Streitgespräch: „Multikultur- eine Chimäre wird erledigt“

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Zehn Braunschweiger Gespräche zum Thema "Europa und die Deutschen"

Multikultur - eine Chimäre wird erlegt

Das letzte große nebelhafte Fabelwesen, dem Politiker und Intellektuelle, Lobbyisten und Journalisten mit Leidenschaft nachstiegen - wie einst die Höflinge Burgunds dem Einhorn durch die Wälder folgten, um es ihren Damen in den Schoß zu bohren - , dieses Fabelwesen war der Sozialismus. Noch vor fünfzehn Jahren wurden in seinem Namen gedankliche Unsinnigkeiten, peinliche Bekenntnisse und humanistische Beschwörungen als allgemein zu erfüllende Menschenpflicht dargestellt. Wer sich eine kritische Nachfrage erlaubte, wurde reaktionärer Sabotage dieses hohen Menschheitsideals bezichtigt. Die Protagonisten logen, daß sich die Balken bogen, und - was noch viel schlimmer war - sie glaubten aus vollem Herzen, was sie als Konsequenz streng wissenschaftlicher Analysen verkündeten. Was lehrt uns dieses Debakel? Man darf noch so großartige abstrakte Gedankenkonstruktionen, die man gemeinhin Utopien nennt, nicht mit Handlungsanleitungen für die politische und wirtschaftliche Gestaltung gesellschaftlichen Zusammenlebens verwechseln. Utopien sind notwendig, um soziale Zustände kritisieren zu können. Wer eine Utopie platterdings zu verwirklichen behauptet, entzieht sich damit jeder Kritik; das ist dann jener sprichwörtliche Schrecken ohne Ende wie ihn uns die Fundamentalisten bereiten; oder das schreckliche Ende eines fundamentalen Irrtums, als das sich die Militärdiktaturen anpreisen.

Gegenwärtig machen interessierte Kreise, samt und sonders mit Einkommen weit jenseits des Durchschnitts oder mit Omnipotenzphantasien weit über dem normalen Maß von Ohnmachtserfahrungen Reklame für ein Vielhorn aus den Hinterwäldern der Moderne: die Multikultur. Und sie machen zugleich Reklame für deren fundamentalistische und diktatorische Verwirklichung. Von Cohn-Bendit bis Heiner Geisler, von den Autonomen bis zu den katholischen Frauenverbänden, von der Ausländerbeauftragten Schmalz-Jacobsen bis zum Staatsphilosophen Habermas tönt und braust es bald als Jubel, bald als Donnerhall: Multikultur! Multikultur - die Rettung vor allen anstehenden Problemen moderner Gesellschaften. Wo mit Pathos und jesuitischer Rabulistik in der Überzeugung, dem höchsten Ideal zu dienen, auf Gesetzgebung und Rechtsprechung derart Einfluß genommen wird, wie das die Multikulturler tun, wo Alltagskonflikte zu rassistischem Terror stilisiert werden, um den eigenen Widerstand als multikulturellen Antirassismus heroisch ausleben zu können - bei all diesen so selbstverständlich und selbstsicher die Multikultur preisenden Zeitgeistern sollte man eigentlich annehmen, daß sie genau wüßten, wovon sie bei Multikultur reden; daß sie sich zehnmal überlegt hätten, was denn eine multikulturelle Gesellschaft sei, bzw. warum eine multikulturelle Gesellschaft besser funktioniere bei Konfliktregulierungen als eine monokulturelle mit etablierten Minderheiten. Indessen: wer die Literatur des letzten Jahrzehnts daraufhin durchsieht endlich zu erfahren, was die tausende überzeugter Multikulturler erarbeitet hätten, muß nach drei Jahren harter Studien verbittert feststellen, daß es buchstäblich keinen einzigen grundsätzlichen Gedanken, geschweige denn ein Konzept für Multikultur gibt - weder in Nordamerika, noch in Europa, schon gar nicht im ehemaligen Ostblock oder postkolonialistischem Afrika, respektive Indien. Wollte man ganz großzügig sein, könnte man bestenfalls so etwas wie eine Utopie der Multikultur erahnen, nur leider in Gestalt einer Tautologie, etwa so: im Grunde besteht jede Gesellschaft schon immer aus lauter Minderheiten - Kaninchenzüchtern, Hundeclubs, Mercedes, BMW, VW, Akademikern, Handwerkern, Soldaten usw. Warum sollte da nicht die Minderheit der Hessen mit der Minderheit der Kurden, die Minderheit der aktiven Protestanten mit der Minderheit der aktiven Moslems, die Minderheit der nomadisierenden Touristen mit der Minderheit der herumziehenden Sinti und Roma ebenso friedfertig wie Elberfelder und Barmener, wie Burger King und Mc Donalds zusammenleben? Wo die Leute friedfertig leben, leben sie multikulturell, und multikulturell leben heißt, friedfertiges Zusammenleben verschiedenster Minderheiten. Wie gesagt, eine Tautologie. Mit ihr den Alltag einer Gesellschaft organisieren zu wollen, muß so fatal scheitern wie die Akademie von Lagado, der Jesuitenstaat in Paraguay, die Idealgesellschaft in der Saline von Chaux, der indische Allunionsstaat, respektive der sowjetische oder die amerikanische melting pot-Gesellschaft.

Zwei Klarstellungen vorweg: Ich glaube nicht, daß die zusätzliche Ansiedlung von irgendwelchen Großgruppen aus irgendwelchen uns fremden Kulturlandschaften den Zustand unserer Gesellschaft auf wesentlich anderem Wege zugrunderichten wird, als wir es selbst bisher schon tun. Wer an einem Samstag einen Zug benutzt, mit dem randalierende Fußballfans in die Stadien reisen, wer deutsche Autobahnen befährt und die lieben Mitbürger tonnenweise trotz zehnjähriger Umweltschutzkampagnen Verpackungsmüll auf die Böschungen werfen sieht, wer mal in die Haupt- und Berufsschulen oder gar antiautoritären Kindergärten hineingeriet, wird kriminellen Egoismus, Gleichgültigkeit und Desinteresse, Gewaltgeilheit und stupende Dummheit, die unsere Zukunft bestimmen werden, nicht mehr den einwandernden Zigeunern oder Ghanesen anlasten; selbst dann nicht, wenn sie sich tatsächlich so verhielten, wie es der Ruf ankündigt, der ihnen vorausgeht.

Sonderbar - gerade die Multikulturler beschwören die heile Welt unserer angeblich so reichen, so mächtigen, so stabilen und so effektiv organisierten und arbeitenden Republik. Es macht sie verdächtig, daß sie sich blenden lassen von der erzwungenen Friedfertigkeit der Kalte Kriegs-Periode, daß sie die üppig sprudelnden Fürsorgequellen für unerschöpflich halten, daß sie die Partizipation aller am mühelosen Reichtum und Wohlergehen nur für eine Frage gerechter Verteilung halten und auf Erziehung und Bildung, Regelbefolgung und moralische Kodizes als atavistische Willkür herabblicken. Wer sich so gravierend über eine Gesellschaft täuscht, wie die Multikulturler sich über das Sozialparadies BRD täuschen - trotz jedermann sichtbarer horrender Staatsverschuldung, verrotteter Infrastruktur wie Hochschulen und Kanalisation der Großstädte -, dem kann schlechterdings ein vernünftiges Urteil über gesellschaftliche Entwicklung unter der Ideologie der Multikultur zugetraut werden. Selbst ihr humanitäres Engagement macht sich verdächtig: Wann haben denn die Kaffee und Kuchen, Kerze und Weihrauch schwenkenden Repräsentanten und selbsternannten Patenonkel der einwandernden Wirtschaftsflüchtlinge je ihre helfende Hand den hunderttausenden alleinstehenden Rentnerwitwen geboten, die nach langjährigem Arbeitsleben und dem Aufbau jener Republik, die die Multikulturler als selbstverständliche Himmelsgabe ansehen, in physischem und psychischem Elend dahinvegetieren? Wann haben die Fackelschwenker gegen Ausländerfeindlichkeit sich je gegen brutales Abwracken der Altersheiminsassen unseres Landes auf die Straße begeben?

Nicht wir, die wir dem Multikulturalismus als sozialer Strategie skeptisch begegnen, hängen tränenselig an der Heilen Welt-Vorstellung des Paradieses Deutschland. Genau umgekehrt - das Paradies Deutschland wird beschworen, um die Multikultur vertrauenswürdig zu machen. In dieser Hinsicht gleichen die Multikulturler an Naivität, gefährlichem Realitätsverlust und unvorstellbarer Überschätzung des deutschen Potentials der regierenden Opposition wie Schröder und Genossen und der opponierenden Regierung wie dem FDP-Ideologen Hirsch und seinem Rudel.

Wie geriet man eigentlich in die Multikultur-Diskussion? Antwort: durch Uneinsichtigkeiten, Trotzköpfigkeiten und Notwehrlügen mit Solidaritätserpressung. Man wollte partout behaupten, daß alle Asylsuchenden tatsächlich politisch Verfolgte seien und nur aus edelsten Motiven in diese Lage geraten seien, obwohl die Lebenserfahrung von jedermann diesem geschönten Bildnis widersprach. Dann forderten in aller Offenheit berüchtigte Folterknechte wie die der Securitate und beliebige kriminelle Schlepper und Bauernfänger politisches Asyl für sich, und endlich mußte man zugeben, daß der allergrößte Teil der Asylsuchenden sich nur als solche darstellten, weil es für Deutschland kein Einwanderungsverfahren gibt. Um die BRD endlich zum Einwanderungsland zu machen und das als großen Gewinn zu verkaufen, lancierte man die Multikultur als Fortsetzung der beliebten Nachbarschaftsstadtteilfeste bei Bockwurst, Kebap, Paella, Pizza, Curry Chutney, Borschtsch und Froschschenkelragout. Wer dieses Verbrüderungstheater ohnehin nicht glaubt, bekommt vermeintlich unüberbietbare Vorteile in Aussicht gestellt: Wir bräuchten die Einwanderer in jährlicher Millionenzahl, damit sie uns unser Wohlleben und unsere Rentnerzukunft sicherten - das schamloseste aller Pseudoargumente, zumal die Multikultis ansonsten sich als radikale Verteidiger der ausgebeuteten Arbeitssklaven gerieren. Auch der Abbau aller von den Gewerkschaften errungenen Schutzgesetze für deutsche Arbeiter wird im Namen multikulturellen Umbaus gerne hingenommen, zur offenen Freude deutscher Unternehmer, deren Interesse an der Einwanderung billiger, anspruchsloser und schutzloser Arbeitskräfte wenigstens nicht geheuchelt ist. Wie gesagt - die Multikultur wird uns von Leuten aufgezwungen, die Geld genug haben, sich hinter elektronischen Ghettozäunen und bewacht von Privatarmeen vor den Auswirkungen gesellschaftlicher Instabiliät durch Massenarbeitslosigkeit und durch Verlust kultureller Bindungen zu bewahren. Die Multikultur wird uns von Leuten als Heilsbotschaft aufgeschwatzt, die ihre Interessen am besten glauben, in heilloser Zeit an den linken wie an den rechten Mann bringen zu können.

Aber was, um Himmels willen, soll das sein - die Multikultur? Die Naivlinge sagen: viele einzelne kulturelle Gemeinschaften in einem Land, in einem Staat. Entscheidend ist also das "Zusammen", zum Beispiel als gemeinsame Orientierung der kulturell verschiedenen Gruppen auf eine für alle verbindliche Verfassung. Was aber bleibt von der angeblichen kulturellen Autonomie und Identität beispielsweise eines Moslems, gar eines fundamentalistischen, der etwa das deutsche Grundgesetz in vollem Umfang respektierte? Ganz sicher wird ein Einwanderer für seine kulturelle Identität seinen Glauben höher veranschlagen, als es die strikte Trennung von Staat und Kirche zuläßt. Die Gebote seiner Religion einzuhalten, muß ihn mit vielen hier rechtlich gesicherten Freiheiten in Konflikt bringen. Er wird auch seine Sprachzugehörigkeit als entscheidende Ausprägung seiner kulturellen Identität verstehen - völlig zu Recht, jedermann auf der ganzen Welt würde das tun. Spricht da nicht die Notwendigkeit, eine fremde Verkehrssprache beherrschen und akzeptieren zu müssen jedem Anspruch auf kulturelle Eigenständigkeit Hohn? Was bleibt noch von der angeblichen Multikultur unter solchen Zwängen wirtschaftlicher, sozialer und politischer Art? Etwa die Heimatverbundenheit oder das Bewußtsein regionaler Besonderheiten? - Wenn Heimat das ist, was sich nicht verändert seit Kindestagen, dann gibt es deutsche Heimat nur noch als ekelerregende Placebos Kohl´scher Beschwichtigungsmedizin. Daß Regionenautonomie lachhaft wird, wenn überall die gleichen international gehandelten Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände, Fernsehprogramme und technologischen Kenntnisse vorherrschen, dafür sorgt die Marktwirtschaft, deren Effektivität gerade darin besteht, auf keinerlei kulturelle Extrawurst Rücksicht zu nehmen, es sei denn, diese schön strukturierte Fäkalie ließe sich zu Gold machen.

Nun erklären uns die Multikultis fundamentalistisch eindeutig und diktatorisch stramm, in ihrem Verständnis käme weder Integration der Multikulturen noch ihre Assimilation in Frage, Integration in den Geltungsbereich sprachlicher Vermittlung, einheitlicher Verfassung, europäischer Rationalität und Freiheit. Bleibt offensichtlich nur noch das von allen akzeptierte Primat des Geldes und der Macht. Solche in Aussicht gestellte Multikultur ist nichts anderes, als die Verbrämung des "survival of the fittest" unter dem Schutzschirm des Antirassismus, der Naturliebe und der latenten Sehnsucht nach Märtyrertum. Nur ein einziges Mal rutschte einem Multikulti-Ideologen, ausgerechnet Cohn-Bendit, in einem ZEIT-Artikel die Wahrheit aus dem Schutzfutteral. Da beschrieb er die multikulturelle Gesellschaft ungfähr so, wie sie sich heute bereits in Los Angeles austobt: zwischen Koreanern, Chinesen, Hispanos, Schwarzen und Weißen - grausam, brutal, räuberisch, aber als heroische Tat und nicht als kriminelle. Das endlich ist die Lösung, auf die Multikultis, so weit sie noch Grips bewahrt haben, hinauswollen. Es sollen endlich überall Verhältnisse herrschen wie in den Ländern, aus denen Menschen massenweise emigrieren. Dann wird es keinen Grund mehr geben, fortzuwandern. Die Illusion der Multikultur umstrahlt diese Verwandlung, damit die Armen und Schwachen, die Menschen ohne Vermögen, aus denen sie Schutzgelder oder Ghettogebühren bezahlen könnten, stillhalten und den Großdenkern und Visionären der Multikultur in Verehrung begegnen wie einst den Priestern, die über den Schlüssel zum himmlischen Paradies verfügten. Wenn ohnehin Los Angeles-Verhältnisse, von Kalkutta wollen wir gar nicht reden, unvermeidlich unsere Zukunft sein werden, dann wollen wir nicht auch noch mit dreisten Lügen oder naiven Märchen von der Multikultur genarrt werden. Je weniger wir ßuns zum multikulturellen Narren machen lassen, desto größer ist die Chance eines anderen Weges, den die Moderne beschritt: entweder liquidieren sich die einzelnen Kulturen in ihrem Autonomiewahn allesamt à la Jugoslawien selbst oder die Menschen unterwerfen sich als Bürger dieser einen Welt einem gemeinsamen Kanon verbindlicher Regeln und universal geltender, zivilisatorischer Standards unterhalb derer jeder nach eigener Facon volkstanzend, Dialekt schnabelnd und batikend kulturell selig werden kann.