn man nicht warten kann, das gilt, wenn man warten kann, wenn man eben nicht warten kann, gilt das. Das wäre jetzt im Hinblick auf die Figuren innerhalb derer man seine Zeitakrobatiken absolviert - zurück zum Ursprung oder die ganze Geschichte ist ein ewiger Kreislauf von Wiederholungen, wäre dann hier zu beobachten wie heute alle selbst, die das verfehlen, ihren saltus virituale vollführen, im Sinne eines mit einer gewissen Kunstfertigkeit ausgeführten formalistischen Herumredens in ontologischen Kategorien. Das ist ja diese Disziplin der Ontologie, dieser Seinsvergessenheit. Heidegger führt ja solche salti spirituali besonders aus. Das hier ist auch ganz eindeutig der salto mortale und dann an der Seite der salto banale. Das ist dann im Alltag ständig bemerkbar - jetzt nochmal abwaschen, bloß damit die Teller sauber werden, um dann benutzt zu werden, wieder schmutzig zu sein und wieder abgewaschen zu werden. Was ist da eigentlich - das ist sozusagen ein permanenter Hausfrauensalto - was ist da eigentlich der Anlaß, den Sachverhalt zu klären und d. h. einfach warten zu können. Das ist ganz einfach, wenn Ihre Frau oder jemand aus Ihrem Freundeskreis Schwierigkeiten hat, sagen Sie einfach "Wart's ab." Nicht gleich nach dem Essen abwaschen. Das ist wirklich unmöglich, man kommt dann wirklich in diesen salto banale rein. Einfach warten. Nach dem Essen, Reste auf dem Teller, ohne abzuwaschen, einfach warten. Ebenso gut zwischen dem festen Etablieren des sauberen Geschirrs und dem erneuten Herausholen aus dem Schrank - warten.

Das ist nun also die durch Martin Heller formulierte Themenvorgabe, ein Problem einer ganz besonderen Art, das wir hier erörtern wollen. Ich will nur noch ganz kurz hinzufügen, wenn aber das Erwarten erfolgreich ist in diesem Sinne, dann ist es, wie wir alle wissen, nur auf Grund einer einzigen unserer Fähigkeiten - früher hat man das Tugend genannt - erfolgreich, nämlich auf Grund unserer Fähigkeit, Geduld zu haben. Im Hinblick auf unseren drängenden Anschluß, ich kann nicht warten etc., heißt es ja: Wir haben keine Geduld. Wenn es gelingt, dann auf Grund unserer geduld, unserer patientia. Und das ist ein... des Themas, in unserem Wort Patient, also des Kranken, liegt ja begriffen, daß es jemand ist, der warten können muß, der auf Grund seines physischen oder neurologischen Zustands nicht in dem Sinne über sich verfügen kann, nach Belieben zu handeln, sondern z. B. aus physischer Schwäche warten muß, bevor er nach zwei Treppenstufen auch noch die dritte nimmt. Er muß sich als ertes wieder restaurieren. Ein Patient ist also eigentlich durch nichts anderes definiert, als durch die ihm offensichtlich in höherem Maße als dem Alltagsmenschen abverlangte Geduld im Sinne eines Wartenkönnens. Wenn Sie Patient werden oder wenn Sie es schon gewesen sind, können Sie es nachvollziehen, wenn Sie es werden, sollten Sie berücksichtigen, daß es zur Ausbildung einer gewissen Professionalität im Patientsein - dies nicht zum Betrug der Ersatzkassen, sondern zu Ihrer eigenen Schonung der Kräfte - nichts anderes bedarf, als einer gewissen Geduld. Den Strang verfolgen wir gleich.

Jetzt noch einmal zurück zu der Möglichkeit, daß uns das Warten nicht gelingt und wir also in die prinzipielle Verfehlung der Perspektive auf evolutionäre Entwicklungen, auf Schöpfungsgeschichten oder was uns sonst ... erzählt wird, also im Sinne des großen Wartens, ohne Hoffnung auf Erlösung, oder zu warten vergessen, indem wir behaupten, unser historisches Handeln sei jetzt nach Plan in irgendeine Art von neuer Realität zu überführen, oder wenn wir einfach den Alltag verpassen ? ohne warten zu können, dann leiden wir. Das dürfte vielleicht noch grundsätzlich konsensfähig sein, daß Menschen sowohl unter dem Verfehlen, wie unter dem Vergessen und dem Verpassen leiden. Wann nämlich? Spätestens dann, wenn sie dafür die Quittung bekommen, daß sie etwas verpaßt haben. "Hätte ich Idiot doch noch zwei Minuten an dem Bahnsteig gewartet, anstatt schon wieder in großer Strategie anvisieren zu wollen, was da kommt, dann wäre mir nicht im Laufen zwischen den beiden Haltestellen der Bus vor der Nase weggefahren. Wenn ich also die beiden Aspekte des Wartenkönnens, des gelungenen Wartens und des Nichtwartenkönnens in einer Hinsicht miteinander verbinden will, dann sind es die Formen der Verknüpfung von Geduldhaben und im Gegenteil, die im Begriff des Patienten ja auch vorgegeben werden, nämlich, wir sehen den Patienten ja immer als jemand, der unter seinem Zustand, körperlich oder seelisch, leidet. Wenn er nicht litte, ginge er gar nicht zum Arzt und wäre auch gar nicht Patient. Und das ist das, was mich an dem Thema nun eigentlich interessiert, über die Ausführungen hinaus, die ich im Katalog zum chronischen Zeitleiden, Warten, das chronisch gewordene Warten, immer schon sagen wollte, ohne mich das richtig getraut zu haben. Mal sehen, ob das heute gelingt, aber wenn, dann sicherlich unter freundlichen Menschen in der Schweiz.

Warum traut man sich das nicht? Man traut sich zwar zu sagen, daß in diesem Sinne, wenn wir jetzt bei unserem engeren Beispiel bleiben, alle Künstler Patienten sind, insofern als sie leiden. Dann entsteht die merkwürdige Tatsache, daß sie sowohl an der Vollendung leiden wie an dem Ausbleiben, wie z.B. am Scheitern - daß sie sowohl leiden an dem Konsens, an der Zustimmung, die sie erfahren, ("Das Publikum, das ich für völlig idiotisch halte, stimmt mir zu. Was muß denn da von mir wohl geboten worden sein, daß das zustimmungsfähig ist.") Klatscht das Publikum aber anschließend nicht, kauft es nicht, leiden die Künstler unter der Verweigerung der Zustimmung. Das Leiden an der Vollendung, wie am Scheitern. Das Leiden an der Erfüllung der Erwartung, wie am Ausbleiben der Erwartung. Das Leiden sozusagen an seiner eigenen Größe, wie Thomas Mann das genannt hat, an seinem Auftrag als Genie, wie eben andererseits das Leiden an seiner Durchschnittlichkeit. Das Leiden an den Konsequenzen des Herausgehobenwerdens, wie das Leiden an den Konsequenzen des Eingepaßtwerdens. Das Entscheidende an dieser Perspektive ist, daß wir Künstler oder andere Kulturtäter, also um nur bei denen oder bei uns selbst zu bleiben, nicht danach im wesentlichen, d.h. in jedem Zustand ihres Argumentierens und Handelns so eindeutig, einheitlich bezeichnen kann, kennzeichnen kann, wie an der Tatsache, daß sie leiden. Und zwar im Hinblick auf unser Thema hier - das Verpassen, das Vergessen, das prinzipielle Verfehlen. Da können Sie mal Künstler fragen, die mit rund 50 oder 55 merken, daß sie prinzipiell die Möglichkeit verfehlt haben, sich auf den Reigen der ewigkeitsichernden Dauer, das ist ja die Perspektive des großen Wartens oder des mittleren Wartens - als nur Dauer und Verewigung im Museumsbereich auszurichten mit ihrer Arbeit, plötzlich feststellen, da gibt es keine Chance mehr. Das ist verpaßt, das ist verfehlt, bzw. die anderen haben mich vergessen. Künstler, die darüber in entscheidende Schwierigkeiten mit sich selbst geraten, wie eben aber auch das Gegenteil, nämlich das Gelingen, sozusagen die Gewinnung einer bestimmten Souveränität, einer meisterlichen Reife. Jeder, der diese Reife zeigte oder diese Souveränität zeigte, würde von seinen Adressaten sofort gesagt bekommen, "Na, dem fällt auch nichts mehr ein, der ist eben jetzt etabliert, der gehört jetzt zur Crème der etablierten Museumsleute, und damit ist er uninteressant. Wie immer man über die einzelnen Entwicklungen im Hinblick auf die Definition des Endes der Kunst oder des postmodernistischen Aufhebens oder der Unterscheidbarkeit zwischen Kunst und Nichtkunst überhaupt spricht, es ist für die Künstler seit Dürers Zeiten jede ihrer Orientierungen auf die große, mittlere oder kleine Perspektive, auf die Ewigkeit, auf die Tradierung als geschichtliche Größen, auf das Gelingen des Alltagslebens - haben Sie schon einmal einen Künstler erlebt, dessen Alltagsleben überhaupt aus etwas anderem als dem Verpassen von Bussen, dem Nichtausfüllen von Strafzetteln, dem Falschausfüllen von Steuererklärungen, der ständigen Bezichtigung von Nachlässigkeiten etc. bestanden hätte? Offensichtlich nicht. Es war geradezu synonym für den Künstler, für den vertrottelten Professor, für den Asozialen usw.. Aber gut, selbst wenn es ihm gelingt, selbst wenn er es erreicht, führt das nur zu einer weiteren Form des Leidens. Und zwar seit Dürers Zeiten deswegen, das ist erstaunlich, weil Dürer der letzte gewesen ist, der auf dieser Ebene der großen Perspektive es angeben konnte, worin die Haltung des Künstlers begründet liegt, die Aussicht auf das Durchhalten begründet war - bezogen auf das Leiden ist das ja jedermann klar, nämlich auf die imitatio christi. Dürer war Künstler, aber das, was ihn legitimierte zu seiner Arbeit als letztem Künstler der geschichtlichen Entwicklung, war die imitatio christi. Nach Dürer hat kein Mensch mehr sich als imitatio christi gesehen, sondern in der Imitation von Vorgängerkünstlern, von anderen Künstlern, die schon im Museum hingen oder deren gloriose Biografie schon von Schulkindern heruntergebetet werden mußte. Und das führt zu einer merkwürdigen Figur der Rechtfertigung des Scheiterns wie der Vollendung. Der Zürcher Beat Wyss hat dafür aus historischem Bestand den wunderbaren Topos der Trauer der Vollendung gebildet, eigentlich müßte es wirklich das leiden an der Vollendung sein. Der Michelangelo hat nicht von der Trauer, sondern vom Leiden an der Vollendung. Dieses Leiden wird sozusagen als Legitimation für den scheiternden, wie den im überaus großen Maße vollendeten - in diesen Perspektiven - Künstler gesehen. Wenn er dann Erfolg hat - alltäglichen Erfolg, wenn er dann in die Museen kommt - mittlere Perspektive, wenn er dann mit seinem Werk Ausdruck der heilsgeschichtlichen Erwartung einer Zivilisation ist, meinetwegen Michelangelo mit seinem Jüngsten Gericht, dann rechtfertigt er diese Arbeit im Hinblick auf das ungeheure Leiden, das ihn die Verfertigung der Vollendung, das Erreichen des Gelingens bereitet habe, so wie Michelangelo nur noch erzählte, wie er auf den soundso vielen Metern hoch angebrachten Brettern an der Wand der Sixtinischen Kapelle das Jüngste Gericht gemalt habe, mit steifem Kreuz, mit von heißem Wachs verbrannten Augenbrauen, unter den fürchterlichsten Arbeitszuständen, die man nicht einmal einem Arbeitssklaven zumuten wollte. Und wenn er legitimiert zu sagen seine Vollendung durch das Scheitern im Sinne von: Das Leiden ist die Voraussetzung für die Fähigkeit auf diese Weise produktiv zu sein, und wenn es scheitert, im Sinne einer Stümperei, im Sinne einer nicht zu Ende geführten Perfektion oder meisterlichen Entfaltung, wenn ihm nur noch der Dissens entgegenschlägt, legitimiert er das ebenfalls durch das leiden. Sie Wissen, die Figuren seit Gautier, seit Baudelaire, die Figuren, die wir immer noch bewundern, die großen des 19. Jahrhunderts, oder Nietzsche haben sich ja die Legitimation für ihr Scheitern im Sinne der Unzeitgemäßheit, es lief längst schon die industrielle Revolution, aber die Leute standen immer noch an der Leinwand und malten Blümchen, es liefen Marx'sche Konzepte der Entdeckung der inneren Logik, Darwin'sche Konzepte der Entfaltung der Evolution. Und völlig unberührt davon, saßen Leute in ihren Dachkammern und pinselten vor sich rum. Sie haben diese Art des Scheiterns vor den Aufgaben der Zeit, vor dem, was sie eigentlich hätten bestehen und verstehen müssen, ebenfalls eben durch das Leiden gerechtfertigt. Es ist etwas außerordentlich Wichtiges - Sie werden verstehen, warum man solche Scheu hat, das woanders vorzutragen, als in einer Ausstellung, die dem Zeitphänomen gewidmet ist. Es ist etwas außerordentlich Bemerkenswertes, mal tragiisch, mal komisch, mal banal zu nennendes, daß die höchste Form der Legitimation der Künstleroder Kulturschaffenden im Leiden seit mindestens Dürers Zeiten dargestellt, gefunden und vorgetragen wird. Also ganz in dem Sinne des Patientseins als Leidendem, von dem zwar erwartet wird, warten zu können, der aber genau diese Fähigkeit nicht aufbringen kann. Der gengenüber dem, was ansteht, gegenüber dem, was sich über ihn hinaus, über seine Individualitäten, seine Subjektivitäten hinaus andeutet, was sich zeigt oder eröffnet, wie die Ontologen das auch immer sagen wollen "Was sich da ins Offene entbirgt...", nichts anderes zustande bringt, als schleunigst seine individuellen, subjektiven Konzepte, seine Weltentwürfe, die ja schließlich nichts anderes als Wahnhaftigkeitssysteme sind auf der Ebene ... der großen Perspektive oder Anmaßungen auf der Ebene der mittleren, mit seinem kleinen Kleckswerk im Museum gehuldigt bekommen zu wollen als historischer Größe oder eben Scheitern im Alltagssinne, von Unvermögen allein das Leben zu organisieren, überhaupt eine Werkstatt oder ein Atelier zu organisieren, bemerkbar wird. Leiden ist jenseits aller stilgeschichtlichen, formgeschichtlichen oder welche ikonologischen, ikonografischen, welche anderen Kriterien oder Unterscheidungen man anwenden will, etwas, was durchgängig von allen Künstlern seit Beginn des 16. Jahrhunderts zur sowohl der Legitimation gegenüber dem Scheitern wie der Vollendung vorgetragen wird. In diesem Leiden stecken dann, wenn man das im einzelnen betrachtet - wir wollen das gleich noch etwas tun - alle die Erwartungen der Zeitlichkeit, die jenseits des Wartenkönnens, also der Suspendierung von Zeit, des Außerkraftsetzens von Zeit möglich sind. Warten, nur möglich im Hinblick auf die Geduld, hatten wir gesagt, das idenfiziert den Patienten als einen Wartenden. Warten ist ja nichts anderes, als die Fähigkeit, von der Zeit absehen zu können. "Ich habe Zeit, ich kann warten.", sagt jedermann völlig unbedenklich und auch völlig richtig. Weil er Zeit hat, kann er warten. Wer keine Zeit hat, kann auch nicht warten. Aber der Ausdruck dafür, keine Zeit zu haben, ist eben die Unfähigkeit, Zeit in einer bestimmten Weise auf sich selbst als geleisteter Strukturierung von Handlungen z.B. auf sich selbst zurechnen zu können. Das sind z.B. alle Opfer, oder alle diejenigen, die von sich behaupten, daß sie nicht selbst über ihre Zeit verfügen können, sondern durch den Arbeitgeber oder durch die Strukturen ihrer Arbeit selbst eine Verfügungsmasse eines Zeitplans, eines Stundenplans, eines Arbeitstages darstellen. Wer hingegen Zeit hat, hat sehr häufigeben nicht den Impetus, die Zeit es Wartens je in eine Zeit der geschichtlichen Veränderung als Heilung, als Reifung, Verwandlung zu übertragen oder gar in die Zeit der Erlösung. Das Merkwürdige ist, daß diejenigen, die Zeit hätten, also warten können, den Impuls gar nicht mehr verspüren mit der Zeit, im Sinne der Erlösung, Heilung oder Behandlung umgehen zu müssen, es sei denn, sie leiden. Nämlich beispielsweise an Schmerzen, der üblichsten Form, in der uns das Thema gegenübertritt. Daraus ergibt sich eine ganz, meiner Ansicht nach, überraschende Vergegenwärtigung einer Orientierung des menschlichen Handelns auf die Zeit, des menschlichen Lebens auf die Zeit, des einzelnen wie des gesellschaftlichen Lebens auf die Zeit. Nämlich, daß eigentlich nur in der Form des menschlichen Leidens Zeiterfahrungen so gemacht werden können, daß es eine Zeit für das Denken, eine Zeit für das Lieben, eine Zeit für das Tun, eine Zeit für das Lassen, eine Zeit für die Arbeit, eine Zeit für das Ausruhen gibt - also im alttestamentarischen Sinne - also überhaupt einer Unterscheidbarkeit der Zeit, mit anderen Worten einer Strukturierung von Zeiterfahrung, bezogen auf die eigenen Formen der Aktivität, der Haltungen, der Erlebnisse, der Gefühle und der Selbstvergewisserung als in der Zeit vorhanden, als Zeitgenosse. Was also die eigentliche Bestimmung des Leidens für die Kulturtäter seit dem 16. Jahrhundert ausmacht, sie dazu zu veranlassen oder zu zwingen, Zeitgenossen zu sein, d.h. in einer ganz bestimmten Weise Zeitlichkeit auf sich zuzurechnen, auf ihre Handlungen: fünf Tage dauert es noch, drei Jahre male ich - sieben Jahre schreibe ich an einem Romanetc., so wie das die Autoren, die Maler, die Bildhauer, die Architekten etc. berichtet haben. Zeitgenossenschaft ist also eigentlich Leidensgenossenschaft, im Hinblick auf die Legitimation des Gelingens wie des Verfehlens. Jeder Blick in die Biografien, in die Selbstäußerungen von Künstlern wird davon überzeugen, daß genau in diesem Sinne Zeitgenossenschaft bestimmbar ist. Denn derjenige, der unter seiner Zeit nicht leidet, und das ist jetzt metaphorisch gemeint, sowohl der politischen Ereignisse, der sozialen wie seiner eigenen etc., ist eben kein Zeitgenosse. Warum nicht? Weil er im Zustand des zeitlosen Wartens verharren kann. Die Zeitlosigkeit, die Konfrontation mit der Stillstellung der Zeit im Warten ist eine Leistung, die man nur jemandem abverlangen kann, der die Fähigkeit besitzt, die Weltgeschichte nicht nur unter den Gesichtspunkten zu betrachten, was sich in ihr verändert, sondern primär unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, was immer gleich bleibt. Wer sind denn die Ruhigsten, die Erwartungsfähigsten, die Kontemplativsten, die wenig Erregten unter den Zeitgenossen? Es sind die, normalerweise Konservative genannt, die sich im Hinblick auf das, was sich z.B. in der mittleren Perspektive überhaupt, geschehen könnte, sowieso nur an dem orientieren, was gleich bleibt, und nicht an dem, was sich da durch irgendwelche Faxen in der Gesetzgebung, ein paar kleine Bandenkriege oder irgendwelche andere Auseinandersetzungen verändern könnte. Und selbst wenn es diese Aktivitäten gibt, sagen sie, ist das typisch. Menschen sind nun mal so: neidisch, habgierig, machtgeil und das ist der Ausdruck dessen, was immer gleich bleibt, nämlich auf Grund dieser Gegebenheiten nun wieder einen Krieg zu beginnen, eine soziale Kampagne zu führen oder wie auch immer. Und das ist der zweite Aspekt. Sowohl im Gelingen wie im Scheitern ist eigentlich die Orientierung auf die Zeit von zwei Perspektiven gleichermaßen als Scheitern von den bedeutenden Menschen wohl seit Christi Zeiten als subjektives Scheitern, wenn auch im objektiven Sinne Erfüllung dessen, was Schicksal, was Vorbestimmung war zu sehen. Einmal im Hinblick auf das, was sich in allen Zeiten nicht wandelt - bezogen auf unser Metier wäre das also die rede vom zeitlos Schönen z.B. - und einmal die bestimmung dessen, was sich gar nicht in der Zeit selbst zeigt, also auch gar nicht konstant bleiben kann, weil es durch die zeitliche Evolution, die zeitliche, geschichtliche Handlung, den zeitlichen Ablauf des Alltags überhaupt erst in Erscheinung treten soll. Es ist noch gar nicht da, kann deswegen auch nicht konstant bleiben, erfüllt sich aber nie in der Zeitlichkeit, sondern erst am Ende aller Zeiten. So stehen eigentlich innerhalb dieser Thematisierung der eigenen Zeitgenossenschaft, Leidensgenossenschaft nur diese beiden Perspektiven offen. Die Betrachtung der geschichte unter dem Gesichtspunkt dessen, was immer gleich bleibt - eigentlich im Grunde eine gewisse Art des zeitlosen Blicks, oder die Betrachtung unter dem Gesichtspunkt, was sich ohnehin nicht in der Zeit ereignet, sondern das Ende aller Zeiten darstellt. Alle anderen Perspektiven, nämlich in der Zeit etwas als Ziel sich entwickeln lassen, eine neue Stufe z.B. der Entfaltung auf der Technologie des Fernsehen oder die Entwicklung von Tiefflügen oder wie immer, bedeutet im Vergleich zu diesen Perspektiven entweder, für den, der nur auf die Konstanten guckt dessen, was gleich bleibt, nur eine Variation unter vielen anderen. Oder sie bedeutet eben mit Blick auf den, der meint, in der Zeit ereignet sich eh nichts, das, was sich ereignet, ist immer das Ende der Zeiten, unter dem Gesichtspunkt, daß beispielsweise die Erfüllung der Zeit nicht erzwungen werden kann - das sind die alten jüdisch-messianischen Vorstellungen, und zwar gibt es da auch unterschiedliche theologische Traditionen bei den Juden, aber nehmen wir jetzt mal die entscheidende, nämlich die, daß die Wiederkunft des Messias ohnehin nicht erzwungen werden kann, daß wir die Erfüllung des Erreichens des ewigen Paradieses oder die Erlösung ohnehin nicht, wie immer wir uns verhalten, so oder so, ohnehin nicht beeinflussen können, ja auch nicht mal wünschen sollten, je beeinflussen zu wollen. Und das versteht man heute sehr viel besser, als je zuvor. Wahrscheinlich wäre die Entwicklung in dem ehemaligen sozialistischen Lager unvergleichlich viel günstiger verlaufen, wenn es nicht so viele Leute gegeben hätte, die nicht warten konnten, und deswegen z.B. eine vermeintliche Utopie des sozialistischen Zusammenlebens von Menschen in die Wirklichkeit überführen wollten.

Wir müssen uns darauf besinnen, und das war peinlich, daran überhaupt zu erinnern. Frau Liebenwein hat in ihrer Dissertation, die ich Ihnen sehr zum Nachlesen empfehle, im Hinblick auf die Entwicklung dieser Denkfigur in der Dürerzeit und um die Mitte des 16. Jahrhunderts im Übergang zu dem modernen Profikünstler, einiges gesagt, das diese Argumentation dem Gelächter preisgab und jetzt ganz anders verstanden werden kann. Wir müssen uns daran gewöhnen, daß das einzige, was in Zukunft unsere Zeitgenossenschaft gemeinsam in einer Zeit zu leben und auf das große, mittlere und kleine Warten gewisse Leistungen erbringen zu müssen, nur erreichen, wenn wir uns eingestehen, daß das, was wir im eschatologischen, evolutionären Entwicklungen, wie den geschichtlichen, alltäglichen tun können, nichts anderes oder, was wir beim Studium dieser historisch uns in Zeugnissen vorliegenden Entwicklung lernen können, nichts anderes ist, als die Erfahrung unserer eigenen Ohnmacht. Das künstlerische Bewußtsein der Art des Eingreifens in diese Prozesse ist natürlich an vielen Beispielen belegt, gerade in einer Art von Omnipotenzgeste, im ganzen Gegenteil von Ohnmacht, berserkerhafter Kraft, in Analogie zum Schöpfergott, Analogie zum Zeus, zum Jupiter tonans, zum Donnergott entwickelt worden. Aber diese Künste, diese in die Monumentalisierung, in die Herrschaftsarchitektur, in die etablierte Museumskultur führende Entwicklungen haben für die Zukunft keine Bedeutung mehr, außer, daß sie in den Zustand des geschichtlichen Wartens versetzt werden, für den wir ja Territorien gebaut haben, eben Museen, und die Gott sei Dank nach außen so abgeschottet sind, daß nichts nach draußen dringt, jedenfalls wenig Gefährliches. Alle wichtigen Figuren für dieses jahrhundert, sagen wir wie Beckett und erst recht für die Zukunft wichtigen Figuren aus historischen Zeiten haben ihren Antrieb zur Zeitgenossenschaft, zur Ausbildung der absoluten Modernität, wie Baudelaire das sagte: "Man muß absolut modern sein aus der Erfahrung von Ohnmacht." vor der Möglichkeit in den eschatlogischen, evolutionären, geschichtlichen Prozeß, gar in das Alltagsleben von Erziehung, beispielsweise Schulbildung etc. je eingreifen zu können, gesehen.

Welche radikalere Form des Leidens gibt es eigentlich, als die Erfahrung von Ohnmacht? Und wenn wir sehen, daß die Künstler sowohl im Hinblick auf die Vollendung wie das Scheitern, im Hinblick auf die Erfüllung der Erwartung wie das Ausbleiben der Erwartung, im Hinblick auf Konsens und Dissens, im Hinblick auf die prinzipielle Unbegabtheit wie die Überbegabtheit - ich erwähne hier gern noch einmal Herrn Erny, ein tragischer fall eines schweizer Künstlers aus Luzern, der begabter war als seine generationsgenossen und daran elendiglich zugrunde gegangen ist - dann ist eine solche Ohnmachtserfahrung die Radikalisierung des Leidens an der Vollendung wie an der Fragmentarisierung, an der Totalität wie an der Zersplitterung, an den objektiven Dimensionen eines blinden funktionalistisch sozusagen beschreibbaren Laufs der Dinge wie eben an der Verabschiedung aus jeder Art von Logik, auch der Logik des Zufalls. Dann ist eben die eingestandene, die erfahrene, die erarbeitete, die am Ende aller Tage stehende Einsicht die unglaubliche Ohnmächtigkeit des Individuums, wie der Menschen schlechthin - was wir jetzt beispielsweise im Hinblick auf die Ökologiedebatte sagen können, oder anders gesagt, die prinzipielle Unlösbarkeit solcher Probleme - das einzige, was in der Tat die soziale kommunikative Verbindung zwischen den Menschen überhaupt noch garantiert. Wie die Künstler in diesem Sinne, abgesehen jetzt mal von den Omnipotenzphantasien - die sind dann aber in einer ganz anderen Weise gescheitert, denken Sie an einen Mann wie Breker - abgesehen davon waren, wenn es so etwas gab, wie die Gemeinschaft derer, die an der Kunst interessiert waren, an der Architektur, an der Malerei, die immanent argumentieren konnten, im wesentlichen eine Gemeinschaft derer, die in gleichem Maße die ungeheure Anstrengung oder die Größe des Scheiterns abschätzen konnten, und es hatte sich seit langem in der Kunst eingebürgert, das individuelle Vermögen oder das historische Niveau eines Künstlers danach einschätzen zu können, von welchem Anspruchsniveau aus er sozusagen gescheitert ist, und nie von welchen alltäglichen Voraussetzungen eines Schuljungen, der begabt zeichnet, er bis in die höchsten Höhen einer gottähnlichen Schöpferkraft aufgestiegen ist. Jeder Künstler wird seinen Kollegen nur im Hinblick auf die Frage beurteilen, mit welchem Anspruch der gescheitert sei und nicht, auf welche Weise er alle anderen von der gemeinsamen Vorgabe, genetisch oder wie immer bedingten Vorgabe, er sie alle übertroffen habe - bis in die Sphären, in denen es überhaupt ganz unsinnig ist, ihn noch als einen Menschen zu sehen, eben als einen Gott zu verabschieden. Im Hinblick auf die Zeiterfahrung ist das Warten ganz dringlich notwendig, weil nur aus der Position der Leerstelle des Ereignisses ohne Zeitlichkeit warten es möglich wird, überhaupt eine Perspektive auf die Zeit zu entwickeln - die geschichtliche Zeit, die heilsgeschichtliche Zeit und die alltägliche Zeit. Wer diese Fähigkeit zur Stillstellung der Zeit als erzwungene Dauer auslegt, oder wer sagt, ich definiere Kultur prinzipiell als den Versuch der Menschen, aus der grauenhaften Tyrannei der Zeit, dem ewigen Werden und Vergehen herauszukommen und mit allen totalitären stalinistischen und hitlerischen Mitteln irgendeine Art von beliebiger Normen- und Wertesystematik auf Dauer zu stellen - wer also in diesem Sinne die Kultur betrachtet, kann an der künstlerischen, kulturellen Entwicklung schon der Gegenwart, meiner Ansicht nach, und erst recht in der Zukunft nicht mehr in einem Maße teilnehmen, daß seine Arbeit überhaupt noch als eine entstehende, als eine gewollte, eine werdende oder eine mit einem nicht vorauskalkulierbaren Effekt versehene auftritt. Das gibt es ja auch. Es gibt ja Kalküle dieser Art in der Wirtschaft oder in der Wissenschaft, die prinzipiell nicht auf das Überdauern der Entstehung von etwas ausgerichtet sind. Alle anderen werden, wenn sie tatsächlich in der Zeitgenossenschaft der wartenden Perspektive auf Zeitlichkeit entwickeln, ihre Fähigkeit zur wechselseitigen Eingestehung, zum wechselseitigen Eingeständnis des Scheiterns oder der Ohnmacht, aber wie gesagt, selbst in der Vollendung noch als Scheitern, den einzigen Ausdruck für ihre gesellschaftliche, für ihre freundschaftliche wie eben soziale Beziehung finden können. Das hat eine, meiner Ansicht nach, ganz radikale, tiefgreifende Veränderung zur Folge, auch in unserer Einstellung der Geschichte der Künste. Sie wird nämlich in einer anderen Hinsicht beispielhaft, als das bisher der Fall war. Beispielhaft zum Beispiel eben nicht im Hinblick auf die Einmaligkeit historisch gelungener Lösungen von Problemen, sondern beispielhaft im Hinblick auf den Umgang mit unlösbaren Problemen. Beispielhaft mit dem unbefriedigenden Gefühl, des permanenten Selbstzweifels, mit der ständigen Selbstinfragestellung, mit der Unsicherheit im Hinblick auf die Einschätzung dessen, was man selber tut. Ein Umgehen mit dieser Art von Irritationen, anstatt ein Verweis auf die Geschichte, als die Geschichte der großen Meisterleistungen entfalteter Persönlichkeiten unglaublichen Vermögens, die sich ganz im Gegenteil alle dieser Zweifel entledigen durch Entwicklung ihres eigenen Werkes. Es wird eine Beispielhaftigkeit für den Bereich der historischen Kunst- und Kulturentwicklung seit der Renaissance für die zukünftige Gesellschaft geben, insofern als die gesamte Gesellschaft lernen muß, was für die Künstler seit der Renaissance selbstverständlich ist, zum mindesten seit der Nachfolge Dürers selbstverständlich ist, daß eben die Eigenfestlegung auf die Befähigung zur Lösung unglaublicher Probleme den gesellschaftlichen Wert nicht ausmacht, sondern ganz im Gegenteil die Fähigkeit zum Entwickeln von Problemen, denen gegenüber niemand mehr auf die Idee kommt, eine Superiorität anderen gegenüber zu entwickeln, eine Vorrangstellung im Sinne geniehafter Abgehobenheit oder aus der ihm zukommenden schicksalshaften Bestimmung zukommenden Einmaligkeit oder Unvergleichlichkeit. Wenn wir die Aspekte, die im Warten als einem Prüfen enthalten sind, ernst nehmen, wenn wir die Aspekte der Orientierung auf Zeitlichkeit in den drei Perspektiven für unseren Alltag etwas dezidierter ausprägen, dann werden wir auch zu einer anderen Auffassung dessen kommen, was heute leiden heißt. Sie wissen ja, daß die Menschen bereits darunter leiden, daß ihnen die Rente dieses Jahr durch den Kaufkraftschwund schon weniger übrig läßt als im letzten Jahr. Sie leiden an der Unübersichtlichkeit des Verkehrs oder an ähnlichen Phänomenen, die ja weiß Gott im Sinne einer Begründung dieser Perspektiven unerheblich sind, aber es wird tatsächlich so getan, als seien das die zeitgemäßen Formen des Leidens. Das sind wohl nur metaphorische Gebrauchsweisen des Begriffs. Ich leide unter abgekauten Fingernägeln oder unter Mangel an Kalzium. Und das kann man durch die Einnahme von Kalzium und durch etwas Therapie beheben. Das würde nämlich voraussetzen - im Hinblick auf die Erfahrung von Leid oder seinem Gegenteil, von Glück -, wie die Künstler das Glück nicht mehr darin zu sehen, was einem widerfährt, sondern darin zu sehen, was einem erspart bleibt. Und eine prinzipielle andere Orientierung damit auf das, was überhaupt das Glücken einer Perspektive bedeutet, gewinnen. Und eben umgekehrt, Leid nicht mehr als etwas zu erfahren, was einem vorenthalten wird, nämlich Reichtum, Anerkennung, Gesundheit etc., sondern als das, was einem zugemutet wird inkl. dessen, was allen zugemutet wird, nämlich individuell sterblich zu sein, also beides etwa in der alten aristotelischen Entgegensetzung von Tun und Erleiden zu sehen. Wenn man so weit kommt, dann wird einem das Leiden an der Zeit in einer anderen Weise bedeutsam. Denn was mutet einem die Zeit eigentlich zu, wenn Leid das ist, was einem zugemutet wird und nicht das, was einem erfüllt wird. Wir leiden eben nicht am Nichtgelingen, am Scheitern des Sozialismus oder irgendeiner Utopie, sondern wir leiden daran, daß es uns zugemutet wird zu erkennen, daß solche realisierten Utopien prinzipiell scheitern müssen und daß wir von unseren Verstandeskräften und sonstigem künstlerischen Vermögen einen anderen Gebrauch machen müssen, als den Versuch in der mittleren oder großen Perspektive die Erlösung zu erreichen oder unser irdisches Heil zu erreichen. Die Erfahrung des Glücks - umgekehrt würde die Ermöglichung gegenüber der Zeit bringen zu sehen, was uns erspart wird in der Konfrontation mit der Zeitlichkeit, und das wäre eben z.B. die Tatsache, daß sich nichts mehr bewegt oder daß die Welt schon an ihrem Ende sei oder daß es keine Hoffnung mehr gebe und dergl. mehr. Das Glück in der Konfrontation mit der Zeitlichkeit wäre dann eben die Möglichkeit zu hoffen, im Bloch'schen Sinne, aber realistischer gesehen sozusagen in einen permanenten Lobgesang über das einzustimmen, was uns in der Konfrontation mit der Zeit erspart bleibt als warten. Nämlich, was uns erspart bleibt, was ist das Schrecklichste, was uns erspart bleibt, das ist die Dauer. Beispiel: Ein ägyptisches 3. Reich oder ein 3. deutsches Reich, ein byzantinisch oder venetianisch tausendjähriges Reich war die größte Zumutung an diejenigen, die in diesen Reichen lebten, die unglaubliche Kraft zur versteinernden Dauer aller Verhältnisse, etwas, was eigentlich ja unter dem Terror des Zeitflusses, der ständigen Wechsel von Werden und Vergehen unter den Perspektiven derer, die nicht warten können, wünschbar erschiene. Also z.B. das, was indiviuell naive Menschen für den Gewinn künstlerischen Arbeitens halten - nämlich auf Dauer lebendig zu sein, auf Dauer präsent zu sein, in Gestalt des Malers, dessen Bilder im Museum noch in 300 Jahren zu sehen sind. Oder anders gesagt, wahnhaft darauf fixiert zu sein, daß mit allem, was man als Künstler oder Architekt tut, nichts anderes zu erreichen, als wie kriege ich es fertig, mich in das Gedächtnis der Menschheit in Gestalt der Lexika oder der Museen etc. einzuschreiben. Eine Befreiung von dieser Art der Ausrichtung oder Orientierung des Künstlers auf die ewige Schöheit, auf die Zeitlosigkeit, das wäre als Glück erfahrbar.

Es gibt eine Figur, die von Kierkegaard, dann von Nietzsche in bestimmter Hinsicht ausgebildet wurde, im Zusammenhang mit diesen beiden Formen der Begründung des Leidens am Scheitern wie im Gewinnen, andererseits des Glücks, als das, was einem erspart wird, und das ist die Figur der Wiederholung. An jedem Silvester, davon bin ich überzeugt, stellt sich auch für Sie die Frage, ob der Neubeginn des Jahres im Hinblick auf die Erfahrbarkeit des Zeitflusses, des Vergehens der Zeit, eigentlich nicht wirklich ein Zwang zur Wiederholung dessen ist, was Sie nun schon als diese Form der Strukturierung, als kalendarische Form der Strukturierung oder jahreszeitlichen oder naturgeschichtlichen schon zigmal erlebt haben. Es gibt außer dem Warten, dem permanenten wie eben dem partiellen Warten auch eine Möglichkeit mit der Zeit im Sinne eines Verzichts auf die Erwartung dessen, was am Ende aller Zeiten steht, oder eines Bestehens auf dem, was in der Zeit immer unverwandelbar bleibt, umzugehen, und das ist eben in der Wiederholung. Und deswegen glaube ich, daß für jeden modernen Künstler, der sich nicht mehr in der dürer'schen Nachfolge der imitatio christi sieht, sondern in der imitatio anderer Künstler der Kunstgeschichten das Motiv der Wiederholung die eigentlich entscheidende Leistung des Umgangs mit der Zeit darstellt. Jeder malt eigentlich immer nur ein Bild und immer wieder. Er wiederholt eigentlich nur diese Orientierung auf diese Aufgabenstellung, wobei die Zeitlichkeit unterschiedlich erfahren wird, selbst sagen wir mal in der Zeit, die ein Farbauftrag braucht, um trocken zu werden, damit man ihn wieder übermalen kann, wie eben auch der Dauerhaftigkeit des Materials. Wenn eben Dieter Rot eine Schokoladenskulptur herstellt, dann ist die garantiert nach acht oder zehn Jahren zerfressen von Maden - also wie unterschiedlich auch die Zeiterfahrungen im Material oder im Arbeitsprozeß selbst aussehen. Er malt im Grunde genommen eine Figur der zyklischen Geschlossenheit, von Leid und Glück, von Anfang und Ende, von Dauer und Wechsel, und das ist die der Wiederholung. Die Wiederholung ist sozusagen die Garantie, daß sich gleichermaßen Leid und Glück, im Sinne dieser Definition, Glück ist das, was uns erspart bleibt, Leid ist nicht das, was uns vorenthalten wird, sondern was allen gleichermaßen zugemutet wird, ermöglicht sich sozusagen die Verbindung von Zeitlosigkeit des Wartens, der Außerkraftsetzung der Zeit im Absehen von evolutionären, natürlichen oder historischen Veränderungen, erlaubt sich die Möglichkeit andererseits mit seinem Werk selber Ausdruck eben dieser Zeitgenossenschaft derer, die unter diesem Phänomen leiden, zu sein, indem er die beiden Aspekte, Anfang und Ende, miteinander Stillstand und Fließen in der Figur der Wiederholung zusammenschließt. Künstler sind in diesem Sinne wirklichWiederholungstäter so wie es die Psychiatrie oder die Sozialpsychologie tatsächlich formuliert. Was da jemanden antreibt, etwas zu wiederholen, selbst gegen sein eigenes Interesse, selbst gegen sein physisches oder psychisches Wohlbefinden gerichtet, in der Form der Selbstvernichtung gar, meinetwegen auch in der Androhung von Strafen für Asozialität, meinetwegen ein sexueller Wiederholungstäter, enthüllt sich eigentlich als eine außerordentlich bedeutsame Leistung des Umgangs mit der Drohung der Zeit als vergehender und der Drohung mit der Zeitlosigkeit als der Versteinerung aller Verhältnisse unter Gesichtspunkten, die einen selber nur als Opfer eben jener Prozesse erscheinen lassen. So beantwortet sich dann die Frage, die wir hier heute von Martin gestellt bekommen haben im Hinblick auf die Frage, Veränderung in der Zeit als Prozeß der Produktion, ewiger Wandel, immer das gleiche noch einmal, oder permanente Kreativität, sozusagen ohne die Möglichkeit zu sagen, warum bin ich eigentlich noch kreativ, wenn ich permanent kreativ sein muß, d.h. jede Leistung, die aus dem Kreativsein hervorgeht, sofort wieder in sich selbst überbieten muß, eigentlich die kreative Leistung vollkommen negiere - das, was in der Werbewirtschaft, in der Produktion generell geschieht. Das beantwortet ja die Frage auf diese Verhältnisse auch im Hinblick auf den Ort, an dem sie geklärt oder wir geprüft werden im Hinblick auf die Aussage, daß wir, wenn wir Zeit in diesem Sinne qualitativ bestimmen wollen, in beiden Hinsichten uns in Prozesse der Wiederholung einlassen müssen. So sehr auch unserem permanenten Kreativseinwollen das bloße Wiederholen scheinbar als eine Geste des Innovativen, des Versagens, des Nichtkönnens entgegengeschleudert wird von Leuten, wie "dem fällt nichts mehr ein" oder so sehr eben auch auf der anderen Seite das Wiederholen als ein formalistisches, bloßes Agieren auf der Ebene betrachtet wird, mit der wir die Bürokratie normalerweise kennzeichnen. Es gibt wahrscheinlich gar keine bedeutende, bisher historisch gesehen, Ausprägung dieses Motivs - sozialpsychologisch relevante Fälle, alles schön und gut, aber keine bedeutendere, auch wenn sie in Hunderttausenden auftreten, auch militärische Täter oder Triebtäter a la Mafia oder wie auch immer - es gibt keine bedeutendere Sicherung der Wiederholung, bisher, in unserer Kulturgeschichte, in anderen mag das anders sein - als den Aufbau der Bürokratie. Sie ist die bisher - die gibt's ja im Museum, Gott sei Dank - stellen Sie sich einmal vor, es gebe die Künstler im Museum mit der mittleren Perspektive ohne Bürokratie, also sprich Verwaltung, ohne die Festlegung von Richtlinien, wie denn die Wiederholung zu tätigen sei. Wie man etwas auf Dauer stellt, indem man es noch einmal und noch einmal und noch einmal machen kann, ohne den Einwand zu gewärtigen, damit wäre es nichts mehr oder damit erledige sich die Sache selbst, da wir sie schon kennten. Das wäre ganz einfach zu widerlegen. Wir kennen alle schon, daß morgen, das haben wir schon alle ich weiß nicht wie viele Male erlebt, daß morgen ist. Das erübrigt durchaus nicht die Wiederholung der Aussage, morgen ist ein anderer Tag, ein neuer Tag. Man sieht merkwürdigerweise bei Kafka die Verbindung zwischen diesen beiden, immer weiter gehende Sicherung dieser Wiederholbarkeit als Arbeit an der Zeit, jenseits dieser bloßen Entgegensetzung - ewiger Wechsel, ewige Dauer. Man sieht bei Kafka genauso gut wie das als Bürokratie geleistet wird. Denken Sie an "Das Schloß", wie eigentlich nur durch Bürokratisierung in der Moderne diese Zeitlichkeit gesichert werden kann, die nicht drohend auf jedermann einschlägt, die nicht das Werk sofort in den Papierkorb wandern läßt, nicht die Psychopathologie des schöpferischen Handelns, daß man drei Striche macht und aus Unzufriedenheit das Ganze wegschmeißt und das ewig wiederholt. Und wie auf der anderen Seite eben darunter gelitten wird. In den Wiederholungszwängen bis hin zur vollkommenen Ritualisierung unseres gesellschaftlichen Alltagslebens mit Aufstehen und Zähneputzen wirklich die einzig verläßliche Art der Vermittlung dieser Größen untereinander besteht und wie wir gerade dadurch leiden. Wir versuchen in den schönsten Tagen des Jahres der Wiederholung den Zufall entgegenzusetzen, dem Erwartbaren das Unerwartbare, aber wir wissen alle, daß ist natürlich ein Selbstbetrug. Wer heute in die Ferien fährt und meint, er steigt aus dem Alltag aus, der hat doch nicht alle Tassen im Schrank. Es gibt keine Möglichkeit auszusteigen, ob Sie nun im Ferienalltag die Willkür des Kaffeetrinkens oder Nichtessens oder Dochessens oder Anziehens oder Leben nicht zwischen morgens um sieben, und nachmittags um eins, sondern Nachtleben durchsetzen - es läuft auf dasselbe hinaus. Daß Sie das nur sichern können als Zeitlichkeit, die Sie erfahren durch Ihre Fähigkeit es wiederholbar zu machen, im Sinne der ganzen Nietzsche'schen Begründung in unserer eigenen Natur, nämlich "Alle Lust will Ewigkeit" heißt ja nichts anderes, als unser Organismus erzwingt bei positivem Respons die Wiederholung, bei negativem eben den Ekel und die Abwendung. Aber wenn die Zeitlichkeit uns nicht Ekel, nicht Terror, nicht Schrecken sein soll, dann müssen wir ihre Wiederholbarkeit garantieren. Die Leidensformen auf der anderen Seite, Kafka hat das ja beschrieben, werden weit unterschätzt, wenn man sie nur als Terror von Formalismen, bürokratischem Starrsinn auffassen würde, sondern das sind die eigentlichen Konfrontationen mit den eben nicht aus dem Belieben des Nichtwartenkönnens auf diesen Ebenen sich ergebenen verläßlichen Strukturen der Zeitlichkeit. Daß die Kunst sich immer weitergehend bürokratisiert, d.h. in der Entfaltung von Kunstwissenschaften oder Museumswissenschaften oder Museumstätigkeiten, Abrechnungswesen etc. - das ist außerordentlich hoffnungsfroh. Damit zieht in die Kunst auch etwas von der Objektivität der Zeit in der Zeitgenossenschaft ein, die es im Automobilbau, im Welthandel oder wo auch immer, in der internationalen, medialen Vernetzung bereits für jedermann deutlich spürbar gibt. Ob wir an dieser Möglichkeit arbeiten, ist für uns ganz entscheidend oder ob eben nicht. Denn wenn sich das Leben nicht wiederholen läßt, z.B. durch die Nichteinschränkung der ökologischen Katastrophe, d.h. ja nichts anderes als Unwiederholbarkeit - es ist futsch, es ist weg, es ist zu Ende, das Ende ist ja die deklarierte Unwiederholbarkeit - dann brauchen wir eigentlich gar nicht mehr weiterzuarbeiten. dann brauchen wir uns weder in der einen noch der anderen Hinsicht je um diese Probleme noch zu kümmern. Dann können wir wirklich in den Tag hinein leben, solange wir eben das leidend ertragen, um dann eben, wie immer empfohlen, so oder so Schluß zu machen. Wenn es halt nicht mehr geht. Andererseits ist heute die Sicherung der Wiederholbarkeit von größeren Anstrengungen begleitet oder muß begleitet sein, als je zuvor. Das gilt nicht nur für die größeren finanziellen Mittel, die man im Bereich der Kultur braucht, um etwas wiederholen zu können, um z.B. Traditionen der Wiederholbarkeit ausbilden zu können, also z.B. Bücher produzieren zu können, die ja eine endlose Wiederholbarkeit ihres Lesens gestatten, was das gesprochene Wort nicht möglich macht - oder eben die Anstrengung der Ausbildung von Erwartungshaltungen, von gemeinsamen Erwartungen, also von einem gewissen Vorverständnis oder kulturellen Vorurteilen, die wir noch teilen müssen, um überhaupt gemeinsam etwas wiederholen zu können: als Ausstellung von Vincent van Gogh oder Picasso oder eben einer Ausstelung über die Zeitlichkeit. Wenn es heute einen Fortschritt gibt, dann ist es der Fortschritt im Hinblick auf die Vielzahl der Möglichkeiten, die uns zum Wiederholen bleiben. Je mehr Möglichkeiten des Wiederholens, in diesem Sinne historisch oder evolutionär hinter uns liegende Möglichkeiten wir in der Gegenwart haben, desto fortschrittlicher ist diese Zeit. Nämlich umso mehr Möglichkeiten des Wiederholens gibt es. Und das ist eine Form des Aufdauerstellens, die nicht versteinernd, petrifizierend, erschlagend durch Monumentalität ist - wie die ägyptischen Pyramiden oder wie totalitäre Herrschaftsarchitektur. Wiederholung ist eine auf jeder Ebene ausbildbare Sicherungvon Dauer, und die damit verbundene Form des Leidens ist eine, die die Leidensfähigkeit des Menschen prinzipiell nicht übersteigt, sondern sein Wesen, in einem ontologisch gesprochenen Sinne ausgedrückt, sein Wesen kennzeichnet. Was wir aber praktisch beobachten, daß wir eine immer kleinere Möglichkeit haben, etwas zu wiederholen, weil das kulturelle Vorverständnis, weil die Tradition verloren gehen, bzw. eben als Voraussetzung der möglichen Wiederholbarkeit aufgegeben werden, oder weil ökologische, ökonomische, politische Prozesse so weit vorangetrieben werden im Sinne einer evolutionär-historischen Erzwingung des Heils und der Erlösung, daß sie durch ihre Wirkungsform, nämlich durch Zerstörung die Wiederholung gar nicht möglich werden lassen, daß die Zerstörung so total ist, daß es keine Wiederholung gibt.

Ich fürchte, wir werden uns vor einer großen Emphase der kreativen, ständig neu schaffenden, immer nur auf die Orientierung, auf die Erfüllung sozusagen des zeitlichen Werdens, am Zielpunkt unserer Wünsche, das vollendete Werk oder wie auch immer, verabschieden müssen. - Und auch im Hinblick auf die Durchsetzbarkeit mittlerer Perspektiven, ja vielleicht sogar im Alltag, um stattdessen, statt dieses Terrors der permanenten Innovationen, der permanenten Überbietungsstrategien auf der banalsten Ebene von touristischer Attraktivität der Ausstellung bis zur weniger banalen Ebene ihrer Rezipierbarkeit zu verabschieden. Wir werden stattdessen uns darin üben müssen die Wiederholbarkeit eines Tages im Sinne einer Konfrontation mit unserer Zeitgenossenschaft, die Wiederholbarkeit des Leidens also oder vielleicht sogar die Permanenz des Leidens zuzulassen. Wir werden erst dann wieder Zeitgenossen in diesem Sinne werden, die eine zeitliche Perspektive haben jenseits der petrifizierten Dauer und Ende der Evolution oder der Naturgeschichte oder der Apokalypse, wenn wir uns in diesem Sinne als Leidende akzeptieren. Wie gesagt, die Künstler haben das vorgemacht. Da gab es nicht die Möglichkeit auszuweichen, wie man sagt, ja leiden an dem Versagen, das verstehe ich, aber leiden an der Vollendung? Leiden an dem Unvermögen, das verstehe ich, aber leiden an der geniehaften Übertrumpfung? Leiden an der Durchschnittlichkeit, ja das kann ich nachvollziehen, ich bin auch frustriert, typische Form des kleinen Wartens als Haltung, aber leiden an der überragenden Einmaligkeit, das kann ich gar nicht verstehen. Die Verhältnisse werden sich genau umkehren. Und das Leiden eben auch - und das wußten die Künstler schon immer - an diesen ihnen zugeschriebenen Formen der Besonderheit, der Vollendung, der Überdurchschnittlichkeit, der Einmaligkeit. Wir werden uns auf das Erleiden im Sinne nicht einer uns passiv zugemuteten, (aristotelisch gesprochen) opferlammhafter Nichtaktivität nicht einlassen müssen, sondern als die Form der Kontrolle unserer Aktivitäten, mit anderen Worten, uns auf den Maßstab, der alle - den einzelnen, den großen, den mittleren, den kleinen selbst noch wieder maßstäblich werden läßt - einlassen, nämlich alle unsere Aktivitäten daraufhin zu kontrollieren, ob sie in der Kontrolle unserer eigentlichen Ohnmachtserfahrung bleiben. Früher hat man gesagt: Bescheidenheit, Zurückhaltung, das Bessernichtsriskieren. Heute könnte man durchaus sagen, ob sie auf der Ebene der Erfahrung, der eigenen Ohnmächtigkeit oder der prinzipiellen Unlösbarkeit von Problemen bleiben. Jeder, der eigentlich Probleme für lösbar hält, ist in diesem Sinne schon kein Zeitgenosse, da er ja nicht leidet an dem Problem, das da vorliegt. Wenn jemand Probleme für lösbar hält, muß er daran nicht leiden, dann geht er zum Experten, der gibt ihm dann die Lösung. Warum sollte er da leiden? Das aber genau ist das, was an der Perspektive einer Zeitgenossenschaft als Leidensgenossenschaft steckt -meiner Ansicht nach gegenwärtig mit dem Bewußtsein ungefähr, oder mit der Dringlichkeit, oder der Unvermeidbarkeit der Einsicht ungefähr so, wie etwa auch in der Renaissance oder in einer anderen Ausprägung in der Zeit nach Benedikt von Nursias Begründung des in Gemeinschaft lebenden Mönchstums. Es gibt natürlich auch außerchristliche Parallelen, die wollen wir jetzt hier aber nicht anführen. Warum eigentlich kommt diese Art unmittelbarer Orientierung auf solche Epochen in Vergleichsgesichtspunkt der Anforderung an die Leidensfähigkeit gegenwärtig so zum Ausdruck? Warum? Das ist natürlich einerseits bedingt durch die realen historischen Ereignisse in Serbien usw., oder eben durch die Ahnungen über das, was uns zugemutet wird, wenn die Weltbevölkerung sich tatsächlich nach unseren eigenen Bestimmungen, die wir den Menschen vorgeben, verhält. Wenn also die Leute hier erscheinen und ihre universal geltenden Menschenrechte einfordern und das Mitleid einfordern und die Bereitschaft zur Abgabe zum Teilen einfordern usw. Das ist natürlich sicher eine Ahnung, die hinter dieser Akzeptanz oder, die dahintersteckt, daß viele Menschen gegenwärtig irgendwie so spüren, das ist mit der Abwehr von Leid, Lebensstrategie als Erfüllung von Glück im Sinne des Erreichens von etwas nicht mehr weit her. Das ist es nicht mal mehr auf der Ebene von Hausbau und Familienalltagsplanung. Da gibt es offenbar jenseits der christlichen, theologischen Begründung des Leidens als Prüfung im Sinne einer heilsgeschichtlichen Prüfung noch etwas anderes. Diese Art von Bereitschaft zu leiden, als einer Bereitschaft der Konfrontation gegenüber der Zeitlichkeit - die mag nun eine schlimme Zeit sein oder sie mag eine gute Zeit sein, im Sinne der Verblendung der Menschen oder wie auch immer - die Bereitschaft zu leiden, als Ausdruck der Bereitschaft dafür, Zeitgenosse zu sein, resultiert meiner Ansicht nach gerade in den kulturell aktiven Gruppen aus der Erfahrung, und da schließt sich eben Nietzsches Figur der Wiederholung mit den unzeitgemäßen Betrachtungen zusammen - aus der Tatsache, aus der Erfahrung, daß wir eigentlich gar keine Fähigkeit bisher entwickelt haben, Zeitgenossen im Sinne der evolutionären und der historischen Entwicklung zu sein. Wir sagen zwar alle noch, na selbstverständlich bin ich auf der Höhe der medialen, technischen Entwicklung, aber dann sitze ich vor dem Computer wie vor einem Federkiel, den ich vor 200 Jahren benutzt habe - dann sitze ich vor dem Fernsehschirm, wie vor einem Andachtsbild, vor dem ich früher gebetet habe. Dann sehe ich statt der Röhren dadrin, ach, das gibt's ja gar nicht mehr, dann sehe ich da eben die Kerze, wie Paik das beispielsweise in seiner Buddha-Fernseharbeit gezeigt hat. Wir haben plötzlich das Gefühl, in der lange vergessenen, verfehlten und verpaßten Fähigkeit, Zeitgenossen zu sein, eben uns Leiden zumuten zu können, auch verpaßt haben, überhaupt zu verstehen, was vor sich geht. Wir beurteilen die Vorgänge in der Technologie, in der internationalen, medialen Vermittlung in den multinationalen Konzernen, in den Multikulturen etc. eigentlich immer noch so, als säßen wir als Bürger des 19. Jahrhunderts gegen Ausgang des Jahrhunderts in einem Ohrensessel und schauten den Ereignissen zu mit den Haltungen von Märchenzuhörern oder Verfolgern spannender Geschichten, die aber uns eben nicht anders betreffen, als daß sie uns jemand erzählt. Das wird ein unglaublich brutales Verändern der Selbsteinstellung geben, wenn sich jetzt nicht nur durch Serbokroatien, sondern auch hier durch ökonomische Krisen, die nicht mehr beendbar sind, - alle gegenwärtigen Studien besagen, daß in zehn Jahren ein Drittel der europäischen Arbeitnehmer arbeitslos sein müssen - die sich nicht mehr durch irgendwelche "Ach, und da erfinden wir dies und da erfinden wir das..." beheben lassen, sondern prinzipiell unlösbar sind. Daß wir, wenn wir das wirklich ernstnehmen und uns dem konfrontieren allesamt unsere Art von Gemeinschaftlichkeit in der sozialen Beziehung zumindest - oder der privaten auf der Ebene der Familie, ebenfalls sozial gesehen als gesellschaftliche Gruppe, daß wir das uns nur zumuten können, daß wir das überhaupt nur schaffen durch die Erhöhung nicht nur unserer Leidensfähigkeit im Sinne eines Trainings, wie habe ich keine Furcht, mich selber mit der brennenden Zigarette in die Haut zu stechen oder mit einem Gummiseil an den Füßen 60 Meter in die Tiefe zu stürzen odser mit einer irrsinnigen Beschleunigung bei einer neuen Zirkusattraktion auf dem Jahrmarkt mich sozusagen besinnungslos schleudern zu lassen - gerade im Sinne der außerordentlichen Klarheit und Eindeutigkeit, der außerordentlichen Unvermeidbarkeit dieser Einsichten, gerade durch die Klarheit der Perspektiven der Zukunft, gerade durch das absolute wissen aller, daß das keine Prophetien im Sinne laxer Behauptungen von Schamanen sind, sondern daß das eine Prophetie ist, wie sie in jedem Fahrplan zu lesen ist, wird diese Voraussetzung für die Veränderung, sagen wir mal, wird das Aushalten zumindesten ausschließlich durch die Bereitschaft sein, uns als Leidensgenossen zu empfinden und uns von unseren Omnipotenzvorstellungen im Tun, im Können, im Erreichenwollen auf die Gemeinschaft in der Versagens- und Ohnmachtserfahrung zu orientieren. Das meine ich nicht fromm-christlich, das meine ich ganz im Sinne von technologisch - man kann nicht jede Bombe auch bauen, die man theoretisch herstellen kann, man kann nicht jedes Gift in den Acker streuen, das man chemisch auch herstellen kann, man kann nicht jedes Verkehrssystem flächendeckend einführen, obwohl es technisch kein Problem darstellt, also in diesem Sinne, genau, wie das jeden Tag hier argumentiert wird. Diese Umorientierung bedeutet denn auch etwas vollständig anderes im Hinblick auf das, was das sich Zeitigende, das sich Ereignende sein wird. Es kann es ja nicht sein, das, was ewig gleich bleibt und auch nicht das, was erst am Ende aller Tage kommt. Von beidem haben wir nicht viel, außer wir wollten uns gleich wie die Lemminge verhalten. Und das kann ja schlußendlich nichts anderes sein, als die Fähigkeit zu warten. Da schließt sich eigentlich der argumentative Kreis: gegenüber der Zeitlichkeit, gegenüber dem Druck zum Erkennnen historischer oder evolutionärer Perspektiven, zur Bewältigung des Alltags "Ich muß meinen Bus erreichen, ich muß im Büro sein, ich muß wieder nach Hause kommen, ich muß die Kinder in den Kindergarten bringen..." - unter diesem Druck ist die einzige Möglichkeit, die Leidensbereitschaft nicht masochistisch mit Knute und Peitsche usw. auszuleben, die des Wartenlernens. Oder das Leiden erfüllt sich, die Fähigkeit zum Leiden an der Zeitlichkeit im Sinne einer solchen Voraussetzung der Wiederholbarkeit erfüllt sich im Warten. Da können Sie natürlich sagen, ja, wann ist das Warten tatsächlich eines im Sinne dieser Geduld? Ich habe nicht diese Fähigkeit, mich hinten anzustellen, ich habe nicht diese Geduld. Dann würde man sagen, wer die Geduld nicht hat, hat das Warten selbst noch nie als ein warten ohne Erwartung für sich selber zum Thema machen können. Für ihn war das Warten immer nur ein Zwischenraum zwischen den Ereignissen oder ein Scharnierstück zeitlicher, aneinander anschließender Ereignissketten. Aber das Warten als eigentümliche Form der Erfahrung von Zeitlichkeit hat er noch nicht für sich entdeckt. Und genau darum geht es: weder sich auf das bloße Erfüllen der Erwartung einzulassen, noch überhaupt etwas zu erwarten im Sinne der Erfüllung von Utopien, Perspektiven etc., aber auch nicht Abstand zu nehmen, wie die ostindische oder ostasiatische Meditationstechnik - sich selbst sozusagen überhaupt nicht mehr wahrzunehmen als Wartender, weil man leer wird - das ist ja überhaupt gar kein Warten mehr in der Meditation - sondern das tatsächlich als einen eigentümlichen Zustand der Zeiterfahrung für sich zu gewinnen, als eine ganz eigene Form. Diese merkwürdige Form des Leidens an, aber im Sinne eines aktiven, nicht eines passiven Er-leidens, im Sinne eines Zumutens. Das ist die empfehlbare Form des Umgangs mit dem Problem - Therapie kann man da nicht sagen, weil sie niemandem hilft, der sich nicht selbst helfen kann. Man kann nicht für jemanden anderen warten. Man kann zwar in der Schlange warten für jemanden, der später kommt, aber man kann niemanden anderen in diesem Sinne warten. Und Sie wissen alle warum - weil man auch für niemanden anderen leiden kann. Außer in der bemühten Annahme, ich verstehe, du hast jetzt Schmerzen. Aber wenn man sich ernst nimmt, kann man sich nicht einmal an seine eigenen vor fünf Jahren erlittenen Schmerzen erinnern, die man in einer ähnlichen Situation gehabt hat. Das ist einem völlig unmöglich, in diesem Sinne ein "compassion", ein Mitleiden zu entwickeln. Wer also die Möglichkeit für sich gewinnen will, in absoluter Modernität Zeitgenosse zu sein, in dieser Bereitschaft, mit anderen im großen Stil Ohnmachtserfahrungen zu teilen, anstatt bornierte Wahnwitzigkeiten von ausgedachten Lösungen der Probleme, der muß warten lernen. So weit so gut.