ProPrint Forum - print & media-Kongreß ’94

Lebensqualität - beeinflußt durch digitales Erleben, Wertwandel zugunsten der elektronischen Informationsverarbeitung. Die Vorstufe zu einem neuen Mittelpunkt

1. Kriterien der Lebensqualität in der Informationsgesellschaft sind Aktionsradius der Individuen, Umfang und Intensität der Weltaneignung, Integration in unterschiedliche kommunikative Beziehungsnetze, Realzeitkommunikation.

2. Voraussetzungen für die Ausschöpfung dieser Lebensqualität ist kommunikative Kompetenz als Befähigung, Medien aktiv zu benutzen und auf die Angebote Dritter so zu reagieren, daß die Kommunikation fortgesetzt werden kann - auch bei Verneinung die kommunikative Beziehung nicht aufgegeben wird. Die mediale Vermittlung aller Kommunikation erfordert einen hohen Grad an Wort- und Bildalphabetisierung.

3. Wer Texte und Bilder nicht lesen kann, kann auch nicht medial kommunizieren. Multimediale Kommunikation erfordert neue Ikonografien und Semantiken. Die Verarbeitung von Bild und Text wird zur Form des "Verstehens". Den größten Teil der Informationen und Mitteilungen in kommunikativen Netzen verarbeiten wir nicht; er bleibt also unverstanden. Bild- und Textalphabetisierung wird zur Resource der Kommunikation, wenn man lernt, auch das Unverstandene zu nutzen. Das geschieht in Form der Problematisierung.
Fazit: Multimedial erweiterte Kommunikation verläuft weniger über Konsens und Wiederholung als über innovative Abweichung, über produktives Mißverstehen und wechselseitige Übertragung spezifischer Medienleistung. Bilder sind nicht Illustrationen eines Textes, Texte nicht Beschreibungen von Bildern, und Grafiken sind nicht Veranschaulichungen von abstrakten Begriffen.


4. Bisher haben nur die bildenden Künste praktisch solche multimedialen Beziehungen bearbeitet. Je raffinierter Ikonografie und Emblematik, Wort und Bild, Begriff und Anschauung zu vermitteln wußten, desto leistungsfähiger wurde die Kommunikation der Künstler mit dem Publikum.

5. Die bisherige multimediale Kommunikation blieb relativ folgenlos, weil es den Beteiligten an ästhetischer Erfahrung fehlt. Die ästhetische Dimension jeglicher Kommunikation definieren wir als das Verhältnis von Worten und Bildern zu Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen. Da es außerhalb mathematischer Eineindeutigkeit und Tautologien (Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.) keine hundertprozentige Übereinstimmung zwischen Worten und Bildern einerseits und Gedanken und Vorstellungen andererseits gibt, muß gerade multimediale Kommunikation ästhetisch aufgeladen werden. Das war bisher eine Spezialität von Designern und Künstlern. Der direkte Anschluß von ästhetischen Laien an die multimediale Kommunikation schränkt die Wirkung von Worten und Bildern ein. Multimedial vermittelte Kommunikation bleibt hinter der normalen face to face-Kommunikation weit zurück, deshalb halten es kommunikationstechnologisch hoch gerüstete Entscheider immer noch für notwendig, ihren Partnern persönlich gegenüber zu treten (eine unhaltbare Kostenbelastung).

6. Wie kann ästhetische Aufladung multimedialer Kommunikation erreicht werden? Müssen die Beteiligten selber zu Designern und Künstlern werden? Wenn man die Ästhetisierung den Software-Designern überläßt, werden die Benutzer dieser Software ununterscheidbar, d.h. kommunikationsunfähig. Zwar benutzen sie je unterschiedliche Informationen, aber ihre Mitteilungen werden sehr ähnlich und damit ununterscheidbar.

7. Gegen diesen Verlust an Kommunikation gerade durch die Verwendung von Kommunikationstechnologien ohne ästhetische Kompetenz bilden sich gegenwärtig zwei Reaktionen aus: zum einen wird der soziale Zusammenhalt der Kommunikationspartner bis hin zur mafia- oder ghettoähnlichen Exklusivität verengt - damit wird aber Kommunikation zur kriegsanalogen Beziehung auf alle anderen, die nicht zu meinem Ghetto, zu meiner Firma, zu meinem Interessenverband, zu meinem Markt gehören. Die Verwendung von Kommunikationstechnologien führt somit zu Desinformation, zur absichtsvollen Täuschung oder zum Aufbau unerfüllbarer Erwartungen; gegenwärtig ist Multimedialität mit solchen unerfüllbaren Erwartungen belastet. Die neuen Produkte finden nur kurzfristig Interesse, bis sich die Enttäuschung darüber einstellt, daß die Technologieprodukte uns eben doch nicht die Kommunikation abnehmen. Zum anderen steigt mit der Möglichkeit direkter Teilnahme an medial vermittelter Kommunikation die Ablehnung der Kommunikationstechnologie, weil man es zum Beispiel als Einschränkung der Lebensqualität empfindet, für jede Nutzung der Technologie dicke und komplizierte Handbücher studieren zu müssen und damit Kommunikation auf einen Checklistendurchgang zu reduzieren.

8. Einen Ausweg aus dieser Problematik sehe ich nicht in der allgemeinen Steigerung der ästhetischen Wort- und Bildalphabetisierung aller in einem Netz Kommunizierenden, sondern vielmehr darin, daß die Vorstufe ihre Leistungen für die Kommunizierenden entscheidend erhöht. Die Vorstufe wird zu einem neuen Mittelpunkt der Verarbeitung von Informationen und Mitteilungen vom "was" und "wie" der Kommunikation. Nach bisheriger Erfahrung auch und gerade der Künstler und Designer muß die Vorstufe zwar den Printanteil nicht quantitativ erhöhen, aber qualitativ intensivieren. In den Künsten wurde seit der Einführung moderner Technologien ins Künstlerrepertoir die Erfahrung gemacht, daß ein Tafelbild (Gemälde sozusagen als Printebene des Kunstwerkes) in kommunikativer Hinsicht der Wirkung von Multivisionen, Performances, Videofeedbacks, interaktiven Kinetik- und Lichtinstallationen überlegen bleibt - :
Je mehr die Bilder laufen, der Programmwechsel jederzeit möglich ist, desto mehr fasziniert die statische Malerei (ästhetisches Niveau vorausgesetzt). Die multimediale Kommunikation erübrigt nicht die Printmedien, sondern führt in neuer Weise auf sie hin (auch hier ein entsprechendes ästhetisches Niveau vorausgesetzt).

9. Es wird immer deutlicher, daß die neuen Kommunikationstechnologien die angeblich banale face to face-Kommunikation nicht ersetzen können, sondern generalisieren. Sie ahmen sie nach oder simulieren sie mit dem Vorteil, daß face to face-Kommunikation nicht mehr an physische Präsenz gebunden bleibt, aber die Kommunikation bleibt an das physische Individuum gebunden. Die Verwendung von multimedialen, interaktiven Kommunikationssystemen führt uns immer deutlicher vor Augen, daß nicht die Systeme kommunizieren, sondern die Individuen. Noch so hoch entwickelte Parallelrechner sind zu kommunikativen Leistungen natürlich ausgestatteter Individuen nicht fähig. Es ist eine Frage des sozial-politischen Kalküls, ob die investitionsintensive Entwicklung der


Technologien bei weiterem Ansteigen der Anzahl der Individuen den Aufand lohnt, oder ob nicht vielmehr die Verringerung des medialen Aufwands die kommunikativen Effekte erhöht. All unsere Technologien waren so lange sinnvoll, wie Leben und Leistung der Individuen kostbar und teuer waren. Bei der absehbaren Vermehrung der Individuen und d.h. bei extremer Verbilligung ihrer Leistungen können die Technologien ihre Entwicklungskosten immer weniger einspielen, damit werden sie kontraproduktiv und zerstörerisch wie Waffen. Man kann natürlich der Auffassung sein wie Prof. Luhmann, daß nur die kommunikativen Systeme selbst kommunizieren, nicht jedoch die Individuen, und das läßt sich auch gut begründen. Dann aber ist es auch unmöglich, Kommunikation instrumentell zu betreiben, also mit bestimmter Absicht in die Kommunikation einzuwirken. In dem Falle wäre es auch unsinnig, sich überhaupt irgendwelche Gedanken über die Entwicklung und Steuerung der Informationsgesellschaft zu machen. Damit werden aber alle Kriterien der Lebensqualität hinfällig. Das entlastet zwar Denken und Handeln, Bewußtsein und Kommunikation, aber nur indem man Bewußtsein und Kommunikation aufgibt.