(Nicht veröffentlichter Beitrag)

für die BILD-Zeitung, September 1999.

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Unter Verdacht.

(Originaltitel Menschenzüchtung.)

Peter Sloterdijk ist der produktivste Kulturwissenschaftler in Deutschland mit breiter Medienpräsenz. Das finden seine Fachkollegen bedenklich – aus uneingestandenem Neid? Vor allem wohl deshalb, weil sie sich als Experten das entscheidende Urteil über problematische Sachverhalte vorbehalten wollen. Sie haben noch nicht kapiert, was inzwischen für jeden Arzt gilt: der Patient hat das letzte Wort bei der Entscheidung über Therapien.

Inzwischen inszenieren ausgerechnet Sloterdijks Kollegen für ihn fast tägliche Medienpräsenz. Sloterdijk hatte im Juli 1999 auf Schloß Elmau, einem Ort des gepflegten Humanistengesprächs, die Frage erörtert, ob die bereits praktizierten und absehbaren Eingriffe in das menschliche Erbgut mit dem europäischen Humanismus vereinbar seien.

Sloterdijk zitiert unverblümt einen der Erzväter unseres Humanismus, den griechischen Philosophen Platon, der in seinen Schriften über den Staat und die Staatsführung vorgeschlagen hatte, die Führung der Menschen am Beispiel der guten Hirten und Viehzüchter auszurichten. Bei Licht besehen, so Sloterdijk, heißt Humanismus seit 2500 Jahren Veredlung des Menschen durch Bildung und Ausbildung; Veredlung ist nur ein freundlicher Name für Zähmung und Züchtung. Dazu war den Humanisten fast jedes Mittel recht, von der Schulpflicht über die Verfolgung von Uneinsichtigen bis zum Krieg im Namen des Friedens (jüngst im Kosovo). Auch die Entwicklung der Gentechnologie wurde und wird von humanitären Motiven bestimmt, z.B. das Leiden unter genetischen Defekten zu lindern. Genetiker sehen sich durchweg als exemplarische Humanisten. Sie erarbeiten die Grundlagen für die allgemeine "Anthropotechnik" (Sloterdijk), das ist der griechische Ausdruck für das Einrichten der Menschen in der Welt, die sie sich schaffen. Diese Welt nennt Sloterdijk "Menschenpark", und er fragt, welche Regeln dort zu gelten hätten – gerade wenn, wie in den USA, genetische Programmierung von Pflanzen, Tieren und Menschen unaufhaltsam und mit kommerziellem Erfolg betrieben wird.

Menschenzüchtung für den Menschenpark, das klingt ja ganz wie bei den Rassehygienikern des 19. Jahrhunderts oder gar wie bei den Nazis, vermuteten Sloterdijk-Kritiker auf allen Kanälen. Sloterdijk habe eine stillschweigende Übereinkunft verletzt, in Deutschland solche Themen nach den Versuchen, "nicht lebenswertes Leben" und "minderwertige Rassen" auszulöschen, nicht mehr anzupacken. Darauf antwortet Sloterdijk: Rede- und Denkverbote helfen nicht weiter, sondern ethisch begründete Regeln für die Arbeit der Genetiker und Humanisten.

Pikanter Nebeneffekt: bisher hielten sich Anhänger und Schüler des bundesdeutschen Staatsphilosophen Prof. Habermas allein für kompetent, darüber zu bestimmen, was auf welche Weise in Deutschland diskutiert wird, meint Sloterdijk. Sie sehen ihre Felle davonschwimmen, weil sich international die Genetiker und Humanisten an die Machtworte aus der Habermas-Schule nicht halten. Deshalb greifen sie zum Bannstrahl: wer sich erlaubt, was wir nicht erlauben, setzt sich dem Verdacht aus, faschistischem Geist zu folgen.