„SitzLast - StehLust“, Wanderausstellung über das Arbeiten im Stehen und Stehpulte der Projektagentur Bien & Giersch

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

diverse Eröffnungsreden - von Hamburg bis München

SitzLast - StehLust

Manuskript

Was ich Ihnen vortrage, ist nur ein ganz kleiner Splitter im Vergleich zu dieser hervorragenden Publikation, die die Veranstalter und Bien und Giersch als Projektagentur herausgebracht haben. Es wird sicherlich ein entscheidendes Dokument auf dem Wege zur Erfüllung des hier eigentlich gemeinten Programms werden. Das, was ich Ihnen sage, ist nur ein Apercu zu dem, was hier ausführlich dargestellt wurde. Ich bin Inhaber eines Lehrstuhls, spreche hier aber im Stehen zu Ihnen. Man hat mir auch keinen Katheder, also ein Stehpult besonderer Art vor die Figur gestellt, weil man eben verhindern wollte, daß ich ex cathedra spreche. So bin ich der Lehre ausgeliefert, die aus manchem Lehrstuhl ohnehin heute schon einen Leerstuhl werden läßt, mangels Masse, und diese Masse ist im wesentlichen eine mangelnde Gehirnmasse, weniger eine mangelnde ökonomische Verfügungsmasse. Und darauf zielt unter anderem auch die Initiative von Bien und Giersch - dieses Thema eben nicht als eine kleine Spielform im kulturgeschichtlichem Zusammenhang darzustellen. Es hätten sich leicht Kunstgewerbemuseen finden lassen, die das mit einigen organisatorischen Varianten sogar zur Publikumsattraktion hätten machen können, sondern sie wollten ganz bewußt auf den Bereich unseres öffentlichen Lebens abheben, der unter, Verzeihung, wenn ich das so generell sage, unter einer gewissen Verkümmerung jener Leerfähigkeiten leidet, die das soziale Tun, die Aktivitäten, die wir aufeinander täglich mit großem Anspruch starten, auch zum Erfolg führen. Es geht nicht um eine kulturgeschichtliche Reminiszenz, sondern um die Möglichkeit, die bestehenden Büro- und Arbeitsräume einer entsprechenden Tendenz gemäß, die uns durch die Technologie beschert wird, und andere große soziale Verwerfungen, endlich eben auch als soziale Räume zu entdecken. Ein Büro als sozialer Raum ist etwas prinzipiell anderes als ein Büro als abgeschlossene Klause von ein paar für etliche Tagesstunden kasernierte Mitarbeiter. Der entscheidende Aspekt von der Umwandlung dieser Arbeitskasernen in soziale Aktionsräume ist, daß wir lernen, was diese Aktionsräume des sozialen Zusammenlebens eigentlich bestimmt. Das ist eben eine Dimension der Öffentlichkeit, die schwer bestimmbar ist, Halböffentlichkeit, inoffizielle Öffentlichkeit, die aber nichts desto weniger an die Entwicklung unserer Kulturen in ihren gesellschaftlichen Ausprägungen hängt. Diese Entwicklung wurde von zwei großen Tendenzen bestimmt: die eine ist die Entwicklung der Rhetorik, d.h. der Formen des öffentlichen Kommunizierens nach bestimmten Regelns. Die bekannteste Rhetorik ist die des Quintillian. U.a. hat Shakespeare seine Dramen, Figuren entsprechend dieser quintillianischen Anleitung entwickelt. Shakespeare ist sozusagen eine bühnenmäßige Umsetzung einer der ausführlichst überlieferten antiken Rhetoriken gelungen. Innerhalb dieser Rhetorik werden also sämtliche Figuren, die öffentlich kommunizieren dargestellt. Im Bereich unserer Arbeitsumgebung, von der wir hier sprechen, wäre das also vom Hausmeister bis zum Direktor des Unternehmens. Und jeder Funktion kam eine bestimmte Art der Anknüpfung an die Offerten, an die Identifikationsangebote aller anderen, heute sagt man Mitarbeiter, zu, und man hatte diese Angebote wahrzunehmen und zu erfüllen. Ein sozialer Verband lebt ja von der wechselseitigen Erfüllung der wechselseitig aufgebauten Erwartungen aneinander. Heute ist eine der entscheidenden Erwartungen, die wir aneinander haben, nicht daß der andere schon die Arbeit macht, die man selber nur initiiert, sondern daß man überhaupt zu einer Form des Arbeitens kommt, die auf den einzelnen Mitarbeiter hin ausgelegt ist. Man könnte geradezu definieren, heute kommt es darauf an, unsere Kulturalität im Sozialen zu entwickeln, indem wir lernen, daß Kultur zu haben heißt, sich seine Arbeit selbst schaffen zu können. Und diese Rhetoriken des Sozialen auf die Bühne, auf die Agora, auf den großen Platz, auf die Kaserne usw. übertragen, hieß eine Anleitung zu geben, wie man im miteinander Leben und Arbeiten, eine Art von Initiativkraft, heute heißt das Kreativität entwickeln kann, die naderen gegenüber eine Erwartung aufbaut - angefangen bei der simplen Neugierde bis hin zu der mitreißenden Begeisterung, den Enthusiasmus herausfordernden Art der Gemeinschaftsbildung. Im Grunde sind ja solche Sozialverbände wie Firmen Begeisterungsgemeinschaften. Führen heißt eigentlich nichts anderes als diese gebündelten Energien solcher Gemeinschaften auf Ziele auszurichten, bzw. sie inhärent ihre Ziele entwickeln zu lassen. Nun weiß eben gerade jeder, der die Erfahrungen lange gemacht hat, wie hinderlich die herkömmliche Struktur der Sitzkastel, nun ich will es vorsichtig Zellen nennen, der Kästchenzellen, die aneinander addiert eine Bürolandschaft ausmachen, wie hinderlich diese Art der Kasernierung ist. Wir sind da sehr leicht gegen die Initiativen zur gemeinsamen Begeisterung, für Themen, für Probleme auf die Diktatur des Sitzfleisches ausgerichtet. Das, was man normalerweise bürokratischen Stumpfsinn oder Beharrungsvermögen nennt - ich möchte Sie daran erinnern, daß unsere Alltagsmetaphorik in der Hinsicht sehr Eindeutiges sagt, wenn Sie von jemandem sagen, er sitzt, dann weiß man, wo er sich befindet. Man weiß also auch sehr deutlich, was das Sitzenlassen ausmacht, also jemanden einfach in der Verhocktheit provinzieller Einstellungen sitzenlassen, dabei um Gottes willen sitzenläßt, ihn sich nicht bewegen läßt und man selbst bewegt sich eben fort. Gegen diese Diktatur des Sitzfleisches als einer andererseits kulturgeschichtlich natürlich ebenso wichtigen Form der Konzentration auf eine Aufgabe auf ein Thema, ist die Initiative der rhetorischen Vermittlung von sozialer Gemeinsamkeit gerichtet, denn der Rhetor kann nicht sitzen. Und im Grunde genommen ist auch erst sehr spät die Art des Sitzens der Zuschauer zu einem bloßen Dasitzen und Glotzen wie z.B. eben in unseren alltäglichen Kommunikationsgewohnheiten geworden. Die wahren Zuhörer waren die enthusiasmierten, die weniger saßen, als daß sie aufsprangen, standen und ihre Arme begeistert in die Höhe warfen, oder eben entsprechende korporative Bewegungen, vom Applaus bis zu entsprechenden Unmutsäußerungen in Bewegung gerieten - am Platz, sozusagen stehend. Alles, was also in dieser Form der sozialen Rhetorik auf die direkte Art des Miteinanders ausgerichtet ist, ist auf das Stehen und auf seine Motivikation, auf den Raum bezogen, also auf das Gehen, das Ausschreiten ausgerichtet. Das verhindert die herkömmliche Struktur des Büros. Das soll eben nicht heißen, daß aus allen Büros Sitzgegebenheiten eliminiert werden, um sie in Stehmöglichkeiten umzuwandeln, sondern nur sehen, daß es eine zweite Hälfte, eine andere Hälfte der gemeinsamen Gemeinschaftsaktivitäten gibt, die gerade auf diese Art der rhetorischen Kommunikationsstiftung, auf das Überzeugen, auf die Begeisterung, den Enthusiasmus, ausgerichtet sind. So ist dieser Gedanke der Ausstellung eigentlich darauf ausgerichtet, diese zweite Seite der gemeinsamen Aktivitäten in Arbeits- und Lebensräumen zu entwickeln. Mit dem Stehen des Rhetors verbindet sich auch unmittelbar, alltagssprachlich das Standpunktbeziehen, die Standfestigkeit auszuweisen, Charakterstärke, Rückgrat zu beweisen - alles Eigenschaften, die ganz im Unterschied zur herkömmlichen Meinung gerade von Mitarbeitern verlangt werden und eben nicht nur von Chefs. Gerade diejenigen, aus deren Mitarbeit etwas anderes herauskommen soll, als das, was, man ihnen sozusagen vorsetzt als Aufgabe, die also Initiative und Kreativität aus dem Stand entwickeln sollen, kommt es ja daruaf an , daß sie Standfestigkeit, Position für ihre Überzeugungen, Meinungen, Ideen entwickeln. Im Grunde ist ja auch der Professor nichts anderes, als einer, der steht, wie das lateinische Wort ja sagt, und bekennt und einen Standpunkt bezieht. Er ist qua Berufsrolle dazu verpflichtet, einen Standpunkt zu vertreten. Gegenüber der Verhocktheit des Sitzfleischungeheuers in den normalen Verwaltungen, in den normalen Bürokratien, in den normalen Mitarbeitergefängnissen ist also die Aktivierung durch das Erlebnis der gemeinsamen Orientierung auf die Anwesenheit des Anderen, sonst ist Soziales kaum faßbar, auf die Präsenz des Anderen, auf die gemeinsamen Bewegungsformen mit dem Anderen, auf die gemeinsame Orientierung, drehen, bewegen, sich konfrontieren, eine außerordentlich wichtige Form der Stiftung eben gerade der Aktivität oder Kreativität aus dem Stand. In den Arbeitsräumen, die wir Büros nennen, haben technische Entwicklungen zwei große Revolutionen hervorgerufen: das eine war die Erfindung der Schreibmaschine, die die Betätiger der Schreibmaschine, zum ersten Mal Frauen im Büro, zwangen, an einem Ort zu sitzen und im Sitzen die Maschine zu bewegen, während das gesamte restliche Comptoir-Personal auf Miserikordien von erhöhten Sitzböcken mit Anlehnmöglichkeit hockten, stehend hockten und an Stehpulten arbeitend, außerdem die höheren Chargen eine kontinuierliche Bewegung durch die Arbeitsräume machten, alleine schon aus Supervisionsgründen, damals nannte man das noch Aufsicht. Also um die Orientierung nicht zu verlieren, um zu kontrollieren, welche Aktivitäten die Einzelnen entwickeln. Die Frauen waren die ersten, die im Büro zum Sitzen verdonnert wurden, daraus rührt u.a. ihre niedere Stellung, also diese Fixiertheit auf die Position. Sie selber waren nur Reagens auf die Vorgaben der Maschinen. Sie konnten selber gar nicht aktiv werden, gegenüber der Maschine waren sie gebannt auf ihren Sitz. Die zweite große technische Revolution, die das Büro erreichte, war mit der Mikroelektronik gegeben. Eine ihrer Ausprägungen war u.a. das kabellose, das drahtlose Telefon. Wie eben auch die Möglichkeit, mit kleinsten Arbeitseinheiten, elektronischen Medien im Gehen und in der Bewegung zu arbeiten. Mit kabellosem Telefon, das werden Sie bemerkt haben, wird fast jeder im Stehen oder in der Schaukelbewegung telefonieren, die nicht sehr fern von einer gewissen Krankheitserscheinung kasernierter Tiere im Zoo ist, Hospitalismus nennt man das, zumindest wird er den inneren Impuls verspüren, sofort stehend zu kommunizieren. Warum? Weil er über die akustische Wahrnehmung seinen Partner vor sich sieht, in einen lebendigen Austausch kommt und sofort die Figuren des lebendigen, sozialen Miteinanders einnimmt, die wir herkömmlich im Gespräch auch einnehmen. Das Sitzen hat ja eine, auch physiologisch bedingte Art der Sedierung, des Stillstellens, wenn man entspannen will, so richtig zurücklehnen und locker lassen will, dann sitzt man eben meistens noch tief nach hinten gelehnt und verliert dabei jede Art von Aktivität. Die modernen Bürosessel hatten schon einen Versuch gemacht mit ihrer Kompressionsfederung, die ermöglichte, daß man wenigstens hin und wieder mal ein bißchen in die Höhe schnellen konnte. Das ist aber eben nicht weitgehend genug gelungen. Mit der Einführung der Stehmöbel in die Büros sollte das nun in einem hohen Maße möglich werden. Es hat eine zweite Ebene der technischen Revolution sich auf das soziale Verhalten von Mitarbeitern oder von Mitgliedern einer Begeisterungsgemeinschaft schon jetzt bemerkbar gemacht, nämlich die Tatsache, um mit Marshall McLuhan zu sprechen, daß wir langsam in einem "global village" leben, daß heißt, daß überall an jedem Ort, in dem Menschen leben, mehr oder weniger gleiche Strukturen herrschen und man mehr oder weniger die räumlichen Distanzgrenzen verliert. Das Ganz schnurrt zusammen auf einen Aktionsbereich, in den jeder mit angeschlossen ist. Das hat aber nicht zur Folge, daß die Territorialsicherung, also die Grenzen beispielsweise unerheblich werden, sondern im "global village", wie jeder Anthropologe oder Ethnologe weiß, sind die Grenzmarkierungen noch viel wichtiger, als je zu imperialistischen Zeiten des 19. Jahrhunderts. Und wie werden Territorien markiert? Ausschließlich durch Eigenaktivität - ein Hund läuft herum, um sein Territorium zu markieren, er setzt nicht irgendein Möbel oder Blumentopf oder Poster an den Ecken ab, und behauptet damit, das sei seins, denn wenn er es nicht aktiv ausfüllt, wird von anderen bestritten, daß es seins sei. Er muß also den Raum durchagieren, er muß sich in dem Raum tatsächlich als präsent und auch in gewisser Hinsicht als dominant erweisen. Mit anderen Worten, wir werden die gesamte globale neue nomadologische, also Nomaden sind ja Menschen, die herumziehen, Lebensweise auch auf das Büro übersetzen müssen - warum?, um die Sicherung von Aktionsterritorien zu erreichen. Mit symbolischer Repräsentanz, hier ein Namensschild, hier mein Gummibaum, hier mein Blumentopf, hier die Kinderschule meines kleinen Kindes, ist es nicht mehr getan. Das wird, wie sie alle wissen, heute ziemlich leicht und ziemlich gleichgültig weggefegt, bzw. belächelt oder als Kitsch geradezu als Negativmarkierung des eigentlichen Territoriumsbehaupters dargestellt. Man weiß schon, daß, wenn man zu jemandem mit Gummibaum oder Kinderschühchen kommt, daß man mit dem gewissermaßen machen kann, was man will, wenn man geschickt genug ist. Hingegen, wer aktiv sein Territorium ausfüllt, in ihm agiert, sichert sich auch dieses Aktionszentrum, vor allem im Hinblick auf die Möglichkeit, mit anderen darin gemeinsam vorzukommen. Ich war in Japan mehrmals und hatte die Gelegenheit, in unserem Kulturinstitut von der Uni gegenüber Großraumbüros der Japaner zu arbeiten, die ja auch keine festen Wände haben. Das sind ja alles große verglaste Scheiben, also die ganze Öffentlichkeit nimmt an der Arbeit teil. Uns fiel auf, wie die Japaner sich im Stundenrhythmus von den Sitzplätzen erhoben, dann in kleinen Gruppen verschieden im Raum zusammenkamen, dann plötzlich strömten alle Gruppen zusammen auf den Kopf des Raumes zu. Da saß der Chef der Abteilung, und dann hat man stehend die entscheidenden Aktivitäten gestartet und stehend rhetorisch, in diesem Sinne also sozial verbindlich miteinander kommuniziert. Und dann löste sich das Ganze wieder in Kleingruppen auf, und ging dann wieder auf den einzelnen Sitzplatz über. Es war also ein ständiger Wechsel zwischen der Arbeit am ausgewiesenen Arbeitsplatz und der Kommunikation als kleiner Gruppe hin zu einer großen. Diese Wechselbewegung ist natürlich nicht möglich, wenn der ganze Raum mit stabilen Möbeln besetzt ist und eben nicht mit dem, was der Begriff Möbel eigentlich zeigt, das ist das mobile, das Bewegliche. Nun die herkömmlichen Sitzmöbel sind gar keine beweglichen Güter mehr. Die hier jetzt thematisierten Steharbeitsmöbel sind eben tatsächliche mobiles, nämlich im Hinblick auf die Mobilisierung des Nutzers. Der eigentlich Bewegte ist dann tatsächlich der Nutzer selbst. Er läßt sich durch die Objekte, ihre bestimmten Funktionsweisen, ihre Art, und zu Aktivitäten aufzufordern, stimulieren. Das führt zu einer Art von Techno-Nomadentum, das eben nicht ins Unverbindliche der Asozialität abgleitet, sondern sich auch innerhalb der festen ausgewiesenen sozialen Verbände, Arbeitsgruppen, Firmen beispielsweise übertragen läßt und da die Aktionsmöglichkeit jedes Einzelnen potenziert. Diese Art von Dynamisierung der Akteure durch die Arbeitsmittel ist meiner Ansicht nach, eine der wirksamsten Formen, sich selbst nicht auf dem breiten Hintern auszuruhen und alles andere kalt an einem abprallen zu lassen, was man seinen Funktionsbereichen gemäß eben nach Belieben zur Kenntnis nimmt oder eben nicht. Wir kommen mit uns selbst nicht mehr aus, wir brauchen die Stimulierung durch die Orientierung auf andere Menschen, wir bilden keine Vorstellungen oder Phantasien mehr aus, wenn wir sie nicht in Beziehung auf soziale Kontakte mit anderen entwickeln können. Wir werden gerade durch die Annehmlichkeiten unseres Alltagslebens zu stumpfsinnigen Konsumenten, im buchstäblichen Sinne zu Hockern, eben zu vermieft provinziellen Hockern, die meisten bleiben Nesthocker ihr Leben lang, übertragen das dann von der Mutter auf den Firmenchef. Da sitzen sie nun und wundern sich, daß es mit der gesamten Gesellschaft nicht weiter so rasant bergauf geht, daß sie auch selber noch mitgeschleift werden. Es käme also jetzt darauf an, sich in seinem eigenen Arbeitsbereich daraufhin zu überprüfen, wie man die Komponente der Orientierung durch Sitzen, durch Stabilität erweitern kann, ergänzen kann durch die Selbstdynamisierung in den Objekten, in den Arbeitsmitteln zum Zweck einer erhöhten Bindung an andere. Die Möglichkeit bis hin zur Attraktivität, d.h. jemand zieht andere an sich, weil man in ihm eine andere Art von Stil, von Motivation, von Begeisterung, von Enthusiasmus bieten kann. Es ist eine andere Art von Beweglichkeit, die man sich selbst abverlangt, sowohl im physiologischen Sinne, also etwa die Handhabung, Beherrschung und Nutzung des eigenen Körpers, wie eben auch die Nutzung der sozialen Motiviertheit. Das Entscheidende dürfte sein, daß wir wissen, wir leben nicht in Ziegelstein, nicht in totem Material des Objektbereichs, der uns nun hier als Heimat, als Wohnhaus, als Firma, als Lager oder als Büro angeboten wird, sondern wir leben in dem, was wir unserer eigenen Fähigkeit zu tun, nämlich zu denken im wesentlichen leisten. Die Eröffnung des Zugangs zu der eigenen geistigen Mobilität, zu dem Höhenflug der Gedanken, zur Entwicklung von einer bestimmten Art des Selbstantriebs, im Sinne des Sichaufmachen - das erleichtern die Möbel besonders, die eben nicht behaupten, daß sie an Ort und Stelle eindeutige Definitionen für immer hinterließen und wir uns ihnen zu unterwerfen hätten. Die Möbel, die Sie hier aus der Kultur des Stehens, Gehens und Arbeitens sehen, ermöglichen Ihnen tatsächlich die Mobilität, von der die Architektur schon seit 70 Jahren spricht, aber die von der Raumgestaltung her nie erfüllt wurde. Hier bietet sich jetzt eine Chance dazu. Die Initiative der Firma ist meiner Ansicht nach in dieser Hinsicht gar nicht zu unterschätzen. Aber es wird lange dauern, bis Sie eben allen Menschen klar machen, daß diese zweite Hälfte unserer kulturellen Tradition, die Sie bitte im Katalogbuch nachlesen mögen, von kulturellen Aktivitäten eingeholt wird.

Ich will nur eine von ihnen zum Schluß nennen, weil die zu meiner Profession gehört: Die gesamte europäische Zivilisation hängt von zwei großen sozialen Bewegungen ab. Das eine sind die antiken Schulen und das andere sind die mittelalterlichen Mönchsgemeinschaften, die Klöster, die ab 512, ab Benedikt von Nursias Revolution entwickelt wurden. Innerhalb der griechischen Schulen, der antiken Schulen, sind die Peripathetiker die bedeutsamsten geworden, d.h. die aristotelischen Studiosi, die im Gehen philosophierten. Man hatte den Zusammenhang zwischen locomotion, zwischen Bewegung des Körpers im Raum, zwischen der Anregung der eigenen Neurophysiologie durch die Bewegung selbst entdeckt und wußte, daß man körperliche Bewegung als Stimulation des Denkens braucht. Aristoteles hat seine Schüler ausschließlich im Gehen unterrichtet. Die zweite - diese peripathetische Ebene ist außerordentlich wichtig. Stellen Sie sich vor, wir würden das heute nachvollziehen, das kann Ihnen übrigens jeder Neurophysiologe auch im Experiment beliebig zeigen, gerade z. B. in Reha-Kliniken wird das ja genutzt, um lahmgegelegte Gehirnfunktionen wiederzuerwecken. Da wird ja ausschließlich mit dem äußeren Körper gearbeitet, um die geistigen Funktionen wiederzuentwickeln, die durch Traumata, also durch Beschädigung lahmgelegt sind. Das brauchen wir alle. Die zweite große Bewegung ist die der mittelalterlichen Mönche gewesen, die u.a. auch diese peripathetische Tradition übernommen haben. Sie kennen ja alle die Ritualisierung des Gebets und der Kontemplation vom christlichen sedes, also vom Stuhl, in dem die professionellen Mönche saßen, bis hin zum Durchschreiten des Kreuzganges, eine außerordentlich leistungsfähige Form des Lernens durch die soziale Anwesenheit des Anderen. Und auch durch den genuß der Anwesenheit des Anderen, in der Bewegung, die man gemeinsam vollführt. In der 20er Jahren ist das wieder aufgenommen worden in dem Begriff des "swing". Der swing ist ja nichts anderes als eine kollektive Ausprägung von Bewegungsformen. Diesen swing sozusagen als eine Art der Bewegung des Geistes, der Gemüter, der Vorstellungskraft wiederzuentdecken, haben die Mönche außerordentliche Anstrengungen vollbracht. Sie waren eben alles andere als Stubenhocker. Es gab einige Orden, die sich unter bestimmten Bedingungen in die Askese der Zellen zurückzogen, aber im großen und ganzen als Kultuvatoren Europas waren sie von solchen Aktivitäten geprägt. Und ich bin überzeugt, daß ohne die Zurüstung der entsprechenden Arbeitsmittel weder die griechischen Schulen noch die mittelalterlichen Mönchsorden so erfolgreich gewesen wären. Hier haben wir ein analoges Angebot zur Ausrüstung unserer eigenen peripathetischen Bewegungen, unseres eigenen sozialen swings in der Arbeitsgemeinschaft, in dem Miteinanderarbeiten, und wir sollten sie nutzen. Die einzelnen Aktivitäten bleiben jedem unbenommen, aber das, was eigentlich zählt, ist die Möglichkeit, sich aus der Bewegung einer Gruppe heraus in einer bestimmten Weise auch zu einem entsprechend anderen, nicht mehr auf die Willkür, nicht mehr auf die eigene Lustgewinnung ausgerichtete Art des Denkens zuzulegen. Oder wenigstens von anderen abzusehen und sie auf einen selbst übertragen zu lassen. Ich hoffe, daß Sie jetzt alle das Programm verinnerlicht haben, nämlich durch die Schwierigkeiten, die Ihrem Körper das Stehen bereitet, da Sie alle eben noch nicht gelernt haben zu stehen, nach so vielen Jahrhunderten Fesselung an den Sitz, oder in Ihrem Falle eben jahrzehntelange Fesselung an den Sitz. Das heißt eben auch im Umgang mit diesem Möbel müssen wir unseren Körper völlig neu zu beherrschen lernen. Das Gehen und Stehen im Arbeiten will überhaupt erst gelernt sein, aber da finden wir nun schon viele hinreichende Angebote von Physiotherapeuten, die dann in die Büros einziehen, um uns mit uns selbst in Übereinstimmung zu bringen. Also ein großes Spektrum an einem unerheblich scheinenden Objekt, aber gerade das ist der eigentliche Impact bei dieser Art von Objekten. Das wollte ich Ihnen mitteilen, wie gesagt, nur ein Splitter aus dem Kontext, dessen, was im Buch dargestellt worden ist. Vielen Dank.